6. Februar 2023
Newsletter   

Trauerrede für David Koppensteiner

Lesedauer ca. 8 Minuten

Am Donnerstag, den 10. November ist mein lieber Freund David Koppensteiner von uns gegangen. Die Rede, die ich zu seiner Beerdigung halten durfte, konnte leider aus technischen Gründen von den meisten anwesenden Trauergästen nicht gehört werden. In Absprache mit den Hinterbliebenen veröffentliche ich sie hier an dieser Stelle.

Liebe Eltern von David, Heidi mit Klaus und Bernhard mit Andrea! Liebe Geschwister von David, Katja, Nina und Tobias mit euren PartnerInnen und Kindern! Liebe Angehörige, liebe Freundinnen und Freunde!

„Überall dieses gleiche Gefühl von nicht dazugehören, von Sinnlosigkeit; Ich gebe Interesse vor an Dingen, die mir nichts bedeuten; ich raffe mich auf, wie mechanisch oder aus Gutherzigkeit, ohne jemals von etwas gefangen zu sein, ohne jemals irgendwo zu sein; Was mich abzieht, liegt woanders und ich weiß nicht, wo dieses woanders liegt.“

Diese Zeilen von Emil Cioran aus „The trouble with being born”, auf Deutsch „Vom Nachteil, geboren zu sein.“ waren das letzte öffentliche Lebenszeichen von David, das er fünf Tage vor seinem Tod auf Facebook gepostet hat. Mit den sozialen Medien verband ihn eine Hassliebe, Tor zur Welt und doch Enttäuschung, wer sich dort als Freund oder Nicht-Freund zeigte. Andererseits aber auch die Möglichkeit ausschließlich als der kluge Kopf wahrgenommen zu werden, der er war. Er diskutierte auf einer akademischen Plattform mit ProfessorInnen rund um den Globus, war geschätzt und ernst genommen.

„Was mich abzieht, liegt woanders und ich weiß nicht, wo dieses woanders liegt.“ Lieber David, wir hätten vermutlich bei dieser letzten Zeile über Jacques Lacan, das Objekt klein a und dem Mangel, dem Loch gesprochen, das jedem Mensch inne und unauflösbar ist. Du hast gewusst, dass man dieses woanders nicht finden kann. Bald hättest du vermutlich was eingeworfen, das ich nicht mehr verstanden hätte und hättest es mir erklärt, so wie du viele schwer wissenschaftliche Themen auf den Alltag runterbrechen hast können. Wenn du gewollt hast.

Dabei hatte David als Kleinkind ganz andere Pläne, der Bauernhof von Hannes und Marina Webeler war ihm 2. Heimat und so oft er konnte, war er dort. Du, Heidi, hast im Wintergarten gearbeitet und David war nachmittags bei dir und spielte mit Mike. Gegen Abend nahm ihn Rosa, seine Oma, mit nach Hause. Am Weg war es dann immer das selbe Spiel, kaum beim Zaun hinter dem Webeler-Haus angekommen, kletterte er drüber und ließ die Oma stehen, die dann den Weg rundherum nehmen musste. Sein Traum platzte mit etwa 5 Jahren, als er Heuschnupfen bekam und mit roten geschwollenen Augen meinte: „Jetzt kann ich kein Bauer mehr werden.“

Da hatte er schon längst, vielleicht im Alter von 2, 3 Jahren, angefangen Fußball zu spielen. 5 Jahre später, in der 2. Klasse Volksschule warst du, Heidi, mit Katja hochschwanger und wolltest noch mit David spazieren bis die Wehen einsetzen. Mit dem Effekt, dass du David heimschicken musstest um die Rettung zum Transport in den Kreissaal zu rufen. David erhoffte sich, wie vermutlich viele fußballfanatische Buben in seinem Alter einen Buben zum Spielen. Dass mit dir Katja ein Mädchen kam, war keine Enttäuschung, ganz im Gegenteil, er liebte euch, Katja, Nina und Tobias, seine Geschwister und nahm Anteil an eurem Leben und dem seiner Nichten und Neffen. Besonders war auch die Beziehung zu seinen Groß- und Urgroßeltern, mit denen er viel Zeit verbrachte. Sein Urgroßvater Josef kutschierte ihn täglich im Kinderwagen, in den 1970er Jahren ein sehr ungewohntes Bild. Bei seiner Oma sollte er später wohnen, trotz der Zaunkletterei. David war das heißersehnte Kind der Familie.

Die Leidenschaft fürs Fußballspielen hatte er wohl von dir, Bernhard. Noch in der Volksschule, damals spielte er in Hatting, kam ein Scout und war von Davids Talent begeistert. Er stürmte später in der Tirol-Auswahl und im Juniorennationalteam, kam mit der Mannschaft nach Spanien, Italien, Deutschland, Frankreich und in die Türkei. Einmal bei einem Spiel in Wattens saß Ernst Happel, ein Förderer Davids, neben dir, Heidi, und fragte dich, ob das dein Sohn sei. Du, als Mutter kamst auf den Heuschnupfen zu sprechen, der ihn behindern würde.

Happel meinte nur lapidar: Ach, ihr Mütter immer. Ob David sich bei Ernst Happel das Kettenrauchen abgeschaut hat? Davids sportlicher Erfolg, zu seiner besten Zeit hatte er einen Oberschenkelumfang wie Gerd Müller, drückte sich auch darin aus, dass er im Schulversuch des Sportzweigs im BORG in der Fallmeraierstraße aufgenommen wurde, wo er schließlich maturierte. Da hatte er mit dem Fußball schon aufgehört. Ernst Happels Tod und interne Unstimmigkeiten im Team, sowie mit den Trainern waren ihm zuviel. Denn David war auch ein zutiefst sensibler und empathischer Mensch. Dass er trotz fehlender weiterer sportlicher Karriere das Gymnasium fertigmachen durfte, war deinem Einsatz bei Direktor und Schule zu verdanken, Heidi.

David und die Schule: Er war ein hochintelligentes Kind und von seiner Volksschullehrerin Anita heiß geliebt. Anita bereitete seinen Hauptschullehrer Josel darauf vor, dass da jetzt ein Genie käme, was Josel zuerst so nicht glaubte, aber später dann bestätigte. Viele Jahre später hatte David begonnen Politikwissenschaft und Philosophie zu studieren. Nachdem ihm eine Seminararbeit abgelehnt wurde und er auch mit den hierarchischen Strukturen auf der Universität nicht zurechtkam, brach er das Studium wieder ab. Die Seminararbeit wurde ihm abgelehnt, weil sie in Umfang und Inhalt eher eine Abschlussarbeit war.

Die Wissenschaft an sich ließ ihn trotzdem nicht los. David war ein Vielleser und arbeitete sich durch verschiedenste Disziplinen. Über einen Zeitraum von über drei Jahren gestaltete David insgesamt fast 30 einstündige Sendungen für seine Sendereihe auf Freirad, dem freien Radio Innsbruck. Titel der Sendereihe: Selected Books of (post-) modern Science.

Mit dem Radiomachen fing David 2009 in Inzing bei Radio Enterbach an. Er schrieb ein Hörspiel (Vorwort zum Hörspiel), führte ein Interview mit Seher Cakir und Sina Tahayori und gestaltete eine zweiteilige Sendung über Pornographie. Wer seine Stimme noch einmal hören möchte, in der Radiothek der freien Radios sind die Sendungen nach wie vor abrufbar.

David hatte ein Gespür und ein Talent für Sprache und Sprachen: Er las die wissenschaftliche Literatur auch auf Englisch und Französisch, übersetzte ein Buch aus dem Französischen und lernte autodidaktisch Latein und Altgriechisch, um gerade die Philosophen besser einordnen zu können. Und er merkte sich all diese wissenschaftliche Theorie. Noch ins Krankenhaus ließ er sich Adornos „Negative Dialektik“ bringen.

Aber eben auch dieses Gespür für die deutsche Sprache: Noch im Maturajahr gewann er mit einem Text den 1. Preis eines Literaturwettbewerbs. Den Gewinn, eine Reise nach Tel Aviv, konnte er nicht einlösen, weil es in die Maturazeit gefallen wäre.

Das Schreiben begleitete ihn sein Leben lang, obwohl er nur selten was zum Lesen herausgab. Ich kann mir vorstellen, dass auf seinem PC tausende Seiten zu finden sind. An die Öffentlichkeit kamen einige seiner Songtexte, die ich zum Teil vertonen durfte. Ausgang dafür war das Lied „You’ll have your time“, das wir anlässlich der Taufe von Ella, der Tochter unseres Freundes Andreas schrieben. Es folgten einige weitere, die wir dann auch gemeinsam bei einem Konzert in der Wäscherei P. in Hall aufführten. David am Keyboard.

