25. Mai 2020

Corona Stimmungsbild aus Inzing – Teil 1

Lesedauer ca. 11 Minuten

Seit einigen Tagen werden die Lockerungen nach dem sogenannten Lockdown in vielen Bereichen spürbar. Die unteren Schulstufen dürfen wieder in die Schulen, mittlerweile haben so gut wie alle Dienstleister und Geschäfte wieder geöffnet und auch Regelungen für eine Wiederaufnahme von kulturellen Veranstaltungen sind in Aussicht gestellt worden. Die letzten Wochen haben alle von uns massiv in unseren Freiheiten eingeschränkt, manche waren wegen ihrer Berufe besonderen Risiken ausgesetzt, manche mussten Homeoffice und Homeschooling unter einen Hut bringen, manche haben ihre Jobs verloren, manche ihre Geschäfte oder Lokale (vorübergehend) schließen müssen; man könnte noch viele individuelle Herausforderungen und Schicksalsschläge nennen. Das Redaktionsteam der DZ hat stattdessen die Inzingerinnen und Inzinger selbst gefragt und sich bemüht, einen Querschnitt der Bevölkerung abzubilden. Wir waren über den großen Rücklauf erstaunt und begeistert gleichermaßen und bedanken uns sehr herzlich für den Einblick in diese spezielle Situation. In zwei Teilen werden an dieser Stelle über 30 Statements veröffentlicht. Die Reihenfolge der Veröffentlichung ergibt sich aus dem Einlangen der Texte in der Redaktion.
Michael Haupt für das Redaktionsteam

Klaus Heiß, Inhaber von elite solutions gmbh

Nachdem ich nach meiner Wahrnehmung als Unternehmer gefragt worden bin, muss ich hier vorausschicken, dass diese von Branche zu Branche doch sehr differenziert ausfallen wird.

Wir, im Bereich der Informationstechnologie für den Tourismus, erleben mehrere Facetten dieser Coronakrise. Der Dienstleistungsaufwand im Bereich Support (Hilfestellung per Telefon / Fernwartung) und damit auch die Beschäftigung eines Mitarbeiters ist schlagartig über Nacht von Volllast auf null weggebrochen. Völlig anders stellt sich die Situation bei uns im Bereich Softwareentwicklung dar, in dem der Großteil unserer Mitarbeiter beschäftigt ist. Der stark reduzierte Druck von außen, wirkte sich gewissermaßen entschleunigend bzw. beruhigend aus und verlieh dem Arbeitstag dieses Teams mehr Konzentration und Freiraum für Kreativität.

Wir leben in einer viel zu schnelllebigen Zeit, wo viele mühevoll mithalten wollen oder müssen.

Gespenstisch mutete sich so gesehen auch eine Autofahrt an. Sowohl auf Land als auch auf der Autobahn war kaum ein Auto auszumachen. Das habe ich zuletzt in meiner Schulzeit in den 70er Jahren erlebt.

Jetzt gilt es aber allgemein positiv nach vorne zu blicken und schauen, dass alles wieder in die richtige Richtung Fahrt aufnimmt.

Vielleicht bleibt ein Denkanstoß hängen! Ein kritisches Hinterfragen unseres Zeitgeistes wäre sicherlich angebracht.


Vartuhi Hagopyan, Mutter von drei Kindern

Die Corona-Zeit war für unsere Familie auch sehr schwierig. Wir hatten Angst, mit Corona angesteckt zu werden, denn wenn mit mir und mit meinem Mann etwas passiert, sind die Kinder alleine in Österreich.
Ich konnte wegen dieser Sorgen um meine Kinder nicht schlafen. Meine Kinder waren die ganze Zeit zu Hause und mussten ihre Aufgaben für die Schule erledigen. Das war nicht so einfach, aber die Kinder haben fast alles geschafft.
Mein Mann Manuk und ich mussten abwechselnd arbeiten. Die Corona-Zeit war auch sehr stressig ohne Kontakte, obwohl wir viel mit unseren Bekannten und Freunden telefoniert haben. Ich habe auch versucht, diese Zeit zum Deutschlernen zu nutzen und mich auf die B2-Prüfung vorzubereiten.


Robin Maurer, Cafe s10er

Die Schließung der Gastro Betriebe war Anfangs ein großer Schock für uns. Schnell war uns klar, dass “abwarten und nichts tun” keine Option für uns ist. Ab Sofort wurde am Sonntag ein Lieferservice für selbgemachte Kuchen angeboten. Die Referenzen und Bestellungen waren gewaltig und so bleibt nur zu sagen: So schwer diese Zeit auch ist… und in Zukunft noch sein wird… es gibt wenig Negatives was nicht auch Positive Seiten hat. So wird auch künftig immer wieder die ein oder andere selbstgebackene Torte angeboten werden.


Carolin Schroll, Lehrerin und Mutter von drei Kindern

Als Mutter von drei schulpflichtigen Kindern empfand ich die letzten Corona-Wochen enorm anstrengend. Einerseits musste ich das homeschooling meiner Kinder betreuen und andererseits nebenbei meine eigene berufliche Arbeit online erledigen, nebenbei die Kinder bespaßen und von 12 Stunden Medienkonsum abhalten. Dies ging nicht immer ganz leicht von der Hand. Außerdem wurde von heute auf morgen vorausgesetzt, dass alle Familien ausreichend mit digitalen Geräten ausgestattet sind und sich dazu perfekt in den verschiedensten Plattformen auskennen. Ganz abgesehen von den üblichen täglichen Haushaltsarbeiten, die erledigt werden wollten.

Ein Faktor, der mich noch mehr mental belastete, auch im Hinblick auf die Zukunft meiner Kinder, war, dass wir in unserer Demokratie in kürzester Zeit unserer Grundrechte beraubt wurden. Einfach so, mit einem fragwürdigen Apokalypse-Szenario, mit einem unsichtbaren Feind, der jeden Winter in mutierter Form auftreten kann, in den Kriegszustand gesetzt. Mit Angst kann man die Menschen manipulieren. Das war und ist das Werkzeug der Machthaber und fromm und demütig leistet der Mensch ohne zu Denken sofortigen Gehorsam. Das erschreckt mich sehr und bereitet mir Sorgen. Für meine Familie und mich wünsche ich mir, dass dies tatsächlich nur eine Maßnahme zum Schutz der österreichischen Bevölkerung war und wir ausnahmslos alle unsere demokratischen Grundrechte wiedererhalten. Meine Gedanken sind bei all den Menschen, deren existenzielle Sicherheit nun bedroht ist, bei Menschen, die ihre sterbenden Angehörigen nicht verabschieden konnten, bei Menschen, die den Suizid in dieser vermeintlichen Apokalypse wählten, bei Menschen, die nun deshalb unter schweren Depressionen leiden, bei kranken und beeinträchtigten Menschen, die nicht ausreichend versorgt wurden, bei isolierten, alten und traurigen Menschen, bei den Menschen und vor allem Kindern, die unter häuslicher Gewalt umso mehr zu leiden hatten, und bei all den unzähligen Kollateralschäden.


Angela Walch, Studentin

Mich als Studierende an der Universität Innsbruck hat die Umstellung auf E-Learning nicht wirklich aus der Fassung gebracht – das meiste basiert so oder so auf Selbststudium. 
Dass quasi die ganze Welt und auch Inzing still steht, hat mich beim Verfassen meiner Masterarbeit sogar vorangetrieben. In meinen Schreibpausen habe ich die Waldwege am südlichen Dorfrand wiederentdeckt und bin – sobald es erlaubt war- durch die Gaisau gejoggt. Für diese Naherholungs-Erlebnisse in Inzing bin ich wirklich dankbar!!


Armin Reinisch, Direktor der NMS Inzing

Das Team der NMS-INZING stellt sich einer noch nie dagewesenen Herausforderung, denn diese außergewöhnliche Lage fordert neue Formen des Lehrens und Lernens.

Nach einigen Ideensammlungen über das Medium der Stoffvermittlung haben wir uns auf unsere Schulhompage  (www.nms-inzing.tsn.at) geeinigt. Über diese Plattform erhalten die Schüler/innen Aufgaben, an denen sie selbstständig arbeiten können. Diese Materialien werden wöchentlich gewechselt. Zusätzlich stehen ihnen Onlineübungen und Learning-Apps zur Verfügung und somit können die Schüler/innen auch mit diesen E-Learning-Angeboten üben und ihr Wissen vertiefen. Auch Links und Videos, die vom Bundesministerium empfohlen wurden, sind auf der Homepage zu finden. Damit das digitale Arbeiten für jeden möglich ist, stellt die Schule Laptops leihweise zur Verfügung.

Um nicht noch zusätzlichen Stress in der ungewohnten Situation des Lernens – alleine, ohne Mitschüler, ohne Lehrpersonen, zu erzeugen, haben die Lehrer/innen vereinbart, den Schwerpunkt auf die Hauptfächer D, M, E zu legen. Sie sind mit ihren Schülern per Mail in Kontakt, helfen bei deren Fragen und korrigieren die Schülerarbeiten.

Außerdem erhalten sie laufend Rückmeldungen von ihren Lehrpersonen. Diese stehen zwar nicht direkt vor ihnen, sind aber dennoch direkt erreichbar und freuen sich über den persönlichen Kontakt. Schüler/innen, Eltern und Lehrer zeigen viel Engagement, um die Corona – Situation zu meistern und ich bedank mich bei allen, die zu diesem Gelingen des Distanzlernens beigetragen haben.


Brigitte Scott, Pensionistin, Übersetzerin

Phase 1 (bis Ostern): Von 100 auf Null innerhalb weniger Tage. Gerade noch war der Terminkalender voll mit Chorprobe, Sprachkurs, Konzert- und anderen Veranstaltungsterminen – plötzlich NIX.

Sind meine Freunde und Verwandten nah und fern gesund? Gottseidank, ja!

Empörung: Alle Menschen über 65 Jahre in den 1 Topf “Risikogruppe” zu werfen, das ist wie alle Menschen zw. 1-35 Jahre in 1 Topf zu werfen und negiert wieder einmal Vielfalt im Alter. Passivität und ein Gefühl der Unwirklichkeit machen sich breit. Bei schönstem Frühlingswetter zuhause zu bleiben, ist sehr unnatürlich. Speisen aus der Kindheit kochen (Schokopudding, Schnitzel), Puzzles legen, garteln.

Unendliche Dankbarkeit für das Zusammenleben mit Sohn und Schwiegertochter (+Hund) und dafür, einen eigenen Garten zu haben.

Phase 2 (Seit Ostern 2020): Die Sorge über die Auswirkungen des wirtschaftlichen und sozialen Schadens der Krise wächst (Alleinerziehende, Freiberufler und Veranstalter im Kulturbereich, touristische Betriebe). Daneben keimt die Hoffnung auf ein paar gute Lehren aus der Krise (Immer zuerst fragen: Brauch ich das?) und auf klimafreundliche und sozial verträgliche Wege aus der wirtschaftlichen Krise.


Andreas Schneider, Musikschullehrer

Die Musikschule musste auch von einem Tag auf den anderen auf online Unterricht umstellen. Da ich mit Skype vertraut bin und meine Unterrichtsunterlagen alle digital gespeichert sind, hatte ich nicht so große Mühe mit dieser Umstellung. Ich konnte in dieser neuen Form des Unterrichts auch einige Vorteile entdecken. Die Schüler schickten mir Videos, die ich kommentierte. Das hat sich als wertvolles Instrument zur Selbstreflexion herausgestellt und das möchte ich gerne beibehalten. Der persönliche Kontakt, der ein wichtiger Faktor im Musikunterricht ist, wird von mir und den Schülern vermisst.


Josef Löffler, Obmann SU Inzing – Sektion Fußball

…und plötzlich rollt der Ball nicht mehr.

Wir alle durchleben gegenwärtig aufgrund der Corona-Krise eine noch nie dagewesene Zeit. Demzufolge rückt die wichtigste Nebensache der Welt, der Fußball, verständlicherweise auch völlig in den Hintergrund. Aber den Kopf jetzt in den Sand zu stecken und sich dem Gegebenen gewissermaßen auszuliefern, wäre wohl der völlig falsche Ansatz. Die gesamte SU Inzing hat ihren Beitrag im Sinne der Gesellschaft und der Gesundheit aller Menschen in unserem Land geleistet und ab 15.März den gesamten Trainingsbetrieb im Amateur- und Nachwuchsbereich eingestellt.

Um auch während dieser Zeit am Ball zu bleiben und den Nachwuchs etwas bei Laune zu halten hat der eine oder andere Trainer – wie auch im Schulbereich – auf Digital-Training umgestellt. Die Kinder und Jugendlichen haben die Möglichkeit sich online fit zu halten. Ich als Obmann der SU Inzing habe aus der Krise gelernt, wie gut dieser Verein funktioniert, Hilfsbereitschaft, Zusammenhalt und Solidarität wird in unserem Verein groß geschrieben!

In diesen Zeiten heißt es mehr denn je #gemeinsamstark. Für uns alle gilt: WIR SIND EIN-TEAM!


Markus Thaler, Anästhesist, Flugrettungsarzt

Auch medizinisch gesehen waren die letzten Monate eine große Herausforderung: ein neuartiges Virus mit bisher so nicht gekanntem Krankheitsverlauf, welches hauptsächlich schwere Lungenschäden hervorruft und zu extrem langen Intensivaufenthalten führt. Mittlerweile können wir aber sagen, das wir sehr wahrscheinlich mit einem blauen Auge davon gekommen sind. Zu hoffen bleibt, dass ein eventuelles erneutes Aufflammen der Erkrankung im bewältigbarem Ausmaß stattfindet.


Robert Pisch, Pensionist

Wenn die getroffenen Maßnahmen auch manchmal lästig sind, sehe ich für mich persönlich kein größeres Problem damit. Man kann sich eben alles schlechter reden als es ist, oder das Beste daraus machen. Allerdings muss ich zugeben, dass ich auch einige Probleme nicht mehr habe. Ich bin in Pension und daher nicht davon abhängig, weiterhin einen sicheren Arbeitsplatz zu haben.

Was mich aber sehr stört und oft auch verwundert, sind andere Dinge. Warum wird die gesamte Bevölkerung für “strohdumm” gehalten und auch so behandelt? Einfachste Regeln werden jeden Tag unendlich oft wiederholt, neues Wissen aber ebenso wenig wie die Fülle von fehlendem Wissen kommuniziert?

Warum kann sich nicht einmal die EU auf eine sinnvolle, einheitliche Zählweise der Fälle einigen, mit deren Ergebnissen Fortschritte erzielt werden könnten? Jeder Staat definiert alle Parameter so, dass möglichst die von ihm getroffenen Maßnahmen bestätigt werden.

Verstorben mit Corona ist etwas völlig anderes als an Corona und verfälscht die Zahl deutlich nach oben. Sind die Viren, je nach Staat, unterschiedlich aggressiv, so dass bei uns 1 Meter Mindestabstand ausreicht, die Deutschen aber um ganze 50 % mehr brauchen und andere sogar doppelt so viel?

Da gibt es sehr viele offene Fragen, die besonders in den österreichischen Medien leider nur in sehr geringem Maß angesprochen werden.


Günter Sailer, Volksschuldirektor

Das Team der VS Inzing musste sich durch die Corona-Krise mit ihren drastischen Maßnahmen mit einer völlig neuen Situation des Unterrichtens und Lernens auseinandersetzen. In der kurzen Zeit bis zur Schließung der Schule stellten wir die ersten Lernpakete zusammen und überlegten uns neue Kommunikationswege, aktualisierten die E-Mail-Adressen der Eltern, gaben den Kindern alle Hefte und Bücher mit und bereiteten Klassenlektüren zum Lesen vor. Von Beginn an konnten wir viel an Erfahrung gewinnen.

Die einzelnen Schulstufen wählten dem Alter der Kinder entsprechend verschiedene Wege der Kommunikation zwischen Lehrerin und Kind. Auf unserer Schulhomepage (www.vs-inzing.tsn.at) stellten wir nicht nur den Eltern die aktuellsten Mitteilung zur Verfügung, sondern auch eine Sammlung von Links zum selbständigen Üben und Vertiefen des Lernstoffes. Bei einigen Klassen wurden Tagespläne ausgegeben, andere organisierten sich über Wochenpläne, andere stellten Lernpakete zum Abholen zur Verfügung. Aus den Rückmeldungen der Eltern konnten wir Vieles verbessern und verändern. Zusammenfassend können wir folgende Erfahrungen als Basis für die zukünftige Weiterentwicklung hervorheben. Das Arbeiten mit Heft und Buch ist für Kinder unter 10 Jahren immer noch eine ganz wichtige Grundlage des Lernens, eine Form der Wissensvermittlung, die weder Strom noch Internet braucht und auch völlig ortsunabhängig erfolgen kann. Diese Arbeit wurde auch von den Eltern sehr geschätzt, da sie selbst oft die digitalen Medien für office@home benötigten. Natürlich müssen in der heutigen Zeit auch neue Weg bestritten werden. Onlineübungen und Learning-Apps, Video-Konferenzen und Rückmeldungen der geleisteten Arbeiten über E-Mail ermöglichen ein schnelles Feedback und sind nicht nur in Krisenzeiten eine gute Möglichkeit, ein learning über „distance“ zu ermöglichen.

Ich möchte mich im Namen der LehrerInnen bei den Eltern und den Kindern bedanken. Sie leisten in diesen Zeiten Großartiges!


Elisabeth Jäger, Pensionistin, Mitglied der Hospizgruppe Inzing

… und plötzlich gehörte ich zur Risikogruppe. Mein Mann und ich durften das Haus nicht verlassen. Wir hatten aber genug Platz, einen Garten, keine finanziellen Sorgen und wurden von unseren erwachsenen Kindern bestens versorgt.

Also kein Grund zum Traurig-Sein – oder doch? Als Hospizbegleiterin bemerkte ich, dass mich die Einsamkeit der Bewohner/innen in den Pflegeheimen und das schwierige Arbeiten der Betreuer/innen dort gedanklich sehr beschäftigte. Besonders nahe ging mir aber die Situation der Sterbenden und ihrer Angehörigen. Ich weiß nur zu gut, wie schmerzlich es ist, wenn man sich von einem lieben Menschen nicht gut verabschieden kann; wenn Distanz nötig ist, aber Nähe gebraucht würde.


Jacob Dobler, 8 Jahre, Schüler der VS Inzing

Am Anfang habe ich mich gefreut, dass ich nicht mehr in die Schule gehen muss. Aber nach einer Woche und mit der Hausquarantäne ist mir schnell langweilig geworden. Jetzt freue ich mich auf meine Freunde.


Angela Pargger

Zum Heulen geh ich in den Keller

Corona und seine Maßnahmen sind inzwischen knappe acht Wochen alt. Bisher durfte ich mich zu den Privilegierten zählen: wir haben ein Haus, einen Garten, genug zu Spielen, zu Essen und zu Trinken und wir haben uns. Wunderbare Voraussetzungen und wenn mir die Situation mit Lockdown und Quarantäne auf die Nerven ging, pfiff ich mich immer mit dem Gedanken zurück, dass wir’s sehr gut haben!

Und bisher ging’s gut, sehr gut sogar. Meine zwei wunderbaren Jungs und ich bekamen den Alltag tatsächlich hin, abwechslungsreich, recht locker, ab und zu hat’s gekracht… ganz normal eben.

