12. August 2020

Was sich bewegt im Stillstand

© AP
Lesedauer ca. 3 Minuten

Auch das politische Gemeindegeschehen war aus der Bahn geworfen und stand bis Mitte Mai still. Daher gibt es diesmal keinen Gemeinderatsbericht. In dieser Zeit habe ich aber viel Neues erlebt und möchte darüber berichten:

Der Stillstand aufgrund von  – „eh schon wissen“, ich versuche dieses Wort hier zu vermeiden, weil wir es sowieso 1000mal am Tag hören – , dauert jetzt schon sehr lange und auch wenn ganz langsam wieder ein Alltagsleben aufersteht, so wird unser Leben doch verändert sein und bleiben.

Seit 15. März konnten wir viele Dinge nicht mehr tun und außer Haus wenig unternehmen. Jede/r von uns hat da sicher neue Erfahrungen gemacht, die nicht alle nur schlecht waren.

Ich habe so einiges in Bewegung kommen oder bleiben sehen während des Stillstandes.

Unsere Haare wachsen natürlich immer weiter, aber die fachkundige Bändigung der Lockenpracht ist halt derzeit nicht möglich. Männern kann man da mit einem Trimmer zu halbwegs gepflegtem Aussehen verhelfen. Für uns Frauen kann nur wenn wir im Haushalt mit einem/r Friseur/se leben oder uns trauen mit der Einheitsschere selbst Hand anzulegen (Ergebnis womöglich unansehnlich) Abhilfe geschaffen werden. Sonst müssen wir uns an den Fransenlook gewöhnen. Aber egal, wir dürfen ja sowieso nirgends hingehen und uns öffentlich zeigen. In diversen Videokonferenzen stellen wir fest, dass es ja allen gleich geht.

In Zeiten wie diesen habe ich endlich Zeit Dachboden, Keller, Rumpelkammer aufzuräumen und entdeckte verborgene Schätze, wie zB mein lange vermisstes Kochbuch von der Oma. Na dann war wohl klar, dass ich mich gleich mal wieder ans Kuchenbacken mache. Saftiger Nusskuchen, Sacherschnitten…. Und weil soviel Kuchen bei uns nicht vertilgt wird, stelle ich den Nachbarn etwas vor die Türe. Die bedanken sich bei mir mit Blumen aus ihrem Garten. Also auch auf die Entfernung pflegen wir die Nachbarschaft, was sonst oft gar nicht oder nur zufällig geschah.

Überhaupt haben wir unsere Nachbarn über den Gartenzaun so oft gesehen wie sonst nie und die Musikalischen der Familien haben da auch einen Weg gefunden, dem einsamen Üben einen Sinn zu geben. Ein spontanes „Gartenzaunkonzert“ unterhielt uns an einem dieser Nachmittage, an denen man ohne Arbeit sonst nur ins Grübeln geraten könnte. Die Künstler hatten ihren Spaß und tauschten gleich Playlists und Tipps aus und die Umgebung wurde bestens unterhalten.

Wie vertreibt man sich die Zeit sonst noch? Als Puzzlefan hat man gleich eine Beschäftigung und wenn alle Puzzles im Haus schon zusammengebaut wurden, dann kam ich drauf, dass unsere Freunde ja das gleiche Hobby betreiben und schon wurde eine Puzzletauschbörse gegründet. Es brauchte also eine spezielle Situation, dass man seine Freunde mal von einer ganz anderen Seite kennenlernt.

Und wohl die allerletzten, die noch nie über das Internet eingekauft haben, konnten nun den Versandhandel entdecken. Ja leider wird hier den Giganten dieser Branche ein satter Zuwachs winken. Hoffentlich haben einige auch den Mut und die Kreativität kleiner regionaler Firmen ausgenützt und sind über diese zu ihren benötigten Waren gekommen. Eigentlich ist der Umstand der geschlossenen Läden ja auch ein Anlass zu überlegen, was brauche ich wirklich und muss ich immer sofort die neueste Mode haben. Geburtstagsgeschenke, Stoffe zum Maskennähen, Bücher und CDs für die langen Tage zuhause brauchen wir aber schon und daher wird bestellt. Ja und dann türmt sich der Verpackungsmüll zuhause, bis der Recyclinghof endlich wieder aufmacht.

Die Versorgung mit alltäglichem wird auch auf neuen Wegen ausprobiert, mit Gemüsekisten, Sammelbestellungen beim Hühnerlieferanten, Essensbestellungen bei den Gasthäusern, die so wenigsten ein bisschen verdienen.

Die Generation der 60+´der man ja nachsagt, dass sie nicht ganz so fit mit der modernen Technik ist, hatte eine Chance so  einiges auf diesem Gebiet zu lernen. Die Familie ist weit verstreut und kann sich über Grenzen hinweg nicht besuchen. Also bleibt uns nichts übrig und wir machen uns mit Videotelefonie, Skype, Jitsi, Zoom vertraut, um unsere Kinder und Enkel zu sehen. Juhuu, es funktioniert und der Kontakt zur Familie bleibt so aufrecht.

Irgendwann wird es einen „neuen“ Alltag geben und der wird nach ein paar Jahren hoffentlich nicht genau so aussehen wir er vor der ganzen Geschichte war. Der Stillstand, den das Virus uns aufgezwungen hat, hat einiges in Bewegung gebracht, das ruhig so bleiben könnte und vielleicht hatten wir ja auch endlich Zeit nachzudenken über unser Leben und wie es weitergehen soll.

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Renata Wieser

Renata Wieser

Seit 1991 Inzingerin 1995 Gründungsmitglied der Winzinger Mitbegründerin der Initiative “Inzinger Ferienspaß” Seit 2002 Gemeinderätin Mitglied der Klimabündnisgruppe und des Freundeskreises für Integration 1999-2019 Sekretärin der Landesmusikschule Zirl Verheiratet, 4 erwachsene Kinder

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Ein Gedanke zu “Was sich bewegt im Stillstand

  1. Diesen Artikel jetzt nochmal zu lesen, im Gegensatz zu der verwirrend, emotional unruhigen und nach Aussen hin beruhigten Zeit, macht etwas.
    Im Rückblick begehren viele Emotionen auf und die Frage “was nehm ich mit?”…. Die Emotionen reichen von Erschöpfung über Erstaunen bis hin zu Freude. Erklärbar werden diese Emotionen mit Beantwortung der Frage, was mitnehmbar ist.

    Ich packe also meinen Coronakoffer und nehme mit: Dass Hausarbeit auch mal liegen bleiben darf, dass Frauen unsagbar viel leisten, dass meine Kinder tatsächlich genug Urvertrauen haben, um persönliche Krisen zu meistern, dass gelangweilte Zwergenkönige noch mehr Unsinn anstellen, als ohnehin schon, dass man auch in unserer Leistungsgesellschaft ein Nichtsystemling sein kann, dass der Verstand nicht unabhängig von der Herzensbildung ist, dass ein überschwemmtes Carport und ein halber Liter Öl am Küchenboden ärgerlich, aber kein Weltuntergang sind und dass Lehrer tatsächlich ein Beruf ist…

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