28. Juli 2026
Newsletter   

Food&Art: Was ein Festival kostet

Lesedauer ca. 4 Minuten

Der Schritt in die zweite Reihe kann manchmal ein weiter Weg sein. In meinem Fall vom ehemaligen Obmann zum Kassierstellvertreter waren es etwa 30.000 Schritte, die ich an den beiden food&art-Festivaltagen hinter mich brachte. Meine Aufgabe war es, nach einer kurzen Verschnaufpause nach meinem Auftritt mit The Plüschs, die verschiedenen Kassen mit Wechselgeld zu beliefern und den Gewinn abzuschöpfen. Zwischen diesen beiden Tätigkeiten liegt weniger Unterschied, als man meinen möchte — beides ist Arbeit, vor und hinter den Kulissen, keine davon macht sich von allein und beides braucht es für ein Festival.

Vom Festival selbst habe ich deshalb über weite Strecken wenig mitbekommen, auch wenn ich die Stimmung und Atmosphäre immer wieder tief in mich eingesaugt habe. Die tiefergehenden Gespräche, die Begegnungen, die die Essenz des Festivals sein sollen, waren aber erst ab halb zwei in der Früh möglich.

Der folgende Text ist deshalb aus unterschiedlichen Quellen bestückt. Brigitte Scott ist, quasi für mich, am Samstagnachmittag beim Einlass gesessen, hat beobachtet, wie sich das Publikum zusammensetzte und zum Teil in Erfahrung gebracht, aus welchen Motiven es kam. Andreas Schärmer war mein Ohr hinter der Bar und hat u.a. die Gespräche mit den Künstler:innen gesucht. Was hier über Musik und Stimmung steht, kommt großteils von ihnen. Philipp Umek hat einen Fragebogen für das Publikum entworfen und ausgewertet, dessen Ergebnisse zwar nicht repräsentativ – dafür sind es zu wenig Antworten – aber dennoch in mancher Hinsicht erhellend sind.

Die Entdeckung des Wochenendes, nicht nur für Brigitte, war Spilif, die Headlinerin des Freitags. Eine Frau mit Bühnenpräsenz, die so deutlich spricht, dass man die Texte beim ersten Hören versteht, was ich auch aus eigener Sicht bestätigen möchte. Haben Menschen jenseits der 50 die feineren Antennen für so etwas? Auffallend war die exzellente und sich zurückhaltende Band im Hintergrund. Andreas hat danach mit dem Gitarristen der Band geredet, mit Andi, 34, aus Reutte, am Konservatorium Innsbruck studiert, aufgewachsen mit Hendrix. Was ihn an dem Abend interessiert hat, war nicht das eigene Solo: Er baut mit feinen melodischen Linien den Klangraum für ihre Texte. Deshalb, sagt Andreas, sei das Konzert keine Abfolge von Songs gewesen, sondern eine Reise mit Dramaturgie.

Es waren heuer Namen da, die man in einem Schulhof im Tiroler Oberland nicht erwartet. Spilif und Von Seiten der Gemeinde standen auf der Amadeus-Nominierungsliste in der Kategorie Hip Hop und Urban, Hubert Dorigattis Album „Poor Boy“ auf jener des Blues Music Award in Memphis. Dass sie im Juli in Inzing spielten, ist das Ergebnis von einem Jahr Vorbereitung und jeder Menge Arbeit dazwischen. Dass alles reibungslos ablief, ist über vierzig Menschen zu danken, die auf- und abgebaut, kassiert, ausgeschenkt und das Kinderprogramm betreut haben. Unbezahlt.

Das Geld, das ich in den zwei Tagen einsammelte, brauchten wir für andere Dinge. Die Gagen der hochkarätigen Musiker:innen, die Ton- und Lichttechnik, bis hin zu den Klos und ja, so Selbstverständliches, wie die Stromversorgung, die ein Riesenloch ins Budget riss und in erster Linie für die Foodtrucks benötigt wurde, an deren Gewinn wir nicht beteiligt waren.

Man hat auch gehört, wo das Geld hingegangen ist. Auch wenn die tontechnische Betreuung letztes Jahr durch die zwei Phil(l)ip(p)s (Witsch und Umek) und Max Oberhofer wunderbar war, brachte die bessere Musikanlage gemeinsam mit den damit vertrauten Technikern einen sauberen Klang in den Schulhof. Den Löwenanteil am guten Sound hatte allerdings der vom Landestheater geliehene schwarze, dicke Stoff, der den Hall auf der Bühne deutlich reduzierte, gegen den letztes Jahr verzweifelt und wie Don Quijote gegen die Windmühlen gekämpft wurde.

