11. Mai 2026
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Kaleidoskop – A – Anfänge des Weins

Alfred Walch mit einer Auswahl von hochwertigen Weinen. Foto: privat
Lesedauer ca. 5 Minuten

In principio erat il vinum ? Oder verbum ? Oder terra et caelum?

Kurze Einführung in das neue Sujet – Mit Kaleidoskop wird üblicherweise folgendes verstanden :

Ein buntes Bild, schön und geheimnisvoll, voller Rätsel, aber fesselnd. Dem Wortstamm entsprechend – es kommt natürlich aus dem alten Griechenland – heißt es: kalos ist „schön“, eidos soll die „Form, Gestalt“ sein und das Wort skopein heißt „schauen, betrachten“. Also wollen wir uns in meiner Rubrik mit etlichen schönen Formen des Lebens auseinandersetzen – in diesem Fall mit der sogenannter „Kulinarik“. Nun – warum nicht?

So kommen also einige kulinarische Themen zur Sprache, die unseren Kulturkreis seit geraumer Zeit begleiten, ergänzt durch eigene Erfahrungen und Sichtweisen. Zusätzlich möchte ich noch in der „Wortklauberei“ einen Anhang dazu setzen, der Jahreszeit entsprechend oder einfach eine literarische Fundstelle anführen, die mir in letzter Zeit nahe gegangen ist. Oder aber eine Textempfehlung, vornehmlich Lyrik.

Legen wir also los!

Die Anfänge des Weins

Bauer und Künstler, Arbeitstier und Phantast, Hedonist, Alchimist und Glücksritter – all das ist der Winzer schon seit der Sintflut, wann immer das war. In bekannten Darstellungen des Noah und seiner Arche sind jedoch deutlich die Reben erkennbar, die er mit seinem Zoo und der Gattin (Reihenfolge!) auf den Ararat und dann auch wieder hinunter brachte – also ein schon damals glaubwürdig wichtiges Gut.

Der Schimmel Pflügt die Weingärten von Pontet Canet / Paillac / Bordeaux. Foto: Pontet Canet

Wein war immer schon „wertig“ und wurde auch als Wert verstanden – und gehandelt. Warum war das Getränk auch schon in der Antike etwas Besonderes? Nicht nur als Quelle des Trostes und der Ermutigung, zugleich Arznei und Antiseptikum konnte der Wein den müden Geist des Menschen erheitern und in eine Art Trance überführen, die ihn seine alltäglichen Sorgen etwas kleiner erscheinen ließ, jedoch auch etwas Luxuriöses an sich hatte. Das zählt!

Und natürlich auch den dampfenden Opiaten eindeutig – gesellschaftsmäßig – vorzuziehen war.

Schon in seiner ursprünglichsten Form unterliegt der Wein einer Vielzahl von Einflüssen. Das Klima ist der erste bestimmende Faktor. Heute wie damals wächst der Wein in einem geographischen Band auf der nördlichen und südlichen Halbkugel der Erde, die man als gemäßigt bezeichnen kann – von Mitteleuropa zieht sich das Band nach Nordamerika und im Süden von Südafrika nach Argentinien, Chile und Neuseeland sowie Australien. Also –  zu warm und zu feucht mag der Wein nicht. So wie wir. Das nächste ist das Wetter, das die aktuelle Qualität bestimmt – sprich die Jahrgänge. Als nächstes kommt die Geschicklichkeit des Herstellers, dann die Wahl der Traube. Dazu gesellt sich die Beschaffenheit des Bodens, die Lage.

Wesentlich für die Verbreitung des Weinbaus und der Weinherstellung waren dann wohl die Römer. Plinius hielt (80-jährig) in seiner „de agricultura“ penibel fest, wie ein „industrielles“ Landgut zu führen sei und wie man seine Sklaven gerade noch gesund erhält. Umso prägender war das Lehrbuch der antiken Landwirtschaft „De Re Rustica“ des aus Cadiz stammenden Lucius Columella, das 65 nach Christus erschien und bis in die Neuzeit maßgeblich in Form und Anspruch war. Er selbst war besonders kritisch gegenüber Neueinsteigern und Emporkömmlingen, die im Betrieb von Weinkellereien ihr wirtschaftliches hoch gestecktes Ziel sahen. Wirtschaftskapitäne ohne Patent, sozusagen. Kennen wir ja.

Er schreibt: „Weinbau ist große Mode und viele stürzen sich auf ihn, ohne sich Gedanken über Reben, Boden und Lage zu machen – oder, ob sie die Sache nun auch verstehen! Sie vernachlässigen den Weingarten, ernten viel zu viel und können mit der Gärung nicht umgehen. Somit erbringen sie einen miserablen Wein und sind beleidigt, wenn der Markt die Ware nicht aufnimmt. Dann fragen sie sich, was da wohl schiefgelaufen ist“

Eine kaum zu glaubende Parallelle zu den heutigen Verhältnissen, nicht wahr!

Columella erläutert alles bis ins kleinste Detail. Seine Kostenkalkulation können bis zum letzten Rebpfahl und dem Frühstück der Sklaven verfolgt werden. Im Übrigen empfiehlt Columella einen gemischten Ertrag von 60 hl/ha – wie heute für hochwertige Bordeaux angenommen wird und ebenso eine Pfahlerziehung mit 2 Schritten Abstand , die heute noch an der Mosel oder am Hermitage-Hügel verwendet wird. Na schau.

Gruppenfoto mit Damen im Weinkeller von Birgit Eichinger in Strass/Kamptal. Foto Alfred Walch

Im Altertum entwickelten sich die feinen Unterscheidungen eher in den Besitzungen der Herrschenden oder geistlichen Oberschicht. Stete Auslese des jeweils Besseren im Rahmen der Verhältnisse hat uns tausende Varianten überliefert, die im Laufe der Geschichte gezüchtet wurden und noch werden. Über die Verwendung des Weins in den Religionen wurde und wird seit Langem debattiert – nachgewiesen ist seine allgemeine Wertigkeit. Brot und Wein sag‘ ich nur.

Den Klöstern – insbesondere den Zisterziensern möchte ich hier noch einmal tief Danke sagen!

Als Startpunkt der Weinerzeugung legen heutzutage Archäologen einen Zeitraum von 6000 bis 5000 vor Christus fest – hierzu fand man große Mengen von Traubenkernen, deren Alter man nachweisen kann. Ausgrabungen in Jordanien, Syrien, der Türkei und vor allem in Georgien sind Nachweise dafür. Ebenso – etwas später – die Scherben der Tongefäße, die den Wein enthalten haben. Diese waren Gär – als auch Lagerbehälter – die Kwevris, die in Griechenland „Pitos“ und in Rom „Dolium“ genannten Amphoren, die nun heute wieder Einzug in die moderne Weinbranche finden – arg, oder ?

Ein Traubenkern verrät aber mehr als nur sein Alter. Bestimmte Merkmale lassen auf eine Sorte schließen – hier wurden eindeutig Pflanzen kultiviert, die der heutigen Sorte vitis vinifera (die Trauben tragende) ähnlich sind – aus der Familie der verholzenden Kletterpflanzen. Im Museum von Tiflis findet man einige solcher Kwevris, die auch noch die traubenähnliche Form besitzen. Die Krüge hatten bis an die 150 Liter Inhalt und waren im Erdreich eingegraben. Auf jeden Fall stammen die Funde aus Zeiten, in denen die Menschen schon etliche zivilisatorische Ansätze hatten, Sprache, Schrift – und auch Handel wurden entwickelt.

Als nächste Station könnte man Ägypten nennen. Über den Wein der Ägypter wissen wir alles und nichts. Über die feinsinnigen Darstellungen in den Grabkammern der Könige aber auch hoher Beamter bekommen wir Informationen, wie damals der Wein gepflegt, erzeugt und auch gelagert wurde. Als das Grab des 1352 v.Chr. verstorbenen 19-jährigen Königs Tutench-amun vom berühmten Archäologen Howard Carter im Jahre 1922 geöffnet wurde, fand man neben anderen Schätzen bei der Mumie auch Weinkrüge, die der königlichen Seele mit auf die Reise gegeben wurden. 26 der insgesamt 36 Amphoren trugen Bezeichnungen – von verschiedenen Jahrgängen als auch andere Kennzeichnungen. Sogar – auf den ältesten – stand der Name des Beamten oder obersten Winzers der Weingärten westlich des Nildeltas – der damals besten Region für Wein in Ägypten.

Folgend kam der Wein nach Griechenland, der Türkei und an die gesamte Levante mit Libanon, Jordanien und Co. Den berühmten Seefahrern der Phönikier ist es wahrscheinlich zu danken, dass die Rebe nach Westeuropa und Nordafrika kam. Doch das ist wohl eine andere Geschichte…

Die Südtiroler Weingärten von Neustift werden mit Gasöfen geheizt / Frostschutz. Foto Alfred Walch

Wortklauberei:

Abschließend möchte ich euch noch eine aufschlussreiche Info des Hippokrates mitgeben:

Er, der Ahnvater der Mediziner rät so um 430 auf der Insel Kos: Ich verordne Wein zum Kühlen des Fiebers, als harntreibendes und allgemein keimtötendes Mittel sowie zur Stärkung von Rekonvaleszenten. Auch meinte er, längerer Genuss von Wein führe zu Konvulsionen, Brand, Schüttelfrost und auch Fieber. „Das Geheimnis liegt im Maß“, wie sonst auch. Sagt er.

Den Schluss können wir dem weisesten aller Philosophen überlassen – nämlich Sokrates:

Wein“ – so sagt er – „befeuchtet und temperiert den Geist und wiegt die Sorgen des Gemüts in den Schlaf. Er belebt unsere Freuden und ist Öl auf der sterbenden Flamme des Lebens. Wenn wir mäßig und in kleinen Zügen trinken, dann geht der Wein über in unserer Lungen wie süßester Morgentau…. Dann begeht der Wein keinen Raub an unserer Vernunft, sondern lädt uns ein zu fröhlicher Heiterkeit.“

Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.

Quellen: „Die Weingeschichte/ History of Wine“ von Hugh Johnson, Hallwag Verlag.

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Alfred Walch

Jahrgang 1959, wohnhaft seit jeher in Inzing, verheiratet mit Veronika / Vroni – aus dem Hause Gastl. Zwei Kinder – Julia und Theresa – beide nun Therapeutinnen. Seit Jänner 2022 in Pension, langjähriger Leiter der Weinabteilung des Handelshauses Wedl. Interessen: Lesen, Kopfreisen und auch so, e-Radlfahren, etwas Bergsport, Kochen sowieso. Musik hören von Jazz bis Volxmusik, etwas Fotografieren, Europa kennenlernen. Leidenschaft: Wein und seine Geschichte(n) dazu. Seit ca. 35 Jahren mit der Sache beschäftigt. Wünsche: noch eine gute Zeit zu haben, politisch-sozialer Friede, Enkel aufwachsen sehen, ev. noch Französisch aufbessern, gute Literatur und das Geheimnis der Poesie finden…

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