Hinter und vor der Kirchentüre stand die Hitze wie zwischen Heuballen auf freiem Feld während der Erntezeit. So brachte auch der Innenraum des Gotteshauses in der heißen Schwüle des Freitagnachmittags nicht wie erwartet die erhoffte Abkühlung. Die vielen Besucher*innen, die den Weg in die Pfarrkirche der Gemeinde Inzing gefunden hatten, wurden bei ihrer Ankunft nicht mit einem kühlen Aufatmen belohnt. Ihrer Hoffnung auf einen kühlen Kirchenschauer beraubt, nahmen sie recht ermattet in den Kirchenbänken Platz. Trotz der stehenden Hitze entwickelte sich am Freitag, dem 17. Juli, eine gespannte Erwartung auf den Beginn des Orgelkonzertes „Organ goes Cinema“ mit dem Organisten Filippo Manci.
Pünktlich um 19 Uhr stellte der Organisator des Konzertabends, Kirchenratsobmann Mathias Gastl, den Künstler Filippo Manci vor.


Gastl führte die Besucher*innen in die große Welt des Kinos ein. Er erklärte den Konzertabend zu einer Reminiszenz an die Anfänge des Kinos und erinnerte an die Zeit, als ratternde und flimmernde Filmstreifen noch live von der Orgel begleitet wurden. Und dann begann es einfach.
Nach den ersten Tönen ist selbst ohne Programmblatt klar: Manci eröffnet den filmischen Konzertabend mit einer für eine Kirche ungewöhnlichen Ikone.

James Bond betritt die Leinwand der Phantasie und der Innenraum der Kirche avanciert zur Filmbühne. Dr. No schleicht verbrecherisch durch die Kirche. 007 ist ihm ganz nah auf den Fersen. Sie erobern die Kirche mit kühnen Sprüngen über die Fenstersimse des Altarraums. Bis zum letzten Ton liefern sich Held und Widersacher einen atemberaubenden Kampf.
Kaum ist der Kampf verklungen, ergaunern sich die charmanten Ganoven aus Der Clou die Herzen und Ohren der Besucher*innen. The Entertainer hält mit dem Takt eines leichtfüßig tanzenden Charleston augenzwinkernd Einzug. Eine heitere Stimmung durchdringt den Kirchenraum, der in barocker Anmut unbeschwert und leicht mitschwingt, während sich die Töne des Ragtime langsam zurückziehen. Selbst die Heiligen mussten eben schmunzeln und einer, ich hab’s gesehen, schwang sogar das Bein.

Mit abrupt einsetzender Sehnsucht breiten die Takte von My Heart Will Go On ihre Schwingen aus. Sie kreisen über dem Kirchenraum, der nun als riesiger Ozeandampfer die Zuhörer*innen sanft in die nächste Szene schaukelt. Am Bug breiten Jack und Rose die Arme aus, um im Aufwind der Hoffnung zu fliegen. Einer Hoffnung von grenzenloser Freiheit als Könige der Welt. Sanft teilt der Dampfer weiße Gischt. Die Wandfarben der Kirche verschwimmen zu einem rosaroten Meer. Der hellgrüne Stuck der hohen Kirchenbögen verwandelt sich in schaumbrandende Wellenwipfel, auf denen goldschimmernde Krönchen thronen und der Filmkulisse Bewegung und Zauber schenken. Fast möchte man das Herz nach der größten Liebe aller Zeiten ausstrecken: „Dann […] schauen wir von Angesicht zu Angesicht. […] Dann […] werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. […] Am größten […] ist die Liebe.“ (vgl. 1 Kor 13,12–13)

Klar und rhythmisch steigt im nächsten Filmkapitel die Star Wars-Melodie wie eine Hymne empor. Meister Yoda schwebt in gelassener Präsenz über den Stufen des Altarraums. Mit „Zuhören du musst“, wendet er sich in Seelenruhe an die Besucher*innen. Schwebend flackern Lichtschwerter an allen Ecken und Enden. Sie schlagen aneinander, blitzen surrend auf. Das Dunkle kämpft gegen das Gute. Die pochenden heroischen Takte erzählen das Geschehen in durchdringender Tonfolge. Die Dichte der Erzählung, die Atemlosigkeit und zeitweise Erschöpfung der Helden*Innen und Gegenspieler*Innen ist fast greifbar. Das Herz stolpert einer Melodie hinterher, die sich fast selber zu überschlagen scheint. Hoch über allem zieht ein Engel mit schwingendem Weihrauchfass seine Kreise um den Kronleuchter, als wollte er mit den aufsteigenden Schwaden „Möge die Macht mit dir sein“ in den Himmel schreiben.

—-Schnitt. Leise, wie das Tapsen ungelenker Kinderfüße, weist die Orgel den Weg in den Kinosaal des Cinema Paradiso. Das Musikstück Elegia per il cinema erzählt mit leiser Wucht von einer Freundschaft, die die Welt des Kinos mit der echten Welt des kleinen Totò verbindet.
Fröhlich tanzt Totò durch den Mittelgang der Kirche. Im Altarraum entfaltet sich eine riesige Leinwand. Vorsichtig betritt Totò sie und läuft durch die kleinen Gassen seines Heimatdorfes direkt in den Vorführraum des Cinema, in dem flirrende Filmbänder durch den Projektor rattern. Behutsame Orgelklänge verweben spielerisch die besondere Freundschaft zwischen Totò und dem alten Filmvorführer Alfredo mit der romantischen Magie des alten Kinos und begleiten das Publikum auf dem Weg durch die Landschaft der Wünsche und Träume, der Sehnsüchte, der Liebe und des Vertrauens.


Von der Totalen in die Ferne entschwindet schließlich das als melodischer Gedanke immer wiederkehrende Bild von der kleinen Hand Totòs in der großen Hand seines Freundes, des alten Alfredo. Eine berührende Erinnerung daran hält vor unserem Herzen Wache und fragt leise, ob wir nur erwachsen und groß werden, wenn genug Kindsein, Liebe und Vertrauen in uns Platz finden.
Noch im träumenden Nachhall der Elegia per il cinema gerät eine eigenwillige Person in das Hör- und Blickfeld der Zuhörer*innen. Mit He’s a Pirate betritt Captain Jack Sparrow entschlossen den Kirchenraum. Begleitet von heroischen Klängen platziert er sich gleich wie selbstverständlich am Bug des Kirchenschiffes, das nun mit wehenden Segeln und festen Masten seine „Black Pearl“ ist, die stolz in See sticht. Verwegen kämpft er sich durch maritime Tiefen und Höhen, setzt in waghalsig übereiltem Tempo einen Fuß an Land, um sofort wieder eine unglaubliche Seeschlacht zu schlagen. Die Zuhörer*innen sehen ihn an den Seilen der Kirchenluster schwingen, als seien es die festen Taue eines Segelschiffes.

Captain Jack Sparrow. Ein Pirat des Enterns, des Scheiterns und der Herzen. Ein gottloser Pirat, der eigentlich gar nicht so gottlos ist, weil in seiner Brust ein lebensfrohes Herz voll Eigensinn, Loyalität und Menschlichkeit schlägt, das er allerdings immer ein bisschen zu spät entdeckt. Gewitzt und herausfordernd stellt er klar, dass ihm nichts heilig ist, dass er Kirche und Besucher*innen mit Charme und Ungeschicklichkeit schon längst eingenommen hat und nicht gewillt ist, sie zu entlassen. Die Orgel feuert seine Waghalsigkeit an, lässt ihn kämpferisch zum Erfolg stolpern. Frech und gewitzt setzt er sich über alle Konventionen des musikalisch schwingenden Kirchenraumes hinweg. Und im Abklang der letzten Takte scheint es fast so, als würde er die Heiligen im Altarraum auffordern, ihre Kopfbedeckungen abzunehmen und wie Rockstars in die Menge zu pfeffern.
Erschöpft blicken die Zuhörer*innen dem taumelnden Piraten nach, dessen eine Hand an der Rumflasche klebt, während er mit dem anderen Arm versucht, seinen torkelnden Gang auszugleichen. Der Gedanke, den Abend jetzt im Widumgarten mit einem kühlen Gläschen zu beschließen, wird jäh hinweggefegt.
Während man bis jetzt dachte, das Herz sei schon übervoll, gießt Johann Sebastian Bachs Toccata und Fuge in d-Moll noch machtvollen Glitzer und Erhabenheit im Überfluss hinein, damit auch von innen nach außen schimmert, was nun auch im prächtigen Kirchenbau sichtbar wird.
Das Licht verändert sich zu strahlendem Gold, fängt die mächtigen Orgeltöne funkelnd ein und sendet in jubelndem Emporkreisen einen Liebesgruß an Himmel und Erde.