Das Wichtigste hat aber Brigitte am Einlass beobachtet. Es kam nicht nur die kritische Masse an Inzinger:innen, die zeitgenössischen Formaten ohnehin zugeneigt ist. Es kamen Leute, die sie nie als Hiphop-Publikum eingeschätzt hätte — wegen der lokalen Bands, und weil sie neugierig waren, was es zu essen gibt. Es kamen Familien, weil Kinder und Jugendliche bis fünfzehn nichts zahlten. Und die Musiker:innen sind geblieben und haben einander zugehört, statt nach dem eigenen Auftritt einzupacken. Brigitte schreibt, das Festival schaffe eine Atmosphäre, die sich von einem Dorffest ebenso unterscheide wie von einem Profifestival.

Acht Antworten auf einen Fragebogen sind keine Statistik, und wer so einen ausfüllt, ist dem Festival meist ohnehin zugetan — trotzdem sagen die Zahlen etwas. Am besten schneiden Atmosphäre und Kinderprogramm ab, mit Abstand. Das deckt sich mit dem, was Brigitte beim Einlass beobachtet hat, und es ist genau das, was wir wollten.

Und dann gibt es einen Wert, der ausschert. Die Artist Area ist der einzige Bereich, den die Hälfte der Antwortenden schlecht bewertet hat. Zwei schreiben es im Freitext offen hin: weniger Foodtrucks, mehr Kunst — der Kunstbereich sei praktisch nicht vorhanden gewesen. Das Festival heißt Food & Art, und heuer ist die zweite Hälfte des Namens hinter der ersten und v.a. hinter der neuen Zusatzbezeichnung „Music“ verschwunden. Darauf gibt es nichts zu erwidern. Es ist die brauchbarste Rückmeldung, die wir bekommen haben, aber durchaus überraschend für mich, dass der Kunstaspekt als so wichtig wahrgenommen wurde.

Was bleibt uns von den zwei Tagen Festival? Eine Form auf Zeit, die Leihgabe eines Orts, das Wissen, was gelungene Kulturarbeit ausmacht und was fehlt, wenn sie nur temporär wirken darf. Denn ein Haus für all das hat der Verein nach wie vor nicht. Was wir haben, sind zwei Tage im Juli, aufgebaut und wieder abgebaut.

Die zwei Tage haben heuer Eintritt gekostet und zwar ab der ersten Minute und bei weitem nicht so preiswert, wie letztes Jahr. Bei den heurigen Kosten ist sich das nicht mehr ausgegangen. Im Fragebogen halten die meisten den Preis für angemessen bis hoch, einer schreibt schlicht, er sei viel zu teuer. Ein Festivaltag kostet eine Familie viel Geld. Das schafft Ausschlüsse, und Ausschlüsse widersprechen dem, wofür wir das machen. Manche wären gern gekommen, um das Essen zu probieren und sind wieder gegangen. Wie und wo sich künstlerische Qualität und leistbarer Begegnungsort treffen können, wird im Verein kontrovers diskutiert. Ich habe keine fertige Antwort darauf, auch wenn meine Priorität auf zweitem liegt.

Was in der Geldtasche war, hat sich am Ende der beiden Tage leicht zählen lassen. Ob es reicht, wissen wir trotz Sponsoring und Förderung noch immer nicht. Das ist der Satz, der in keiner Erfolgsmeldung steht und die Lage trotzdem besser beschreibt als jede Besucherzahl. Ein Ort der Begegnung muss zweimal leistbar sein: für die, die ihn machen, und für die, die er ansprechen möchte. Beides zusammen ist die eigentliche Aufgabe, und mit gutem Willen allein ist sie nicht zu schaffen.

Danke an die über vierzig Leute, die ihre Zeit, ihre Energie, ihr Herzblut für zwei Tage guter Musik und Stimmung gegeben haben. Danke an die Gemeinde und Bürgermeister Sepp Walch für die unkomplizierte Unterstützung. Stellt euch vor, wie wir mit einem ganzjährigen Programm in einem eigenen (Wegmacher-)Haus das Dorf zum Blühen bringen könnten! Und Danke an jene im Verein, die das jedes Jahr wieder riskieren und dafür mit ihrem Privat­vermögen haften (wenn auch nur bei Fahrlässigkeit).Text

Diesen Artikel teilen:

Michael Haupt

Michael nennt sich selbst gern Kulturarbeiter und macht das in verschiedenen Feldern, sowohl beruflich, als auch in seiner Freizeit. Letztlich geht es ihm dabei immer um die politische Dimension von Kultur. Um ihr Potenzial, die Gesellschaft vorwärts zu bringen, in dem sie Themen und Fragestellungen auf andere Art aufwirft. Das wird sich auch in seinen Artikeln für den Blog zeigen.

Alle Beiträge ansehen von Michael Haupt →

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert