Bildkomposition

einerlei. Hauptsache, man fühlt Harmonie ☺
Bisher haben wir uns vorwiegend mit den technischen Mitteln der Kamera beschäftigt, welche für die Gestaltung eines Fotos eingesetzt werden können.
Nun widmen wir uns dem Bildaufbau, der Komposition – dabei geht es darum, womit und wie man ein Bild mit Inhalt füllt. Es gibt dafür eine Vielzahl an Empfehlungen und Regeln. Einige davon stammen noch von alten Meistern der Malerei. Das Ziel ist immer, den Betrachter des Bildes zu berühren, sein Interesse zu wecken und zu fesseln.
Ich persönlich bin kein Freund von Regeln, welche keine allgemeine Gültigkeit haben. Aus diesem Grund spreche ich lieber von Gestaltungs-Tipps. Denn jeder dieser Tipps mag zwar in vielen Fällen zutreffen und zu ansprechenden Fotos führen, aber es gibt immer wieder Situationen, in denen ein Bild gerade deshalb besonders gut wirkt, weil man sich nicht daran hält. Eine Regel mit Ausnahmen ist für mich eine fehlerhafte Regel. Spreche ich aber von einem Tipp oder einer Empfehlung, so wird klar, dass man nicht einfach nur stur danach handeln kann, sondern in jeder einzelnen Situation selbst entscheiden muss und darf, ob man sich besser daran hält oder nicht.
Es ist jedoch äußerst hilfreich, diese Tipps beim Fotografieren im Hinterkopf zu behalten. Das erleichtert nämlich den Prozess einer guten Wahl des Bildausschnittes.
Folgende Auflistung der Gestaltungs-Tipps erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wer möchte, findet in Büchern über Fotografie oder bei der Recherche im Internet vermutlich weitere Empfehlungen mit Beispielbildern. Dort wird man allerdings doch nach dem Begriff „Regeln“ suchen müssen, um möglichst viele Treffer zu landen.
Drittel-Regel, Goldener Schnitt und Fibonacci-Spirale
Nun widerspreche ich mir selbst, da ich schon den ersten Tipp als „Regel“ bezeichne. Dies aber bloß deshalb, weil dieser Begriff so gängig ist, dass man ihn auch unter dieser Bezeichnung kennen sollte.
Platziert man das Hauptmotiv exakt in der Mitte des Bildes, so kann das dazu führen, dass das Bild etwas langweilig wirkt. Das Verschieben in die Nähe einer Ecke oder eines Randes, kann etwas mehr Spannung erzeugen. Man darf bloß nicht zu nahe an den Rand rücken, denn sonst fühlt es sich unangenehm beschnitten an. Viele Kameras bieten die Möglichkeit, am Display Linien einzublenden, welche das Bild in Drittel teilt. Dies hilft beim Platzieren des Objektes.

Der sogenannte „Goldene Schnitt“ ist ebenfalls ein Platz im Bild, an dem sich das Hauptobjekt gut aufgehoben anfühlt. Er befindet sich etwas neben den Drittel-Kreuzungspunkten. Ich möchte an dieser Stelle keine mathematische Wissenschaft daraus machen – wer es genauer wissen möchte, der findet Antwort im Internet.

Eine weitere Empfehlung bei der Platzierung des Hauptmotivs richtet sich nach der sogenannten „Fibonacci-Spirale“. Ein Beispiel dafür war zu Beginn dieses Artikels als Titelbild zu sehen.
Schon alleine die Tatsache, dass es mehrere unterschiedliche Plätze gibt, welche für Harmonie sorgen, zeigt uns, dass diese offenbar nicht ganz so streng einzuhalten sind.
Es geht vor allem darum, dass man bei der Bildgestaltung auch die Möglichkeit in Betracht zieht, das Hauptmotiv nicht genau in der Mitte zu platzieren, sondern nach eigenem Wohlbefinden etwas an den Rand verschiebt.
Zentrale Platzierung und Symmetrie
Manche Motive hingegen verlangen geradezu danach, exakt in der Mitte platziert zu werden.

