„Es war im Sommer ’89. Der 12. August.“, lautet eine Textzeile des Songs „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“. Die Band Kettcar erzählt mit dem Song die Geschichte eines Mannes, der nach Ungarn fährt, Löcher in den Grenzzaun schneidet und Menschen aus der DDR bei ihrer Flucht in den Westen hilft.
Doch „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ ist nicht nur ein Rückblick auf das Jahr 1989. Kettcar schrieben den Song 2017 vor dem Hintergrund der europäischen Flüchtlingsdebatte und stellten damit eine Frage in den Raum, die bis heute unbeantwortet geblieben ist: Was ist aus jener Bereitschaft geworden, einem Menschen auf der Flucht die Hand zu reichen? In diesem Lied schwingt die Sehnsucht mit, Geschichte und Erfahrung mögen uns alle in die Lage versetzen, menschlich miteinander zu leben.
Der Wunsch ist fromm, angesichts der neuesten Ereignisse haltlos und für den ein oder anderen vielleicht sogar naiv. Nichts scheint mehr im Lot zu sein. Der Westen erstrahlt mehr denn je als Goldstandard, während sich zugleich eine gesellschaftliche Verrohung breitmacht, die in der Menschheitsgeschichte immer wieder ein verhängnisvoller Vorbote war.„Quo vadis?“, möchte man fragen … Und: „Auf wieviel schwachen Schultern möchten wir unseren Wohlstand und dessen Untergang noch verteilen?“
Während wir die schöne Europa besudeln mit dem Leid und dem Blut unserer auf sämtlichen Ebenen geführten Kriege, während wir ihren Willen in die Knie zwingen, sitzen wir zugleich im Boot als Charon, der in die Unterwelt verschifft, was uns als Makel, als Schuld, als Verantwortung in die Quere kommen könnte.
Am Rand des Mittelmeeres und an den Grenzen hin zum Osten, am Ufer des heutigen Styx, stehen all unsere Tabubrüche, all unsere gebrochenen Ideale, all das, was ein gutes Herz ausmacht. Dort empfangen wir, im Land, wo Milch und Honig fließt, jene, die mit fiebrigen Augen in die Sonne des Westens blicken.
Und sie finden sich wieder im Krieg des Nicht-Hörens, des Nicht-Sehens, des Nicht-Sprechens; ein Krieg, dessen stärkste Waffe die Verweigerung ist. Wir nehmen uns jene als Gegner, die uns nichts entgegenzusetzen haben, als ihre Hoffnung, ihre Wünsche, ihre zerbrochenen Leben, ihre Flucht vor Armut, Krieg und Hunger.

Es ist erstaunlich, wie chancenlos Herkunft sein kann!
Was ich spüre, was ich träume, was mir als denkender und fühlender Mensch in die Wiege gelegt wurde, ich kann es nicht über Bord werfen. Ich bin aufgrund meiner Herkunft Erbin eines doppelten Auftrages. Zumal ich als Frau, aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen zur Charge „beschädigte Ware“ gehöre. So fühle ich mich all jenen Frauen tief verbunden und verpflichtet, die aus ihrem eigenen Vorhof zur Hölle kommend, unsere europäische Welt betreten haben und endgültig in DER Hölle gelandet sind.
Mein Herz sieht sie vor sich. Sie haben weniger Chancen als ich, weil sie noch weniger wert sind als ich. Es ist tatsächlich nur der Pass, der uns unterscheidet …Wenn sich der höhere Wert eines Menschen daran bemisst, dass er auf der Sonnenseite des Lebens geboren wurde, ist alles Gute hinfällig. Die Nabelschnur der Herkunft bleibt ein Leben lang bestehen, ebenso wie der Makel des nicht patriarchalisch herrschenden Geschlechts. Dies entscheidet in jeder Hinsicht über den Wert und die Möglichkeiten eines Menschen. Das was dazu geschrieben, gefühlt, gedacht und gesagt wird, darf nicht länger einer Redundanz unterworfen sein. Es muss möglich sein, einen Vorwurf ohne Vermessung nach Herkunft und Geschlecht zu erheben, weil weder Herkunft noch Geschlecht über dessen Berechtigung entscheiden.
Vorwurf!
Ich
Ein Kind Europas
Generation „Gnade der späten Geburt“
Erkläre uns
Zur Résistance wider das Vergessen
Weil wir vergaßen
Was wir nicht vergessen sollten
Wir
Kinder Europas
Einst Glücksritter der Sorglosigkeit
Wieviel Vergangenheit
Ließen wir verstreichen mit
Verspürten Gelegenheiten
Entfühlter Menschlichkeit
Mit unerhört ungehörten stummen Sehnsuchtsliedern?
Fremd waren und sollen gefälligst bleiben
Die aus der Mitte dieser Welt
Ins Nichts Gestoßenen
Mit ihrer zerschlagenen Lebensfülle
Ihren angstgeronnenen Herzen
In Nichtexistenz abtauchen
Auf den
Geistig verkümmerten Trümmern Europas
Auf dem Boden
Allerheiligster österreichischer Neutralität
Nährt ein „Wir haben genug getan!“
Im selbstapplaudierenden Stechschritt
Den Verrat
An Kinder- und Menschenrechten
Der nichts Anderes als
Kristallklirrende Sehnsuchtshinrichtung ist
Wir
Kinder Europas
Kinder der Erklärung
Der Menschenrechte
Werden nicht müde
Wieder und wieder
euch zu erinnern
Wofür
Das in unerträglichen Unsagbarkeiten getränkte Schmerzensband steht
Das euch und uns mit jenen verbindet
An denen ihr euch tätig oder untätig vergeht
Ich
Ein Kind Europas
Mutter zweier Kinder
Einer neuen Generation
Überlasse euch weder den einen
Noch den anderen Sohn
Ich werde sie lehren sich mehr Menschsein
Tiefer denn je zu bewahren
Ich werde nicht müde, die
Erfrorene Sehnsuchtsmelodie
Der würdevollen Menschlichkeit
Der Freiheit des Verstandes
Der unbedingten Treue zum eigenen Herzen
Als Imperativ jedes menschlichen Handelns
Mit schillernden TAUTROPFEN in den Himmel zu schreiben
Auf dass ein Götterfunke sich Europas erbarmt
Um dort zu entflammen und endlich zu bleiben


von