21. Juli 2026
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Kaleidoskop – B – Bordeaux

Lesedauer ca. 7 Minuten

Bordeaux – nur eine Farbe? Ein Mythos, der wieder lebt.

Erfahrungen mit der Stadt an der Gironde.

Ich begebe mich – sie schon so oft – wieder auf die Suche des Mythos Bordeaux. Die Stadt selbst – groß und breit und mächtig – betreibt eine Fassade. Die heimliche Hauptstadt Frankreichs – auf jeden Fall des Südwestens lebt in einer Art Selbstgefälligkeit, aber auch Selbstständigkeit, die sich auf ein langes Dasein stützt, das schon einigen Ärger aber auch Trutzigkeit ausgehalten hat. Hier hat die Resistance überlebt, die Basis der Girondisten, die den Jakobinischen Königen unter anderem das Fürchten lehrte – und war lange Zeit der aktuellen Capitale Paris bei weitem an Pracht, Stärke und Feinsinnigkeit überlegen. Und – einen Teil des britischen Understatements, aber auch der Kaltschnäuzigkeit – die hier 300 Jahre lang ein wenig zum guten Ton gehörten – hat man in die Geschäfte des Landes am Wasser – Aquitanien – übernommen.

Da der Weinbau – aber vor allem der Weinhandel – Gespür für Kundschaft und deren Absichten beinhaltet, hat sich das alte Weinland gerade noch rechtzeitig – neu aufgestellt. Heutzutage ist Bordeaux – also der Weinbau in allen Facetten – maßgeblich den neuen – v.a. den biologischen – aber auch klimatischen Herausforderungen einen wesentlichen Schritt näher, als andere, große Weinbauregionen der Welt. Und – ist in seiner aktuellen Form maßgeblich für Anhänger des edlen Traubensaftes, egal ob bei den feinen Weißweinen aus Graves, den grandiosen Süßweinen aus Barsac oder Sauternes und den hedonistisch-aromatischen Rotweinen des Medoc und dem Libourais mit seinen Satelliten.

Nebenbei bemerkt – das französische Weingesetz – Apellation controlle AC genannt, rangiert die Hälfte der 110 000 Hektar Weinbaufläche als „normalen“ Bordeaux AC. Und hier – liebe Freunde – gibt es in guten Jahren – oft genauso gute Weine als in den teuren Zonen von Pauillac, Margeaux, St. Emilion etc. Unser kleines Weinland Österreich erntet dagegen Trauben von ca. 56.000 Hektar.

Der Wettbewerb und die aktuelle Qualitätsoffensive, sowie sehr gute Jahrgänge sind prägnant. Dass der Ruhm und Bekanntheit der Weine aus Bordeaux wohl auf einigen geschichtlichen Daten beruht , lässt sich eben an der Partnerschaft mit „good old England“ erkennen, dessen Durst bekanntermaßen immer schon groß war. Aber auch gute Handelsbeziehungen zu den besten Händlern des Mittelalters – den Holländern – und den Nordseehäfen Hamburg, Antwerpen, Brügge und Bremen begründet den Flow. Allerdings – ohne den gut schiffbaren Hafen an der 60 km landeinwärts gelegenen Stadt wäre es wahrscheinlich anders gekommen. Und – die adeligen Herren der Chateau genannten Feriendomizilen waren sich einig, weder die guten Weine der umgebenden Gebiete wie Cahors, des Sarlat oder gar des Roussillon über den Hafen „ihrer“ Stadt absetzen zu lassen. Findige Händler gründeten feine Weinbars in London und Bristol, aber auch bald in Savannah, Boston und anderen wirtschaftlichen Metropolen der Welt.

Heutzutage ist das Weinbusiness ebenso diffizil als volatil. Für nicht eingeweihte ist der „place bordeaux“ ein undurchsichtiger. Seit sich der Ostasiatische Raum – va. Honkong – als britische Enklave voran – für investment by bying – und auch die neue chinesische Elite für westliche Kultur und Geld interessiert, ist einiges anders geworden. Aber – Gott sei dank muss man sagen, haben die traditionellen Kräfte wieder das Heft in der Hand – und auch das Herz dabei.

Chateau Pontet Canet – Pferdegespanne vor dem Chai – Foto Pontet Canet.