Es entsteht eine wohltuende Symmetrie und angenehme Ruhe, welche einlädt, sich alle Details völlig entspannt anzusehen und zu genießen.
Elemente im Vordergrund verleihen mehr Tiefe
Als Fotograf ist man oft von der Schönheit einer Landschaft geradezu überwältigt und möchte dieses Gefühl mit anderen teilen. Wer in der realen Welt sitzt oder steht, lässt den Blick gleiten und kann die Weite fühlen. Am flachen Bild geht das leider verloren. Man kann diese Räumlichkeit jedoch oft dadurch wiederherstellen, indem man ein nahes Objekt mit ins Bild einbezieht. Am einfachsten gelingt dies bei Verwendung eines Weitwinkelobjektivs.

Rahmen – Bild in Bild
Eine ähnliche Wirkung zeigt sich, wenn man ein Motiv findet, welches als Bilderrahmen dienen kann. Das können in der Natur z.B. Felsen oder Bäume sein. Im folgenden Beispiel war es ein Torbogen in der Altstadt von Bergamo.

Der Verlust der Tiefenwirkung am flachen Bild kann auf diese Weise wiederhergestellt werden. Als Betrachter hat man das Gefühl, als befände man sich selbst hinter den dargestellten Personen.
Führende Linien
Die grafische Wirkung von Linien kann ein Bild interessant machen. Der Blick des Betrachters kann entlang solcher Linien gleiten, welche zu einem Objekt führen.

Hat man es mit waagrechten und senkrechten Linien zu tun, wie es bei Gebäuden meist der Fall ist, so sollte man auf exakte Ausrichtung der Kamera achten. Das menschliche Auge ist diesbezüglich sehr empfindlich. Ein schräger Horizont, schiefe Gebäude oder Laternenmasten wirken oft sehr störend.

Diagonalen und Dreiecke
Schräge Linien und geometrische Figuren erzeugen oft Spannung. Durch die Perspektive zum Dreieck zusammenlaufende Linien verleihen dem Bild Räumlichkeit.

Muster und Strukturen
Egal ob natürlich oder von Menschen gemacht, Muster und Strukturen wirken oft interessant und faszinierend. Es lohnt sich auf jeden Fall, nach solchen zu suchen.

Bildfüllend fotografieren
Wie bereits im ersten Teil der Serie erwähnt, liegt die Kunst des Fotografen unter anderem darin, den Blick des Betrachters aufs Hauptmotiv zu ziehen. Alles ablenkende Beiwerk sollte möglichst eliminiert werden. Für diesen Zweck eignen sich Teleobjektive mit längerer Brennweite besser als Weitwinkelobjektive. Das Detail, welches den Fotografen so sehr fesselt, kann damit bildfüllend groß in Szene gesetzt werden.

Isolieren des Hauptmotivs
Beim bildfüllenden Fotografieren wird das Hauptmotiv so groß dargestellt, dass man es gar nicht übersehen kann. Das ist nicht immer möglich oder auch gar nicht erwünscht. Man möchte vielleicht, dass die Umgebung zwar erkannt wird, aber nicht zu sehr ablenkt.

Das Bild des verlorenen und wieder gefundenen Schnullers zeigt mehrere Möglichkeiten, das Hauptmotiv hervorzuheben. Einmal wurde bei der Aufnahme bewusst mit offener Blende fotografiert, um die Schärfentiefe möglichst auf den Schnuller zu beschränken. Die Farben der Umgebung hatten jedoch immer noch zu sehr abgelenkt, weshalb ich das Foto nach Schwarzweiß umwandelte und nur die winzige Zeichnung am Schnuller in Farbe beließ. Zudem hatte ich Kontrast und Helligkeit der Umgebung etwas verringert.
Minimalismus und der (fast) leere Raum
Manchmal liegt der Reiz eines Motivs darin, dass nüchtern betrachtet fast nichts zu sehen ist. Der Mensch ist mit den Augen ständig auf der Suche nach Mustern und Strukturen, auf denen er den Blick ruhen lassen kann. Das kann zum Beispiel eine monotone Landschaft sein, in der sich ein kleines Objekt befindet.

Auf ähnliche Weise können einfache Formen und Strukturen faszinierend wirken, obwohl sie völlig alltäglich sind. Beim Minimalismus beschränkt sich der Fotograf auf die Darstellung des Notwendigsten. Sowohl Farben als auch Strukturen werden aufs Minimum reduziert. Solche Bilder können, müssen aber nicht Schwarzweiß sein, enthalten aber meist nur sehr wenige Farben. Auch die Muster beschränken sich meist auf eine sehr geringe Anzahl. Der Betrachter kann vom ersten Augenblick an das Bild genießen.

