28. März 2026
Newsletter   

„Inn Tigris“ Zwischen Welten – Ein Porträt von Hassan Ibrahim Berzenci

Lesedauer ca. 4 Minuten

Vernissage im Rahmen der Fensterkunst am 23.4.2026 um 18:30 Uhr

Wenn Hassan Ibrahim Berzenci über sein Elternhaus spricht, fällt ihm als erstes eine Wand ein  – eine Wand voller Bücher. „Das war unsere Reichtum“, sagt er. „Meine Familie war reich an Kultur und Kunst und Büchern.“ Sein Bruder war Maler und Schriftsteller, ein anderer Bruder Kalligraph, sein Onkel auch. Die Mutter sang kurdische Volkslieder. Als Kind hat er geschaut, was die anderen machen, und dann einfach mitgemacht. Mit zehn Jahren zeichnete er politische Karikaturen – es war 1985 und Ronald Reagans zweite Amtszeit. Die Bilder waren offensichtlich so treffend, dass er die Bilder bei einer Ausstellung seines Bruders aufhängen durfte.

Am 23. April zeigt er seine Arbeiten unter dem Titel “Inn Tigris” bei der nächsten Vernissage der Fensterkunst-Reihe des Kulturvereins Inzing, initiiert von Alain Rosenfeld. Die großflächigen Fenster des Gemeindeamtes werden wieder zur Galerie – zugänglich für alle, ohne Eintrittspreis, auf dem Weg zum Kindergarten oder beim Erledigen von Amtswegen.

Berzenci, 1973 in der kurdischen Region Rojava an der Grenze zur Türkei geboren und aufgewachsen, hat einen Lebensweg hinter sich, der sich nicht leicht in eine Zeile fassen lässt. Nach der Matura wollte er Architektur studieren, aber damals in Syrien brauchte man dafür Beziehungen oder Geld. Also studierte er Elektrotechnik – „für meine Eltern“, sagt er, ohne Bitterkeit. Zehn Jahre hat es gedauert, statt fünf, weil er parallel nie aufgehört hat, das zu tun, was ihn wirklich interessierte: Musik und Kunst. Am Musikinstitut Aleppo studierte er Geige und Musik, im Kunstzentrum der Stadt Malerei und Design. Als er fertig war, fragte ihn der Direktor, ob er nicht als Lehrer bleiben wolle. Er konnte Elektronik und malen – eine ungewöhnliche Kombination. Er blieb und unterrichtete parallel zu seiner Lohnarbeit in einer Ölfirma.

Was er dort unterrichtete, war nicht ganz gewöhnlich. Er entwickelte Workshops über Licht und Farbe, in denen er Physik und Malerei zusammenbrachte. Warum hat ein Fernseher nur drei Farben, ein Drucker aber vier? Was passiert, wenn man Lichtfarben mischt, verglichen mit Pigmenten? Er brachte echte Lichtquellen in den Unterricht, ließ die Schüler selbst sehen, was Theorie bedeutet. „Die Schüler sagen: ah ja, das war etwas anderes“, erinnert er sich. Er verknüpfte den Pointillismus mit der Physiologie des Sehens – die Idee, dass sich Farben erst im Auge des Betrachters mischen, hat für ihn sowohl eine wissenschaftliche als auch eine fast philosophische Dimension.

Dann kam der Krieg

Was die Flucht bedeutet, beschreibt Berzenci mit einem Bild, das er von Baudelaire entlehnt: der Albatros. Majestätisch in der Luft, unbeholfen auf dem Boden, zum Gespött der Matrosen. In Syrien war er Ingenieur, Lehrer, jemand. In Tirol arbeitete er acht Jahre in einem Betrieb als Elektrotechniker. Die Arbeit war nicht schlecht. Aber sie war weit weg von dem, was er war. Und dieser Abstand kostet etwas.

Vor zwei Monaten hat er den Schritt in die künstlerische Selbstständigkeit gewagt. Ein Jahr Ersparnisse, ein Jahr Luft. „Ich brauche Raum für meine Flügel“, sagt er – und meint das nicht als Metapher, sondern ganz praktisch.

In der Malerei arbeitet er meditativ, mit Acryl, Tinte, manchmal Kaffee für organische Texturen. Kalligraphie zieht sich durch viele seiner Werke – arabische und kurdische Schrift, aber losgelöst von ihrer lesbaren Funktion, verwandelt in Rhythmus und Form. Inspiration kommt oft aus Träumen: Er wacht auf, greift zum Stift. Oder aus Sufi-Versen, in denen Wein und Liebe Metaphern für etwas Tieferes sind.

Musikalisch ist er tief mit Aleppo verwurzelt, einer der bedeutenden Schulen orientalischer Musik überhaupt. Er spielt Tambur, Oud und Geige. Kurdische Melodien nimmt er als Ausgangsmaterial und führt sie durch Improvisation weiter. Musik, sagt er, ist auch Geographie: In den Bergen wird sie laut und hoch, überbrückt Distanzen – wie das Jodeln in Tirol. In Tälern und Städten ist sie leise, intim, nach innen gerichtet.

Bei der Vernissage am 23. April wird beides da sein: die Bilder im Fenster, die Musik live. Oud, Tambur, Gesang, unterstützt von einem Cello. Man wird den Menschen hinter den Werken erleben. Nicht den Elektrotechniker – oder nicht nur den. Jemanden, der aus einer Welt voller Bücher und Klang kommt, der zweimal gestorben ist, wie er sagt, weil er sein Leben, seine Freunde, vieles was ihn ausmachte, in Syrien zurücklassen musste und weil er in Tirol, seiner neuen Heimat, all dies am Anfang nicht hatte. Sein Schritt zum freischaffenden Künstler ist auch einer, sich ein Stück weit neu zu erfinden. Und so ist auch der Titel der Ausstellung Programm, “Inn Tigris” ist für ihn das Echo Kurdistans an den Ufern des Inns, ein Symbol für die Verschmelzung von Herkunft und Gegenwart. Die Inzinger Fensterkunst ist dabei eine der ersten Stationen als freischaffendler Künstler für den in Flaurling lebenden Berzenci.

Dass die Eröffnung im Außenbereich des Gemeindeamtes stattfindet – öffentlich, ohne Eintritt, mitten im Alltag – passt zu dem, was Berzenci mit seiner Kunst will: keine Distanz, sondern Begegnung. Wer in einem Dorf lebt und was diese Menschen mitbringen, das lässt sich vielleicht nirgendwo besser erfahren als vor großen mit Kunst behängten Fenstern, mit Musik in der Luft und einem Angebot an guten Gesprächen.

Diesen Artikel teilen:

Michael Haupt

Michael nennt sich selbst gern Kulturarbeiter und macht das in verschiedenen Feldern, sowohl beruflich, als auch in seiner Freizeit. Letztlich geht es ihm dabei immer um die politische Dimension von Kultur. Um ihr Potenzial, die Gesellschaft vorwärts zu bringen, in dem sie Themen und Fragestellungen auf andere Art aufwirft. Das wird sich auch in seinen Artikeln für den Blog zeigen.

Alle Beiträge ansehen von Michael Haupt →

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert