18. März 2026
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Foto-Serie / Teil 2: Brennweite, Blende und Schärfentiefe

Lesedauer ca. 9 Minuten

Eigentlich wollte ich bereits im ersten Teil mit dem Besprechen der Bildkomposition beginnen. Schließlich ist es vor allem das, was ein gutes von einem schlechten Foto unterscheidet und deshalb auch das, was beim Einstieg in die schöne Welt der Fotografie am meisten interessiert. Während des Schreibens stellte ich jedoch fest, dass es schwierig ist, über Komposition zu sprechen, ohne die Wirkungsweise der grundlegendsten Einstellmöglichkeiten einer Kamera zu kennen. Aus diesem Grund starte ich nun doch mit einigen technischen Begriffen, welche essentiell für die Bildkomposition sind.

Besitzer einer Kamera mit Wechselobjektiven sind ziemlich sicher schon auf den Begriff Brennweite gestoßen. Es ist nicht unbedingt nötig, die physikalischen Details der Brennweite zu kennen, weshalb ich mich darauf beschränke, was der Fotograf für die Bildgestaltung wissen sollte. Die Brennweite bestimmt die Größe des auf den Film bzw. Bildsensor projizierten Bildes. Objektive mit geringer Brennweite sind sogenannte Weitwinkelobjektive. Bei langer Brennweite spricht man von Teleobjektiven. Dazwischen liegen die sogenannten Normalbrennweiten. Makroobjektive ermöglichen das Fotografieren sehr kleiner Objekte. Diese werden jedoch nicht durch bestimmte Brennweiten charakterisiert, sondern deren spezielle Eigenschaft ist, auch auf sehr nahe Dinge scharfstellen zu können. Es gibt sie mit Normalbrennweiten, aber auch kürzeren und längeren Brennweiten. Mit Makroobjektiven kurzer Brennweite muss man einem Insekt viel näher kommen, als dies mit langer Brennweite für gleich große Darstellung nötig ist.

In Zeiten des Kleinbildfilms war ein Objektiv mit einer Brennweite von 70mm ein „leichtes“ (nicht im Sinne des Gewichts gemeint) Teleobjektiv, eines mit 400mm wirkte stark vergrößernd wie ein Fernrohr. Das 50mm-Objektiv war DAS Normalobjektiv. Ich persönlich würde eher das 35mmObjektiv als Normalobjektiv bezeichnen, da es meinem gewohnten Blickfeld gefühlt näher kommt als das des 50er Objektivs. Wir sehen schon – es gibt keine exakte Abgrenzung zwischen diesen Kategorien.

Ein 28mm-Objektiv hatte schon etwas Weitwinkelcharakter. Das 24mm-Objektiv galt früher als „starkes“ Weitwinkelobjektiv. Heute sind auch Objektive mit noch kürzeren Brennweiten zu haben, welche aber an den Rändern manchmal zu unangenehmen Verzerrungen führen können (völlig unabhängig von der Qualität des Objektivs!). Ein Spezialfall war und ist auch heute noch das sogenannte „Fischauge“. Dies ist beim Kleinbildformat meist ein 12mm-Objektiv, welches in der Diagonale einen Blickwinkel von ca. 180° aufweist.

Typisch für Fischaugen-Objektive sind die gekrümmt dargestellten Geraden

Die Darstellung von Fisheye-Objektiven ist sehr ungewohnt, weil gerade Linien, welche nicht durch die Bildmitte führen, gebogen erscheinen.

Warum spreche ich immer wieder von „früher“ und beziehe mich bei all diesen Brennweitenangaben ständig auf das Kleinbildformat?
Weil das Kleinbildformat (36 x 24 mm) über Jahrzehnte das am weitesten verbreitete Filmmaterial war, praktisch überall gekauft werden konnte und man sich auch im digitalen Zeitalter noch immer darauf bezieht. Nur spezielle und meist teure Profikameras verwendeten größere Filmformate. Heute sind Bildsensoren in Kameras oft deutlich kleiner als dieses Kleinbildformat. Bei Kameras mit Sensoren von Kleinbildgröße spricht man von „Vollformat-Kameras“, welche vorwiegend im höherpreisigen Produktsegment zu finden sind.

Die Sensorgröße hat großen Einfluss darauf, welcher Bildausschnitt bei Verwendung einer bestimmten Brennweite letztendlich am Foto zu sehen ist.