Bescheiden tritt die wunderbare Kinowelt in den Hintergrund und kehrt mit allem, womit sie die Zuhörer*innen bezauberte, an ihren Ursprungsort zurück. Auf die Orgelempore der Kirche, in den „Vorführraum“ des musikalischen Herzens der Inzinger Pfarrkirche.
Auf dieser Empore steht Filippo Manci nach seinem großartigen Konzert und gibt nach den Standing Ovations seines Publikums noch eine fulminante Zugabe. Manci erschuf an diesem Abend ein cineastisches Hörerlebnis. Die Musikstücke malten Bilder, die sich für die nächste Melodie auflösten. In der Toccata und Fuge in d-Moll schließlich flossen alle Erlebnisse, alle Geschichten, alle Träume, Sehnsüchte und Wünsche des mit der Orgel erspielten Kinoreigens zusammen. In ihrer erhabenen Wucht setzten Toccata und Fuge einen Schlussakkord, der das tat, was gute Kunst mit Menschen macht. Sie spendet Kraft und Trost, sie schenkt Weitsicht und Freude. Sie sprach alle Sinne an und lud ein: den Geist zur Phantasie, die Seele zum Innehalten und die Augen zum Staunen. Vielleicht liegt gerade in diesem Dreiklang das Geheimnis eines lebendigen, freien Herzens. Eines Herzens, das Erinnerungen bewahrt und den Menschen an die Schönheit und Tiefe eines Erlebnisses erinnert, um auch morgen noch gerne an heute zu denken.
In einem Schlusswort bedankte sich Mathias Gastl beim Organisten Filippo Manci. Diesem Dank möchte ich mich persönlich anschließen. Es freut mich außerordentlich, dass ich diesen besonderen Abend miterleben, fotografieren und darüber berichten durfte. Mathias Gastl und seinem Team ist es gelungen, aus diesem Konzertabend ein besonderes kulturelles Highlight für Inzing zu machen.
Gehe mit staunenden Augen und einem lebendigen Herzen in die Welt hinaus und halte inne. In diesem Innehalten kann dir alles begegnen, auch ein Herzensmoment wie dieser: Nach dem Konzert überreichte ein junger Mann dem Organisten Filippo Manci eine selbst gestaltete Tasse mit Orgelmotiven. Der junge Mann ist ein begeisterter Orgelspieler und darf von Zeit zu Zeit auf seinem Lieblingsinstrument musizieren. Filippo Manci war die Rührung über diese unverhoffte Begegnung ins Gesicht geschrieben. Er zeigte sich tief beeindruckt von dem liebevollen Geschenk und der besonderen Begegnung.



Die sommerlichen Orgelkonzerte unterstützen einen guten Zweck. Auch diesmal durften viele Spenden zugunsten der Renovierung der Pfarrkirche eingenommen werden. „Organ goes Cinema“ war nicht das erste und nicht das letzte Konzert dieser Reihe. Deshalb dürfen wir uns 2027 auf eine wunderbare Fortsetzung mit einem weiteren besonderen Organisten freuen.
Die Pfarre Inzing lud nach dem Konzert zum Aperitivo in den Widumgarten ein. Dort erwarteten die Besucher*innen kleine Speisen und Getränke. Das Pfarrteam hatte alles hübsch vorbereitet, die Jungbauern unterstützten das Team. So konnte der Abend ruhig ausklingen.


Filippo Manci
Der in Rom geborene Filippo Manci studierte Orgel und Orgelkomposition am Konservatorium „A. Casella“ in L’Aquila. Darüber hinaus studierte er auch Cembalo und Orchesterdirigieren und erweiterte sein Können durch zahlreiche Meisterklassen, unter anderem an der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom und am Mozarteum Salzburg.
Als Organist war er an der päpstlichen Basilika San Giovanni in Lateran und der Kirche San Salvatore in Lauro in Rom tätig. Seit September 2024 ist er Hauptorganist an der Kirche Sant’Ignazio di Loyola.
Im Laufe seiner Karriere arbeitete er mit international renommierten Dirigenten wie Peter Maag, Claudio Abbado und Ennio Morricone zusammen. Als Organist konzertierte er bei zahlreichen nationalen und internationalen Festivals in Italien sowie im Ausland, insbesondere in Österreich und Deutschland.
Seit vielen Jahren widmet sich Filippo Manci der Bearbeitung und Transkription sinfonischer Werke und von Filmmusik für Orgel. Er transkribierte und interpretierte unter anderem Beethovens 5. Sinfonie, Mozarts Violinkonzert Nr. 5 KV 219 sowie Filmmusik aus Indiana Jones, Harry Potter, Superman, Star Wars (John Williams), Fluch der Karibik, Interstellar (Hans Zimmer) sowie zahlreiche Werke von Ennio Morricone und Monty Norman (James Bond – Dr. No).
Sein Ziel ist es, die klangliche Vielfalt und die einzigartigen Klangfarben der Orgel hervorzuheben. Ähnlich wie einst Johann Sebastian Bach Instrumentalkonzerte Antonio Vivaldis transkribierte, möchte Manci mit seiner Arbeit das Orgelrepertoire erweitern und die vielfältigen klanglichen Möglichkeiten der Orgel einem breiten Publikum näherbringen.

Organ goes Cinema
Programm
Dr. No Monty Norman (1928–2022)
The Entertainer Scott Joplin (1868–1917)
My heart will go on (Titanic) James Horner (1953–2015)
Star Wars – Fantasie John Williams (*1932)
Elegia per il cinema E. Morricone (1928–2020)
He’s a Pirate – Fantasie Hans Zimmer (*1957)

Disposition der Orgel
| Hauptwerk Bordun 16′ Prinzipal 8′ Gemshorn 8′ Flöte 8′ Dulciana 8′ Oktave 4′ Rohrflöte 4′ Quinte 2 2/3′ Superoktav 2′ Cornett 2′ Mixtur 1 1/3′ | Rückpositiv Gedeckt 8′ Krummhorn 8′ Salizional 8′ Prinzipal 4′ Waldflöte 2′ Quinte 1 1/3′ Cymbel 1′ | Pedal Prinzipalbass 16′ Subbass 16′ Oktavbass 8′ Quintbass 5 2/3′ Choralbass 4′ Posaune 16′ |

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