1. Juli 2026
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Italienurlaub im 1-Stern-Hotel

Castel Pergine
Lesedauer ca. 4 Minuten

Warum sollte man ein 4-Sterne-Hotel buchen, wenn man um denselben Preis auch ein solches um einen Stern haben kann? Vor mehreren Jahren überreichte mir ein guter Freund mit vielsagendem Gesichtsausdruck einen Artikel aus einer Reisebroschüre. Der Titel der Story: „1 Stern und viele Monde“. Diese besondere Auszeichnung wurde dem Hotel „Castel Pergine“ im Trentino am westlichen Eingang des Valsugana verliehen. Das ist dort, wo so mancher Tiroler Venedig-Reisende bei Trient die Autobahn verlässt und den direkten, landschaftlich reizvolleren, Weg in die Lagunenstadt wählt. Der Freund traf den Geschmack von mir und meiner Frau. Und wie er ihn traf!

Castel Pergine auf dem Tegazzo-Hügel östlich von Pergine Valsugana. Fotos: Johann Jenewein

Da Neugier die Triebfeder vieler Unternehmungen ist, reisten wir für eine Urlaubswoche in das 1-Stern-Hotel „Castel Pergine“ auf dem felsigen Tegazzo-Hügel östlich der Stadt Pergine Valsugana. Die Trutzburg wurde an einem strategischen Ort erbaut. Ihre ersten Zeugnisse stammen aus dem Jahr 845. Im 12. Jahrhundert gehörte sie den Herren von Pergine und wechselte dann mehrmals den Besitzer. Sogar Margarete von Tirol, besser bekannt unter dem nicht besonders wohlwollenden Namen Margarete Maultasch, war Herrin über das Anwesen auf dem Felsen. Sie lebte von 1318 bis 1369 und überließ den Besitz nach ihrem Tod den Habsburgern. Kaiser Maximilian I. erweiterte die Burg und gab ihr ein neues Aussehen. Nach weiteren Besitzerwechseln begann der neue Eigentümer ab 1905 die im spätgotischen Stil erbaute Burg zu restaurieren und darin ein Hotel und Restaurant einzurichten. 1956 kaufte der aus Pergine stammende Schweizer Unternehmer Mario Oss die Burg und begann mit einer sorgfältigen historischen und künstlerischen Aufwertung. 2018 wurde mit Hilfe einer Spendenaktion die Stiftung Castel Pergine ins Leben gerufen, die diesen einzigartigen Ort heute bewahrt und schützt.

Rezeption im Thronsaal

Auf der Fahrt zu unserem Urlaubsziel, erblickten wir gleich nach Pergine in einiger Entfernung auf der linken Seite der Staatsstraße die Burg und fuhren die letzten Kilometer die Via dal Castel entlang, bis wir unser Auto durch den schmalen Torbogen manövrierten. Wir entrückten augenblicklich in das Mittelalter, als wir die Rezeption im Thronsaal betraten. Das Angebot des Schlosshotels reicht von historischen Zimmern mit Einrichtungen aus dem frühen 20. Jahrhundert und Originalfresken über moderne Zimmer bis hin zu Suiten in echten mittelalterlichen Türmen. Nach dem WLAN-Passwort fragt man vergebens. Fernseher im Zimmer? Gibt es nicht. Keine E-Mails, Chats oder Podcasts. Dieser bewusste Verzicht auf digitale Medien mit dem Fachbegriff „Digital Detox“ (deutsch: digitale Entgiftung), lenkt die eigene Aufmerksamkeit auf den Moment. Ein vermeintlicher Mangel wandelt sich zum modernen Luxusgut. Hier erhellte sich die 1-Stern-Kategorie: kein Luxus in den Zimmern, zu tiefgreifend wären die dafür notwendigen Veränderungen am mittelalterlichen Gemäuer. Das Flair zwischen den historischen Mauern mit dem Leben im Moment ist der wahre Luxus. Absolut nach unserem Geschmack.

Historisches Zimmer (Fotoquelle: Castel Pergine)

Stattdessen öffnete sich Castel Pergine der Welt der Kunst und Kultur. Ausstellungen, Festivals für Zirkus, Musik, Tanz und Theater verwandeln die Burg in eine Bühne. Sie lassen einen Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und tausendjähriger Geschichte entstehen.

Castel Pergine wurde zur Bühne für zeitgenössische Kunst, …
… Musik und Tanz

Die Begegnungen gipfeln im gotischen Rittersaal mit Spitzbogen-Gewölbe und antikem Fußboden, bei dem sich die Gäste des Hotels und Besucher aus der Umgebung zum unvergesslichen Abendessen treffen. Beim fünfgängigen Menü drehte sich alles um die italienische Küche, begleitet von regionalen Bio-Weinen. Als Teil der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino ist das Trentino geprägt von der Verschmelzung italienischer und alpiner Einflüsse. Mit einem abschließenden Grappa stießen wir an der Bar mit der Schweizer Herrenrunde an, die das Schlosshotel als Ausgangspunkt für ihre Radtouren auserkoren hatte.

Nach Nordosten führt das Fersental. Hier sprechen heute noch 800 bis 1000 Menschen einen alten deutschen Dialekt mit starker Tiroler Prägung. Bei unserem Ausflug zum nahegelegenen Caldonazzo- und Levico-See stellte sich das Gefühl vom Gardasee ein.

Im Fersental

Zwischen den rundum aufragenden zinnenbewehrten Mauern des Schlossgartens von Castel Pergine lasen wir ohne digitale Ablenkung ein Buch bis in den späten Abend hinein. Luxus mit einem Stern, Luxus mit vielen Monden.

Regeneration mit einem Buch …

… bis zum Sonnenuntergang hinter den Bergen

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Johann Jenewein

Johann lebt seit 2001 in Inzing. Die Print-Ausgabe der DZ hat er immer zur Gänze gelesen und hat auch immer wieder Beiträge verfasst. In seinem Privatleben ist er seit 22 Jahren Redakteur einer österreichweit erscheindenden almwirtschaftlichen Fachzeitschrift. Sein größtes Hobby ist das Fotografieren. Seit 2007 ist er Obmann des Kamera-Club Inzing. Seine Leidenschaft ist auch das Erstellen von vertonten Reise- und Multivisionsschauen.

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