14. Mai 2021
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Die Sonne geht im Westen auf oder Europas Metamorphose

© Sieglinde Mader-Kraus
Lesedauer ca. 6 Minuten

„Die Sonne geht im Westen auf“ textete Patent Ochsner im Lied Ludmilla. So widersinnig das zunächst scheinen mag, so viel Sehnsucht steckt in dieser Zeile.

Der Westen… Der Osten…

© Pixaby

Ich trage sie beide in mir: den Westen und den Osten. Wieviel Emotion diese zwei Wörter, diese Trennung beinhaltet, habe ich von Beginn meines Lebens an gewusst. Dieses Gefühl der Zwiespältigkeit, des Zerissenseins, des miteinandersein Wollens, aber nicht Könnens und Dürfens – ich trage all das in mir. Es ist das Erbe meiner Eltern. Mein Vater, der bis zu seinem 18. Lebensjahr im Osten, in Cottbus aufwuchs: Dort war er aufgrund elterlicher und später eigener regimekritischer Betrachtungsweisen Repressalien ausgesetzt, bis die Familie kurz vor Beginn des Mauerbaus fliehen konnte. Meine Mutter, die in Westberlin aufwuchs. Und die slowenische Frau, die meiner Mutter den Haushalt führte und die ich bis zum abrupten Ende der Tätigkeit in meinem Elternhaus, über Jahre hinweg Mama nannte.

Als ich elf Jahre alt war, spürte ich zum ersten Mal, wieviel Leid und Hoffnung in Form eines Stachels in diesen zwei Welten – Ost und West – steckte. Dieses zueinander Drängen, das ineinanderfügen Wollen, was zusammengehört, das in den Bildern der Tage des Mauerfalls deutlich wird – wie sehr hat das meine gesamte Familie bewegt. Wieviel Begeisterung war zu spüren als endlich am 3.10.1990, am Tag der Wiedervereinigung, extra der Fernseher aus dem Keller geholt wurde. Ein Festabend, mit einem reichhaltigen Buffet, Sekt und Beethovens Ode an die Freude. Wieviel Wunsch nach weiterem Verbundensein, nach Europa, stand in so vielen Tränen. Ich kann mich noch genau an dieses Gefühl erinnern. Sie lebt noch immer in mir, die Idee des Zusammenhalts, des endlich Zueinandergehörens, des Miteinander und des füreinander Einstehens.

© Pixaby

Dann kam die Ernüchterung, die zusehends erst Monat für Monat, dann Woche um Woche und schließlich gefühlt täglich wuchs. Wieder stand eine Trennung im Raum. Soviel Unverständnis auf beiden Seiten, soviel Unnachgiebigkeit, soviel Ausverkauf der Begeisterung und des Miteinander. Hinzu kamen die brennenden Unterkünfte für Menschen mit Fluchthintergrund – aufbrechender Hass begünstigt durch die aufbrechende Neonaziszene. Ein prosperierendes Milieu, das geschafft hatte, was keine Institution sonst im Osten nach Beendigung der regimetreuen Jugendarbeit aufzufangen in der Lage war. Ich höre noch heute meinen Vater: „Sollen sie doch ihren Kackstaat und die Mauer wieder aufbauen!“….

Und trotzdem fuhren wir immer wieder in seine ehemalige Heimat. Dort roch es merkwürdig. Alles schien mir altertümlich. Immer hatte ich das Gefühl, mit meinen Klamotten, unserer Art zu leben, dort nicht hinzugehören. Es war mir unbegreiflich, wieviel Misstrauen nach der ersten Euphorie plötzlich zwischen den beiden Welten herrschte.

Wieviel Ideal dennoch im Osten wohnte, wurde deutlich während der Besuche des Schlosses Sanssouci und am Grab des Preußenkönigs, des liebevoll betitelten „Alten Fritz“… Tatsächlich wirkte, zumindest in meiner Erinnerung, die lang vergangene Geschichte und die Kultur wesentlich verbindender, als es die Begegnung zwischen den Menschen tat. Für mich erschien der Osten als Schatztruhe der Vergangenheit. Er hinterließ bei mir den Eindruck von Anmut wie die wunderbaren Märchenfilme einer unbekannten, verzauberten Welt. Heute als Erwachsene sind es eben noch immer diese Märchenfilme, die für mich als Sehnsucht stehen, es möge alles gut Sein und gut Werden.

