24. April 2026
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Lebensqualität in Inzing aus weiblicher Sicht

Foto: Ernst Pisch
Lesedauer ca. 6 Minuten

Für das 40jährige Jubiläum der Dorfzeitung wollte ich über Lebensqualität in Inzing schreiben. Und zwar aus Sicht der Frauen, denn: Frauen haben oft Betreuungspflichten und daraus viele kurze Wege im Ort, daher nehmen sie ihn differenzierter wahr. Die Jüngste meiner Gesprächspartnerinnen war 13, die Älteste 80+. Alle leben schon länger in Inzing, einige sind hier geboren und aufgewachsen.

Alle Befragten leben nach eigener Aussage gerne hier. Was mögen sie an Inzing? Wo gibt es Defizite?

Ich habe Antworten zusammengetragen und präsentiere sie hier, zum Teil im Originalton.

 „Passt eigentlich eh alles“, bekam ich anfangs oft zu hören. Im Verlauf der Gespräche wurden die Befragten konkreter.

Mobilität/Verkehr

Erstaunlicherweise nannten viele die gute Zug- und Busverbindung im Inntal ganz weit vorne. Vor 20 Jahren wäre die Antwort sicher nicht so positiv ausgefallen, da hat sich wirklich viel getan. Und gerade Frauen, die oft keinen uneingeschränkten Zugang zu einem Auto haben, wissen die guten Mobilitätsbedingungen zu schätzen. Außerdem lassen sich so die Vorteile des Wohnens am Land mit dem leichten Zugang zu den Angeboten der Stadt verbinden. Die neueste ÖBB-Regelung, nach der bei größerer Verspätung die S-Bahn nicht mehr zwischen Zirl und Telfs hält, könnte hier eine – vorübergehende? – Verschlechterung bringen.

„Beim Alpenverein und in einer Salzburger Gemeinde kann man ein Klimaticket tageweise gratis ausleihen. Ob man so etwas in Inzing auch einführen könnte?“, wurde ich gefragt. Ich werde die Frage weiterleiten.

Gleichzeitig führt der Verkehr – in Form von Schwerverkehr auf der Hauptstraße – auch die Negativliste an. Viele machen für die Verschlechterung den Ausbau des Gewerbegebiets in Polling verantwortlich, doch auch die immer riesiger werdenden Traktoren auf dafür zu schmalen Straßen werden als Problem wahrgenommen. LKWs weichen auf die Gehsteige aus und verstärken so das Gefühl der Bedrohtheit bei denen, die zu Fuß unterwegs sind.

Foto: Brigitte Scott

Geteilte Meinungen gibt es zu einzelnen Maßnahmen: Die Leitplanke vor dem Haus auf der Hauptstraße sahen manche als „überfällig“, andere als zusätzliches Hindernis. Und die „rote Niere“ am Angerweg gilt den einen als wirksame Verkehrsberuhigungsmaßnahme, anderen hingegen als nutzlose Geldverschwendung, obwohl sie im Zuge einer Kanalarbeit in der Straße kostengünstig geschaffen wurde.

Foto: Brigitte Scott

„Ginge es nicht, in der Kohlstatt zwischen Wegmacherhaus und Wintergarten einen Gehsteig zu machen? Ich fürchte mich da als Fußgängerin“, wünschte sich eine. „Die Querwege im Dorf sind mir abends etwas unheimlich“, fand eine andere.

Infrastruktur

Alle Befragten lobten die gute lokale Versorgung. Artikel des täglichen Bedarfs sind in gleich zwei Supermärkten erhältlich, aber speziell „Die Bäckerei ist wichtig für das Dorf.“

„Ich hole mir gern die Milch vom Automaten, auch Eier und jetzt gibt es dazu noch viele Automaten bei den Bauern.“ Viele nutzen regelmäßig die gute Verfügbarkeit bäuerlicher Produkte sowie den Bauernladen selbst und die Gärtnerei im Ort. Kurze Wege und regionale Produkte werden sehr geschätzt und keineswegs als selbstverständlich angenommen. Einige Zugezogene meinten „Wo ich herkomme, gibt es sehr viel weniger lokales Angebot.“

Dankbar zeigten sich die Befragten auch für die Ärztinnen und Therapeut:innen im Ort, die Apotheke sowie Friseur:in und Kosmetikerin. „Nur blöd, dass die Apotheke früher schließt als die Ordination, so kann ich manchmal nicht gleich das frisch verschriebene Medikament besorgen.“

„Was Inzing gut tät, wären Community Nurses,“ meinte eine Frau aus der Gesundheitsbranche. Community Nurses machen Hausbesuche, beraten Menschen in Gesundheitsfragen, begleiten ältere Menschen und entwickeln Angebote, die der ganzen Gemeinde zugutekommen. In Salzburg hat sich das sehr gut bewährt, leider wurde das Pilotprojekt vom Land nach einigen Jahren nicht mehr weiterfinanziert, einige Gemeinden führen es auf eigene Kosten weiter, weil sie auf diese wertvolle Hilfe nicht verzichten wollen.