Stille Revolution: Einige Ansätze zum Weinbau von Rolf Bichsel, Chefreakteur Vinum, Schweiz: „Bordeaux ist weinmäßig nicht nur eine Weltmacht, sondern zählt auch zu den innovativsten Weinregionen, ob das gefällt, oder nicht. Bordeaux ist später auf den Zug der Ökologiebewegung gestiegen als etwa das Burgund (was nicht zuletzt mit der Größe der Betriebe zu tun hat), aber heute arbeitet es konsequent ökologisch. Dutzende neue, so funktionelle wie ästhetische Keller sind in den letzten Jahren entstanden und entstehen – umweltkonform – weiter“. Das Wohl und der Arbeitskomfort werden immer wichtiger. Der Empfang auf den Gütern – und zwar aller – wird dank neuer touristischer Avancen – laufend verbessert. „ Wo den schmachtenden Weinfreunden früher ein kleines Täfelchen an die Tür gehängt wurde – sind nicht da – werden heute elegante Empfangsdamen – schlichtweg distinguished – an die Türe gestellt – ein fröhliches „bon jour“ and hello – besonders freundlich, englisch ist ohnenin ein „must“. Und – es werden wieder Haus- und Gemüsegärten angelegt, Pferde zum Pflügen gehalten und auch Restaurants / sowie Caterings betrieben. Nicht nur „vert“, sondern auch authentic. Und kompetent.

Meine persönlichen Erfahrungen sind inzwischen : War (leider) schon lange nicht mehr dort. Zwei mal mit Gastro-Kunden, anstrengend. Neben der weitläufigen Weinlandschaft des fast flachen Medoc – mit den Dörfern Margeaux, Pauillac, St.Julien und St. Estephe, dem fast von der Cite‘ einverleibten Graves im Süden gibt es noch das „rive droite“ – also das Gebiet rechtsseitig der Dordogne. Hier ist es ländlich, außer im pittoresken Städtchen St. Emilon. Touristisch und teuer.

Aber hier wachsen wohl die besten Rotweine der Welt auf „terrasses calcaires“ – Also Kalk.

Sortiertisch bei der Traubenannahme – Foto Chateau Pontet Canet.
Betonamphoren am Biodynamisch arbeitenden Betrieb Pontet Canet. Foto Pontet Canet.

 Zusammenfassend kann man festhalten, dass der Mythos Bordeaux bei weitem nicht so träge ist wie angenommen. Neuer Wind weht in den Rebzeilen, deren Hauptsorten Cabernet Sauvignon,Merlot, Carmenere, Sauvignon Blanc und Semillon auch die Qualitäten anderer Weinländer bestimmen. Viele der teuersten und besten Weine der Welt werden – aus zumeist diesen Sorten gewonnen. In Italien sind die „Kultweine“ Sassicaia und l‘Aparita aus Cabernet und Merlot.

Wer sich wirklich für guten Wein interessiert, kommt um diesen Wein-Archipel nicht herum. Und – auch die oft gute Haltbarkeit von 10 bis 40 Jahren – ist ein sicheres Indiz für Qualität, aber nicht alles ist Gold, was glänzt. In meinem bescheidenen Keller sind jedoch einige Flaschen, die darauf warten, das Licht der Welt zum 2.mal zu erblicken, und das leider nur, um der wartenden Schar in den Schlund zu gleiten. Gut gelüftet – und auch dekantiert /umgeschüttet, also mit Luft versehen. Ich bekenne mich dabei zu den Rotweinen. Weiß und Süß haben wir selbst!

Vorletztes Jahr konnte ich – zugeben mit gespanntem Gaumen – einen Pichon Lalande „Comtesse“ mit meinem Geburtsjahr 1959 schlürfen. Allerdings hat er – wie auch ich – anzunehmenderweise – die besten Zeiten schon gehabt. Jedoch – der Wein hatte noch 1-2 Stunden ein zartes Aufbäumen.

Schlecht war er nicht, aber halt etwas verblüht…, wenn ihr wisst, was ich meine.

