18. Mai 2026
Newsletter   

Was würde Jesus dazu sagen?

Lesedauer ca. 4 Minuten

Christentum und Politik

Eine Predigt, die nicht anregt oder aufregt, verdient es nicht, als solche bezeichnet zu werden. Eine treffsichere hat der Innsbrucker Diözesanbischof Hermann Glettler im Rahmen einer Feldmesse anlässlich des Zillertaler Gauderfestes gehalten.

Hier ein kleiner Ausschnitt:

(Quelle ORF und Diözesanhomepage)

Eine Punktlandung auf der Höhe der Zeit und auf der Höhe des Evangeliums. Zweifelsfrei geht es um Liebe, Achtsamkeit, Solidarität, Zusammenhalt, Einladung zum Blick über den Tellerrand vorgefertigter Meinungen und um eine seriöse Politik, die all dies berücksichtigt und keine unhaltbaren Versprechungen abgibt. Das bischöfliche Statement war zugleich eine Absage an die treibenden Kräfte des Neides, Hasses, der Ausgrenzung und Entsolidarisierung.

Ein anwesender Abgeordneter zum Nationalrat, durchaus bekannt für seine – ich würde sagen – ungehobelten Reden im „Hohen Haus“ – erboste sich unüberhörbar über die Worte des Bischofs und stellte ihn gleichzeitig in ein „gegnerisches“ politisches Eck.

Meiner Meinung nach hat er – für mich überraschend – die Botschaft unmittelbar verstanden und fühlte sich und seine Gesinnungsgemeinschaft betroffen. Eine Punktlandung eben.

Sollen Predigten stören und Diskussionen anregen?

Ich sage „ja“. Grundsätzlich ist eine unmittelbare Reaktion auf eine zeitgemäße Auslegung des Evangeliums erwünscht. Ja, ich würde mir sogar wünschen, dass es innerhalb der Liturgie ein Zeitfenster gibt, in dem die Gottesdienstbesucherinnen sich über das Gehörte austauschen und durchaus auch heftig diskutieren. Am besten in gewaltfreier Kommunikation. Dass diese erst gelernt werden müsste und eine wesentlicher Auftrag an eine breite, auch politische Bildung wäre, steht für mich außer Zweifel. Räume der Kirche könnten hier „Laboratorien“ sein. Nach respektvollen Auseinandersetzungen und Finden von Gemeinsamkeiten wäre der Boden für das gemeinsame Mahl gut bereitet. Ein Hineinplärren aus der Tiefe der Magengrube wäre wohl eher mit  dem Prädikat „flegelhaft“ auszustatten.

Darf Kirche politisieren?

Ich kenne aus meiner oftmaligen Erfahrung, dass kritische Anmerkungen zur politischen Lage, zu bedenklichen Fehlentwicklungen und Unterlassungen den Reflex mehrerer Parteien auslösen, dass Kirche und Caritas das zu unterlassen habe. Dem widerspreche ich vehement. Das Christentum ist nicht zu Ja-Sagen gestiftet, sondern als Zeichen des Widerspruchs. Vor allem dann, wenn Menschen verletzt, verfolgt, marginalisiert, ausgegrenzt werden. Sie ahnen richtig werte Leserinnen und Leser, dass es dazu ein Vorbild gibt. Konkret und über alle Zeiten: Jesus Christus. Man darf sich diesen nicht nur als zärtlichen, liebevollen, hingabebereiten und hilfreichen Menschen vorstellen, der er auch war – aber eben auch ein Mensch mit Ecken und Kanten. Einer, der sich mit dem religiösen und politischen Establishment angelegt hat – mit zutiefst politischen Botschaften. Letztendlich wurde er zum Opfer eines politischen Mordes. Ich hab vor Jahren einen von mir sehr geschätzten Spitzenpolitiker aus Deutschland für einen programmatischen Vortrag eingeladen: Heiner Geißler, dessen Wurzeln ins Zillertal reichen.

Sein Thema und sein empfehlenswertes Buch:

„Was würde Jesus heute sagen?“

Schonungslos – auch gegenüber seiner eigenen Partei – zeigt Geißler aktuelle politische Entwicklungen auf und setzt sie in Bezug zu Aussagen und Handlungen Jesu.

Politische Vereinnahmung der Religion

Unübersehbar nehmen wir wahr, dass politische Parteien und ihre Repräsentanten die Religion vereinnahmen und zu „heiligen Kriegen“ aufrufen. Präsidenten und Parteivorsitzende stellen sich vorlieb als Heilsbringer und Erlöser dar. Einhergehend mit dem Wunsch, ja der Aufforderung, dass Volk möge sie mit Allmacht ausstatten und ihnen huldigen. Andersdenkende werden „exkommuniziert“, ja verfolgt, als auszurottendes Ungeziefer bezeichnet. Ihre öffentlichen Auftritte nehmen dabei fast liturgischen Charakter an. Als besonderes Beispiel seien hierzulande die Aschermittwochreden angeführt. Der Aschermittwoch, der eigentlich ein Fast- und Besinnungstag ist, wird zum politischen Rundumschlag benützt. Begleitend mit aufpeitschenden Klängen werden die „Hohen Priester“ der Parteivorsitzkaste fahnenschwingend und bejubelnd zur Abschussrampe Rednerpult geführt. Von dort aus beginnt die verbale Hinrichtung der politischen Gegner und ihrer Sympathisanten und mündet in den Tanz um das „goldene Kalb“ des Mehrheitsbringers. Hier meine Facebook-Reaktion auf die Aschermittwoch-Rede 2026:

Der Aschermittwoch macht uns unsere Sterblichkeit bewusst: „Mensch bedenke, dass du wieder zu Staub wirst“  Welche Angst muss wohl vorherrschen, dass man endlich zum „Staub der Geschichte“ gehören wird, um sich so dagegen aufzubäumen.

Was würde Jesus sagen?

„Kehrt um und liebt!“

Liebe ist ein Tun-Wort. Oder wie es Franziskus einmal sinngemäß gesagt hat. „Verkündet unaufhörlich das Evangelium – verwendet aber nur wenn es unbedingt nötig ist –  Worte dafür.“

An unseren und ihren Taten erkennbar sein – auf der Höhe der Zeit und auf der Höhe des Evangeliums – oder eben nicht.

Fotos: Georg Schärmer privat

Diesen Artikel teilen:

Georg Schärmer

Geboren am 14. März 1956. Jahrelanger Leiter sozialer Einrichtungen und Bildungsstätten; zuletzt Direktor Caritas Tirol und Vizepräsident Caritas Österreich. Vorstandsmitglied von Pflegeeinrichtungen im In- und Ausland. Autor mehrerer Bücher, Publikationen und Herausgeber von Kulturformaten. Besondere Interessen: Musik, Literatur, Architektur und Sozialraumentwicklung. „Ziel des Schreiben ist es, andere sehen zu machen“ (Joseph Conrad)

Alle Beiträge ansehen von Georg Schärmer →

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert