Vielen Dank für die Bereitschaft zu diesem Gespräch mit der DZ Inzing!
Du bist ja international für deine herausragenden Leistungen in Bezug auf ein Spezialgebiet der Physik (Quantenforschung) bekannt und oft dafür ausgezeichnet worden. Darüber haben wir in der Printausgabe der DZ schon mehrmals berichtet (2-2008, 4-2014, 3-2015, 3-2016).
Mich interessiert heute vielmehr der Mensch hinter der großen Wissenschaftspersönlichkeit und wie er mit seinem individuellen Background (geb. in Idar-Oberstein im BL Rheinland-Pfalz / beeindruckende Forscherkarriere / offensichtlich an Integration in unserer kleinen Gemeinde in Tirol bemüht) und seine Familie es geschafft haben, sich im ländlichen Raum in Tirol zu etablieren.
RB=Rainer Blatt / LS=Luis Strasser
LS: Meine erste Frage nun dazu: Wie ist es gekommen, dass du mit deiner Familie nach Tirol übersiedelt bist und ihr ausgerechnet in Inzing eure privaten Zelte aufgeschlagen habt?
RB: Das ist eine längere Geschichte. Bevor wir nach Innsbruck gekommen sind, war ich Professor an der Universität Göttingen, und davor in Hamburg. Gewohnt haben wir aber zehn Jahre lang in Hamburg. Ich bin in dieser Zeit zwischen Hamburg und Göttingen gependelt.
Dann stand ich vor zwei Möglichkeiten: Entweder dem Ruf an die Universität Jena in Thüringen zu folgen oder dem nach Innsbruck. Aus verschiedenen Gründen haben wir uns schließlich für Innsbruck entschieden.
Ab September 1995 haben wir zunächst ein Jahr lang in einer BUWOG-Wohnung in Innsbruck gelebt. In dieser Zeit haben wir uns umgeschaut, wo man hier gut wohnen könnte. In Hamburg hatten wir ein wunderbares Einfamilienhaus auf einem Grundstück mit 800 Quadratmetern, und wir wollten in Tirol etwas Eigenes kaufen. Aber das war völlig aussichtslos – die Preise lagen bei etwa sieben Millionen Schilling. Da habe ich gesagt: Es tut mir leid, aber dafür habe ich den falschen Doktortitel.
Also haben wir uns weiter umgehört und geschaut, wo neue Wohnanlagen entstehen. Reihenhäuser hätten uns besonders interessiert, aber dort war leider schon alles vergeben.
Schließlich haben wir von dem Grundstück für diese Reihenhausanlage hier in Inzing gehört. Wir waren die ersten Bewerber und konnten uns daher den Platz für das Haus aussuchen. Das heißt, wir haben uns den ausgesucht, wo wir auch im Winter noch die meiste Sonne hatten.
Also es war eigentlich zufällig und ein Kompromiss, weswegen wir hier gelandet sind: Günstige Verkehrslage und insgesamt eine gute örtliche Infrastruktur.
LS: Wie ist es dir anfangs in Bezug auf das Hörverständnis des stark ausgeprägten Tiroler Dialekts ergangen?
RB: Das war eigentlich kein Problem. In Rheinland-Pfalz sprechen wir untereinander ja auch einen ziemlich starken Dialekt. Die Gegend, aus der ich komme, liegt am Rand des Hunsrücks. Die Landschaft dort ist stark eingeschnitten, mit vielen Tälern und Hügeln. Die Berge sind natürlich nicht so hoch wie hier in Tirol, eher bis zu 800 bis 900 Meter. Meine Frau Elke zum Beispiel hat „am Berg“ gewohnt, wie wir das genannt haben.
Natürlich gab und gibt es einige Wörter, die wir hier erst lernen mussten – zum Beispiel „Hoangat“, „hoangaten“, „äppes“ und vieles mehr. Aber das war und ist für uns überhaupt kein Problem. Hochdeutsch war für mich ohnehin die erste Fremdsprache, die ich lernen musste.
LS: Integration von zugewanderten Menschen ist seit langer Zeit nun ein ständiges Thema in Medien und Politik. Wie waren diesbezüglich deine Erfahrungen bzw. was hast du/habt ihr unternommen, um euch in der dörflichen Gesellschaft von Inzing zu integrieren?
RB: Ganz allgemein ist es doch so: Niemand wartet darauf, dass jemand von außen kommt – das ist völlig klar. In den ersten 20 Jahren unserer Ehe sind wir achtmal umgezogen. Angefangen hat es in Idar-Oberstein, dann sind wir nach Mainz gegangen, wo ich studiert habe und wo wir zuerst gewohnt haben. Danach waren wir in den USA, in Boulder, Colorado, in der Nähe von Denver. Anschließend sind wir zurück nach Berlin, dann nach Hamburg, später nach Göttingen und so weiter.
Das heißt, egal wo man hinkommt, man muss sich immer ein Stück weit selbst einbringen. Das war immer meine Einstellung, und so haben wir das auch gelebt. Wir hatten zum Beispiel in Amerika überhaupt keine Probleme, mehr Schwierigkeiten hatten wir eigentlich in Hamburg und in Berlin als anderswo. Insgesamt gesehen hatten wir mit Integration aber nie ernsthafte Probleme.
In Hamburg habe ich bereits in einer Brassband gespielt. Als wir dann nach Tirol gekommen sind, bin ich zu Hannes Buchegger nach Hall gegangen – er gilt ja als DER Brassband-Pionier in Österreich – und habe dort in der Brassband mitgespielt.
Wenn man sich irgendwo engagiert, zum Beispiel in der Musik, dann gibt es auch in Tirol keinerlei Schwierigkeiten. Das sehe ich heute bei meinen Studenten und Mitarbeitern genauso. Ich kann ihnen nur empfehlen, sich einzubringen – das erleichtert vieles.
Im November 1996 sind wir nach Inzing gezogen. In der ersten Dezemberwoche fand der Bazar der Pfarrgemeinde statt. Dort hat mich mein Nachbar, Hubert Jäger, dem Peter Scharmer vorgestellt. So bin ich gewissermaßen hineingerutscht und schließlich bei der Musikkapelle Inzing gelandet. Bereits Mitte Dezember hatte ich meinen ersten Auftritt mit der Musikkapelle. Parallel dazu war ich bis 2002 weiterhin bei der Haller Brassband aktiv.

Ich habe dann am Grillhof zwei Kapellmeisterkurse gemacht und später noch einen dritten an der Musikschule Wipptal. Als Peter Scharmer schließlich aufgehört hat, hat Florian Pranger die Musikkapelle übernommen. In diesem Zusammenhang wurde ich dann zu seinem Stellvertreter gewählt.
LS: Zwischenfrage: War es nie ein Problem für eingesessene Mitglieder der MK, dass ein „Zuagroaster“ eine so wichtige Funktion innehatte?
RB: Natürlich gab es auch kritische Stimmen, aber für mich war das nie ein wirkliches Problem. Manche Dinge waren allerdings schon etwas ungewöhnlich. Zum Beispiel, als ich bei der Brassband Obmann geworden bin, gab es schon einzelne, die meinten: „Brauchen wir hier wirklich einen Nicht-Tiroler, brauchen wir einen ‚Deitschen‘?“
Oder bei der Musikkapelle Inzing: Ich war damals etwa eineinhalb Jahre dabei, als die Frage aufkam, ob wir auch Mädchen aufnehmen sollten. Für mich war das völlig selbstverständlich, weil ich jahrzehntelang mit Jugendorchestern gearbeitet hatte, in denen immer Buben und Mädchen gemeinsam musiziert haben. Hier in Inzing gab es darüber aber eine richtige Diskussion. Schließlich wurde abgestimmt, und eine klare Mehrheit war dafür, auch Mädchen und Frauen aufzunehmen. In der Folge sind dann einige Musikanten aus der Kapelle ausgetreten. Aber was solche Dinge betrifft, habe ich ein ziemlich dickes Fell.
LS: Nun zurück zur Ausgangsfrage, eure Integrationsbemühungen in Inzing betreffend:
RB:Später sind dann auch noch andere Engagements dazugekommen. Meine Frau Elke war zum Beispiel zehn Jahre lang im Sozialsprengel tätig. Erna Fink hat sie dann motiviert, im Frauenclub mitzuarbeiten. Erna hat im Kirchenchor gesungen, und so ist auch meine Frau schließlich dort eingestiegen. Wenn Elke am Sonntag im Chor gesungen hat, bin ich oft mit ihr auf die Empore gegangen. So habe ich zunächst beim Kirchenchor ab und zu ausgeholfen und bin nun seit ca. 2015 ebenfalls dort Mitglied, was mir viel Spaß macht – nicht zuletzt, weil Volker Coreth ein ausgezeichneter Chorleiter ist.

LS: Fühlst du dich nach nun jahrzehntelangem Wohnen in Inzing hier heimisch oder ist dies ein Prozess, der praktisch nie abgeschlossen werden kann.
RB: Für mich ist Heimat ganz klar dort, wo meine Familie ist – dort liegt mein Lebensmittelpunkt. Ich bin inzwischen ein Wahltiroler und muss wirklich sagen: Ich fühle mich hier ausgesprochen wohl und längst heimisch.
Aber grundsätzlich fühlte ich mich eigentlich überall wohl. Auch in Amerika haben wir uns sehr wohl gefühlt, und in Hamburg ebenfalls. Dort hat es allerdings etwas länger gedauert, bis wir richtig integriert waren – etwa fünf Jahre. Das hat viel mit der Mentalität zu tun. Ich komme ja aus dem Rheinland. Dort ist es ganz normal: Wenn du in eine Weinkneipe gehst und da sitzen schon zwei Leute, dann setzt du dich einfach dazu, kommst ins Gespräch und hast einen netten „Hoangat“ und eine gute Zeit zusammen. In Hamburg ist das eher anders. Wenn du dort in ein Lokal kommst und zwei Leute sitzen schon da, setzt du dich eher in die entgegengesetzte Ecke. Das ist einfach typisch dort. Deshalb hat es auch vier bis fünf Jahre gedauert, bis wir einen Freundeskreis hatten. Mit einigen von ihnen sind wir heute noch in Kontakt.
LS: Gibt es Wünsche/Anregungen/etc., die du an die Inzinger Bevölkerung/Gemeindeverwaltung adressieren möchtest?
RB: Was Inzing besonders auszeichnet, ist der starke Zusammenhalt in der Bevölkerung. Wenn die Musikkapelle etwas organisiert und etwa die Schützen oder die Feuerwehr mit dabei sind, dann gibt es kein Konkurrenzdenken. Im Gegenteil – man unterstützt sich gegenseitig. Das finde ich wirklich beeindruckend. Das ist ein Wert an sich. Und wenn man bedenkt, wie viele Vereine es hier gibt – über vierzig [In der Homepage der Gemeinde Inzing sind sogar über 60 Vereine eingetragen. LS] –, dann zeigt das, wie lebendig das Gemeindeleben ist.
Was mich gleich zu Beginn, als wir nach Inzing gezogen sind, besonders berührt hat, war der Umgang mit dem „Rudl“ und, viel später, auch seine Beerdigung. Da habe ich mir gedacht: „Das ist eine lebenswerte Gemeinde!“
LS: Du bist zwar inzwischen in Pension, aber immer noch an der Universität Innsbruck aktiv. Welche Pläne hast du für die Zeit danach? Möchtet ihr in Inzing bleiben oder doch wieder nach Deutschland zurückkehren?
RB: Wo sollen wir denn hin? Ich wüsste nicht warum. Hier ist jetzt unser Mittelpunkt. Ich bin länger hier, als ich jemals an einem anderen Platz in der Welt war, das passt gut. Unsere Buben sind im Wesentlichen hier groß geworden. Die Großen – die waren ja dann schon im Gymnasium -, die sind jetzt in Bayern, was ja auch nicht so weit weg ist, und der Jüngste hat eine Wohnung in Inzing.
LS: Vielen Dank für das Interview!
Kurzporträt von Rainer Blatt
Biographische Daten
– Geb. 1952 und aufgewachsen in Idar-Oberstein, Rheinland-Pfalz, Deutschland
– Volksschule und Göttenbach-Gymnasium in Idar-Oberstein, Abitur (Matura) 1971
– Militärdienst bis 1973
– Studium der Physik und Mathematik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Promotion in Physik 1981.
– Postdoktorand bei John Hall (Nobelpreis 2005) in Boulder, Colorado, USA
– 1984 Forschungsassistent an der Universität Hamburg, Habilitation 1988
– 1994: Professor für Physik an der Universität Göttingen
– 1995: Berufung als Ordinarius an das Institut für Experimentalphysik der Universität Innsbruck
– 2003 Forschungsdirektor am neu gegründeten Institut für Quantenoptik und Quanteninformation der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
– Seit 1977 verheiratet mit Elke, 3 Kinder
Forschung und Lehre
– Quantenphysik mit einzelnen gespeicherten Ionen für Quantencomputer, Quantensimulationen und Quantenmessungen.
– Mit-Gründer der Firma Alpine Quantum Technologies GmbH (AQT) in Innsbruck (Herstellung von kommerziellen Quantencomputern)
– 2021-2023 wissenschaftlicher Leiter und Koordinator des Forschungsverbundes Munich Quantum Valley in München, Deutschland.
Auswahl der zahlreichen Preise und Auszeichnungen
2006 Schrödingerpreis der ÖAW, 2012 Stern-Gerlach-Medaille (DPG), 2013 Ehrenzeichen des Landes Tirol, 2014 Tiroler Landespreis für Wissenschaft, 2015 John-Stewart-Bell Preis (CQIQC Toronto), 2016 Quantum Communication Award (Universität Singapur), 2018 Micius Quantum Prize (Hefei, China), 2022 Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse
Sozialintegratives Engagement in seiner neuen Heimat Tirol
– 1995-2002 Mitglied (und ab 1998 Obmann) der Brassband Fröschl Hall
– Seit 1996 Mitglied der MK Inzing (von 2001-2022 stv. Kapellmeister)
– Seit 2015 Mitglied des Kirchenchores

Alle Fotos: Rainer Blatt – privat

von


Danke, lieber Luis, für dieses schöne Porträt. Rainers Erfahrungen kommen mir bekannt vor, ich bin in meiner Ehe auch sehr oft umgezogen und ursprünglich nur wegen der extremen Immobilienpreise in Innsbruck in Inzing gelandet. Aber Inzing hält durch sein aktives Vereinswesen für fast alle Interessen von Zugezogenen einen Anknüpfungspunkt bereit (für mich gleich mehrere, wie es Rainer ja auch ergangen ist) und das trägt ganz stark zu dem Gefühl bei, angekommen zu sein.