Magie der ungeraden Zahlen
Wer schon einmal Rosen gekauft hat, wird sicher die Empfehlung gehört haben, eine ungerade Zahl zu nehmen – drei, fünf oder sieben. Denselben Tipp hört man auch bei der Fotografie.
Versucht man zwei, vier oder sechs Objekte gleichmäßig auf einem Bild zu verteilen, so entsteht in der Mitte des Bildes immer eine Lücke, welche manchmal als unangenehm empfunden wird. Dieses „Vakuum“ lässt sich ganz einfach dadurch füllen, indem man auf eine ungerade Zahl erhöht oder verringert.

Fotografieren auf Augenhöhe – Perspektivenwechsel
Beim Fotografieren von Menschen sollte sich die Kamera ungefähr auf Augenhöhe befinden. Gerade bei Fotos von Kindern passiert es nur allzu leicht, dass diese von zu weit oben abgelichtet werden. Begibt man sich in die Hocke oder je nach Situation sogar noch tiefer, dann hat der Betrachter das Gefühl, beim Spiel des Kindes teilhaben zu können. Der Blick von oben schafft Distanz und kann im schlechtesten Fall gar erniedrigend wirken. Dasselbe gilt übrigens auch für Aufnahmen von Tieren.

Ein typischer „Anfängerfehler“ beim Fotografieren von Personen ist der, dass man sich zu sehr aufs Gesicht der Person konzentriert. Der Kopf wird dann in die Bildmitte gesetzt, um exakt fokussieren zu können und übersieht dabei, dass die Beine abgeschnitten werden. Stattdessen gibt es jede Menge unnötigen Raum oberhalb des Kopfes. Moderne Kameras und Smartphones erleichtern das Fokussieren, da sie Gesichter selbst erkennen und automatisch darauf scharf stellen. Dennoch muss man bewusst darauf achten, den Bildausschnitt passend zu wählen.
Dass das Fotografieren einer Person immer auf Augenhöhe erfolgen soll ist so, wie alles Bisherige, ebenfalls keine allgemeingültige Regel. Situationsbedingt kann ein Perspektivenwechsel wahre Wunder bewirken, wie das folgende Beispiel zeigt. Es wurde ganz bewusst ein Standort gewählt, welcher sich weitab von der Augenhöhe befand, um der Umgebung mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Farben und Kontraste
An Bildern mit schrillen Farben und grellen Kontrasten mangelt es heutzutage nicht. Leider wird gerade in den sozialen Medien oft derart übertrieben, dass man die Freude verlieren kann, sich das alles anzusehen.
Dennoch ist es nun mal eine menschliche Eigenschaft, dass der Blick zuerst auf kräftige Kontraste reagiert. Ob das Interesse auch beim zweiten Blick noch aufrecht bleibt, ist eine andere Sache. Und hier liegt es am Fotografen, ob er sich an der Marktschreierei mit beteiligen will oder lieber durch Qualität und Einfühlsamkeit überzeugt.

Bei den Farben sind es vor allem Kombinationen von Komplementärfarben, welche sehr starke Emotionen auslösen können. Damit sind Farben gemeint, welche sich im sogenannten „Farbkreis“ gegenüber stehen. Der Farbkreis ist eine Darstellungsform, welche den Bezug der Farben zueinander abbildet. Ähnliche Farben befinden sich in direkter Nachbarschaft, sich maximal voneinander unterscheidende Farben befinden sich im Kreis genau gegenüber – dies sind die sogenannten Komplementärfarben, wie zum Beispiel Gelb-Violett, Rot-Grün oder Blau-Orange.

Neben Farbkontrasten können auch Helligkeitskontraste einen gewissen Reiz ausüben. Beim obigen Bild sorgt der Sonnenstrahl dafür, dass sich der sonst so unscheinbare Grasbüschel hervorhebt. Auch Strukturen und Muster werden bei starken Kontrasten meist besser wahrgenommen. Jedoch ist es immer die richtige Dosis, welche über Erfolg oder Misserfolg entscheidet. Das ist einerseits Geschmackssache, andererseits aber auch Feingefühl und Erfahrung.
Gegenüberstellen – inhaltliche Kontraste
Nicht nur Helligkeit und Farbe können Kontraste bilden. Motive selbst können im selben Bild kontrastreich gegenüber stehen. Alt – Jung, Antik – Modern, Breit – Hoch, usw.
Das folgende Bild zeigt einen Blick vom uralten „Tower of London“ in Richtung ultramoderner Glasfassade des „Shard“.

