17. Juli 2026
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Weil sie uns vertrauen

Lesedauer ca. 7 Minuten

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Frauen bis heute mit Erwartungen aufwachsen, die oft widersprüchlich sind. Sie sollen fürsorglich sein und durchsetzungsfähig. Erfolgreich, aber nicht zu ehrgeizig. Selbstbewusst, aber nicht unbequem. Sie sollen Verantwortung übernehmen, für andere da sein. Nicht selten werden sie gefragt, wann sie Kinder bekommen, wie sie Familie und Beruf vereinbaren wollen oder weshalb sie sich gegen Kinder entschieden haben. Viele dieser Erwartungen erscheinen so selbstverständlich, dass wir sie kaum noch hinterfragen. Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Nicht selten lautet die Botschaft: „Wenn du dich in einem männlich geprägten System durchsetzen willst, musst du bereit sein, selbst andere Menschen zu übergehen, zu belächeln und zu entwerten.“ Das ist kein Miteinander. Es ist ein ständiges Schwanken zwischen Anerkennung und dem Entzug derselben. Doch die Anpassung an gesellschaftliche Erwartungen ist nur die eine Seite. Die andere ist andauernde Wachsamkeit. 

Frauen tragen eine Last, die für viele Männer unsichtbar bleibt: niemals selbstverständlich davon ausgehen zu können, sicher zu sein. Das ist patriarchal geprägte Realität. Frauen lesen permanent ihre Umgebung. Sie lesen ihr Gegenüber. Auf einem Fest fragen sie sich nicht nur, ob der Abend schön wird. Sie fragen sich: Wie meint er das? Bleibt es bei einer anzüglichen Bemerkung oder muss ich mit mehr rechnen? Kann ich allein zur Toilette gehen? Ist die Abkürzung heute zu dunkel und gefährlich? Kann ich mein Getränk noch austrinken oder hat mir jemand etwas hineingegeben? Warum will mir dieser Mann unbedingt etwas spendieren, obwohl ich bereits mehrmals Nein gesagt habe? Warum fasst er mich an, obwohl ich es nicht möchte? Warum kreisen manche Gespräche nur um Frauenkörper und sexuelle Verfügbarkeit, obwohl ich einfach nur einen schönen Abend verbringen wollte? 

Für die meisten von uns ist genau das der normale Abend. Unentspannt wird er erst, wenn tatsächlich etwas passiert. Und genau da liegt das Problem: Dass dieser Zustand längst als selbstverständlich gilt. 

Ich weigere mich, diese Selbstverständlichkeit hinzunehmen. Ich weigere mich, sie an die Generationen nach uns weiterzugeben. Mädchen sollen nicht lernen müssen, ständig ihre Sicherheit mitzudenken. Jungen sollen nicht in einer Kultur aufwachsen, die ihnen vermittelt, Männlichkeit bedeute Dominanz, Grenzüberschreitung oder die Abwertung anderer. Frauen sind kein Selbstbedienungsladen. Brüste sind keine Auslage. Ein Nein ist keine Einladung zu weiteren Versuchen. Respekt ist keine besondere Tugend. Er ist die Grundlage jedes menschlichen Zusammenlebens.

Es ist Zeit für einen tiefgreifenden Wandel. Nicht, damit Frauen noch besser lernen, mit einem ungerechten System zurechtzukommen, sondern damit dieses System sich endlich verändert. Dieser Wandel richtet sich nicht gegen Männer. Dieser Wandel braucht Männer! Männer, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Wenn manche diesen Weg nicht mitgehen wollen, dann ist er trotzdem der richtige. Es ist ein Weg für alle, die eine menschlichere Gesellschaft wollen. Dafür braucht es starke Frauen. Nicht jene, die der männlichen Deutungshoheit Raum geben, indem sie Menschen rücksichtslos nach ihrer Funktion beurteilen und über Bedürfnisse, Zusammenhänge und Notwendigkeiten hinwegstiefeln. Wir brauchen Frauen, deren Stärke es ist, sich zu weigern, Anerkennung um den Preis der Entwertung anderer zu erkaufen.

Ecce homo – Gegen die Reduktion des Menschen auf Funktion

Wer den Menschen nicht auf seine Funktion reduziert, verändert zwangsläufig auch seinen Blick auf Bildung und Erziehung. Kinder und Jugendliche sind keine kleinen Erwachsenen. Wer Entwicklung begleitet, braucht Offenheit dafür, dass sie nicht planbar ist. Ich möchte diese Haltung als pädagogische Demut bezeichnen. Sie ist für mich die Quintessenz der Notwendigkeit, sich niemals über die Persönlichkeit eines Menschen zu stellen.

