Was am Sonntag, dem 6. September 2026, definitiv nicht an der Wahlurne vorbeikam, war die Demokratie. 77,8 Prozent der Wähler in Sachsen-Anhalt nutzten ihr Recht auf freie und geheime Wahlen. Das klingt wunderbar demokratisch, hat aber einen ausgeprägt bitteren Geschmack. Eine vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei zieht als stimmstärkste Kraft in den Landtag ein. Was diese politische Wende bedeuten kann, zeichnete sich bereits vor der Wahl ab. Biegen wir vor der Wahl aber einfach nochmal ein bisschen ab und machen einen klitzekleinen Abstecher in das ostdeutsche Bundesland.
Sachsen-Anhalt hat mehr zu bieten als die Wahl seines Landtages. Das eigentlich kleine Bundesland ist Heimat einer bemerkenswerten Kultur- und Weltgeschichte: die Lutherstätten in Wittenberg und Eisleben, das Gartenreich Dessau-Wörlitz, Quedlinburg, die Himmelsscheibe von Nebra und das Bauhaus Dessau.
Das Bauhaus wurde 1919 als Kunst- und Architekturschule ursprünglich in Weimar gegründet. Gestaltung wurde nun für alle gedacht, nicht mehr nur für die Besitzenden. Schönheit sollte aus Funktion, Material und Form entstehen und durch moderne Produktion für viele zugänglich werden.

„Volksbedarf statt Luxusbedarf!“, präzisierte der Schweizer Architekt und zweite Direktor des Bauhauses Dessau, Hannes Meyer, die revolutionäre Bauhausidee. Fast ein Jahrhundert später ist auf dem Landesportal Sachsen-Anhalt zu lesen: „[…] Das Bauhaus […] ist bis heute prägend. Es steht für Experimentierfreude, Kreativität, Glauben an das bessere Morgen, Mut und Offenheit.“ Dann stellt das Portal das Landesmotto #moderndenken vor, das in seiner schlichten Vorwärtsgewandtheit ganz in der Tradition des Bauhaus steht.
Diesem Selbstverständnis von Weltoffenheit und Kreativität zum Trotz möchte die AfD Sachsen-Anhalt ein angepasstes Landesmotto schaffen. #moderndenken soll zukünftig in #deutschdenken umbenannt werden und ein blaues Röckchen tragen. Um die Tragweite dieses Wechsels zu begreifen, beginnen wir einen kleinen Rückblick mit dem Jahr 1933: Die Nationalsozialisten sehen im Bauhaus eine Bedrohung der allgemeinen Ordnung. Die Kunst von Paul Klee, Wassily Kandinsky und Oskar Schlemmer wird als „entartet“ bezeichnet, die Ausrichtung der Schule als „seelenlos“, „kulturbolschewistisch“ und „undeutsch“ diffamiert. Das Bauhaus sei „eine Hochburg zur Bekämpfung des Deutschtums in der Kunst“. 1932 wird auf Antrag der NSDAP die Schließung des Bauhauses im Dessauer Stadtrat beschlossen. Der Versuch, die Schule in Berlin neu zu etablieren, wird 1933 jäh gestoppt. Die Emigration der Künstler hat ironischerweise zur Folge, dass sich die Idee des Bauhauses in der ganzen Welt verbreitet und begeistert aufgenommen wird.
Die frühe DDR: Im Zuge der Formalismusdebatte notiert der damalige Weimarer Dozent Alfred Becker 1949/50 bei einer Prüfung der Bibliotheksbestände über einen mit dem Bauhaus verbundenen Band, er „kommt in die hinterste Ecke des Irrenhauses (Mistschrank), damit niemand an formalistischem Wahnsinn erkrankt“. Walter Ulbricht bezeichnet wenig später den Bauhausstil als „volksfeindliche Erscheinung“. Ein weiteres totalitäres Regime, das mit Moderne nicht zurechtkommt.
1976: 26 Jahre später entdeckt die DDR-Führung das Bauhaus dann doch als kulturelles Potential. Das Dessauer Bauhausgebäude wird restauriert und als Wissenschaftlich-Kulturelles Zentrum wiedereröffnet. Später dient das Bauhaus der DDR auch dazu, gegenüber westlichen und ausländischen Besuchern ein Image von Modernität und Weltoffenheit zu vermitteln.