© Pixaby

Es ist der Wunsch, der Zauberstaub aus der Schatztruhe möge uns alle endlich in die Lage versetzen, als Menschen und Europäer zu leben.

Der Wunsch ist fromm, angesichts der neuesten Ereignisse haltlos und für den ein oder anderen vielleicht sogar naiv. Nichts scheint mehr im Lot zu sein. Der Westen erstrahlt mehr denn je als Goldstandard, während er zeitgleich die verkommenste Gesellschaftsform prägt, die sich in der Menschheitsgeschichte immer wieder als tragischer Vorbote erwiesen hat. “Quo Vadis?“, möchte man fragen… Und: „Auf wieviel schwachen Schultern möchten wir unseren Wohlstand und dessen Untergang noch verteilen?“

Während wir die schöne Europa besudeln mit dem Leid und dem Blut unserer auf sämtlichen Ebenen geführten Kriege, während wir ihren Willen in die Knie zwingen, sitzen wir zugleich im Boot als Charon, der                                                                                                                                        in die Unterwelt verschifft, was uns als Makel, als Schuld, als Verantwortung in die Quere kommen könnte. Am Rand des Mittelmeeres und an den Grenzen hin zum Osten, am Ufer des heutigen Styx, stehen all unsere Tabubrüche, all unsere gebrochenen Ideale, all das, was ein gutes Herz ausmacht. Dort empfangen wir, im Land wo Milch und Honig fließt, jene, die mit fiebrigen Augen in die Sonne des Westens blicken. Und sie finden sich wieder im Krieg des nicht Hörens, des nicht Sehens, des nicht Sprechens; ein Krieg, dessen stärkste Waffe die Verweigerung ist. Wir nehmen uns jene als Gegner, die uns nichts entgegenzusetzen haben, als ihre Hoffnung, ihre Wünsche, ihre zerbrochenen Leben, ihre Flucht vor Armut, Krieg und Hunger.

© Pixaby

Es ist erstaunlich, wie chancenlos Herkunft sein kann!

Was ich nun aus meiner eigenen Familiengeschichte weiß, was ich spüre, was ich träume, was mir als denkender und fühlender Mensch in die Wiege gelegt wurde, ich kann es nicht über Bord werfen. Ich bin aufgrund meiner Herkunft Erbin eines doppelten Auftrages. Zumal ich als Frau, aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen zur Charge „beschädigte Ware“ gehöre. So fühle ich mich all jenen Frauen tief verbunden und verpflichtet, die aus ihrem eigenen Vorhof zur Hölle kommend, unsere europäische Welt betreten haben und endgültig in DER Hölle gelandet sind.

Mein Herz sieht sie vor sich. Sie haben weniger Chancen als ich, weil sie noch weniger wert sind als ich. Es ist tatsächlich nur der Pass, der uns unterscheidet… Wenn sich der höhere Wert eines Menschen daran bemisst, dass er auf der Sonnenseite des Lebens geboren wurde, ist alles Gute hinfällig. Die Nabelschnur der Herkunft, so interpretiere ich eine weitere Zeile des Eingangs erwähnten Liedes, liegt um unseren Hals und zerrt uns wie Puppen nach oben, nach unten…

Wir sind keine Puppen!

© Daniel Schwarz

Ich als Frau des Westens, wir als Frauen des Westens, haben es in der Hand, was mit dieser Welt passiert. Wir mögen uns aufgrund unserer Erfahrungen als kleine Mädchen fühlen, die nichts ausrichten können gegen Gewalt, männliche Vorstellungen und Ideale. Doch genau deshalb sind wir verantwortlich für die Zukunft. Es wird Zeit, den Zenit unserer Angst und des ewigen Verständnisses zu erreichen, um lichterloh, als Infernal wie Phönix zu brennen, um neu ins Leben zurückzufallen, um aus der Asche unserer gebrochenen Herzen Kraft zu schöpfen. Wir können und müssen die Geburtshelferinnen einer neuen Europa sein; einer Frau, die nicht entführt und irgendwohin verschleppt wird, sondern einer, die sich als Gedanke, als Gestalt, selbstbestimmt neues Leben schenkt und Platz bietet für all die Verlorenen.

Bieten wir Europa – der Frau – die Chance zur Metamorphose, schenken wir ihr die Kraft durch Beharrlichkeit und durch unser Aufstehen in sämtlichen Bereichen. Wir können gar nicht so taub sein, um den Ruf „Alerta! Alerta! Alerta Feminista!“ nicht als menschlichen Weckruf zu verstehen für all die kleinen Mädchen und all die kleinen Jungs, die unsere Zukunft sind – egal welcher Herkunft! Es wird nicht leicht, es wird schmerzhaft und wir werden vielleicht nicht mehr daran teilhaben können, was unsere Beharrlichkeit und unser Aufstehen gebracht hat. Aber irgendwann wird man es hören, Landauf, Landab erst ein Flüstern, dann ein Tosen. „Europas Götterfunke ist entbrannt!

© Claudia Lampert

Vorwurf!

Ich
Ein Kind Europas
Generation “Gnade der späten Geburt”

Erkläre uns
Zur Résistance wider das Vergessen
Weil wir vergaßen
Was wir nicht vergessen sollten

Wir
Kinder Europas
Einst Glücksritter der Sorglosigkeit
Wieviel Vergangenheit
Ließen wir verstreichen mit
Verspürten Gelegenheiten
Entfühlter Menschlichkeit
Mit unerhört ungehörten stummen Sehnsuchtsliedern?
Fremd waren und sollen gefälligst bleiben
Die aus der Mitte dieser Welt
Ins Nichts Gestoßenen
Mit ihrer zerschlagenen Lebensfülle
Ihren angstgeronnenen Herzen
In Nichtexistenz abtauchen

Auf den
Geistig verkümmerten Trümmern Europas
Auf dem Boden
Allerheiligster österreichischer Neutralität
Nährt ein “Wir haben genug getan!”

Im selbstapplaudierenden Stechschritt
Den Verrat
An Kinder- und Menschenrechten
Der nichts Anderes als
Kristallklirrende Sehnsuchtshinrichtung ist

© Pixaby

Wir
Kinder Europas
Kinder der Erklärung
Der Menschenrechte
Werden nicht müde
Wieder und wieder
euch zu erinnern
Wofür
Das in unerträglichen Unsagbarkeiten getränkte Schmerzensband steht
Das euch und uns mit jenen verbindet
An denen ihr euch tätig oder untätig vergeht

© Ennio Fabro

Ich
Ein Kind Europas
Mutter zweier Kinder
Einer neuen Generation
Überlasse euch weder den einen
Noch den anderen Sohn
Ich werde sie lehren sich mehr Menschsein
Tiefer denn je zu bewahren
Ich werde nicht müde, die
Erfrorene Sehnsuchtsmelodie
Der würdevollen Menschlichkeit
Der Freiheit des Verstandes
Der unbedingten Treue zum eigenen Herzen
Als Imperativ jedes menschlichen Handelns
Mit schillernden TAUTROPFEN in den Himmel zu schreiben

Auf dass ein Götterfunke sich Europas erbarmt

Um dort zu entflammen und endlich zu bleiben

© Sieglinde Mader-Kraus (links), Christian Niederwolffsgruber (rechts)

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Angela Pargger

Angela Pargger

Angela erachtet Worte als das wichtigste Instrument menschlicher Kommunikation. Worte verbinden oder können hart trennen. Gefühle und Beobachtetes in Worte zu fassen, die zueinander passen und miteinander harmonieren, begeistert Angela seit Jahren. Schreiben ist eine wunderbare Möglichkeit, Erlebtes mit anderen Menschen zu teilen, Erfahrungen zu verarbeiten, sich zu positionieren, zu wehren und Dinge auf den Punkt zu bringen.

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