Nehmen wir ein 50mm Normalobjektiv als Beispiel. Es projiziert das Bild immer in einer ganz bestimmten Größe auf Film oder Sensor. Ob letztendlich mehr oder weniger von diesem Bild zu sehen ist, hängt von der Größe des Sensors ab. Verwendet man ein 50mm-Objektiv zusammen mit einem winzigen Handy-Bildsensor, so erhält man einen ziemlich engen Bildausschnitt. Der geringe Bildwinkel erscheint dann wie eine Vergrößerung mit einem Teleobjektiv. Um denselben Bildausschnitt bei einer Handy-Aufnahme zu erhalten, wie mit einer Kleinbildformat-Kamera, muss ein Objektiv viel kürzerer Brennweite verwendet werden. Die tatsächlich verwendeten Brennweiten bei Smartphones bewegen sich üblicherweise in Bereichen von weniger als 20mm bis deutlich unter 10mm, was bei Kleinbildformat Extrem-Weitwinkelobjektiven entsprechen würde.

Soweit das Technische zur Brennweite. Widmen wir uns nun dem Begriff „Schärfentiefe“.

Kaum jemand weiß besser als Brillenträger, dass man sich im Allgemeinen optimale Schärfe bei allem, was man sieht, wünscht. Das gilt zumindest fürs alltägliche, menschliche Sehen. Alle Menschen mit gut funktionierendem Sehsinn empfinden immer alles scharf. Die Pupille fokussiert automatisch auf das jeweils betrachtete Objekt und Unschärfen außerhalb davon werden nur wahrgenommen, wenn man bewusst darauf achtet. Bei allen optischen Systemen befindet sich die perfekte Schärfe aber immer nur innerhalb einer mehr oder weniger dicken Ebene. Man spricht bei diesem Bereich, welcher scharf dargestellt wird, von der sogenannten Schärfentiefe. Die Schärfentiefe ist in der Fotografie als bewusstes Gestaltungsmittel einsetzbar. Möchte man nämlich ein gewisses Objekt am Bild hervorheben, kann geringe Schärfentiefe erwünscht sein, um jede Ablenkung rund um dieses Objekt in Unschärfe verschwinden zu lassen.

Die Schärfentiefe hängt direkt mit der verwendeten Brennweite zusammen. Je größer die Brennweite, desto geringer die Schärfentiefe. Es besteht eine quadratische Abhängigkeit – doppelte Brennweite reduziert die Schärfentiefe auf ein Viertel. Bei kleinen Bildsensoren, wie jenen von Smartphones, fotografiert man mit sehr kurzen Brennweiten, um z.B. das komplette Model aufs Bild zu bekommen und nicht bloß dessen Nase. Kurze Brennweite sorgt für große Schärfentiefe – das kann hilfreich, aber auch unerwünscht sein.

Die folgenden beiden Fotos entstanden mit dem Smartphone (linkes Bild) und mit der Kamera (rechtes Bild). Die Handy-Brennweite betrug 5,5mm. Um denselben Ausschnitt mit der Kamera auf ihrem viel größeren Bildsensor abzubilden, musste ich das Objektiv mit einer Brennweite von 24mm montieren. Die Blende (Erklärung gleich anschließend weiter unten) war bei beiden fast gleich eingestellt – Blende 1,8 beim Handy und Blende 2 bei der Kamera. Es ist deutlich zu erkennen, dass die Schärfentiefe bei der Handy-Aufnahme beträchtlich größer ist. Der verrostete Karabiner am Seil verschwindet beinahe vor dem unruhigen Hintergrund. Die Kameraaufnahme ermöglichte durch die Verwendung der längeren Brennweite, den rostigen Karabiner etwas vom Hintergrund zu lösen.

Nun kommen wir noch zum dritten Begriff dieses Teils – zur Blende. Die Blendenzahl gibt das Verhältnis von Brennweite zur Öffnung des Objektivs an. Die Blendenzahl ist ein wichtiger Faktor bei der Berechnung einer korrekten Belichtung – keine Sorge, das erledigt die Kamera. Je kleiner die Blendenzahl, desto größer die Öffnung und desto mehr Licht gelangt hindurch zum Sensor. Je mehr Licht am Sensor auftrifft, desto kürzer kann belichtet werden. Ein lichtstarkes Objektiv benötigt also eine große Öffnung. Bei Objektiven langer Brennweite muss diese Öffnung ganz besonders groß sein – dies ist der Grund dafür, dass Teleobjektive meist groß und schwer sind. Da Smartphones Objektive mit sehr kurzen Brennweiten verwenden, genügt auch eine kleinere Öffnung, um eine gute Lichtstärke (kleine Blendenzahl) zu erreichen. Ein häufiger Blendenwert bei Handys ist z.B. 1,8. Dieser Blendenwert gilt bei Kleinbildformat-Kameras bereits als sehr gute Lichtstärke – vor allem für Objektive längerer Brennweiten.
Auch die Blende hat Einfluss auf die Schärfentiefe. Je kleiner die Blendenzahl (große Öffnung), desto geringer die Schärfentiefe. Um die Schärfentiefe zu erhöhen, muss man einen höheren Blendenwert (kleinere Öffnung) einstellen, was zur Folge hat, dass eine längere Belichtungszeit nötig ist.