1990er: Nach dem Mauerfall schreibt Regina Bittner, Kulturwissenschaftlerin und stellvertretende Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau: „Das Bauhaus Dessau gehört seit den 1990er Jahren zu den nationalen Leuchttürmen im wiedervereinigten Deutschland. Mit der Stiftungsgründung 1994 konnte die wechselvolle Geschichte der Trägerschaft nach der Wende beschlossen und eine von Bund, Land und Stadt getragene institutionelle Struktur geschaffen werden. 1996 folgt die Aufnahme der Bauhausstätten in die UNESCO-Welterbeliste. Durch seine bewegte Geschichte steht das Bauhaus für das Landesmotto #moderndenken ein. Das Motto ist bezeichnend für ein Selbstverständnis, das ein bedeutendes kulturelles Erbe Sachsen-Anhalts mit Offenheit, Internationalität und dem Mut zum Neuen verbindet.“
Zurück in die Gegenwart: Aus #moderndenken soll nun #deutschdenken werden. Bereits vor der Wahl hatte die AfD einen Antrag im Landtag eingebracht. Der Antrag, überschrieben mit „Irrweg der Moderne – für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Bauhaus“, wird von Hans-Thomas Tillschneider, Islamwissenschaftler und AfD-Landtagsabgeordneter, folgendermaßen erklärt: „Das Bauhaus beantwortet Ödnis mit Ödnis, gab auf die Herausforderungen seiner Zeit eine untaugliche Antwort und vermag uns deshalb nicht als Vorbild, sondern nur als historische Verirrung noch etwas zu sagen.“ In derselben Debatte erklärt Tillschneider weiter: „Dann wollen wir natürlich, dass die Berufung auf das Bauhaus im Rahmen der Kampagne #moderndenken aufhört. […] In einer solchen Zeit, die von Verunsicherung geprägt ist, […] brauchen wir nicht den Traditionsbruch, sondern wir brauchen die Rückbesinnung auf die Tradition und auf die Verwurzelung in der Region und in der Heimat.“ Hans-Thomas Tillschneider führt später ausdrücklich aus, die bisherige Kampagne sei zu sehr auf das Bauhauserbe ausgerichtet. Dem Universalitätsanspruch der Moderne und der Überwindung nationaler Grenzen, die er dem Bauhaus zuschreibt, stellt er „deutsche Identität und Partikularität“ entgegen. In Tillschneiders Argumentation wird „deutsch“ eben nicht neben „modern“ gestellt, sondern an dessen Stelle. Und unweigerlich drängt sich die Frage auf: Wenn das Bauhauserbe nicht mehr das Erbe sein soll, an das Sachsen-Anhalt sein Selbstverständnis knüpft, an welches Erbe knüpft es mit #deutschdenken an?
Werfen wir hierfür einen Blick auf den Begriff „deutsche Identität“. Wer heute von deutscher Identität spricht, klammert meist die Geschichte der ostdeutschen Bürger*innen aus. Mitgedacht werden meist nur die Erfahrungen der Westdeutschen in Verbindung mit Mauerfall, West-Berlin und Wiedervereinigung. Doch wer ein bisschen tiefer einsteigt, entdeckt in der ostdeutschen Geschichte, wie vielschichtig der Begriff „Deutsche Identität“ noch sein kann.
Retrospektive: Innerhalb weniger Generationen hatte sich in Ostdeutschland ein rasanter historischer Wechsel vollzogen. In nicht einmal 100 Jahren durchlebten die Menschen das Kaiserreich, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, vier Jahrzehnte DDR, den Zusammenbruch des Staates, die unglaublichen Herausforderungen der Anbindung an Westdeutschland und die anschließenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche nach 1989, 2015, 2020 und schließlich die Herausforderungen der Gegenwart.

Blicken wir genauer auf die Zeit nach der Wende: Bis 1990 hatte die Bundesrepublik trotz großer Krisen rund vier Jahrzehnte Zeit gehabt, sich zu konsolidieren. Aus sich heraus konnten Staat und Gesellschaft wirtschaftliche und soziale Strukturen etablieren und wuchsen an sich und mit den Krisen. Mit dem Ende der DDR gingen nicht nur für den Westen erhebliche Einbußen einher. Zwar versprachen die Politiker des Westens „blühende Landschaften“, aber sie saßen der Idee einer wunderbaren Vereinigung Europas auf. Es sollte Freiheit sein. Aber mit diesen Versprechen, die hohe Erwartungen schürten, verschwanden gleichzeitig Sicherheiten, Gewissheiten und Strukturen. Von jetzt auf gleich verloren Biografien an Bedeutung, Betriebe schlossen, Kindheitserinnerungen verschwanden mit einem Wimpernschlag, neue Hierarchien wurden gültig. Ein ganzes gesellschaftliches, ein ganzes Menschensystem, musste sich Innen wie Aussen neu ordnen. Biografien mussten neu gedacht, Verbindlichkeiten aufgegeben werden. Die Ostdeutschen sahen sich mit den westdeutschen Gegebenheiten konfrontiert, mit einem bereits vollumfänglich funktionierenden System. Darin steckte der Haken: Man hatte sich nicht gemeinsam entwickelt. Die Strukturen der Bundesrepublik wurden nun wie mit dem Textmarker auf die neuen Bundesländer übertragen. Gesetze, Institutionen und gesellschaftliche Strukturen wurden übernommen, Führungspositionen vielfach mit Menschen aus dem Westen besetzt. Für eine eigene Entwicklung, eigene Überlegungen und Adaptionen blieb kaum Zeit. Was von der Mehrheit der Ostdeutschen gewünscht war, die Eingliederung in den Westen, der sogenannte Transformationsprozess, war ein rasanter, unaufhaltsamer Frontalkurs. Zwei Welten prallten aufeinander, begleitet vom Ausverkauf des Ostens, der Unsicherheiten und Ressentiments schürte.
Genau dorthinein tönten die Westdeutschen, man brauche nur Fleiß, schließlich sei der Westen auch nicht über Nacht erstarkt. Diese kollektive, rein wirtschaftliche Haltung den Ostdeutschen gegenüber befeuerte den Bruderzwist des Belehrten und des Belehrenden. Von Gleichwertigkeit war nicht die Rede.
Die Erwachsenen hatten nun Hände und Herz voll zu tun, um zurechtzukommen, während eine ganze Generation Kinder und Jugendlicher ebenfalls gesellschaftliche Verbindlichkeiten ubd Identität im neuen Gefüge suchte. Wieder lagen die gesellschaftlichen Herausforderungen auf politischer Seite in der Stärkung der Wirtschaftskraft, selbstredend nicht in der emotionalen Versorgung von Kindern.
Bisher hatte sich der SED-Staat, wenn auch ideologisch indoktrinierend, um diese nun in die Belanglosigkeit abrutschende Generation junger Menschen gekümmert. In viele der entstandenen Lücken drangen rechte Jugendkulturen und rechtsextreme Strukturen, die sich laut Bundeszentrale für politische Bildung bereits in den 1980er-Jahren noch in der DDR langsam formiert hatten: „Einzelne Sozialräume waren mit einem bis dato ungekannten Ausmaß offener rechter Gewalt und einem rasanten Erstarken rechter Jugendsubkulturen konfrontiert. Dazu kam, dass die Jugendarbeit und Jugendhilfe der DDR mit der Wende abgewickelt worden war und ein großes Vakuum hinterlassen hatte.“ Die radikalen Gruppierungen brachten Gemeinschaftssinn mit. Sie bauten paramilitärische Strukturen auf, die in ihrer Enge und Hierarchie die altbekannte Sicherheit boten. Anfang der 1990er-Jahre wurde sichtbar, welche gesellschaftliche Macht die rechte Straßenkultur inzwischen entwickeln konnte. Über die sogenannten Baseballschlägerjahre schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung: „Die rechte Gewalt der 1990er Jahre zeichnet sich durch mehrere Besonderheiten aus: Sie wurde zu einem Massenphänomen, sie blieb relativ wenig sanktioniert, und sie zielte zumindest in einigen Regionen Ostdeutschlands darauf, den öffentlichen Raum zu kontrollieren.“
Die Überforderung und die Orientierungslosigkeit führten jedoch nicht zwangsläufig in die rechte Szene. Die ostdeutsche Jugend der Nachwendejahre fand auch eigene kreative Wege, sich zurechtzufinden. Sie bereicherte die Techno- und Ravekultur, belebte die Punk-, Skater-, Musik- und Fußballszene. Sie erschuf mitten im Umbruch eigene Räume und Subkulturen.