Manchmal macht ein Kind schulische Fortschritte, manchmal wächst es an einer sozialen Herausforderung, manchmal lernt es, Verantwortung zu übernehmen, Konflikte anders zu lösen oder nach einer schwierigen Zeit wieder Vertrauen zu fassen. Entwicklung ist mehrdimensional und jede ihrer Richtungen hat ihren eigenen Wert. Kein Entwicklungsschritt ist wertvoller als ein anderer. Kindliche und jugendliche Entwicklungsfortschritte lassen sich nicht auf Noten, Leistung oder Anpassung reduzieren, denn soziale Entwicklungen sind genauso bedeutsam wie schulische Leistungen. Kinder und Jugendliche als ganze Menschen zu sehen, verlangt deshalb mehr als Konsequenz, es verlangt Gespür. Das bedeutet nicht, alles zu entschuldigen. Grenzen gehören zu einem gelingenden Aufwachsen, Verantwortung ebenfalls. Aber zwischen Verurteilen und Verstehen liegt ein entscheidender Unterschied. Wem junge Menschen anvertraut sind, der muss bereit sein, hinter Verhaltensweisen zu schauen. 

So ist Elternschaft wahrscheinlich eine der anspruchsvollsten Aufgaben. Elternschaft bedeutet, junge Menschen in all ihren Facetten wahrzunehmen, ihnen mit Geduld und Vertrauen zu begegnen und Orientierung zu bieten. Alles, ohne den eigenen Weg über den des Kindes zu stellen. Wer beruflich Verantwortung für Kinder und Jugendliche übernimmt, trägt eine Verantwortung, die der Elternschaft in vieler Hinsicht nahekommt. Nicht, weil beide dieselbe Aufgabe haben, sondern weil beide denselben Menschen auf seinem Weg unterstützen.

Deshalb gelingt Entwicklung am besten dort, wo Elternhaus und Schule einander nicht als Gegner, sondern als Partner begegnen. Kein Kind gehört nur zu seinen Eltern. Es wächst in Gemeinschaften auf. So begleitet kein Lehrer und keine Lehrerin nur ein einzelnes Kind, sondern eine Gemeinschaft junger Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten, Begabungen und Herausforderungen. Gerade deshalb braucht es Zeit. Aufmerksamkeit. Reflexion. Gespräche. Es braucht Erwachsene, die dieser äußerst anspruchsvollen Aufgabe mit genügend Kraft und Liebe gerecht werden, die nicht zuerst fragen: Wer hat recht?, sondern: Was braucht dieses Kind? Was braucht diese Gemeinschaft? Und wie können wir gemeinsam dazu beitragen, dass beides wachsen kann? 

Vertrauen und Wachstum

Wenn Kinder und Jugendliche nicht nach „Schema F“ – hier passenderweise nach dem Schema Funktion – begleitet werden, geschieht etwas Erstaunliches: Sie öffnen sich. Sie beginnen zu diskutieren, Fragen zu stellen, Neues anzunehmen und Wahrscheinlichkeiten ebenso wie Grenzen neu auszuloten. Vor allem aber kommen sie sich selbst näher. Sie überwinden jene Distanz zu sich selbst, die eine Welt permanenter Verfügbarkeit, sozialer Medien und technischer Überreizung allzu leicht entstehen lässt. Sie entdecken sich selbst, erschließen sich Freiräume, in denen Vertrauen und innere Berührbarkeit wachsen und bewahrt werden können.

Junge Menschen, die so begleitet werden, entwickeln ein neues Denken aus sich selbst heraus. Sie lernen zu erkennen, welche Machtstrukturen menschliches Leben begrenzen oder verhindern und welche ihnen ein würdevolles Leben in Freiheit und Entfaltung ermöglichen. Damit stellt sich zwangsläufig die Frage, welche Gesellschaft wir an die nächste Generation weitergeben wollen. Daraus wiederum wächst die Erkenntnis, dass Verletzungen der weiblichen Würde und Integrität der Ursprung waren, dass es aber längst um mehr geht. Es geht um die Welt, die wir den Kindern und Jugendlichen hinterlassen. Nicht alle Männer, nicht alle Väter und nicht alle Erwachsenen werden bereit sein, diesen Wandel mitzutragen. Trotzdem müssen wir entschlossen sein, diesen Weg zu gehen. Unsere Kinder dürfen nicht „unter seinem Auge“ großgezogen werden. Sie müssen frei heranwachsen dürfen. Wild. Menschlich. Eigenständig. Damit sie den Mut entwickeln, die Welt, die sie einmal übernehmen werden, menschlicher zu gestalten, als wir sie vorgefunden haben.

Dahinter steht ein uraltes Prinzip: Würde schafft Vertrauen. Wo Vertrauen wächst, entsteht Freiheit. Freiheit ermöglicht Verantwortung. Verantwortung schützt Würde. Der einzelne Mensch trägt die Gemeinschaft. Die Gemeinschaft trägt den einzelnen Menschen. So entsteht wie von selbst eine Haltung, die nicht fragt, welchen Nutzen ein Mensch hat, sondern woran sich sein Wert bemisst. Vielleicht beginnt eine feministische Humanethik genau dort, wo der Mensch um seiner selbst willen zählt und wir ihn nicht länger auf seine Funktion, seine Leistung oder seinen Nutzen reduzieren, sondern seiner Würde Raum geben und ihm mit Respekt begegnen. Aus dieser Haltung heraus dürfen wir auch der Wut ihren Platz geben. Wut schützt uns. Sie macht sichtbar, wo Grenzen überschritten werden. Selbstschutz ist legitim, manchmal sogar notwendig. Doch gerade weil wir auch wissen, wohin es führt, wenn Menschen nur ihre eigenen Ziele verfolgen, dürfen wir uns nicht darauf beschränken, nur zu fragen, wohin die Wut uns heute führt. Es geht nicht darum, uns von der Wut beherrschen zu lassen, sondern darum, ihr einen Platz zu geben. Sie wird nicht zum Selbstzweck, sondern zum Ausgangspunkt für Haltung, Denken und Handeln. So schaffen wir Raum für die Frage, was den Kindern und Jugendlichen von morgen guttut. Damit tragen wir dazu bei, dass die nächste Generation zur Nutznießerin unserer Wut wird.