Bewegung von links nach rechts
Auch wenn er mich persönlich nicht allzu sehr überzeugt, möchte ich diesen Tipp nicht unerwähnt lassen. Die Darstellung von bewegten Szenen sollte möglichst immer von links nach rechts erfolgen. Das sei die Richtung, welche dem menschlichen Empfinden besser entsprechen würde.
Ich schreibe auch von links nach rechts und zeichne mathematische und technische Diagramme seit dem Schulalter ebenfalls immer von links nach rechts. Dennoch kann ich bei mir selbst keinen emotionalen Unterschied feststellen, ob ein Athlet von links nach rechts oder umgekehrt springt.

Athletin regelkonform von links nach rechts sprang ☺
Trotzdem finde ich diese Empfehlung sehr interessant. Schließlich hat man sich diese sicherlich nicht einfach nur so ausgedacht und falls man an Fotowettbewerben teilnehmen möchte, könnte das die Platzierung durchaus beeinflussen.
Raum für Blick und Bewegung lassen
Ein Tipp, der mich sehr wohl überzeugt ist jener, dass man einer abgebildeten Person Raum für deren Blick und/oder Bewegung lassen soll. Ist der Blick nach links gerichtet, sollte sich dort nicht in unmittelbarer Nähe der Bildrand befinden. Wenn man schon nicht unbedingt das Ziel des Blickes sehen kann, so möchte man doch wenigstens Raum haben, um der Phantasie freien Lauf lassen zu können.

Dasselbe gilt für Personen in Bewegung. Fotografiert man einen Läufer, so sollte dieser „ins Bild hinein“ laufen können und nicht vom Bildrand quasi gestoppt werden.
In manchen Situation könnte das Gegenteil aber durchaus erfolgreicher sein. Möchte ich zum Beispiel einen Radfahrer in einer Sackgasse abbilden, so werde ich ihn vermutlich nicht so platzieren, dass er sich ins Bild hineinbewegt und die Mauer am anderen Ende des Bildes steht. Ich würde ihn stattdessen knapp vor dem Bildrand auf die Mauer regelrecht „auffahren“ lassen.
Balance
Manche Motive sollen Ruhe und Stabilität vermitteln. Da kann es durchaus hilfreich sein, wenn für ein Gleichgewicht der abgebildeten Objekte gesorgt wird.

Persönliche Tipps
Was ich persönlich sehr hilfreich finde, ist die eigene Analyse von Bildern. Man wählt Bilder, welche einen ganz besonderen Eindruck hinterlassen und sucht nach deren Ursachen. Welcher „Trick“ wurde angewandt, damit das Bild so starke Emotionen auslöst? Oder anders herum – warum wirkt ein anderes Bild so langweilig obwohl das Motiv doch eigentlich durchaus interessant sein könnte? Was hätte man besser machen können? Diese Erfahrungen und Erkenntnisse kann man dann in den eigenen Aufnahmen versuchen umzusetzen.
Beim Kameraclub Inzing gibt es immer wieder mal Abende, welche genau diesem Zweck dienen. Man hat bei diesen „Bildbesprechungen“ die Gelegenheit, eigene Bilder zwar kritisch aber respektvoll bewerten zu lassen. Nicht selten erhält man hilfreiche Hinweise und Tipps. Manchmal fühlt man bei einem Bild, dass „etwas nicht ganz stimmt“, kann es aber selbst nicht festmachen und benennen. Ohne zu wissen, was dieses „Etwas“ ist, kann man es nicht verbessern. In solchen Fällen ist konstruktive Kritik sehr hilfreich. Vieles ist auch reine Geschmackssache, was ich aber nicht weniger interessant finde. Es ist immer sehr wertvoll zu erfahren, wie eigene Bilder bei anderen Betrachtern ankommen.
Dies war der umfangreichste Teil der Serie. Im nächsten Teil möchte ich ein wenig über Bildbearbeitung sprechen.

von