Wenn man Infos zu guten Händlern braucht, sind die websites von „Lobenbergs gute Weine“, Pinard de Picard, oder der klassische Österreich-Importeur Derksen zu empfehlen. Und – meine empfehlenswerten Weingüter wären:

Chateau Retout – Medocweiß wie rot betörend, preiswert!  14€
Chateau Puygueraud – Cotes de Francsein Bündel an Finesse, unterpreisig!18€
Chateau Villars – FronsacLiebenswürdig wie ein Freund15-20€
Chateau Moulin Haut Laroque – FronsacJean Noel Herve – ein großer Könner 30€
Chateau Pressac – St. EmilonQuintessence aus alten Reben  45€
Chateau Phelan Segur – St. EstepheDas Feuer des Cabernet lodert  40-50€
Chateau Durfort Viviens – Margeauxwohl das Beste der günstigeren Güter   60€
Chateau Pontet- Canet , PauillacBiodynamik pur. Besser als die 1-ers. 80-100€
Weingebietskarte Bordeaux. Foto von Lobenberg.

Karte Aromen des Weines. Foto von Lobenberg.

Die berühmten 1-er Crus – aus der 1. Klassifikation von 1855 Mouton Rothschild, Lafite, Latour, Margeaux, Haut Brion und d‘Yquem liegen bei 500 bis 1000 € das Flascherl „en primeur“.

Also unerreichbar und eher ein Spekulationsobjekt für Staatenlenker, Wirtschaftskapitäne, Oligarchen und Mafia allerorten. Übrigens – die Etiketten – nicht die Weine werden seit langem hochwertig gefälscht – aber nur die teuren! Hier wäre die alte Weisheit „in vino veritas“ anzuwenden! Der Schwindel liegt seit jeher im Etikett, nicht im Wein….

Auf jeden Fall bietet der Großraum Bordeaux heutzutage jede Menge guter bis sehr guter Weine mit einem letztlich ausgezeichneten PL-Verhältnis – Spannung, Finesse und Frucht sind bei den guten Weinen im Ausgleich, erfreuen Herz und Gaumen und sind – no na – in gut gereiftem Zustand die besten Essensbegleiter, die man sich vorstellen kann. Am besten kauft man beim Fachhändler – sogar 1 bis 2 Jahre vor Auslieferung der Ware – also 1 Jahr nach der Ernte – und spart so ca 25 % des folgenden Erstpreises, also en primeur. Oder schaut sich am Markt um. Es gibt reife Ware aus den Jahren 2012, -15, -16 oft nicht mehr. Leider. Dann wieder 17, oder 19. Groß wird 2022. Aber das heißt noch 5 Jahre warten…

Chateau Margaux – Foto: Colin Burbidge from Pixabay

Barriquefässer im Chai – Foto Chateau Pontet Canet,

Zum Abschluss noch einige Zeilen des charismatischen Baron Philippe de Rothschild, dem Bankier und Gutsbesitzer von Chateau Mouton Rothschild

Der Wein
Er wird geboren
dann lebt er
doch stirbt er nicht
Im Menschen lebt er weiter

Gottes Werk
die Natur in Symbiose
Kraft menschlicher Seelen
Mit seiner Entstehung verflochten

Schicksal aus Humus und Saft
Die Macht seiner Schöpfer
Einer schönen Hoffnung Versprechen
Geht der Wein, in Glas gekleidet, dahin
Magischer Träger einer Botschaft

Bemalte Etiketten
Die Kunst großer Meister
Jeder steuert zu alldem bei
Von der Erde und vom Himmel her
Echo einer innigen Widmung

So gehen die Jahre
Und so gedeihen
Das Werk
Das Leben
und der Wein.
Baron Philippe, 1982

In dem Sinne, wünsche ich euch allen, aber auch mir, manchmal von dem Elexir Bordeaux zu kosten, das sich einfach Wein nennt – aber auch so vieles Anderes ist.

Alfred Walch

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Alfred Walch

Jahrgang 1959, wohnhaft seit jeher in Inzing, verheiratet mit Veronika / Vroni – aus dem Hause Gastl. Zwei Kinder – Julia und Theresa – beide nun Therapeutinnen. Seit Jänner 2022 in Pension, langjähriger Leiter der Weinabteilung des Handelshauses Wedl. Interessen: Lesen, Kopfreisen und auch so, e-Radlfahren, etwas Bergsport, Kochen sowieso. Musik hören von Jazz bis Volxmusik, etwas Fotografieren, Europa kennenlernen. Leidenschaft: Wein und seine Geschichte(n) dazu. Seit ca. 35 Jahren mit der Sache beschäftigt. Wünsche: noch eine gute Zeit zu haben, politisch-sozialer Friede, Enkel aufwachsen sehen, ev. noch Französisch aufbessern, gute Literatur und das Geheimnis der Poesie finden…

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