Wir starten heute eine siebenteilige Serie über die Kunst der Fotografie. Ernst Pisch vom DZ-Autorenteam – allgemein bekannt für seine interessante Rätsel-Serie „Inzing ganz nah“ – hat die Idee geboren, Anfänger und Interessierte zum bewussten Fotografieren zu ermuntern. Ernst ist auch Mitglied im Inzinger Fotoclub und beweist mit seinen Bildbeiträgen – u.a. eben in der DZ -, welch exzellenter Experte er auf diesem Gebiet ist. Wir wünschen den LeserInnen viel Spaß mit dieser Serie und sind sicher, dass Interessierte davon enorm profitieren können.
DZ-Redaktion
Gestaltungsmittel der Fotografie

Die Digitalisierung hat das Fotografieren sehr einfach gemacht. Fast jede Person trägt heute ständig eine Kamera in Form eines Smartphones bei sich. Leider hat das auch dazu geführt, dass die Wertschätzung für gute Fotografenarbeit zum Teil verloren ging.
Mittlerweile mache ich aber die erfreuliche Erfahrung, dass die jüngere Generation ihr Interesse vermehrt auch wieder Dingen abseits der digitalen Welt zuwendet. Handwerk und künstlerische Betätigung scheint wieder eine zart aufkeimende Renaissance zu erleben. Auch wenn das Handy meist DIE Kamera ist, so stelle ich immer wieder erfreut fest, dass man sich nicht mehr mit dem bloßen Knipsen abfinden möchte, sondern höhere Anforderungen an sich selbst stellt. Man möchte das „ganz besondere Bild“ mit nach Hause nehmen und unter Freunden und Bekannten teilen können. Und damit steigt auch wieder die Wertschätzung, weil man dabei bald feststellt, dass es gar nicht so einfach ist, ein Bild zu schaffen, welches sich von der breiten Masse positiv abhebt.
Es genügt nämlich nicht, eine spektakuläre Situation einfach nur abzulichten oder eine traumhaft schöne Landschaft mal mit flinkem Fingertipper aufs Display einzufangen. Viele dieser Fotos „leben“ ausschließlich von der persönlichen Erinnerung, welche man von diesem Moment in sich trägt. Ein gutes Foto ist aber in der Lage, Emotionen, welche man selbst empfunden hat, auf den Betrachter zu übertragen.
Es ist schwierig geworden, solche Bilder zu erzeugen, weil wir täglich von hunderten oder gar tausenden Bildern geradezu bombardiert werden. Um in der Masse der Social Media aufzufallen, greifen manche Personen deshalb zu drastischen und oft auch fraglichen Mitteln. Situationen müssen immer spektakulärer und gefährlicher werden, um Aufmerksamkeit zu erregen. Die Bearbeitung von Fotos und Videos wird immer „greller“ in der Hoffnung, für mehr als nur einen kurzen Augenblick zu fesseln. Die Folge ist aber, dass man total überreizt wird und sich bald ein Sättigungsgefühl einstellt. Man hat keine Lust mehr, sich das alles anzusehen und sehnt sich nur noch nach Ruhe und Entspannung.
Die großen Meister der Malerei verstanden es hervorragend, sich auf das Wesentliche zu beschränken und Bilder zu schaffen, welche auch nach minutenlanger Betrachtung noch nicht langweilen. Und auch die Fotografie bietet die Möglichkeit, solch meisterhaftes Können zu erlernen.
Basis dafür ist das Wissen, welche Mittel in der Fotografie zur Verfügung stehen, um ein Bild „komponieren“ zu können. Nicht makelloses „Dokumentieren“ eines Objektes oder einer Situation, sondern das bildnerische Vermitteln einer Emotion entscheidet darüber, ob man einem Foto mehr oder weniger Aufmerksamkeit schenkt. Technische Perfektion rettet kein Bild. Es kann aber umgekehrt passieren, dass technische Mängel ein an sich hervorragend komponiertes Bild abwerten, weil diese den Betrachter ablenken.
Bevor ich auf Gestaltungsmittel wie Brennweite, Blende, Belichtungszeit etc. in den folgenden Teilen dieser Serie eingehe, möchte ich in diesem, ersten Teil der Serie noch auf allgemeine Erfahrungswerte und „Weisheiten“ eingehen.
Gleich vorab: Es gibt keine allgemeingültige Vorgangsweise mit Erfolgsgarantie. Zu vielfältig können Situationen sein – wie eben das Leben so ist. Manchmal wird man von einem Ereignis überrascht, welches man unbedingt festhalten möchte – da bleibt keine Zeit, lange nachzudenken. Dabei entsteht dann oft eines dieser „besser ein schlechtes als gar kein“-Bild. Um Gestaltungsmittel gezielt einsetzen zu können, benötigt man Zeit. Mit viel Übung und Routine lässt sich diese Zeit verkürzen – das ist ein Prozess, der Bereitschaft zum Lernen und Experimentieren, sowie Geduld erfordert. Die dabei erworbene praktische Erfahrung zusammen mit Einfühlsamkeit bringt dann mit der Zeit immer häufiger Bilder hervor, welche beachtet, bestaunt und gelobt werden.