Obwohl nur kurze Zeit im Klavierunterricht hatte er auch dafür ein Gefühl. Dieses Gefühl drückte sich auch in seinen an Noise-Musik erinnernden Aufnahmen aus, die zum Teil in der Inzinger Filmproduktion High Stakes verwendet wurden.

Apropos Film: Unvergessen sein Auftritt als Polizist im Film „Julie“. Eine Pizzaschnitte kauend, gerät er in einen Banküberfall und versucht sein Funkgerät zu bedienen, ohne die Pizzaschnitte wegzulegen.,

Aber kehren wir zurück in die Jugend. David war ein Mädchenschwarm und das war kein Wunder. Gut aussehend, trainiert, zugleich sensibel und empathisch. Und er war Feminist. So wie ihn Ungerechtigkeiten generell zornig machten, so waren ihm auch die Benachteiligungen von Frauen ein Dorn im Auge. Und nicht zu vergessen, David war ein Charmeur. Vorgestern wurde mir von einer ehemaligen Mitschülerin erzählt, die sagte: Ein Lächeln von David und der ganze Tag war gerettet.

Noch übers Fußballspielen lernte er Luise, seine erste große Liebe kennen. Ihr Bruder spielte mit ihm in der Tirol-Auswahl. Die beiden waren ein Traumpaar und ich hab die Bilder, die ich von ihnen in der Gaisau gemacht habe, noch gut in Erinnerung. Ebenso wie die überbackenen Maccharoni, die es mal bei sturmfreier Bude im Angerweg gab. Zum Kochen kommen wir später noch gesondert.  

Seinem Kindheitstraum kam er mit Anna, seiner darauffolgenden Freundin, wieder etwas näher, betrieben ihre Eltern und ihr Bruder doch eine Bauernschaft im Zillertal. David und Anna, wieder ein schönes Paar. Der Kontakt zu Anna und Luise, sowie zu vielen seiner Ex-Freundinnen, von den ich noch Christiane nennen möchte, blieb über all die Jahre aufrecht.

Wenn ich jetzt jemand übergangen habe, dann ist das keine böse Absicht, sondern das waren die Freundinnen von David, mit denen auch ich mehr zu tun hatte.

An dieser Stelle soll auch Sabrina, sein Herzensmensch, genannt werden, die ihn bis zuletzt begleitete.

Ich habe vorher die überbackenen Maccharoni erwähnt. David hatte auch eine Leidenschaft fürs Kochen. Manchmal hat er 30 Knödel auf einmal gemacht. Vor einem meiner letzten Besuche hatte er Nusskipferln gebacken und packte mir für die Kinder noch welche ein. Sie hatten vielleicht ein bisschen viel Rum drin, so dass ich sie lieber selbst gegessen habe. Noch vor Kurzem hatte er sich eine Fruchtpresse bestellt, weil er über die positive Wirkung von Stangensellerie gegen Krebs gelesen hatte. Du, Heidi, hast den Stangensellerie angepflanzt. Auch wenn sein Verhältnis zum Leben kein einfaches war, er hat bis zuletzt dran geglaubt. Eine seiner größten Sorgen, als er vor zwei Wochen ins Krankenhaus kam, war, dass die Hühnerfilets vom Bauernladen verderben könnten, bevor er zurück käme.

Nicht ausblenden in einem Rückblick auf Davids Leben darf man die Stoffwechselkrankheit im Gehirn, die Schizophrenie, die mit etwa Mitte 20 zum ersten Mal auftrat. Wir haben uns im Vorgespräch darauf verständigt die Krankheit zu benennen, weil sie einerseits zu ihm gehörte und andererseits letztlich sein offener Umgang damit auch seine Stärke zeigt. Auch wenn der Ausbruch der Krankheit für uns alle und natürlich allen voran für seine Familie eine große Herausforderung war. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir, Bernhard, 2001 gemeinsam in Indien waren und du angesichts der Frage nach Kindern nicht wusstest, wie du deine Sorgen um David ausdrücken solltest.

Die Krankheit behinderte David in einer „normalen“ Erwerbstätigkeit, auch wenn er verschiedenste Arbeiten, wie im Elektrogroßhandel, bei der Firma Hausberger, einem Tischler oder auch bei einem Restaurateur annahm. Untätig blieb er nicht, auch wenn er gerade keiner geregelten Arbeit nachgehen konnte. Das geht aus den bisherigen Schilderungen genug hervor. Zuletzt trug er Zeitungen aus, bei Wind und Wetter, jeden Tag. Er stand gegen 2 Uhr früh auf, genoss die Stille und so manchen Sonnenaufgang und versandte Warnhinweise an dich, Heidi, du mögest aufpassen, weil es eisglatt war. Die Abonnenten und Zeitungsleserinnen dankten ihm die Zuverlässigkeit mit hohen Trinkgeldern zu Weihnachten.