Generationenwechsel

Es ist Zeit für einen Generationenwechsel im Erziehungs- und Betreuungssystem. Ein Generationenwechsel, der patriarchale Muster hinter sich lässt. Je mehr Menschen sich gegen diese Strukturen erheben, desto selbstverständlicher wird eine Humanethik in die Herzen und Köpfe der jungen Menschen einziehen. Denn jedes Mädchen und jeder Junge verdient eine Welt, in der Würde, Freiheit, Respekt und Gleichwertigkeit selbstverständlich sind. Menschen sind nicht dazu da, um Erwartungen zu erfüllen. Sie müssen die Freiheit haben, sie selbst zu sein. Wenn junge Menschen erleben, dass wir sie so sehen, sie ernst nehmen und ihnen mit Achtung begegnen, anders als eine Gesellschaft, die sie allzu oft in Rollen und Erwartungen presst, dann wird daraus eine Herzensangelegenheit. Herzensangelegenheiten verändern den Zeitgeist.

Junge Menschen müssen nicht gebrochen werden. Dort, wo Ecce homo – Gegen die Reduktion des Menschen auf Funktion zur Haltung wird, dürfen wir hoffen, dass sie den Weg mit uns gehen. Weil sie uns vertrauen.


Epilog 

Dieser Essay ist eine Antwort auf die Frage, die mir bereits so oder so ähnlich schon öfter gestellt wurde: Was willst du eigentlich mit all dem feministischen Zeug?

Seiner Entstehung ging ein hartes Jahr voraus und eine bewusste Entscheidung. Eine Entscheidung für ein anderes Menschenbild. Für Würde statt Funktion. Für Vertrauen statt Angst. Für Begleitung statt Verurteilung. Für ein Miteinander statt eines Gegeneinanders.

Das vergangene Schuljahr hat mir gezeigt: Dieses Menschenbild ist nicht nur ein Ideal. Es trägt. Ich durfte erleben, was möglich wird, wenn Menschen bereit sind, Verantwortung zu teilen, wenn sie einander zuhören, gemeinsam nach Lösungen suchen und einem heilsamen Erleben Raum geben. Vor allem aber durfte ich erneut erfahren, dass Kinder und junge Menschen Zeit brauchen, dass Entwicklung nicht erzwungen werden kann und dass sie beständiges Vertrauen brauchen. Vertrauen, das ihnen Menschen schenken. Und sie brauchen Freiheit, um das Vertrauen in Ruhe zu erproben und sich selbst zu entdecken. Nur so können sie ihre Welt verändern.

An diejenigen, die sich angesprochen fühlen: Ihr seid diesen oft mühsamen und manchmal etwas einsamen Weg mit uns gegangen. 💛 Ihr habt mitgedacht, mitgetragen, mitgehofft und nie aufgehört, an „unser Projekt“, an junge Menschen, zu glauben. So viele Gedanken und Worte dieses Textes tragen Eure Handschrift. Dafür danke ich Euch von Herzen.


Für diesen Artikel wurde KI für Layout und Lektorat verwendet

Angela Pargger

Ein neuer Vorstellungstext … „Ich schreibe hier auch.“ Das wäre mein erster Impuls gewesen. Allerdings wurde mir nahegelegt, mich etwas auszubreiten. here we are. Worte verbinden, Worte trennen. Sie öffnen Räume. Meine Texte entstehen im inneren wie äußeren Austausch, in Auseinandersetzung mit Sprache, Sprachfluss, Melodie und Rhythmus. Dabei begleiten mich Fundstücke aus dem Alltag sowie Texte und Atmosphären verschiedenster Sprach- und Musikkünstler*innen. Einige von ihnen nehmen mich bis heute in den Arm, sind Wegbegleiter und Freunde zugleich. Wenn meine Texte ihren Rhythmus suchen, muss ich sie hören und spüren. Ich spreche sie, summe und stampfe sie, gehe sie mit, bis Worte und Klang zueinanderfinden. Schreiben ist seit meinem 14. Lebensjahr mein Ausdruck; es ordnet mich und meinen Alltag. Der schöpferische Prozess ist dabei inzwischen Kraftakt und Wohnstatt zugleich. Meine Texte dürfen ihren eigenen Weg zwischen Fließen und Widerstand suchen.

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