Kunst, wo man lebt: Mit dem Format „Fensterkunst“ verwandelt Alain Rosenfeld gemeinsam mit dem Kulturverein Inzing das Gemeindeamt in einen Ausstellungsraum, der sich niemandem aufdrängt und doch jeden auf dem Weg durchs Dorf erreicht. Im Gespräch erzählt er von den Kohlezeichnungen der aktuellen Künstlerin Helena Reske und ihrer stillen Tiefe, von der Kraft des Reduzierten zwischen Licht und Schatten – und davon, warum für ihn Kunst, Musik und Essen Menschen zusammenbringen, wie zuletzt beim Food & Art Festival des Kulturvereins.
Michael Haupt: Alain, wir haben 2023 unser erstes Gespräch anlässlich deiner Ausstellung geführt. Seitdem ist einiges passiert. Wo stehst du heute künstlerisch, um den Beginn in dem Interview mit dir ein bisschen zu markieren?
Alain Rosenfeld: Ich betätige mich seit Ende 2019 als bildender Künstler, und in der Zeit ist sehr viel passiert. Ich habe versucht, selbstständig als Künstler zu leben und mein tägliches Brot zu verdienen. Einfach ist es nicht und deshalb werde ich in Zukunft weniger Zeit haben für meine Kunst. Aber die Kunst erfüllt mich noch immer sehr. Ich mache sechs bis sieben Ausstellungen im Jahr, heuer ein bisschen weniger. Man entwickelt sich halt immer weiter. Als Autodidakt ist mir das Experimentieren mit diversen Medien, Materialien und Techniken sehr wichtig. Ich bin immer auf der Suche nach Möglichkeiten auszustellen und mich weiterzuentwickeln und dazu gehört natürlich auch Wettbewerbe & Open Calls einzureichen.
MH: Wir wissen, du bist nicht nur als Künstler tätig, sondern bringst dich jetzt seit Jahren im Kulturverein ein, vor allem mit vielen Ideen. Und eine davon ist der Hauptgrund unseres Gesprächs: das Format der Fensterkunst, die Ausstellungen im Gemeindeamt. Woher kommt dein Antrieb, Kunst ins Dorf zu holen?
AR: Da ich selbst gerne in Inzing lebe und mich dort daheim fühle, habe ich damals einen Weg gesucht, meine Werke im Dorf auszustellen. Ich habe die Architektur des Gemeindeamtes während meines Studiums schon kennengelernt und habe dadurch gewusst, dass dieser öffentliche Durchgangsraum eine ganz spezielle Atmosphäre hat und dass die Fensterfronten eine Ausstellungsfläche ermöglichen. Das war für mich dann Anlass, zuerst einmal selbst eine Ausstellung meiner Werke zu planen, um zu zeigen, dass es die Möglichkeit gibt, Kunst unterschwellig und öffentlich in Inzing anhand von einer Ausstellung zu erleben. Meistens, wenn man Kunst anschauen will, muss man entweder in ein Museum gehen oder in eine Galerie, und das sind meist eher geschlossene Räume. Mir ist es einfach wichtig, dass man Kunst auch unterschwellig erleben kann. Es geht vor allem auch darum den Menschen Kunst und Kultur näher zu bringen, und zwar dort wo sie leben. Damit erreicht man Menschen, die sonst wahrscheinlich nicht zu einer Ausstellung gehen würden. Das war eigentlich so der Vorreiter für die Idee zur Fensterkunst.
