27. Oktober 2020

Der Kontrast könnte nicht größer sein

Foto: Céline Martin auf Pixabay
Lesedauer ca. 3 Minuten

Ein Text von Martina Lechner.

Der Kontrast könnte nicht größer sein: herrlichstes Wetter mit viel Sonne und dem Aufblühen der Natur auf der einen Seite und dem Corona Virus und all seinen Begleiterscheinungen auf der anderen Seite. Daher danke ich auch täglich Gott dafür, dass ich in Österreich geboren bin und hier leben darf und mich trotz Virus aber dank unserem super Gesundheitssystem und unserem sozialen Netz sicher fühle.

Es war wohl ein Zufall, dass ich in Tirol zur Welt gekommen bin und nicht in Syrien, Afghanistan, dem Iran oder in einem afrikanischen Land. Sonst hätte ich womöglich Krieg, Folter, Verfolgung und letztendlich Flucht erleben müssen. Vielleicht hätte ich mich dann auch mit meiner Familie auf den Weg in ein sicheres Land wie Österreich gemacht, um mir und meiner Familie eine bessere Zukunft zu geben. Und womöglich wären wir dann, so wir die Überfahrt überhaupt überlebt hätten, auf einer griechischen Insel, in einem sog. Auffanglager, gestrandet. Das viel zu klein ist für so viele Menschen, wo es kaum medizinische Versorgung gibt, keine festen Unterkünfte, die uns vor Kälte und Hitze schützen können, kaum sanitäre Einrichtungen, kein sauberes Trinkwasser, keine Spielplätze und Schulen für meine Kinder und keine Arbeit. Zusammengepfercht mit tausenden traumatisierten Menschen müssten wir dort auf den Ausgang unseres Asylverfahrens warten, mit der täglichen Ungewissheit leben – dürfen wir bleiben oder werden wir zurückgeschickt, abgeschoben.

Die Wochen seit dem Ausbruch des Corona Virus in Europa und den strengen Ausgangsbestimmungen haben gezeigt, was Solidarität heißt. Die Jungen helfen den Alten, gehen für sie einkaufen, machen keine Besuche mehr bei Eltern und Großeltern, um sie vor einer möglichen Ansteckung zu schützen. Freiwillige melden sich, um in den noch offenen Läden Regale einräumen zu helfen oder in Alters- und Pflegeheimen gegebenenfalls auszuhelfen, falls es dort zu einem Engpass bei den MitarbeiterInnen kommt. Viele private Initiativen sind entstanden, um auch so einen Beitrag zu leisten, dass unsere Wirtschaft nicht ganz den Bach hinuntergeht und um einheimische Betriebe zu unterstützen.

So viel Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft und Liebe zu beobachten und zu erfahren, ist wunderbar. Und eigentlich könnten wir trotz allem glücklich und dankbar sein.

Laura Marberger und Daniel Knoll.

Und doch kommen bei mir fast täglich immer wieder die gleichen Gedanken. Kaum jemand spricht mehr von den Flüchtlingen in Griechenland. Manchmal hört man einen kurzen Bericht am Ende einer Nachrichtensendung. Mehr nicht. Wir sind jetzt so mit uns und unseren Problemen beschäftigt, dass es scheint, dass die Corona Krise das einzige Problem ist, das es zu bewältigen gilt. Hört unsere Solidarität wirklich an unseren Außengrenzen auf? Vielleicht sind einige sogar froh, dass jetzt endlich einmal die Grenzen richtig dicht sind und niemand mehr herein darf und wir auch nichts mehr von den Flüchtlingen hören oder lesen müssen. Aber sie sind ja nach wie vor da! Sie haben sich nicht plötzlich in Luft aufgelöst. Sie befinden sich weiterhin zusammengepfercht unter menschenunwürdigen Verhältnissen in den großen Lagern. Stellen wir uns vor, ein einziger Mensch in einem dieser Flüchtlingslager erkrankt an dem Virus. Wie schnell würde er hunderte, ja tausende anstecken. Mindestabstand 1,5 m, wäre es nicht so tragisch, so müsste man darüber lachen. Und wie viele würden dann wohl sterben müssen, weil es keine ausreichende ärztliche Versorgung gibt, keine Schutzausrüstung, kaum Hygiene. Was für eine Katastrophe wäre das? Und niemand spricht seit der Corona Krise mehr von einer Aufteilung der Geflüchteten auf die europäischen Staaten. Wir sind ja jetzt so mit uns beschäftigt, soll doch Griechenland schauen, wie es mit so einer Situation dann zurecht kommt. Vielleicht schicken wir Geld oder Polizisten und Grenzsoldaten, die die Lager bewachen sollen, damit bloß niemand mehr rauskommt. Ich kann die wenigen Bilder, die wir in diesen Tagen von den Menschen in den Lagern zu sehen bekommen, kaum anschauen. Weiß ich doch, dass sehr viele ehemalige Unterkünfte für Asylwerber leer stehen, wofür zigtausende Euro an Steuergeld für Mieten und Betriebskosten ausgegeben werden müssen; viele BetreuerInnen zur Verfügung stehen würden und dann auch nicht gekündigt werden müssten und plötzlich auch ohne Einkommen dastehen. Jetzt könnten Österreich und die EU Solidarität und Menschlichkeit beweisen und eine geordnete Aufteilung und Aufnahme von Menschen aus diesen Lagern veranlassen. Wäre das zuviel verlangt?

All jenen, die bis hierher durchgehalten haben, möchte ich für ihre Aufmerksamkeit danken und bitte euch, vergesst auch in diesen Tagen nicht auf die Flüchtlinge und schließt sie fest in euer tägliches Gebet ein.

Ich wünsche euch allen einen gesegneten, vielleicht leider auch nachdenklichen Tag und schauen wir nicht nur auf uns.

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