Viel Lob gab es für die Gemeindebediensteten, die als freundlich und hilfsbereit wahrgenommen werden, egal ob im Gemeindeamt, am Müllplatz oder im Schwimmbad. Die Willkommensmappe für Zugezogene und der Willkommensrucksack mit nützlichen Babysachen bei der Anmeldung von Neugeborenen wurden ebenfalls genannt. Die Gemeinde-Homepage jedoch wurde als unübersichtlich bemängelt.

Bei Schulen, Kindergarten und Krabbelstube hat sich in den letzten 30 Jahren sehr viel getan, auch dank engagierter Einzelpersonen. Die Unterstützung wurde stark ausgebaut, bei moderaten Preisen für die Eltern. Inzwischen gibt es jedoch bei der Nachmittagsbetreuung schon wieder Engpässe.

Für die Schulen wünschten sich manche Mütter einen Ausbau von Schulpsychologie und Schulsozialarbeit. Das passt zu neuen Erkenntnissen, wonach Schulen ihre heutigen Aufgaben nur mit multiprofessionellen Teams erfolgreich bewältigen können.

Foto: Marie Luise Haselwanter

Die beliebteste Infrastruktur in Inzing ist definitiv das Schwimmbad. „Ich liebe das Schwimmbad,“ hörte ich von wirklich jeder meiner Interviewpartnerinnen. Mütter von Kleinkindern schätzen es als Alternative zum Spielplatz, größere Kinder kann man im Ort allein losschicken, Pensionistinnen lieben die Ruhe beim Schwimmen in der Früh und alle mögen das weitläufige Areal und die günstigen Eintrittspreise. Einzig der an manchen Sommertagen übervolle Parkplatz wurde kritisiert.

Schwieriger ist die Lage in der Gastronomie und bei Veranstaltungsorten. Zugezogene aus Tourismusgebieten genießen zwar, dass der Ort nicht von Touristenmassen überrannt wird, aber dafür ist das kulinarische Angebot bei uns relativ dünn. Stollhofer und das 10er Bistro bieten gute Küche an fünf Tagen in der Woche. Wenn einer von ihnen oder beide Betriebsurlaub haben, gibt es im Ort kaum Ausweichmöglichkeiten außer dem Würstelstand beim Tennisplatz. Der hat zwar viele Fans, eignet sich aber nicht für ein gemütliches Abendessen in angenehmen Räumlichkeiten. Der Wintergarten, einst wichtiger Veranstaltungsort für Musik aller Art, hat noch seltener offen. Immerhin findet dort das äußerst beliebte Pubquiz statt und vielleicht erweitern sich in Zukunft noch die Öffnungstage.

Mangel an Räumen

Inzing hat mehrere Raumprobleme: Genannt wurden nicht nur fehlende Räume für Veranstaltungen, sondern auch für Ausstellungen. „Und wir brauchen Proberäume!“

Das Jugendheim, grundsätzlich befürwortet, wird vom Gebäude her kritisiert. Es ist nicht barrierefrei und der ehemalige Turnsaal im Erdgeschoss, in dem früher die Jugendlichen allerhand Aufführungen veranstalteten, wird seit geraumer Zeit von der Rumänienhilfe in Anspruch genommen und fehlt so den Jugendlichen.

Inzing wird trotz Raumproblemen als Gemeinde mit einem reichen kulturellen Angebot wahrgenommen, darauf können alle Kulturvereine stolz sein. Die Gemeinde wird aber nicht darum herumkommen, die Raumprobleme ernsthaft anzugehen, vielleicht im Zuge eines Neubaus der Volksschule?

Freizeit – Kultur – Gemeinschaft

Alle meine Interviewpartnerinnen lieben an Inzing den direkten Zugang zur Natur, egal ob Wald, Berg oder einfach Gaisau – alles ist direkt von der eigenen Haustür aus zu Fuß erreichbar. Wandern, Nordic Walking oder Radfahren wurden am öftesten genannt, allerdings gab es auch Hinweise auf Nutzungskonflikte zwischen Leuten, die zu Fuß unterwegs sind und solchen auf Rädern. „Seit der Forstweg am Gigglberg geändert wurde, bin ich unsicher, wo jetzt der Themenweg weitergeht“, klagten einige Befragte.