Die Gemeinsamkeit, die die so unterschiedlichen Jugengruppierungen verband, war selbstverständlich nicht politische Haltung oder Werte, sondern die Erfahrung, sich Verbindlichkeiten in der neuen Welt selbst schaffen zu müssen. Diese Welt stand ihnen nicht zwangsläufig feindselig gegenüber, aber sie forderte die Ossi-Wessi Klischees heraus.
Wie unterschiedlich Lebenswelten abseits der klischeehaften Einordnungen waren und wie gewaltsam sie aufeinanderprallen konnten, beschreibt die Bundeszentrale für politische Bildung rückblickend: „Nach der Auflösung der autoritären Staatsmacht wurden linke Jugendkulturen vom rechtsradikalen Mob ebenso attackiert wie alle nicht-deutsch erscheinenden Bevölkerungsgruppen.“ Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen wurden zu Symbolen dieser Entwicklung. In Rostock-Lichtenhagen griffen 1992 rechtsextreme Jugendliche die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und das benachbarte Wohnheim ehemaliger vietnamesischer Vertragsarbeiter an. Mehr als hundert Menschen befanden sich in dem angegriffenen Wohnheim. Vor dem brennenden Sonnenblumenhaus standen zeitweise Tausende Schaulustige, von denen viele den Angreifern Beifall spendeten.
Es mag lange her sein, aber ich erinnere mich an die Fernsehbilder, die ich als Kind um die Ecke erhaschte und fühle das kindliche Entsetzen bis heute. Weder verschwanden die Bilder aus meinem Gedächtnis, noch das Gedankengut aus den Köpfen und Herzen der Menschen.

Christian Bangel bezeichnet diese Jahre in seinem bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) erschienenen Beitrag ausdrücklich als „kein abgeschlossenes Kapitel“. Die meisten damaligen Täter und Mitläufer seien inzwischen in ihren Vierzigern und Fünfzigern. Die sichtbare Skinheadkultur verschwand weitgehend, nicht aber zwangsläufig die dahinterliegenden Einstellungen und Strukturen. Bangel spricht von einem „Mehrgenerationen-Rechtsextremismus“, der über die Jahrzehnte fortgesetzt und verfestigt wurde. Doch der Osten bestand eben nicht nur aus der Fortsetzung des rechten Milieus. Die Gesellschaft an sich entwickelte sich in den vergangenen drei Jahrzehnten innerhalb der Bundesrepublik weiter. Die Menschen bauten sich Existenzen auf, schufen neue Verbindlichkeiten und erarbeiteten sich Sicherheiten. Doch auch heute darf der Osten nicht genauso gelesen werden wie der Westen. Die Ursache dafür ist nicht als Schuld in einem „Menschenschlag“, dem klischeehaft schwerfälligen Ossi, zu finden. Während die Bundesrepublik bis 1990 rund vier Jahrzehnte Zeit gehabt hatte, innerhalb ihres eigenen Systems zu gedeihen und auch an seinen Krisen zu wachsen, rauschte der Aufbau des Ostens vom Ausverkauf seiner selbst direkt in die nächsten großen Krisen: die Finanz- und Wirtschaftskrise, die gesellschaftlichen Verwerfungen ab 2015, die Corona-Pandemie und schließlich Krieg, Energiekrise, Inflation und erneute wirtschaftliche Unsicherheit.
Während die Leser*Innen und ich nun all die Jahrzehnte gemeinsam durchdacht haben, uns die Krisen und Freuden vor Augen geführt haben, müsste klar geworden sein, dass die Verunsicherung der Menschen im Osten nie wirklich zur Ruhe gekommen ist. Fast schon traumatisch zieht sie sich bereits über vier Generationen hinweg und paart sich bis heute mit einfachen Erklärungen, fehlender geistiger Heimat, Rechtsextremismus, Verschwörungserzählungen und der Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten und eindeutiger Zugehörigkeit. Dazu kommt die immer wieder zu Erschütterungen führende Unverlässlichkeit eines deutschen Staates, der nun einmal mehr und wesentlich intensiver zeigt, dass es einigen Wenigen nicht an Reichtum mangelt, aber dass bei sehr Vielen das Nötigste fehlt. Während der Überfluss wie Milch und Honig quillt, ist Grundlegendes für viele nicht mehr leistbar. Während Arbeit zu vernünftigen Bedingungen kaum verfügbar ist, wachsen Firmen mit schwarzen Zahlen über sich hinaus. Während Bundeskanzler Merz „mein“ Bundesland zum möglichen „Experimentierfeld für Wutbürger“ erklärt…“reicht mir die AfD die Hand“.
Die AfD zieht ihre Wähler nicht mit einem wunderbar nachvollziehbaren Wahlprogramm in den Bann, sondern mit einem in sich völlig durchdachten, erfolgreichen Konzept: Simson-Ausfahrten, Bürgerforen, Familienfeste, Bratwurst, Hüpfburgen, Nationalstolz und DDR-Nostalgie. Was zunächst wie eine lose Sammlung aus Freizeit, Erinnerung und Heimatgefühl wirkt, ergibt zusammengenommen ein ziemlich klares politisches Konzept. Die Botschaft dahinter ist ebenso einfach wie wirksam: Wir sehen euch. Ihr gehört zu uns. Wir holen uns unser Land zurück. Da die AfD aber auch und vor allem mit Bildern arbeitet, verfeinert Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat und Gesicht des AfD-Wahlkampfs in Sachsen-Anhalt, den Blick und gibt eine Malerei frei, die den Menschen emotional hinführt: Er kündigt an, für ein „gutes, altes, sicheres Deutschland“ kämpfen zu wollen. Das Deutschland, in dem es wieder Sicherheiten gibt. In dem eine Biografie eine Biografie ist, in der man jemand ist, Teil einer Gemeinschaft, einer sinnstiftenden gemeinsamen Identität, die die persönliche Identität nachhaltig aufbaut. Diese Lücke vermag scheinbar nichts und niemand zu schließen, außer die aus der ostdeutschen politischen Biografie ableitbare, absurde Mischung aus völkischer und sozialromantischer DDR-Nostalgie. Einem Konstrukt, in dem man eigentlich alles hatte: Arbeit, leistbaren Wohnraum, Kinderbetreuung, soziale Absicherung, Gemeinschaft und einen festen Platz innerhalb einer geordneten Gesellschaft. Und unter der Druschba-Brille vergisst man wohl fast zufällig, welchen Preis die Gesellschaft dafür zahlen musste: Staatssicherheit und Überwachung, politische Verfolgung, Zensur, fehlende Meinungs- und Pressefreiheit, Reisebeschränkungen, keine freien Wahlen, staatliche Willkür, politische Haft und eine Grenze, an der Menschen für den Versuch, das eigene Land zu verlassen, ihr Leben verlieren konnten.
Die AfD hat es bis an den Abendbrottisch geschafft, nicht an den Stammtisch, sondern in die Herzzelle des Gemeinschaftswesens, dorthin, wo Politik persönlich wird, wo getrauert, gelacht und über Ängste gesprochen wird.

Die AfD unterhält sich mit allen Mitgliedern einer Familie. Sie spricht über Heimat, Zugehörigkeit, über Dinge, die sich zwar auch mit Sachargumenten beantworten lassen, die aber mehr über, als mit den Menschen sprechen. Die AfD suggeriert: „Wir sprechen mit, nicht über Euch.“ Diese für viele Menschen real existierende emotionale Lücke wurde nicht von der AfD geschaffen. Aber sie hat sie gefunden. Und sie hat sie gefüllt. Eine radikale Partei hat verstanden: Menschen wählen nicht nur Wahlprogramme. Ein Wahlprogramm kann einen Zentner wiegen und die Menschen trotzdem nicht erreichen. Denn Menschen wählen auch Zugehörigkeit. Sie wählen das Gefühl, gesehen zu werden, weil sie sich seit Generationen übergangen, ausgenutzt und belächelt fühlen. Sie wählen eine Geschichte darüber, wer sie sind, wer sie sein möchten und wo ihr Platz ist. Und genau dafür schafft die AfD ihnen die passenden Bilder, Erinnerungen und Räume.
