22. September 2020

Coronavirus und Zusammenleben

©hag
Lesedauer ca. 3 Minuten

Das Coronavirus wirbelt aktuell unser Leben ziemlich durcheinander. Vieles, was im Umgang miteinander bisher selbstverständlich war, ist nun schwierig oder unmöglich – und das wahrscheinlich noch für längere Zeit.

Wie immer in Krisensituationen gibt es unterschiedliche, oft scheinbar widersprüchliche Verhaltensweisen und Entwicklungen. Mir fällt zum Beispiel auf, …

… dass erfreulicherweise Menschen unter dem Eindruck dieser gemeinsamen Gefahr „zusammenrücken“ und in vielen Bereichen mehr füreinander da sind, als wir das zuletzt gewohnt waren: Vorgaben der Regierung, die unsere Freiheit teilweise massiv einschränken, werden weitgehend eingehalten, weil man anerkennt, dass die so genannten Risikogruppen geschützt werden müssen. In vielen Bereichen ist eine große Hilfsbereitschaft erlebbar – unabhängig von Herkunft, ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit.

… dass sich gleichzeitig auch vermehrt negatives Verhalten zeigt bzw. gezeigt hat: Hamsterkäufe, Anzeigen wegen (oft nur scheinbarer) Verletzungen der Ausgangsbeschränkungen, Verschwörungstheorien über die Herkunft des Virus, Vorurteile gegenüber Menschen aus Asien etc.

… welch große Bedeutung Grenzen in der gegenwärtigen Krise wieder (oder immer noch) haben – etwas, von dem wir geglaubt hatten, es sei in Europa schon weitgehend überwunden. Ja, plötzlich zeigt sich sogar, dass es auch innerstaatliche unsichtbare Grenzen gibt, wenn z.B. in der Zeit der eingeschränkten Bewegungsfreiheit erholungssuchende WienerInnen in den umgebenden ländlichen Regionen unerwünscht waren.

… dass unter den sogenannten „HeldInnen des Alltags“ auch sehr viele sind, die eine familiäre Migrationsgeschichte haben. Zum Beispiel im Gesundheitsbereich, im Lebensmittelhandel, in der Logistik, … Vielleicht ändert das bei einigen „Alteingesessenen“ (und auch bei MigrantInnen selbst) die Wahrnehmung des Zusammenlebens.

… dass bei uns lebende Geflüchtete in Corona-Zeiten ein noch isolierteres Leben führen als es vielfach vorher schon der Fall war. (Ich übersehe dabei nicht die zahlreichen ehrenamtlichen Bemühungen, Kontakte zu ermöglichen und zu vertiefen.)

… dass in der Krise gern das Bild von dem Boot bemüht wird, in dem wir alle sitzen. Es ist schon richtig, dass wir diese Herausforderung nur gemeinsam meistern können, wie es von diesem Bild vermittelt wird. Allerdings darf man nicht vergessen, dass es auf diesem Boot unterschiedliche Plätze gibt – von der Außenkabine bis hin zum Unterdeck. Es macht einen Unterschied, ob man in einer kleinen Stadtwohnung ohne Balkon lebt oder in einem Haus im Grünen mit Garten. Die Möglichkeit, online Kontakte zu pflegen, haben nicht alle Menschen. Kinder, die schon bisher schlechtere Bildungsvoraussetzungen und -chancen hatten, finden sich jetzt noch mehr im Abseits. Viele erleben Home-Office und Home-Schooling als mühsam, für viele andere besteht aber die Herausforderung im Verlust von Arbeitsplatz oder Betrieb. Viele Benachteiligungen treffen Menschen, die schon bisher eher „am Rand der Gesellschaft“ gelebt haben überproportional, und zwar unabhängig davon, ob sie „Heldinnen des Alltags“ sind.

Im Moment stehen zwei große Aufgaben zur Bewältigung der Krise im Fokus der Öffentlichkeit und der EntscheidungsträgerInnen: der Schutz der Gesundheit und die Stärkung der Wirtschaft. Aus meiner Sicht liegt eine dritte große Herausforderung in der zukünftigen Gestaltung des Zusammenlebens in der Gesellschaft. Es zeigt sich nämlich in der Krise noch mehr als sonst, dass die Widerstandsfähigkeit einer Gesellschaft davon abhängt, wie sehr sich die Menschen mit ihr verbunden fühlen und wie stark ihnen das allgemeine Wohl (und nicht nur das eigene) am Herzen liegt. Und das betrifft alle Menschen, die hier leben, egal woher sie kommen und wie lange sie schon hier sind. Vieles gelingt uns in der aktuellen Situation sehr gut, manches ist noch ausbaufähig. Die Trennlinien durch die Gesellschaft sind auch und gerade in der Krise oft deutlich zu sehen und fordern uns heraus. Das neue Leitbild zum Zusammenleben in Tirol „Gemeinwohl und Zugehörigkeit stärken“ gewinnt dadurch eine noch größere Bedeutung. Gleichzeitig bietet es bereits gute Ansätze, die Herausforderung eines guten Miteinanders in diesen besonderen Zeiten anzunehmen und Fortschritte zu erzielen. Manche neuen Einsichten in der Krise unterstützen uns dabei, aber es braucht weiterhin den aktiven Einsatz dafür.

Mehr zum Leitbild zum Zusammenleben in Tirol findet sich unter:

https://www.tirol.gv.at/gesellschaft-soziales/integration/integrationsleitbild/

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Hannes Gstir

Hannes Gstir

Hannes war von 1994 bis 2019 Herausgeber der Dorfzeitung. Außerdem war er viele Jahre als Mitglied der Liste juf in der Gemeindepolitik aktiv, davon 6 Jahre (2004 – 2010) als Gemeinderat, Gemeindevorstandsmitglied und Obmann des Kulturausschusses. Sein Interesse gilt nach wie vor der Politik, vor allem aber auch gesellschaftspolitischen Fragen.

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Ein Gedanke zu “Coronavirus und Zusammenleben

  1. “Es zeigt sich nämlich in der Krise noch mehr als sonst, dass die Widerstandsfähigkeit einer Gesellschaft davon abhängt, wie sehr sich die Menschen mit ihr verbunden fühlen und wie stark ihnen das allgemeine Wohl (und nicht nur das eigene) am Herzen liegt. Und das betrifft alle Menschen, die hier leben, egal woher sie kommen und wie lange sie schon hier sind.”

    Das Herzstück der Gesellschaft. Dem kann man nichts mehr hinzufügen.

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