Diese Aufnahme wurde ebenfalls mit der Kamera aufgenommen, aber diesmal abgeblendet auf Blende 11. Der unruhige Hintergrund kommt nun stärker zum Vorschein. Bei Kameras hat man also die Möglichkeit, über die Wahl der Blende, Einfluss auf die Schärfentiefe zu nehmen.
Smartphones hingegen lassen nur selten eine mechanische Veränderung der Blende zu – mein Handy ebenfalls nicht. Andererseits – während mit dem Smartphone eine Belichtung von 1/400s ausreichend war, benötigte die Kamera aufgrund der verkleinerten Blende die 40-fache Belichtungszeit, um ähnliche Schärfentiefe zu erreichen. Bei einem statischen Objekt noch kein großes Problem – vor allem bei Verwendung eines Stativs. Handelt es sich aber um ein Motiv in Bewegung, muss die Empfindlichkeit (ISO-Wert) erhöht werden, um Bewegungsunschärfe zu vermeiden. Anstatt ISO 100 hätte man bei der Kamera für dieselbe Belichtungszeit ISO 4000 verwenden müssen, was bereits zu sichtbarem Rauschen im Bild führen kann. Die ISO-Zahl ist so etwas wie ein Multiplikator, welcher von der Kamera auf jeden vom Sensor gelieferten Helligkeitswert angewandt wird. Wer sich zusätzlich über den Zusammenhang zwischen ISO und Rauschen informieren möchte, ich habe die Resultate eigener Experimente und sonstige Erkenntnisse darüber hier zusammengefasst:
https://ernst.pisch.at/Fotografie/Sensor_ISO_Rauschen.pdf

Um den Unterschied des Fotografierens mit Smartphone oder Kamera also zusammenzufassen: Mit dem Smartphone ist es aufgrund der kurzen Brennweiten kaum möglich, Bilder mit nur sehr geringer Schärfentiefe zu erzeugen. Kameras verwenden aufgrund der größeren Sensoren längere Brennweiten, was im Gegensatz zu Handy-Aufnahmen zu geringerer Schärfentiefe bei gleicher Blende führt. Für Aufnahmen mit möglichst großer Schärfentiefe eignen sich die kurzen Brennweiten von Smartphones deshalb besser, weil nicht so stark abgeblendet werden muss und die Belichtungszeiten kurz bleiben können.

Die teils äußerst hitzig geführten Diskussionen zwischen Handy-Befürwortern und HandyGegnern sind somit also völlig überflüssig. Die Bildqualität ist in den meisten Situationen kein Argument mehr, welches gegen das Fotografieren mit Smartphones spricht. Ob sich Smartphone oder Kamera besser eignet, hängt von der jeweiligen Situation ab und davon, welche gestalterischen Mittel man einsetzen möchte.

Normalbrennweiten zeigen einen Bildausschnitt, welcher ungefähr dem menschlichen Sehen entspricht.

Inwiefern sind uns nun die verschiedenen Brennweiten und Blenden bei der Bildkomposition nützlich? Die Wahl der Brennweite beeinflusst die Wirkung des Bildes auf den Betrachter in hohem Maße.

Beginnen wir mit den sogenannten Normalbrennweiten. Der Blickwinkel entspricht bei Verwendung solcher Brennweiten ungefähr der gewohnten Wahrnehmung. Das Bild zeigt einen weitgehend naturgetreuen Blick auf eine Szene. Diese Brennweiten eignen sich sehr gut dazu, den Betrachter anstelle des Fotografen „dabei sein“ zu lassen. Eine „naturgetreue“ Darstellung muss aber noch lange nicht bedeuten, dass solche Bilder bloß nüchtern, neutral oder gar langweilig sind. Man kann und soll auch sonstige Mittel der Bildkomposition einsetzen, um Harmonie oder Spannung zu erzeugen, also Emotionen auszulösen und Interesse zu wecken.

Nahe Objekte erscheinen bei kurzen Brennweiten besonders groß im Vergleich zur Umgebung

Weitwinkelbrennweiten zeigen ein größeres Blickfeld, als wir Menschen mit einem Blick erfassen können. Das kann ganz besondere Effekte bewirken. Nahe Objekte erscheinen im Vergleich zum „Rest der Welt“ größer als gewohnt. Je nach Bildinhalt entsteht eine besonders intensive Tiefenwirkung. Zusammen mit einem größeren Blendenwert angewandt, erreicht man besonders große Schärfentiefe. Ein im Vordergrund platziertes, knackscharf abgebildetes Objekt lenkt den Blick des Betrachters auf sich. Durch die große Schärfentiefe kann der Betrachter nach dem zuallererst gewonnenen Eindruck auch die Landschaft dahinter erforschen. Dies ist ein häufig anzutreffendes Szenario bei der Verwendung von Weitwinkelobjektiven.

Lange Brennweiten bewirken das Gegenteil. Das Blickfeld ist eng und die Distanzen zwischen Objekten werden verdichtet. Ferne Objekte erscheinen größer, als man es gewohnt ist – zum Beispiel die Mondscheibe am Horizont. Die Schärfentiefe kann auf einen schmalen Streifen schrumpfen, womit man den Blick des Betrachters ganz gezielt auf eine Stelle lenken kann. Der Effekt ist umso stärker, je weiter die Blende geöffnet wird (kleine Blendenzahl). Die Aufnahmen der beiden Mountainbiker entstanden beide beim „Sacklpark“ in Inzing. Beide sprangen mit ihren Rädern über denselben Hügel. Einmal befand ich mich sehr nahe beim Absprungpunkt und fotografierte mit einem Weitwinkelobjektiv. Ich wollte ein wenig vom Biker- Gelände und der umgebenden Landschaft mit am Bild haben. Bei der zweiten Aufnahme verwendete ich ein Teleobjektiv, um die Aufmerksamkeit ganz dem Sportler zu widmen. Ich musste mich etwas vom Absprungpunkt entfernen, um den Biker mitsamt seinem Fahrrad ins Bild zu bekommen. Von der Umgebung ist nur noch ein kleiner Ausschnitt zu sehen und der Hintergrund lenkt durch dezente Unschärfe nicht mehr so sehr
vom Hauptmotiv ab. Zweimal das gleiche Motiv mit unterschiedlichen Brennweiten aufgenommen bewirkt beim Betrachter komplett Unterschiedliches.




Bei weit geöffneter Blende verwandeln sich grelle Lichter außerhalb der Fokuszone zu sanften Lichtflecken und störendes Gestrüpp wird zum butterweichen Hintergrund. Ein geeignetes Werkzeug, um Objekte gezielt freizustellen. Das gelingt in ausreichender Intensität manchmal allerdings nur bei Verwendung größerer Brennweiten, wie wir vorhin gelernt
haben.
Lange Brennweite in Kombination mit offener Blende ermöglicht Effekte, welche man mit freiem Auge nicht wahrnehmen kann.
Bewusst eingesetzte Unschärfe wird von Fotografen gerne als gestalterisches Mittel verwendet. Das kann so weit gehen, dass
ein Foto zur abstrakten Lichtmalerei wird, wenn z.B. kein einziges scharf abgebildetes Objekt mehr zu sehen ist.

Durch Unschärfe verschwommener Hintergrund wird Bokeh genannt. Das Wort stammt aus dem Japanischen. Ein
schönes Bokeh mit kreisrunden Lichtflecken und sanft verlaufender Unschärfe zeugt von besonderer Qualität eines Objektivs. Die Lichtkreise in diesem Bild stammten von glitzernden Tautröpfchen auf Moos.

Folgende Abbildung zeigt die Anwendung einer geschlossenen Blende, um Schärfe in der gesamten Tiefe zu erreichen.

Ich hoffe, dass manche Leser bereits Lust verspüren, selbst zu experimentieren und vielleicht sogar schon im Geiste an konkreten Szenen arbeiten.

Mit den Begriffen Brennweite, Blende und Schärfentiefe haben wir die Mehrheit der technischen Gestaltungsmittel nun schon besprochen. Im nächsten Teil geht es dann ums Licht.

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Ernst Pisch

Ernst fotografiert in seiner Freizeit leidenschaftlich gerne und interessiert sich für die Technik, welche dahintersteckt. Während der oft längeren beruflichen Fahrten von und zu den Kunden denkt er unter anderem auch gerne darüber nach, warum die Welt genau so ist, wie sie ist. Dabei entstehen Fragen und manchmal auch neue Interessen, Ideen und Erkenntnisse, welche er gerne mit anderen teilt.

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