„Ich finde es toll, dass wir so viele verschiedene Vereine in Inzing haben. Da findet man leicht einen Anknüpfungspunkt, auch die Kinder, wenn man neu im Dorf ist,“ fand eine Zugezogene. Ein Einwand überraschte mich: „Mir sind in Inzing die Traditionsvereine etwas zu dominant, das ist zu sehr wie man Tiroler Dörfer kennt. Hier gibt es viele kreative und engagierte Menschen. Wenn man die sichtbarer macht, kann sich Inzing positiv abheben.“ Die Bücherei und die Erwachsenenschule sind hochgeschätzte Beispiele für so ein Engagement. Bei den verschiedenen Einzelaktionen der Gemeinde wie Dorfputz oder Almtag wollen sich mehrere Befragte gerne einbringen.

Foto: Ernst Pisch

Stolz ist man auch auf Veranstaltungen, die weit über Inzing hinaus Interessierte anziehen und mit denen größerer Gemeinden locker mithalten. Ob Hundstal Open, Oldtimer Treffen oder Food&Art Festival – das soll uns mal jemand nachmachen!

Interessanterweise machen sich die von mir Befragten auch Gedanken zum Ortsbild. Das reicht vom Wunsch nach mehr Grün bei neuen Bauprojekten und Parkplätzen, zu attraktiverer Gestaltung von Wohnanlagen, mehr Bänken zum Rasten im Dorf und Wartehäuschen bei Busstationen. Und auch für die sehr positiv bewertete Radstation am Inn-Radweg wäre eine Überdachung nützlich für eine kurze Rast bei Regen.

Einige Zugezogene, nicht nur aus ländlichen Gegenden, schätzen den immer noch vorhandenen ländlichen Charakter von Inzing. Gleichzeitig wurde die große Vielfalt in Inzing betont und: „Zugezogene bringen neue Perspektiven.“ Einheimische und Zugezogene waren sich einig: „In Inzing gibt es eine gewisse „Grundfreundlichkeit“ – am Bahnhof bekommt man Hilfe beim Koffertragen angeboten, in der Bäckerei kommt man ins Gespräch mit ganz unterschiedlichen Leuten.“

Allerdings: „Jetzt wohne ich seit 30 Jahren hier, aber werde immer noch nicht als Inzingerin angesehen.“ Eine andere meinte: „Inzingerin wird man nur durch Geburt oder starkes Engagement in den Vereinen.“

Hier erhebt sich die Frage: Was bedeutet es, Inzinger:in zu sein? Reicht es, sich selbst hier heimisch zu fühlen? Eine Einheimische beschreibt das Gefühl eines „inneren Kreises der Ureinheimischen“, der sich aus ihrer Sicht nur schwer öffnet und das Potenzial von Zugezogenen nicht immer wahrnimmt. Es stellt sich die Frage, welche Bedeutung Zugehörigkeit heute überhaupt noch hat – und wie sich das Verständnis davon im Wandel befindet.

Was ich aus den Gesprächen gelernt habe

Mir ist wieder einmal deutlich geworden, was alles Inzing zu einem lebenswerten Ort macht: Die Vielfalt, das rege Vereinsleben, die gute Infrastruktur.

Und was diese Qualität am stärksten beeinträchtigt: Der Schwerverkehr, die Raumnot.

Die Gespräche zeigen: Vieles, was Inzing lebenswert macht, ist gewachsen – und vieles wird sich nur gemeinsam weiterentwickeln lassen.

Diese Bestandsaufnahme erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie soll vielmehr ein Impuls sein, genauer hinzusehen und miteinander im Gespräch zu bleiben.

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Brigitte Scott

Brigitte Scott lebt seit dem Jahr 2000 in Inzing und ist hier als Gemeinderätin und im Kulturausschuss als Vertreterin der Liste JuF aktiv. Bis zum Ende der gedruckten Dorfzeitung war sie viele Jahre deren (Mit)herausgeberin und vor allem an Kulturberichterstattung interessiert. Brigitte ist ursprünglich aus Salzburg und lebte 16 Jahre in England. Ihrem Beruf als Übersetzerin und Lektorin geht sie in reduziertem Umfang auch jetzt in der Pension noch nach. Als begeisterte Leserin engagierte sie sich in Literaturprojekten des Kulturvereins und steuert Buchbesprechungen für den DZ-Blog bei. Aus Freude am Garteln hat sie zusammen mit Sandra Milne-Skinner die Leitung des Obst- und Gartenbauvereins Inzing übernommen und hofft, interessante Themen für lokale Gartenbegeisterte anzubieten und den Austausch zu fördern. Dazu gehört auch der Weg aus dem Garten auf den Tisch.

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2 Gedanken zu “Lebensqualität in Inzing aus weiblicher Sicht

  1. Dear Brigitte,
    Well-researched and wide ranging, a valuable piece of insight with some thought-provoking issues highlighted.
    Thankyou!
    Sandra
    Sandra Milne-Skinner

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