Aus dem Wintergarten als Spielzimmer von einst wurde über Jahre ein zweites Wohnzimmer. Zum Teil mit einer besonderen Rolle. Des Öfteren bat ihn Karin wegen lästiger Gäste bis zur Sperrstunde zu bleiben. David passte auf sie auf. Sein offenes Ohr, seine Hilfsbereitschaft, das Interesse an anderen Leuten und die Sorgen v.a. um dich Heidi, blieb bis zuletzt. Im letzten Telefonat mit dir ging es nicht um ihn, sondern darum, dass er sich Sorgen um dich, seine Maman oder Mamutschka mache.

In all dem Schmerz und seinem Leiden dürfen wir nicht sein Lachen und seinen feinen Sinn für Humor vergessen. Lieber David, dein Lachen wird noch lange nachhallen, als ich dir bei unserem letzten Treffen vor rund eineinhalb Monaten erzählt habe, dass ich mir beim Altherrenturnier die Hüften so geprellt habe, dass ich weder sitzen, liegen noch gehen konnte. Du hattest kein beleidigendes Lachen, es war von der Haltung her ein zurückhaltendes und doch herzhaftes. Wir haben zeitweise, etwa früher bei deinen Geburtstagspartys viel gelacht. Dabei hattest du immer auch eine gewisse Selbstironie.

Als nun ein Seelsorger an einem deiner letzten Tage dich gefragt hat, ob du die letzte Ölung erhalten wollest, hast du sehr höflich, aber mit deinem leisen, tiefsinnigen Humor abgewunken und gesagt: Heute einmal noch nicht.

Und jetzt, lieber David, bist du nicht mehr, bist du gegangen und uns bleibt nur die Erinnerung an dich und dein Lachen.

Zum Schluss möchte ich David noch einmal selbst sprechen lassen mit den Schlussworten aus dem Lied Black Sun (hier in einer Aufnahme von Andreas Mathoy, Gitarren und Gesang: Michael Haupt, das Keyboard hat David im Nachhinein eingefügt).

But when the rain comes and my days are done and the valley is covered by grey clouds, I’ll shine like a black crater in the sky. Yes, I’ll shine like a black sun.

Wenn der Regen kommt, meine Tage vorbei sind und das Tal mit grauen Wolken bedeckt ist, werde ich leuchten wie ein schwarzer Krater am Himmel, ja, ich werde leuchten wie eine schwarze Sonne.

Diesen Artikel teilen:

Michael Haupt

Michael nennt sich selbst gern Kulturarbeiter und macht das in verschiedenen Feldern, sowohl beruflich, als auch in seiner Freizeit. Letztlich geht es ihm dabei immer um die politische Dimension von Kultur. Um ihr Potenzial, die Gesellschaft vorwärts zu bringen, in dem sie Themen und Fragestellungen auf andere Art aufwirft. Das wird sich auch in seinen Artikeln für den Blog zeigen.

Alle Beiträge ansehen von Michael Haupt →

2 Gedanken zu “Trauerrede für David Koppensteiner

  1. Danke, lieber Michael, für diesen Nachruf. Die Nachricht vom Tod Davids trifft mich völlig überraschend, habe ich doch gefühlt noch vorgestern einen Facebook-Eintrag von ihm gelesen und vor ein paar Wochen noch im Baguette mit ihm ein paar Worte gewechselt. Ich war die letzten beiden Wochen verreist und habe so erst heute von Davids Tod erfahren, ich hätte ihm gern die letzte Ehre gegeben.
    Ich habe ihn vor allem als Intellektuellen kennengelernt. Als mein Mann seine soziologischen Fachzeitschriften stark reduzierte, rief ich David an, ob er welche haben wollte und er nahm sie alle mit in seinem Radlanhänger und zitierte manchmal daraus auf Facebook.
    Schon beim Projekt andernWorts hörte ich erstmals von David, als Seher Cakir meinte, er hätte ihr tolle Musik vorgestellt.
    Er hatte eine besondere Art zu lächeln und zu lachen, die wird mir in Erinnerung bleiben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert