19. Oktober 2020

COVID-19 in Inzing
Interview mit BM Sepp Walch

Lesedauer ca. 6 Minuten

VORBEMERKUNGEN
Das Interview mit Sepp Walch wurde bereits am 7. Mai 2020 geführt. Inzwischen hat sich einiges geändert und ein Stück Normalität ist zurückgekehrt.

Das Dialektgespräch wurde aufgezeichnet und anschließend ins Hochdeutsche transkribiert. Das kann zwar einerseits zu atmosphärischen Verlusten führen, andererseits aber auch zur Klarheit der Inhalte beitragen.

DZ: Wie alles begann…

BM Sepp Walch
Als ich am Sonntag, den 8. März in der ZIB am Abend die Meldungen von Italien mit 100 Toten gehört habe, hatte ich die Befürchtung, dass etwas sehr Ernstes auf uns zukommen könnte, wobei die Altersheime sehr stark betroffen sein würden.

Am Dienstag, den 10. März begann die erste Diskussion mit den Leiterinnen im Altersheim darüber, was zu machen ist. Bereits am Mittwoch wurde ein Besuchsverbot erlassen.

Am Donnerstagvormittag erreichte uns die Meldung eines positiven Falls in Inzing, der sich nicht bestätigt hat. Zu Mittag hatten wir einen Termin mit Katharina Scharmer (Pflegeleiterin im Altersheim) und Dr. Markus Thaler (Südtiroler, Anästhesist an der Klinik, Flugrettungsarzt). In einem sehr ernüchternden Gespräch schilderte Markus die dramatischen Zustände in Südtirol bzw. Oberitalien.

Innerhalb von vier Stunden wurde ein Treffen mit Dr. Thaler, Dr. Wildner, Dr. Waldmüller, Gabriele Rothbacher (Vizebürgermeisterin von Polling), Dietmar Schöpf (Bürgermeister von Hatting), der Leitung der Mobilen Dienste und des Altersheims  (Sabine Haselwanter, Karin Burger), Hartwig Oberforcher (Vizebürgermeister von Inzing), Josef Draxl (Gemeindeamtsleiter von Inzing), Barbara Kugler (Kommunikationsreferentin / Gemeindeamt Inzing) und mir als BM von Inzing organisiert. Das zentrale Thema war das Altersheim.

Am Donnerstagabend fand die monatliche Gemeinderatssitzung statt, bei der die Informationen des vorher zitierten Treffens weitergegeben wurden.

DZ: Welche speziellen Maßnahmen wurden von der Gemeindevertretung für Inzing ergriffen?

BM Sepp Walch
Am Freitag, den 13.3. fand am Nachmittag die erste offizielle Krisenstabssitzung statt, bei der alle zuerst genannten Personen – außer die Hausärzte – anwesend waren. Weiters habe ich auch den Feuerwehrkommandanten Rene Staudacher und Roman Thaler dazugebeten, da sie besondere Erfahrung mit Stabsarbeit haben.

Innerhalb von drei Stunden nach dieser Sitzung wurde ein Rundschreiben verfasst und von einigen Gemeinderäten und Freiwilligen an die Gemeindebürger verteilt bzw. via WhatsApp-Gruppen verschickt.

Bis zum 19.3. fanden die Krisensitzungen im Gemeindeamt statt. Danach wurden viermal Videokonferenzen abgehalten.

Mit den Ärzten wurde eine spezielle WhatsApp-Gruppe gebildet, um spontan Informationen austauschen zu können.

Bereits am ersten Wochenende haben wir eine Hotline eingerichtet, unter der wir rund um die Uhr erreichbar waren. Die Nummer war auch im damaligen Rundschreiben vermerkt.

Ab Montag, den 16. 3. konnte von den Inzinger Einwohnern ein Einkaufsdienst in Anspruch genommen werden. Diese Dienstleistung wurde von Angestellten der Mobilen Dienste abgedeckt, da sie bedingt durch Corona freie Kapazitäten hatten.

Am 21. März wurden alle Bewohner und MitarbeiterInnen des Altersheims getestet – wahrscheinlich als erstes Altersheim überhaupt. Und später noch ein zweites Mal. Und da haben wir wohl auch sehr viel Glück gehabt, denn alle Ergebnisse waren negativ.  

DZ: Wie stark hat sich COVID-19 in Inzing verbreitet?

BM Sepp Walch
Wir sind insgesamt sehr glimpflich davongekommen, hatten nur vier Fälle. Wir sind mehr oder weniger verschont geblieben. Die bei der Gründung des Krisenstabes befürchteten Szenarien sind Gott sei Dank nicht eingetreten.

DZ: Wie funktioniert(e) die politische Arbeit in Inzing zu Corona-Zeiten?

BM Sepp Walch
Bei der Gemeinderatssitzung am 12.3. konnte glücklicherweise der aktuelle Haushaltsplan (der ja bei einer öffentlichen Sitzung abgehandelt werden muss) noch beschlossen werden. Damit war der größte und wichtigste Teil der Gemeinderatsarbeit erledigt. Die April-Sitzung ist entfallen. Per E-Mail wurde der Gemeinderat von mir über die aktuelle Entwicklung informiert. Das nächste reguläre Zusammenkommen des GR kann, wie es aussieht, im Mai stattfinden.

Generell war natürlich auch keine Ausschussarbeit möglich. Bauverhandlungen bzw. Raumordnungsfragen und verschiedene Projekte mussten gestoppt bzw. verschoben werden.

Die Verwaltungsarbeit konnte die ganze Zeit über aufrechterhalten werden. Das Gemeindeamt war wie andere Einrichtungen durchgehend besetzt. Das Amt war zwar geschlossen, aber die telefonische Erreichbarkeit wurde sogar ausgeweitet.

Stundenreduktionen waren natürlich schon notwendig. Das konnte mit Überstundenabbau und alten Urlaubsansprüchen abgedeckt werden. Insgesamt waren viele dienstrechtliche Fragen zu klären.

DZ: Welche besonderen Problembereiche ergaben sich im Zusammenhang mit Corona in Inzing?

BM Sepp Walch
Seit Beginn der Krise dominierte die Sorge um das Altersheim.

Es ging dann v.a. um organisatorische Probleme wie die Beschaffung von Schutzausrüstung für das Altersheim und die Mobilen Dienste. Es gab viele spontane Angebote von Unternehmen wie der Spenglerei & Lackiererei Ölhafen in Polling oder dem Malerbetrieb Stefan Mayer in Inzing, die ihre Masken zur Verfügung gestellt haben. Der zu Beginn generelle Mangel an Schutzmasken war ja schon sehr beschämend für Österreich.

Schneiderinnen wurden gebeten, Masken zu nähen. Binnen kürzester Zeit habe ich 60 Nasen-Mund-Masken hier bei mir im Büro gehabt. Zunächst war die Nachfrage gering, da die offizielle Meinung vorherrschte, sie würden nicht viel nützen. Als sich dies änderte, waren sie binnen weniger Stunden weg (“Hast du für mich auch eine?”).

Auch die Gemeindefinanzen waren ein Thema. Wie sich diesbezüglich die Lage entwickeln wird, war auch von Anfang an eine große Sorge. Ich bin mit dem Amtsleiter bereits in der zweiten oder dritten Woche zusammengesessen, um die Lage zu sondieren. Wir haben überschlagsmäßig festgestellt, dass bei Fehlen von zehn Prozent der Ertragsanteile im Rahmen des Finanzausgleichs und beim Ausbleiben von zehn Prozent der Kommunalsteuer insgesamt ca. 400 000 bis 500 000 € an Einnahmen ausfallen werden. Wir haben überlegt, wo man einsparen könnte. Das wird ein spannendes Thema für die nächste Zeit. Inzwischen hat sich die Lage aber etwas entspannt. Es gibt eine Info, dass heuer nur mit fünf Prozent Ertragsanteilsverlusten zu rechnen ist. Bezüglich der Kommunalsteuer kann man jetzt noch nichts sagen, da ich nicht weiß, wie viele Beschäftigte in Inzing in Kurzarbeit sind, wofür es ja keine Kommunalsteuer gibt. Und das Land hat zwei Pakete geschnürt, einmal 30 Millionen, einmal 40 Millionen. Davon bekommen wir dann auch ein bisschen etwas. Wir werden zwar das eine oder andere Projekt infrage stellen bzw. versschieben müssen, sind aber liquiditätsmäßig insgesamt in Inzing ganz gut aufgestellt. Aber zweifellos werden wir sparen müssen.

DZ: Wie beurteilst du das Verhalten der Inzinger Bevölkerung in Bezug auf die Einschränkungen?

BM Sepp Walch
Rückblickend betrachtet muss ich sagen, dass sich die Leute in Inzing – nach einigen Problemen mit wenigen am Beginn – summa summarum sehr diszipliniert verhalten haben. Uns ist dabei sicherlich die gut entwickelte Infrastruktur (Geschäfte, Automaten, regionale Angebote etc.) zugutegekommen.

DZ: Welche besonderen positiven Erfahrungen hast du als BM bisher im Zusammenhang mit Corona gemacht?

BM Sepp Walch
Beeindruckend waren v. a. die Solidarität und Hilfsbereitschaft der Bevölkerung. Viele Freiwillige haben sich bei der Gemeinde mit der Frage gemeldet, ob sie in irgendeiner Form behilflich sein könnten.

Ganz besonders sei hier auch die Feuerwehr erwähnt, die sich organisatorisch für diese Zeit komplett neu aufgestellt hat, indem es zwei unterschiedliche “Schichten” zu je 20 Mann gegeben hat – eine für den Tag, die andere für den Abend/die Nacht.

Die Arbeit im Krisenstab hat auch hervorragend funktioniert.

DZ: Welche besonderen Wünsche hat die Bevölkerung an die Gemeindevertretung herangetragen?

BM Sepp Walch
Der größte Wunsch war die Öffnung des Recyclinghofs. Das war schon überraschend, da ja die wichtigen Sachen alle zuhause abgeholt wurden – mit Ausnahme von Sperrmüll, Bauschutt und Strauchschnitt.

DZ: Welche konkreten Wünsche hast du als BM an die Bewohner von Inzing?

BM Sepp Walch
Dass man die Sache nicht zu leicht nimmt, die Sicherheitsregeln, besonders das Abstandhalten weiterhin einhält.

Ein großer Wunsch wäre auch, dass Zusammenhalt und Solidarität in Zukunft bestehen blieben.

Auch regionales Einkaufen sollte in Zukunft weiterhin forciert werden. Ich habe mitgekriegt, wie z. B. bei der Bäckerei Schluifer nach der Lockerung der strengen Tiroler Quarantäneregeln die Nachfrage abrupt zurückging, weil man wieder zum Hofer nach Zirl fahren konnte.

DZ: Wie schätzt du die weitere Entwicklung von COVID-19 ein?

BM Sepp Walch
Eine zweite Welle wird sicher in irgendeiner Form kommen, aber wir werden besser gewappnet sein. Die Verfolgung von Clustern mittels Apps wird viel schneller passieren können. Am Anfang hat man das ja nicht so ernst genommen, wenn jemand z.B. gesagt hat, dass er in Ischgl Schi fahren war.

DZ: Wird sich durch Corona etwas in der Gesellschaft nachhaltig verändern?

BM Sepp Walch
Vor drei Wochen hätte ich geantwortet, dass sich durch Corona vieles ändern wird: Unter anderem werden Zusammenhalt und Solidarität in der Bevölkerung stärker verankert bleiben und die Regionalität wird Impulse bekommen.

Heut bin ich mir da nicht mehr so sicher, hoffe aber, dass es trotzdem so kommt. Aber man bemerkt ja bei einem selbst, dass man gewisse Dinge schnell wieder vergisst. Mittelfristig, befürchte ich, wird man zu alten Gewohnheiten zurückkehren.

DZ: Wie ist es dir persönlich ergangen?

BM Sepp Walch
Ich war natürlich auch viel zuhause. Hab es allerdings als großes Glück empfunden, eine Aufgabe zu haben. So bin ich auch täglich ins Amt gegangen. Insgesamt war es jedoch schon viel ruhiger, da ja keine Termine stattfinden konnten. Im Hinterkopf hatte ich aber immer die Gedanken, wie sich die Lage weiter entwickeln wird. Ich würde mich freuen, wieder Feste feiern zu können, mich mit Leuten zu treffen und auszutauschen. Ich sehne mich nach dem normalen Dorfleben entsprechend unserem kulturellen Jahresablauf zurück. Das wird allerdings bis in den Herbst hinein nicht möglich sein.

DZ: Vielen Dank für das Gespräch!

Fotos: L. Strasser

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Luis Strasser

Luis Strasser

Luis ist seit 30 Jahren begeisterter Leser der DZ und war durch die Ankündigung der möglichen Einstellung der Zeitung so geschockt, dass er sich spontan entschlossen hat, bei der Neugestaltung des Blattes/Blocks aktiv mitzuwirken - in der Hoffnung, dass sich das neue Produkt ähnlich erfolgreich wie die Printausgabe als Informations- und Diskussionsforum für die Inzinger Bevölkerung etablieren kann. Schwerpunktthemen: Politik, Bildung, gesellschaftlicher Wandel, Zeitgeschichte, Musik …

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Ein Gedanke zu “COVID-19 in Inzing
Interview mit BM Sepp Walch

  1. Ein sehr interessanter Einblick!

    Nur, bitte, bitte: kann man den Begriff Insassen bitte in Bewohner ändern? Ich trag diesen Wunsch schon länger mit mir rum, jetzt trau ich mich, ihn anzubringen.

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