Ich denke, die wichtigste Komponente bei der Bildgestaltung ist, dass man selbst erkennt, was in einer Szene besondere Aufmerksamkeit erregt. Welches Detail löst Emotionen aus? Wie gelingt es mir, dieses emotionale Detail besonders hervorzuheben und Elemente auszublenden, welche davon ablenken? Durch eine bestimmte Aufnahmeposition? Konturen und Strukturen sind meist stark abhängig vom einfallenden Licht und dessen Winkel. Licht von der Seite ist meist günstiger als frontales Licht. Zu grelles Licht, wie z.B. in der Mittagssonne, kann zu übermäßig starken Kontrasten führen. Wäre ein anderer Zeitpunkt bzw. anderes Wetter günstiger? Vielleicht kann ich das „Objekt der Begierde“ umrunden und nach einem besseren Standort suchen? Wirkt ein größerer Abstand zum Objekt besser oder ist besondere Nähe ausdrucksvoller? Handelt es sich um ein bewegtes Objekt? Kann das Einfrieren der Bewegung das Erlebnis der Situation besser vermitteln oder vielleicht ist eine bewusst in Kauf genommene Bewegungsunschärfe besser geeignet? Manche Szenen fesseln den Betrachter aufgrund ungewöhnlicher Lichtbedingungen. Zum Beispiel dunkle Objekte in dunkler Umgebung oder das genaue Gegenteil. In solchen Fällen reagieren Kameras aber üblicherweise nicht so, wie man es sich wünschen würde – man muss bewusst eingreifen, um das Ergebnis nach den eigenen Vorstellungen zu erzielen.
Einer meiner häufigsten „Anfängerfehler“ war, dass ich im Moment des besonderen Erlebnisses möglichst jedes Detail im Bild festhalten wollte. Ich sah so viele wunderbare Dinge und wollte auf keines verzichten. Dieses „alles aufs Bild bringen“ wird aber nur in den seltensten Fällen von Erfolg gekrönt. Der Bildbetrachter sieht auf das gesamte Bild und geht nur selten auf die Suche nach Details, falls nicht sofort etwas Interessantes „ins Auge springt“. Und das erst recht, wenn er das Bild nur kleinformatig auf einem Display betrachten kann. Das Auge sehnt sich nach Ruhepunkten. Ist die gesamte Bildfläche überhäuft von vielen Details, verliert der Betrachter sehr rasch das Interesse. Der Mensch sieht dreidimensional und fokussiert sofort auf das, was das Interesse weckt. Kameras erzeugen zweidimensionale, flache Bilder, was es dem Betrachter schwerer macht, das Wesentliche rasch zu erfassen.
Das Können des Fotografen liegt also darin, einen erlebten Moment so auf eine flache Abbildung zu reduzieren, dass der Betrachter dennoch das Gefühl erlebt, dabei gewesen zu sein. Und das, obwohl neben den Augen keine sonstigen Sinne stimuliert werden können, welche der Fotograf jedoch erleben und fühlen durfte.
Die Mittel dazu, die uns beim Fotografieren zur Verfügung stehen, werden in den kommenden sechs Teilen dieser Serie besprochen.
Was ich noch erwähnen sollte … Ich bin weder Berufsfotograf, noch habe ich eine professionelle, fotografische Ausbildung genossen. Was ich über die Fotografie weiß, habe ich mir in mittlerweile jahrzehntelanger Praxis als Hobby-Fotograf, durch Recherchieren und Lesen, Experimentieren, Erfahrungsaustausch mit anderen (vorwiegend ebenfalls Hobby-) Fotografen und vielen Fehlern und deren Korrektur angeeignet. Und immer dann, wenn ich ein mir selbst gestelltes oder auch unerwartetes Problem gelöst habe, dauert es nicht lange, um festzustellen, dass es immer noch Dinge gibt, welche meine Wissenslücken sichtbar machen. Was ich aber ebenfalls inzwischen gelernt habe ist, dass auch Berufsfotografen Wissenslücken haben und dankbar für jede Hilfe sind, um ihren Auftrag zeitgerecht abliefern zu können. Da sind auch Tipps von Hobbyfotografen willkommen. Der Vorteil des Hobbyfotografen gegenüber dem Berufsfotografen ist ja, dass er sich alle Zeit der Welt nehmen kann, um sich einem bestimmten Thema zu widmen.
Um die Neugier schon ein wenig zu wecken, kündige ich hiermit einige der Mittel an, womit die Aussagekraft eines Bildes beeinflusst werden kann:
- Brennweite
- Blende
- Belichtungszeit
- Licht + Weißabgleich
- Bildkomposition
- Bildbearbeitung
- Präsentationsmedium
Alle Fotos (auch in den folgenden Teilen der Serie): Ernst Pisch

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