Die Frage im Titel kann gerne gestellt werden, wenn ich nicht über Amsterdam, sondern von der rd. 25 km östlich gelegenen Stadt Almere berichte. Wer hat schon von dieser Stadt gehört, in der im Jahr 1975 die ersten Wohnhäuser zur Entlastung des Wohnungsmarktes in Amsterdam erbaut wurden? Und das nicht auf „altem“ Land, sondern auf dem Boden des trockengelegten ehemaligen Zuiderzees. Nach fünf Jahren begrüßte Almere bereits den zehntausendsten Bewohner oder die zehntausendste Bewohnerin. So genau wird nicht darüber berichtet. Mit Stand 1. Jänner 2026 sind es bereits 232.650 Einwohner, womit Almere zur achtgrößten Gemeinde der Niederlande aufgerückt ist.
Mit diesen Stichworten ist die vorangestellte Frage insofern beantwortet, dass ich mit meiner Frau für ein verlängertes Wochenende, klimaschonend mit dem Nachtzug der ÖBB, von Innsbruck nach Almere aufbrach – natürlich über Amsterdam. Ein Fernsehbericht hatte mein Interesse für diese junge und schnell wachsende Stadt geweckt.

Das Erste, was an Almere auffällt? Schon erraten, es ist alles neu! Oder zumindest so gut wie neu. Und zweitens: Obwohl mitten in der Stadt, empfindet man kein Gefühl der Enge. Die Straßen der Fußgängerzone sind breit und die Plätze großzügig bemessen. Beim Blick in die Höhe erschlagen den Betrachter nicht gleichförmige Hochhäuser, sondern in Form, Material und Höhe strukturierte Fassaden. Wenn man dann in der Touristeninformation durch die Begeisterung der angesprochenen Mitarbeiterin von der Architektur im Stadtzentrum angesteckt wird, hat man auch schon ein konkretes Besichtigungsziel. Für die bessere Planung verkaufte sie uns noch gleich einen kleinen Stadtführer mit Route und Erklärungen zum „Architektur-Rundgang“ – Geschäft ist eben Geschäft. Ohne Stadtplaner oder Architekt zu sein, sogleich war uns klar, dass wir hier vor architektonischen Glanzleistungen standen.

Das Gestaltungskonzept des rd. 900 x 900 m messenden Stadtzentrums, der Masterplan, ging aus einem Architekturwettbewerb hervor. Das neue Zentrum sollte Wohnungen und Büros, Geschäfte, kulturelle Veranstaltungsorte und Sporteinrichtungen enthalten. Den Bewerb konnte das niederländische Architekturbüro OMA unter dem mehrfach ausgezeichneten Rem Koolhaas für sich entscheiden. Wer hätte etwas anderes gedacht? Das Konzept war aber tatsächlich genial. Es gab sich nicht mit der ebenen Fläche zufrieden, sondern das Gelände für das Stadtzentrum wurde künstlich erhöht, womit zum südlich angrenzenden Weerwater-See ein leichtes Gefälle entstand. Allein dieser Geniestreich lässt die Stadt offen und weit wirken. Aufbauend auf dieses Grundkonzept, konnten sich anschließend international renommierte Architektinnen und Architekten austoben. Die entstandenen Bauten und Plätze sind mit fantasievollen Namen versehen.
So betritt man über die schrägverlaufende, gewölbte Oberfläche das Herz des Stadtzentrums, „De Citadel“, bei der sich der Architekt De Porzamarc von der Vorstellung einer mittelalterlichen Zitadelle inspirieren ließ. Der vorstehende Rand aus Beton hat ein unregelmäßiges horizontales Relief, ein Verweis auf die geologischen Schichten der Erde.

Durch eine kreisrunde Öffnung der mit Glas überdachten Fußgängerzone erhält man einen spannenden Durchblick zum „Smaragd“. Das von weitem sichtbare Gebäude sticht mit seinen kräftigen Farben orange – grün und der auskragenden Fassade aus der Skyline von Almere hervor. Es zieht alle Aufmerksamkeit auf sich.

Der leicht zum Weerwater-See abfallende Weg quert das „Forum“ den zentralen Stadtplatz und führt am „Lakeside“ vorbei, einem Wohnblock mit trapezförmigem Sockel. In die grauen Paneele sind Muster eingestanzt, die wie Häkelgardinen aussehen.

Der Blick aus unserem Zimmerfenster des Leonardo Hotels schweift über die großzügig angelegte „Esplanade“ hin zum angrenzenden Weerwater-See. Das Hotel steht auf Stelzen und die darunter um 90-Grad abgewinkelte „angeschnittene Kartoffel“ birgt ein trendiges Lokal mit gutem Essen und Trinken. Hier ist zu erwähnen, dass ich in einer anderen Gaststätte eine traditionelle holländische Spezialität probierte. Der früher einmal auf Island getestete fermentierte Gammelhai hatte die Geschmacksnerven kein bisschen mehr belastet.


Beim Blick vom Weerwater-See zur Stadt dominieren die beiden Wohntürme „Side by Side“, zwei 70 m hohe Riesen mit jeweils 144 Wohnungen und die „Silverline“ mit 58 Wohnungen das Sichtfeld direkt am See. Gleich daneben, wesentlich bescheidener in der Höhe, zeigt „The Wave“ ihre geschwungene Hausfassade.


Im Herzen des Urban Entertainment Centers befindet sich ein öffentlicher Platz – der „Schipperplein“. In der Mitte liegt eine Grünanlage mit einem kurvigen Becken, das in den Sommermonaten als Planschbecken fungiert und im Winter als Eislaufbahn. Das ursprünglich als Konzertsaal für Popmusik konzipierte runde Gebäude mit der oben aufsitzenden Sonne, dient in der Zwischenzeit als Casino. Der Betrieb als Popbühne, so heißt es lapidar, war wirtschaftlich nicht tragfähig.

Wieder abseits vom Weerwater-See im Zentrum dominiert die großzügig dimensionierte „Nieuwe Bibliotheek (Neue Bibliothek)“ den Platz. In der Bibliothek werden Ausstellungen und Workshops organisiert, Vorstellungen und Filme gibt es im Theater und Kinosaal und im Media-Cafè trinkt man zum Blättern in einem Buch oder einer Zeitschrift einen Espresso.


Nach Norden wird das Stadtzentrum durch den Bahnhof begrenzt. So schließt der Rundgang durch Almeres moderne Architektur. Bei der Rückreise legten wir einen kurzen Stopp in Amsterdam ein. Ganz wollten wir uns die Stadt der Grachten und Museen doch nicht entgehen lassen.

Alle Fotos: Johann Jenewein

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