14. Juli 2020

Wenn der Mut abhandenkommt

Lesedauer ca. 4 Minuten

Wir möchten darauf hinweisen, dass wir diesen Text mit einer Triggerwarnung versehen.

Anna ist verheiratet. Anna hat zwei Kinder, die nennt sie „meine wunderbaren Haudegen“.
Zwei Jungs im Alter von acht und vier Jahren. Anna lebt mit ihrer Familie in einem Haus in Inzing. In den 41 Jahren, die Anna alt ist, hat sie viel erlebt, so wie jeder andere Mensch auch.

Eigentlich könnte Anna glücklich sein, aber Anna kann nicht mehr.

Sie hat die Briefe schon alle geschrieben. Anna möchte gehen, für immer weg sein, damit das aufhört. Anna hat Schmerzen, die sie nicht beschreiben kann, die Niemandem sichtbar sind, weil sie ihr auf der Seele lasten. Anna möchte, dass ihre Kinder glücklich und frei sind; frei von Annas Unglück, ihrer Traurigkeit, frei, um das Leben auszukosten.

Annas Schmerzen machen sie einsam, ihr Mann soll nicht wissen, wie weit sie sich schon von diesem Leben entfernt hat, weil sie glaubt, niemand kann ihr helfen, nicht einmal der Freund, dem sie versprochen hat, dass sie diesen letzten Schritt nicht gehen wird. Aber sowas kann man nicht versprechen, das merkt Anna jetzt. Anna will gehen. Der Schmerz ist so stark, er macht mutlos.

Aber Anna denkt an ihr Versprechen: „Wenn er mir dieses Versprechen abgenommen hat, dann bin ich gebunden…“ Anna kämpft. Anna ist hilflos. Sie fühlt sich Hin- und Hergerissen. „Wäre es nicht doch besser, Hilfe anzunehmen?“

Annas Blick fällt auf Fotos ihrer Kinder, die im Gang hängen, fröhliche Kinder, glückliche Kinder.

Anna kramt irgendwo ein bisschen Mut hervor und greift zum Telefon – Eine Nachricht: „Mir geht es nicht gut, ich weiß nicht, wie ich den Tag schaffen soll.“ Ihr Freund reagiert sofort: „Soll ich kommen?“ – „Ja!“ Moritz kommt. Sofort. Anna zittert am ganzen Körper. Kann kaum mehr selber gehen. Sie ist am Boden zerstört. Moritz nimmt sie in den Arm. Anna weint. „Ich gehe in die Klinik!“ sagt sie.

Moritz telefoniert und organisiert Anna. Es verläuft alles schnell und reibungslos: Annas Mann kommt sofort aus der Arbeit. Anna packt ihre Sachen. Ihr Mann und die Kinder bringen Anna gemeinsam ins Krankenhaus, dort gibt es bereits ein Bett für sie. Im Krankenhaus begreifen die Kinder: Wir fahren ohne Mama wieder heim. “Warum bleibst du da?“ fragt der Kleine.

Zuhause hatte Anna noch kleine bunte Schmetterlinge – die sollten eigentlich in die Briefe. Jetzt im Krankenhaus bekommt jeder Bub einen Schmetterling: „Ihr wisst doch, Schmetterlinge brauchen Feenstaub, um zu fliegen; deshalb darf man sie ja nicht anfassen. Und bei Mama ist das wie bei den Schmetterlingen. Mama hat ihren Feenstaub verloren und hier im Krankenhaus bekomme ich wieder neuen. Das dauert eine Weile, deshalb muss ich hierbleiben, um wieder fliegen zu lernen.

Und wenn die Ärzte sagen, Mama kann wieder nach Hause, dann kann Mama auch wieder fliegen. Vielleicht nicht perfekt, aber so gut, dass alles wieder leichter ist.“ Die Kinderaugen blicken ernst, aber die Buben haben es irgendwie verstanden.

Als Anna auf die Station kommt, auf der ihr Bett steht, beginnt sie zu weinen. Tränen der Erleichterung. „Ich bin endlich in Sicherheit!“ denkt Anna. Eine schwere mühsame Arbeit beginnt. Die erste Zeit ist hart. Anna ist es nicht gewohnt, dass sie bei Selbstverständlichkeiten Hilfe braucht.

Nach anderthalb Wochen kann Anna wieder alleine spazieren gehen; ihre Füße tragen sie wieder. Auch Annas Seele macht ganz kleine mühsame Schritte. Es ist mühsam, aber Anna gibt nicht auf.

Nach fünf Wochen ist Anna stabil. Anna kommt nach Hause in eine Welt, die sich irgendwie fremd anfühlt. Die Kinder streicheln sie, berühren ihre Haare. Sie wünschen sich sehnlichst engen Kontakt. Anna gibt. Aber Anna grenzt sich auch klar ab.

In der ersten Nacht liegt der Kleine auf ihr drauf, will ganz nah sein und weint immer wieder. Er ist froh, dass Anna wieder da ist. Weil er sie so vermisst hat, weint er seinen ganzen Kinderschmerz in dieser Nacht. Der Große weicht ihr tagsüber nicht mehr von der Seite, berührt sie immer wieder, streichelt ihre Haare. Annas Mann nimmt sie oft in den Arm.

Anna fragt sich, wie sie diese Welt, in der sie sich so befremdet fühlt, bewältigen und darin ihren Platz wiederfinden soll. Aber es gelingt; mal besser, mal schlechter, mal mit, mal ohne Hilfe. Ein Schritt nach dem anderen und viele Pausen.

Anna weiß, alle haben zusammengeholfen. Alle, die sich kümmerten, alle, die sie vermissten, haben ihr das Leben gerettet. Sie haben ihr gezeigt, wie sie Kraft finden kann, um sich selber zu retten.

Anna weiß jetzt, gegen welche Drachen sie antritt, sie muss nicht mehr gegen sich selber kämpfen. Annas Drachen aus der Vergangenheit fressen ihren Mut – immer wieder. Aber Anna weiß, wie sie sich schützend vor sich selber stellen kann; Anna weiß, wer und was ihr hilft.

Anna ist nicht allein, wenn der Mut abhandenkommt...

Fotos: Roland Pargger

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Angela Pargger

Angela Pargger

Angela erachtet Worte als das wichtigste Instrument menschlicher Kommunikation. Worte verbinden oder können hart trennen. Gefühle und Beobachtetes in Worte zu fassen, die zueinander passen und miteinander harmonieren, begeistert Angela seit Jahren. Schreiben ist eine wunderbare Möglichkeit, Erlebtes mit anderen Menschen zu teilen, Erfahrungen zu verarbeiten, sich zu positionieren, zu wehren und Dinge auf den Punkt zu bringen.

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