Wer Menschen auf diese Weise erreicht, lässt sich nicht dadurch schlagen, indem man den Wähler*Innen erklärt, sie hätten den falschen Hafen angesteuert. Das eigene Unvermögen, die Menschen zu erreichen, in Dummheit der Wähler umzudeuten, ist das fatalste Signal, das man der AfD senden kann. In einer Zeit, in der das Schiff tatsächlich Notstrom fährt, den Menschen sachliche Nüchternheit oder Zuschreibungen anzubieten, ist weder besonders schlau noch politisch oder gesellschaftlich tragbar. Anstatt echte emotionale Alternativen zu bieten, wurde ein Wahlkampf geführt, der erschreckend unterirdisch weit an den Menschen vorbeiging und sie beleidigend vorführte.
Die Arroganz, das Unverhalten der etablierten Parteien, deren im wahrsten Sinne des Wortes Blauäugigkeit, führt zu einer derartig desaströsen Aushöhlung der Demokratie. Und ausgerechnet die Reaktionen dieses Wahlabends erzählen davon: Heidi Reichinnek erklärt im ARD-Interview das schlechte Abschneiden der Linken mit der Politik des Bundestages. Sven Schulze räumt ein, dass dieser Wahlkampf sehr emotional geführt wurde und dass man sich nun überlegen müsse, wie man dem in Zukunft begegnen könne. Die FDP beklagt mangelnde Sachlichkeit. Keine der etablierten Parteien war während oder nach dem Wahlkampf in der Lage, Verantwortung zu übernehmen und wirklich selbst dafür geradezustehen, dass eigentlich klar war, was schon lange klar war, was man aber scheinbar unbedingt ignorieren wollte: Dass man mit Liebelei und persönlicher Parteienverklärung oder nüchterner Versachlichung der Menschen keinen Meter gewinnen kann und schon gar nicht gegen die Emotionalisierung der AfD-Parteipolitik ankommt.
Dass beim Wahlverlierer des Abends der Hund tatsächlich in der Bundesregierung vergraben ist, daran besteht allerdings kein Zweifel. Die Wahlanalysen von Forschungsgruppe Wahlen und Infratest dimap lassen da wenig Zweifel dran: 88 Prozent der Wähler sind der Ansicht, die AfD hätte schlechter abgeschnitten, wenn die Bundesregierung besser regieren würde. 75 Prozent sehen Friedrich Merz persönlich als eine Ursache für den Wahlausgang. Selbst unter den CDU-Anhängern sind 47 Prozent der Meinung, Merz habe der Partei geschadet. 87 Prozent der Befragten sind mit der schwarz-roten Bundesregierung unzufrieden, lediglich 11 Prozent zufrieden. Von den Wählern, die vor fünf Jahren noch CDU gewählt hatten, ihr diesmal aber nicht mehr ihre Stimme gaben, stimmen 59 Prozent der Aussage zu, die Bundesregierung habe bei dieser Landtagswahl einen „Denkzettel verdient“. Nur 29 Prozent der CDU-Wähler sind mit der politischen Arbeit ihres Bundeskanzlers zufrieden. In der gesamten Wählerschaft Sachsen-Anhalts sehen gerade einmal 9 Prozent Friedrich Merz positiv. Und eine Zahl führt uns ziemlich genau zurück zu dem, worüber wir bereits gesprochen haben: Jeder zweite Wähler in Sachsen-Anhalt ist der Ansicht, die Bundesregierung mache vor allem Politik für Westdeutsche. In fast jeder dieser Zahlen findet man genau einen Kern: Ihr habt uns verloren. Das Erschreckende daran ist, dass wir als Gesellschaft uns bei sämtlichen kommenden Wahlen, egal ob wir aus West- oder Ostdeutschland oder aus Österreich kommen, über eines im Klaren sein müssen: Rechtsextremismus ist kein ausschließlich ostdeutsches Problem. Denn der Osten ist erst der Anfang. Seit gestern, dem 6. September 2026, wird zurückgeschossen.
Und das BSW präsentiert sich mit seiner geradezu fatalistischen Reaktion auf das Wahlergebnis als Geburtshelfer einer möglichen AfD-Regierungsmehrheit. An der demokratischen Legitimation dieser Wahl besteht kein Zweifel. Doch wenn das BSW aus der Stärke einer gesichert rechtsextremen Partei deren politische Einbindung ableitet, ist die Frage legitim, ob es damit die Demokratie an diesem Punkt selbst aushebelt und damit den Finger am Abzug ansetzt. Denn genau darin liegt die Tragweite dieser Handlung: Das BSW gibt einer gesichert rechtsextremen Partei die Bühne der Normalität.
Auf einen Wahlkampf, dessen Emotionalisierung weder verborgen noch überraschend war…
…auf einen Wahlkampf, in dem eine radikale Partei längst verstanden hatte, dass jedes Reich eine emotionale Architektur braucht…
…folgte ein Wahlabend, an dem alle an der AfD Gescheiterten darüber nachdachten, wie man einer Katastrophe mit Ansage das nächste Mal begegnet. Da kann man nur hoffen, dass aus einem politischen Ringelreihen endlich satte, fruchtbare Politik entsteht, die mit Menschen arbeitet, statt elitär abgehoben blindwütig Maßnahmen zu setzen, von Enteignung zu faseln oder mit sachlichem Holzkopf durch die Wand zu wollen und dabei ihre Bürger zu beschimpfen und zu degradieren. Wenn wir uns dieser Normalität, dem Unrecht eine Bühne zu geben und der neuen Unsachlichkeit, die völlig am Menschen vorbeigeht, nicht entgegenstellen, ist die Zukunft genauso bitter wie die momentane Gegenwart. Dann werden wie am vergangenen Sonntag politische Tatsachen auf historischem Unterbau geschaffen.
Acht Jahrzehnte nach dem Ende des Nationalsozialismus wurde unserer Demokratie ein Riss zugefügt, der tiefer kaum sein könnte. Aus diesem Wissen erhebt sich Trauer, die unweigerlich die Frage stellt: Wie wollen wir künftig leben und wann wollen wir beginnen, eine Zukunft für Menschen zu bauen? Was ich mir wünsche ist keine Utopie.

Für alle Kinder dieser Welt wünsche ich mir eine Welt, in der wir Menschen nicht einfach verlieren. Eine Welt, in der wir Menschen eine innere und äußere Heimat geben können mit einer besseren Zukunft, als wir sie jetzt haben. Ich wünsche mir Kindheit, modern gedacht, ohne geschichtsvergessen zu sein. Wir sind als Menschen verpflichtet, eine lebensreiche und wertvolle Zukunft zu schaffen! Nicht für Wenige, sondern für alle. Ich wünsche mir die Unbeschwertheit der Sorglosigkeit zurück. Ein Peaceable Kingdom, ein Paradies, dessen Anspruch nicht in der Perfektion liegt, sondern darin, ein sicherer Ort zu sein. Für alle. Wenn auch die Vorstellung einer Welt, die allen Menschenkindern Sicherheit und Heimat gibt, heute wie Luxus wirkt, sollten wir dafür sorgen, dass sie übermorgen zur Norm wird.
(In sprachlicher und gedanklicher Anlehnung an Walter Gropius: „heute wirkt noch vieles wie Luxus, was übermorgen zur Norm wird.“/1926)
Epilog
Dieser Artikel liegt mir persönlich sehr am Herzen. Als ich zum ersten Mal davon las, dass das Bauhaus und seine Ideen einfach aus einem kollektiven Gedächtnis, über das sich ein ganzes Land definiert hat, gelöscht werden und stattdessen völkisches Vokabular verwendet werden soll, habe ich ein weiteres Mal begriffen, wie sehr uns das Wasser am Halse steht und dass wir auf dem besten Wege sind, dass uns das alles um die Ohren fliegt.
Seither habe ich recherchiert und immer wieder die Frage nach dem „Warum“ gestellt. Ganz werde ich dieses „Warum“ nie begreifen können, in jeder Erklärung steckt ein „ja aber“. Hinter jedem „ja so könnte es sein“ ein neues „Warum“. Bei einer Sache bin ich mir aber absolut sicher: Wir dürfen nicht aufhören Fragen zu stellen und nicht damit aufhören, sie zu beantworten und immer wieder müssen wir nach neuen Antworten suchen. Wir müssen vor allem die Fragen unserer Kinder beantworten, weil sie uns die Fragen stellen, die wir zum Überleben und für Veränderung brauchen. Denn wenn ein Kind die Welt nicht mehr versteht, hat sie aufgehört ein Ort für Menschen zu sein.
Deshalb müssen wir nach Antworten suchen, vielleicht auch dort, wo wir nicht hinwollten, in uns hinein oder auch aus uns heraus, ganz weit weg.
Und wenn der Wind günstig steht, wir uns endlich zusammenreißen, wenn genug Fragen gestellt und ihre Antworten gefunden wurden, summen wir leise die Melodie von „Peaceable Kingdom“ und hören die großartige Patti Smith raunend singen: „Maybe one day we’ll be strong enough/To build it back again/Build the peaceable kingdom/Back again“
Bildquellen: Bild „Bauhaus“ Pixabay / alle anderen Bilder: Angela Pargger
Quellen und Anmerkungen
Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2026:Landeswahlleitung Sachsen-Anhalt, vorläufiges Ergebnis der Landtagswahl vom 6. September 2026; Wahlanalysen von Forschungsgruppe Wahlen und Infratest dimap, Stand 7. September 2026.
AfD Sachsen-Anhalt:Ministerium für Inneres und Sport Sachsen-Anhalt, Landesverfassungsschutz: Einstufung des AfD-Landesverbandes Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistische Bestrebung.
Bauhaus und #moderndenken:Stiftung Bauhaus Dessau; Bauhaus-Universität Weimar; Landesportal Sachsen-Anhalt, #moderndenken. Angaben zur Geschichte und Rezeption des Bauhauses sowie zu Hannes Meyer, Walter Gropius und Regina Bittner.
#deutschdenken / Hans-Thomas Tillschneider:Landtag Sachsen-Anhalt, Plenardebatten und Anträge der AfD-Fraktion „Irrweg der Moderne – für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Bauhaus“ (Drs. 8/4681) und zu #deutschdenken (Drs. 8/5478).
Ostdeutschland nach 1989, rechte Gewalt und Baseballschlägerjahre:Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), Beiträge zur Transformation Ostdeutschlands, zur Nachwendejugend und zur rechten Gewalt der 1990er-Jahre, darunter Lucia Bruns und Christian Bangel („#baseballschlaegerjahre“).
Wahlkampf 2026:Öffentliche Äußerungen von Friedrich Merz und Ulrich Siegmund sowie Berichterstattung und Wahlanalysen zur Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2026.Anlehnungen:Immanuel Kant, „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ (1784); Walter Gropius (1926); Patti Smith, „Peaceable Kingdom“, „Trampin’“ (2004).

von
Vielen dank Angela für diesen Versuch, die Hintergründe für diese Entwicklungen zu erklären. Ich war vor ein paar Jahren in Weimar, der zweiten großen Hochburg des Bauhaus. Dort kann man bei einer Stadtführung die Geschichte rund um das Bauhaus, die du beschreibst, erleben und lernen. Wer dort in der Nähe ist, sollte dies und auch eine Führung durch das Lager Buchenwald buchen. Es bewegt ungemein…
Danke Peter. Ich hab lang hin und her überlegt, ob ich die Reasentiments der Gründerzeit noch mithineinnehmen sollte, mich dann aber aus Platzgründen dagegen entschieden. Du hast natürlich völlig recht. Deshalb habe ich gerade noch den ursprünglichen Gründungsort Weimar hinzugefügt.
Ich finde die Geschichte des Bauhaus sehr bewegend, weil sich zeigt, wie ideologisch verbrämt und aufgeladen die Zeiten waren und sind.
Dein Hinweis auf das KZ Buchenwald gibt dem Ganzen nochmal eine Prise Bitterkeit hinzu.
Danke Angela für diesen ausführlich recherchierten und auch sprachlich außergewöhnlichen Beitrag!
Ich sehe die Gründe für diese „Verzweiflungstat“ ähnlich und hoffe, dass die dafür Verantwortlichen die begangenen Fehler nicht nur erkennen und einsehen, sondern nun auch so darauf reagieren und handeln, dass Extremismus nicht mehr als letzte Hoffnung empfunden wird, bevor es wieder zu spät ist.
Hallo Angela,
ich gratuliere zu diesem hervorragenden Beitrag, der vermutlich nicht nur mir einen tieferen Blick und viel mehr Nachvollziehbarkeit der Geschehnisse in Deutschlands Osten vermitteln konnte.