Und dennoch, jetzt hat er mich tatsächlich erwischt, der Coronageier. Seit letztem Mittwoch kreist er unbarmherzig über mir. Während mir der Gedanke, dass Jammern in unserem Fall unangebracht ist, irgendwie das Wochenende retten konnte, steh ich am Dienstag unter der Dusche und frag mich, ob ich mich bereits eingeseift hab und kann mich nicht mehr erinnern… Und vielleicht hab ich mir gestern morgen auch zweimal die Zähne geputzt, oder gar nicht, ich weiß es nicht mehr…

Bisher war Homeschooling, ausgenommen die ernsthaften Anfangsschwierigkeiten, “nur” eine Herausforderung. Doch seit letztem Mittwoch schreien wir, es gibt bittere Tränen, Verzweiflung auf beiden Seiten und es steht die tägliche dumme Aufgabenliste zwischen uns!

Ich merke, wieviele Ressourcen, warum auch immer, das plötzlich in der gesamten Familienstruktur beansprucht und bindet. Auf einmal fehlt die Leichtigkeit, alles zieht sich wie Kaugummi.

Und da gibt’s auch noch den Zwergenkönig, dessen Lebensinhalt es eigentlich nur sein sollte, Freude am Leben zu haben, auch auf meine Kosten… Meine Zündschnur allerdings ist mittlerweile kurz.

“Ich will nicht, dass Du sauer auf mich bist! Ich will nicht mehr mit Dir spielen!” wirft er mir an den Kopf.

Ich kann ihn verstehen und meckere zurück: “Dann stell nicht so viel Blödsinn an!” Ich bin’s eigentlich gewohnt, dass er ein Ding nach dem anderen dreht, aber momentan, kann ich das ganz schlecht aushalten. Und ich kann’s auch nicht mehr hören, das ewige “Mama!”, ich kann all die Spiele nicht mehr sehen, all die Bücher, die Stifte und Blätter, die sich, weil sie jeden Tag benutzt werden, überall stapeln. Ich kann sie nicht mehr sehen, die täglich sich erneuernden Saft- und Milchflecken auf Tisch und Boden, die immer wiederkehrenden Krümel von heimlich gegessenen Keksen, weil die gemopst doch viel besser schmecken, als gefragt….

Das macht mich unglaublich traurig und ich frag mich, wo sie denn hin sind, meine privilegiert-glücklichen Mamagefühle… Wo sind meine Ideen und meine Begeisterung, wohin meine Fähigkeit, aus den verrücktesten, widrigsten Umständen, das Beste zu machen? Wozu bin ich mutiert?

Am Abend ist meine Geduld unter null und ich spüre meine Kraft und meine Zuversicht nicht mehr… Dann gehe ich in den Keller, den andere zum Lachen benutzen und heule die Wäsche voll, die eigentlich gewaschen gehört.

Nach dem Abendessen, wenn beide Jungs leidlich sauber, aber mit geputzten Zähnen im Schlafanzug stecken, kehrt langsam Ruhe ein. Und obwohl dieser Coronageier noch immer über mir schwebt, kann ich ihm irgendwie die Stirn bieten, während die Jungs und ich fest kuscheln. Endlich kann ich ihnen sagen, dass ich weiß, wie anstrengend und mühsam es im Moment ist, aber dass wir das gemeinsam schaffen, weil wir uns lieben, dass ich sie sehr liebe, dass Nichts zwischen uns passt, so wie vorher, auch wenn es sich jetzt vielleicht nicht mehr so anfühlen mag. Und, dass wir in Zeiten während derer wir traurig und beschämt sind, weil wir es einfach sehr selten schaffen, miteinander gut zu leben, füreinander da zu sein, nicht vergessen dürfen, dass wir nicht tiefer fallen können, als in Gottes Hand. “Auch Mama fällt hin?” fragt der Zwergenkönig erstaunt. “Ja, auch Mama fällt hin! Sie steht aber wieder auf!” antworte ich. Während sich die Jungs übers Kissen seelig angrinsen, erwidert der Zwergenkönig begeistert: “… und fliegt wieder!”

Auch ich muss lächeln! Und bald, ganz bald, nehme ich mir insgeheim vor, bastle ich mir aus den Schwanzfedern des Coronageiers einen Häuptlingsschmuck und den Keller brauch ich dann nicht mehr!

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