Ich bin dann, wenn ich mich genau zurückerinnere, seit Ende 2022 Mitglied beim Verin für Kultur Inzing. Die Fensterkunst war dann eine von meinen ersten Ideen, die meiner Meinung nach leicht umsetzbar war. Bei der Fensterkunst geht es prinzipiell eben darum, nicht alltägliche Kunst im Dorf zu zeigen, diese unterschwellig erlebbar zu machen und das zu jeder Tageszeit und natürlich auch darum, Kunst und Kultur nach Inzing, in den ländlichen Raum, zu bringen und einfach Horizonte zu erweitern und Räume zu nutzen, die eigentlich nicht bespielt sind. Ich selbst gehe fast jeden Tag mit den Kindern vorbei, wenn eine Ausstellung ist. Es ist schon immer spannend, allein von der Tagesstimmung und Tageszeit her zu sehen, wie die Bilder sich im Schatten der anderen Gebäude mit dem Sonneneinfall immer wieder verändern. So entsteht immer wieder eine ganz eigene Atmosphäre und Dynamik, die diesen Durchgangsraum und die Ausstellung mit der Umgebung verschmelzen lässt. Ich habe schon öfters Kinder und Erwachsene beim Vorbeigehen bemerkt, die sich dann bei den einzelnen Werken aufhalten und darüber reden. Ich glaube, das ist genau das, worum es geht: dass man die Kunst nicht nur ausstellt und zugänglich macht, sondern auch darüber gesprochen, diskutiert und geredet wird, dass solche Projekte im Dorf angeboten werden. Vielleicht motiviert es die eine oder andere Künstlerin, bei der Ausstellung mitzumachen oder einzureichen und dort auch einmal auszustellen. Das war eigentlich Sinn und Zweck: Künstlerinnen, die jetzt nicht sehr verankert sind in der Kunst die Möglichkeit zu geben, in einem ländlichen Raum auszustellen und dann eben vor allem auch ihre Bekannten mitzubringen und das Dorf Inzing kennenzulernen. Es geht darum einen sozialen- und kulturellen Ort zu schaffen, wo jeder willkommen ist und im Austausch mit anderen stehen kann. Und das ist so das Grundkonzept der Fensterkunst.
MH: Die Reihe ist ungefähr drei Jahre alt und seitdem stetig gewachsen. Angefangen mit der Gemeinschaftsausstellung, dann Andreas Hosp, Alina Nolden, Andrea Raggl, Hassan Ibrahim Bercenzi und jetzt Helena Reske. Gibt es Kriterien, nach denen du die KünstlerInnen auswählst?
AR: Ja, gibt es. Aber das ist meiner Meinung nach eine sehr persönliche Komponente. Es sind schon immer künstlerische Werke, die mich ansprechen und mir natürlich auch gefallen. Aber die Person, die hinter der Kunst steht, spielt eine sehr, sehr große Rolle bei dem Ganzen. Ich brauche ein gutes Gefühl und will Menschen unterstützen. Und das ist, glaube ich, eine meiner größten Beweggründe, wieso ich dieses Projekt gestartet habe. Weil es einfach wichtig ist, den Menschen ihrer Passion einen Raum zu geben und ihnen auch die Möglichkeit zu geben ihre Werke auszustellen, und das hier im Dorf. Für viele, mit denen ich nach den Ausstellungen geredet habe, war das dann auch ein kleiner Kickstart fürs weitere Produzieren oder fürs weitere Ausstellen. Vielleicht auch ein Zuspruch, dass ihre Sachen gut sind und gern gesehen werden, dass sie ein Feedback dafür kriegen. Und wichtig bei der ganzen Sache ist für mich, mit den Menschen, mit den BesucherInnen, dann auch zu reden, wie es ihnen gefällt und im Dialog herauszufinden, was vielleicht noch gewünscht ist. Kunstmessen sind für mich ideal und eine große Hilfe um KünstlerInnen anzutreffen, so wie das Format des AK-Kunstmarkts. Da hat man weit über 100 KünstlerInnen und trifft auf Menschen, die noch nicht unbedingt renommiert sind. Mir geht es darum, KünstlerInnen, die in den Anfängen ihrer Karriere stehen, zu unterstützen und Ihnen eine Ausstellung zu ermöglichen.
MH: Kannst du einschätzen, was die Reihe inzwischen für Inzing bedeutet und ob es tatsächlich irgendwie den Blick der InzingerInnen auf zeitgenössische Kunst verändert hat?
AR: Schwierige Frage. Es sind oft die gleichen Menschen aus dem Dorf, die zu dieser Veranstaltung kommen. Ich glaube schon, dass sich da im Dorf was entwickelt hat, oder dabei ist zu entwickeln, ein Verständnis, Kunst zu sehen, Kunst zu betrachten und vielleicht auch Spaß daran zu finden, es selbst zu machen, oder sich selbst zu trauen, seine Werke im Rahmen einer Ausstellung zu zeigen. Ich glaube, die Gemeinde an sich ist froh darüber, dass diese Veranstaltung stattfindet. Wir kriegen auf jeden Fall immer die Unterstützung der Gemeinde. Ich habe mit diversen BewohnerInnen geredet, die mich dann auf die Ausstellung ansprechen und sagen: ihr habt wieder eine Ausstellung gemacht, das gefällt mir gut oder diesmal hat es mich sehr angesprochen, und so weiter. Natürlich gibt es auch die kritischen Stimmen, die damit nicht unbedingt was anfangen können, aber genau in dem Zuge finde ich es dann wiederum ein bisschen schade, wenn die Künstlerin, die gerade ausstellt, diese Gespräche halt nur über mein Erzählen hört und nicht im Dialog. Weil genau da geht es um diese Spannung und Atmosphäre, die man beim Schauen der Werke erlebt, und das dann mit der Künstlerin im Dialog zu bereden – da kriegt man noch viel mehr Einblick in die künstlerischen Werke und die dahinterstehende KünstlerIn. Ich glaube so hat jeder nochmal ein viel intimeres und persönlicheres Erlebnis beim Entdecken der Ausstellung. Ich glaube, dass wir weiterhin die Zusage haben, Ausstellungen zu machen, und der Arbeitskreis der Fensterkunst, setzt sich auch wieder zusammen. Wir werden über den Sommer nochmal diverse Dinge ansprechen, wie man die Reichweite erhöhen kann, wie man die Ausstellungsreihe vielleicht noch ein bisschen aufwerten kann, dass mehr Leute jetzt auch aus den umliegenden Gemeinden kommen. Ich denke jetzt an Zirl, dass man anfängt, auch in Zirl Flyer und Werbung zu machen, dann vielleicht auch nach Innsbruck schaut, dass man die Fühler ein bisschen ausstreckt – dass auch von außerhalb Menschen draufkommen: okay, in Inzing gibt es Kunst und Kultur. Das passiert auch gerade mit dem Food & Art Festival besonders, Kultur im ländlichen Raum anzubieten. Da spielt es auch eine große Rolle, wenn man aus Innsbruck und Tirol Leute motiviert, hierher nach Inzing zukommen.

MH: Kommen wir zur aktuellen Ausstellung. Helena Reske – also wenn der Artikel erscheinen wird, ist die Ausstellungseröffnung gerade eine Woche her. Es sind hauptsächlich Kohlezeichnungen. Wie ist der Kontakt zustande gekommen? Wie hast du ihre Arbeiten kennengelernt?
AR: Ihre Arbeiten habe ich bei der Wörgler Kunstmesse im November 2025 kennengelernt. Ich war selbst Aussteller und habe dann am ersten Tag Zeit gehabt, die Werke von allen anderen Kunstschaffenden anzuschauen. Sie war zu dem Zeitpunkt gerade nicht da, aber ihre Werke waren ausgestellt, und ich habe gleich diese innere Tiefe verspürt, die sie mit ihren Zeichnungen rüberbringt. Dann bin ich noch ein paar Mal vorbeigegangen, weil mich das nicht losgelassen hat, und dann habe ich sie angetroffen und angesprochen und ihr von der Fensterkunst erzählt. Sie war eigentlich gleich interessiert, und das Gespräch war nett und persönlich. Sie hat ein bisschen Einblick über ihr Schaffen gegeben, und dann war für mich klar: okay, nächstes Jahr, wenn ein Spot frei ist, fragen wir sie unbedingt an, ob sie eine Ausstellung machen will. Ich habe sie dann gefragt und erfahren, dass sie in Deutschland, im Schwarzwald, lebt. Aber sie hat eigentlich gleich zugesagt und ist auch hergefahren, weil sie noch immer Bekannte in Innsbruck hat. Wir haben uns dann in Inzing getroffen und lange über ihre Person und ihre Kunst geredet, dadurch ist es für mich immer klarer geworden, dass es die richtige Wahl war. Letzten Freitag, haben wir die Ausstellung gemeinsam aufgebaut. Helena hat mir erzählt, dass sie schon sehr aufgeregt war, weil es die erste Einzelausstellung von ihr war. Ich habe sie so empfangen, wie ich bin, und gesagt: so, passt, was hast du mit, legen wir alles am Boden aus, entscheiden gemeinsam und dann bauen wir deine Ausstellung auf. Ich glaube sie war dann sehr beruhigt, dass sie Unterstützung bekommt und jemand sie begleitet. Es ist für mich so wichtig, die KünstlerInnen, bei der Hand zu nehmen und sie in dem, was sie machen und was sie sind, zu unterstützen, zu stärken und ihnen ein Gefühl zu geben, dass sie ein kleines Stück daheim sind, auch im Dorf, wenn sie dort ihre Gefühle, ihre Werke, Bilder und Zeichnungen zeigen.
MH: Also sehr viele ihrer Werke sind aus Kohle, ein sehr reduziertes Medium. Wir haben es bei Andreas Hosp, bei seiner Ausstellung, schon einmal gehabt, dieses Medium. Was kann diese reduzierte Form mehr als Farbe? Du bist ein Künstler, der sehr farbenfroh malt – was kann Kohle?
AR: Ich selbst habe früher sehr viel schwarz-weiß fotografiert, und was mich dort immer so begeistert hat, ist das Zusammenspiel, zwischen Licht, Schatten und Kontrast, welches es schafft intensive Spannungen und eine tiefe Atmosphäre zu gestalten. Wenn ich jetzt die Kohlezeichnungen von Helena Reske hernehme, wie sie es schafft, so tief ins Detail zu gehen, und das mit Schwarz und Weiß oder Leerraum und Verwischen –, ist halt einfach für mich auch sehr speziell. Helena schafft es, eine Atmosphäre zu generieren, vor allem auch in der Tiefe der Augen, die viel mehr Einblicken lässt als nur in dieses Werk, welches technisch schön gemalt ist. Es ist einfach viel mehr, es ist eine Tiefe drin, es ist so eine Dreidimensionalität drin, in die man eintauchen kann, und man hört … Also ich höre beim Zusehen diese Gefühle, die sie über die Zeichnungen vermittelt. Das war es, was mich vom ersten Moment an gefesselt und nicht mehr losgelassen hat. Das war dann auch für mich ausschlaggebend und bedeutend, sie in dem Zuge anzusprechen und auch als Person kennenzulernen, um ihre Kunst zu verstehen – allein auch, auf was sie malt. Sie malt von Papier bis Kartonagen, auf Pizzakarton, auf Wellkarton, wo sie es dann auch schafft, teilweise diese Struktur und Haptik mit ihren Werken zu kombinieren, aufzunehmen und verschmelzen zu lassen. Bei näherem Betrachten sieht man erst oft beim zweiten Blick, dass es Karton ist. Aber es gibt dem Ganzen nochmal eine zusätzliche Tiefe, und vor allem auch das Wiederverwerten oder Wiederverwenden von alltäglichen Materialien, die man eigentlich wegschmeißen würde, wie Pizzakartonagen. Ich finde das sehr spannend. Ich selbst verwende bei meinen Werken auch viele verschiedene recycelte Trägermaterialien und Objekte. Das gibt dem Werk, einfach nochmal eine ganz andere Tiefe, eine Topografie, eine Haptik, die dem Werk schon von Anfang an eine gewisse Vorgabe gibt.
MH: Wie funktionieren Kohlezeichnungen in dieser besonderen Ausstellungssituation, also mit den Fenstern und dem Licht, das da unter Umständen gerade draufscheint, Spiegelungen und so weiter?
AR: Also ich finde überhaupt, dass diese Lichteinflüsse und Spiegelungen diesen Raum nochmal erweitern. In den Fenstern spiegeln sich die Kirche, der Friedhof, der Kindergarten, und ein altes Bauernhaus. Das ist von Ausstellung zu Ausstellung immer auch sehr wichtig für die Platzierung und Kuratur der einzelnen Werke. Jedes Werk hat eine andere Atmosphäre oder Dynamik, mit der es auch mit dem Raum spielt. Ich nehme jetzt die Ausstellung von Helena her: mich stört es nicht, dass es spiegelt und dass man darin gespiegelt wird, vor allem wenn man dann in Gesichter schaut, wo man so schon sehr tief ins Innere eintauchen kann, und das einen dann selbst auch noch in diesem Raum spiegelt – so entsteht meiner Meinung nach, nochmal eine ganz andere Ebene, die Ausstellung zu erleben und diesen Ort und dessen Atmosphäre im Zusammenspiel zu erleben. Sicher ist es zum genaueren Anschauen der Werke, wenn es jetzt nachts dunkel ist, leider schade, dass es keine gute Beleuchtung von gibt. Aber ich selbst finde es sehr spannend, und man muss eben schauen, was man in Zukunft mit diesen Fenstern und mit der Beleuchtung machen könnte, dass es nachts mal beleuchtet wird oder so, weil das klar die ganze Ausstellung und den ganzen Raum nochmal aufwerten würde.
MH: So ganz praktisch: Wie lang ist die Ausstellung noch zu sehen?
AR: Die Ausstellung ist noch bis 20. Juli zu sehen. Aber da wir jetzt mit der Fensterkunst in die Sommerpause gehen, wird wahrscheinlich ein Teil in den Sommer hinein auch noch hängen. Aber das muss ich noch mit Helena und der Gemeinde ausmachen.

MH: Kommen wir zum Food & Art Festival, das ja vor der Tür steht, am 10. und 11. Juli. Es war mit deine Idee, ein Festival nach Inzing zu bringen, das Kunst und Essen und Musik verbindet. Vielleicht nochmal: Warum war dir dieser Kunstanspruch auch in diesem Festival-Setting so wichtig?
AR: Vielleicht als Erstes: wieso dieses Festival? Es sind für mich drei essenzielle Sachen, die in meinem Leben sehr viel ausmachen. Ich koche leidenschaftlich gern, ich mache selbst Kunst, und ich habe früher sehr viel Musik gemacht und höre sehr viel Musik. Und dann kommt eben die kulturelle und soziale Komponente dazu, die meiner Meinung nach in unseren Zeiten einfach noch wichtiger ist. Nicht nur bei der Vergänglichkeit der Menschheit, sondern vor allem bei der Vergänglichkeit der Menschlichkeit geht es darum, soziale und kulturelle Orte zu schaffen, wo Menschen zusammenkommen können, das sein können, was sie sind, und das auch ausleben können und im Austausch mit anderen zu stehen. Ich glaube, Musik, Kunst und Essen verbindet Menschen. Und eben Menschen, die jetzt nicht kunstaffin oder nicht musikaffin sind, aber schon gern essen, aber vielleicht noch nicht kulinarisch alle Seiten erlebt haben, die Möglichkeit zu geben – da ist es wichtig, auch diese Horizonte zu erweitern und Sachen zu zeigen, die jetzt nicht alltäglich sind und die es eigentlich geben könnte. Vielleicht dann in diesem zwischenmenschlichen Zusammensein einen sozialen und kulturellen Mehrwert zu generieren und Menschen davon zu überzeugen, dass Menschlichkeit eigentlich einer der wichtigsten Punkte im Leben sein sollte. Dadurch erzeugt man viel Respekt und Akzeptanz, die man haben sollte, um miteinander zu funktionieren. Und vor allem, wenn man sich die Welt anschaut, was zurzeit so passiert, sind solche Festivals, oder andere diverse kulturelle Veranstaltungen, Zusammenkünfte, die einfach essenziell sind, damit man zurück zu dem kommt, worum es eigentlich geht. Jeder braucht diese soziale und kulturelle Komponente, um einen temporären dritten Ort zu haben, an dem man sich entfalten und das sein kann, was man will. Und ja, ich glaube, das ist so der Hauptgrund meines Denkens: Es geht für mich darum temporäre Orte zu schaffen, wo sozialer und kultureller Mehrwert im Vordergrund steht, Menschen jeder Art zusammenkommen können, sich entfalten können, Neues entdecken können und durch aktive Partizipation, nachhaltige Orte im ländlichen Raum zu schaffen und zu gestalten. Orte, in denen jeder willkommen ist und die Menschlichkeit im Vordergrund steht.
MH: Ist für dieses Ziel der Eintrittspreis von 29 Euro im Vorverkauf und 39,- an der Abendkasse nicht eine große Barriere?
AR: Ich denke, dass ein Eintrittspreis für verschiedene Menschen immer eine Barriere sein wird, Festivals zu meiden oder … Ich denke nur, es ist von uns aus, vom Verein für Kultur, sehr viel ehrenamtliche Arbeit, die einfließt – was wir natürlich sehr, sehr, sehr, sehr gerne machen und um solche Projekte überhaupt zu ermöglichen, braucht man natürlich das gewisse Kleingeld. Wir arbeiten seit Juli letzten Jahres an diesem Projekt, und dadurch, dass man einfach sehr, sehr viele Ausgaben hat – wenn ich jetzt nur von den Gagen der hochkarätigen Bands ausgehe, die wir heuer wieder zur Verfügung stellen –, ist das einfach Geld, das wir als Verein einnehmen müssen, weil wir keinen Profit machen und auch keinen Profit machen wollen. Und vor allem auch Bands und Kunst und Kulinarik, wofür man sonst nach München oder nach Innsbruck oder egal in welche Stadt fahren würde, um diese zu erleben, kann man einfach im ländlichen Raum, in Inzing, daheim, wo man lebt, erleben. Die Preise sind höher geworden, aber sie sind noch immer sehr erschwinglich, wenn man sich die Einzelkarten von den Bands anschaut – wenn man nur eine Band anschauen geht –, dann ist man leicht bei dem gleichen Preis und bekommt bei uns ein ganzes Tagesprogramm. Und ich glaube, das rechtfertigt die Preise schon.
MH: Kommen wir wieder zurück zur Kunst – denn zum Programm und so weiter gibt es ja bereits einen Artikel auf dem Blog. Erzähl doch mal, wie die Kunst heuer im Food & Art Festival präsentiert werden wird.
AR: Also heuer haben wir für die Kunst einen Kunstmarkt geplant, der zwischen Musik-merch und KünstlerInnen aufgeteilt wird. Es gibt Stände, wo KünstlerInnen ihre Werke ausstellen, aber auch live vor Ort malen. Das wird glaube ich spannend für die BesucherInnen, den KünstlerInnen einfach einmal über die Schulter zu schauen, wie sie arbeiten, was sie darstellen, und dann eben im Gespräch auch für sich selbst vielleicht herauszufinden: okay, ja, jetzt verstehe ich die Bilder, oder jetzt sehe ich die Bilder ganz anders, weil ich die Person dazu kennengelernt habe. Es ist ein interaktives Erlebnis zwischen BesucherInnen und KünstlerInnen. Weil sonst – so wie letztes Jahr, da haben wir eine Ausstellung gehabt, die zum Teil auch nicht ganz wahrgenommen wurde, weil die Werke eben, dadurch dass wir nicht gewusst haben, wie das Wetter wird, im Mehrzwecksaal ausgestellt waren. Heuer ist es einfach interaktiver geplant. Zwei, drei Ideen sind noch unter Verschluss, die noch entwickelt werden. Vielleicht gibt es noch eine kleine Überraschung.
Vielleicht noch zu den Künstlerinnen, die ausstellen werden: Alina Nolden wird ausstellen. Die hat damals bei der Fensterkunst mitgemacht und Fotografie ausgestellt. Sie macht aber mittlerweile auch Linolschnitte, und da bin ich schon sehr gespannt. Vor allem auch zu hören, dass Künstlerinnen nicht bei ihrem Medium bleiben, sondern sich weiterentwickeln und andere Techniken für sich versuchen, ist immer sehr spannend. Dann wäre noch Nina Zacke, die mir gesagt hat, dass sie kleinere Sachen schon ausstellen wird, aber vor Ort vorhat zu malen und diese Werke dann auch auszustellen, was ich sehr, sehr spannend finde. Dann ist noch Andreas Hosp, der mit seinen Kohlezeichnungen und Drucken auf T-Shirts und Taschen wieder einen Stand betreiben wird. Heavy Kevy, der sowohl wieder musikalisch spielen als auch seine Zeichnungen vor Ort ausstellen wird. Und zuletzt noch Gerhard Popatnik, der schon bei einigen Ausstellungen in Tirol aktiv war und, glaube ich, auch als Inzinger dieses Festival schätzen gelernt hat. Ich bin gespannt, ob er auch selbst dann vor Ort malen wird. Wir haben erst letzte Woche bei einer Ausstellung darüber geredet. Ja, und vor allem zwischen den Bands, die ihr Merch verkaufen, da einen Zusammenschluss zu finden zwischen Musiker*innen und Künstler*innen: vielleicht entstehen da noch Kooperationsmöglichkeiten. Man weiß nie, wie sich die Leute verstehen und was daraus entsteht. Ich glaube, es ist einfach eine spannende Atmosphäre für Austausch und neue Ideen. Bei der Basketballwand, die heuer leider nicht bespielt bzw. bemalt wird, werden Staffeleien aufgestellt und Farben zur Verfügung gestellt. Da gibt es den Aufruf an alle, die Lust haben – alle BesucherInnen, alle KünstlerInnen, alle MusikerInnen, alle FoodbetreiberInnen, jeder, der vor Ort ist –, einfach die Möglichkeit, Pinsel, Stifte, Farben, Kreiden, etc in die Hand zu nehmen und einfach mal auszuprobieren. Vielleicht kann die eine oder andere Künstlerin vor Ort dann auch Input geben. Die Painting Area soll auch wachsen können und vor allem passieren, und ich glaube, das wird auch passieren.
MH:Das wird am 10. und 11. Juli im Schulhof stattfinden. Kommen wir zum Abschluss nochmal auf das Allgemeine: Wohin soll sich für dich die Kunst in Inzing und im Kulturverein in den nächsten Jahren entwickeln?
AR: Ich denke, dass wir auf jeden Fall die Fensterkunst-Reihe weitermachen werden, und drei bis vier Ausstellungen pro Jahr sind für die Fensterkunst machbar. Es gibt das eine oder andere Projekt, das mir noch vorschwebt, welches ich sehr gern machen würde. Vor allem, so wie im ersten Jahr Food & Art, diese spannende Atmosphäre im Widumgarten, Kunst auszustellen und das mit Musik, einem kleinen Markt und Kulinarik zu kombinieren. Und es gibt sehr viele spannende Orte in Inzing, wo man noch künstlerische Interventionen machen könnte. Da gibt es Ideen, aber konkret sind die Ideen noch nicht ausgeführt und im Verein für Kultur Inzing besprochen, weil das Food & Art sehr viele Kapazitäten von den jeweiligen Menschen braucht, die dort in der Planung mitwirken. Ich hoffe, dass die Fensterkunst auf jeden Fall ein fester Bestandteil in der Region wird und auch nach außen hin ein bisschen wachsen wird, dass Menschen aus Innsbruck und aus den umliegenden Gemeinden dorthin kommen.
MH: Vielen Dank für das Gespräch.
AR: Gerne und Danke dir.

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