Wir schreiben das Jahr 2046. Ich werde demnächst meinen 90. Geburtstag feiern – in großer Dankbarkeit für mein Leben und den Frieden, den ich mit meinem Umfeld teilen darf. Dankbar auch dafür, dass ich in einem privilegierten Teil unserer Erde leben darf. Die Krisen, die unseren Kontinent vor 20 Jahren gebeutelt haben, sind zum größten Teil überwunden. Die sozialen Sicherungssysteme wurden neuen Gegebenheiten angepasst. Rechte und Pflichten fanden eine neue Balance. Das Krankjammern wurde durch engagierte Zuversicht abgelöst.
Ich sitze im Cafe des Sozial- und Begegnungszentrums meiner Heimatgemeinde und genieße das fröhliche Treiben und die anregende Umgebung.
Nein, es ist mir überhaupt nicht schwergefallen – hab ich mich und meine Angehörigen doch jahrelang darauf vorbereitet – immer im Wissen, dass es auch anders werden könnte. Ja, ich bin gerne in das örtliche Heim übersiedelt – meine vorletzte Heimat. Dass dies ein Ort des Wohlfühlens, der Gemeinschaft, solidarischen Verbundenheit und kompetenter Begleitung ist – dafür wollte ich mich und viele andere einsetzen und auch unseren Beitrag leisten.

Aus Fehlern lernen?
Ich blicke zurück auf das Jahr 2026. Das alte Vinzenz-Gasser-Heim war in die Jahre gekommen. Es hatte lange seinen Dienst erwiesen. Vor allem war es immer von beherzten, hoch engagierten Mitarbeiter:innen getragen. Leider war es auch ein Musterbeispiel misslungener Architektur, das unter falschen und wenig vorausschauenden Voraussetzungen in Auftrag gegeben worden war. Damals, vor über 60 Jahren dachte man an ein Wohnheim und weniger an ein barrierefreies Haus, das den Erfordernissen steigender Pflegenotwendigkeiten und komplexer Diagnosen entspricht.
Schwierige Verhältnisse
Vor 20 Jahren, vor dem Hintergrund gesteigerter Bedarfe und behördlicher Kritik, gab man den Startschuss für den Neubau eines Pflegeheimes und sicherte gleichzeitig das Vorhandensein eines geeigneten Grundstückes am westlichen Dorfrand. Es liegt mir fern, die Planungen der damals Verantwortlichen zu kritisieren, zumal in der Gemeinde ja vieles beispielgebend funktionierte, wie eine serviceorientierte Verwaltung, ein kompetenter Bauhof, eine intakte Infrastruktur, die Bildungseinrichtungen, das rege Vereinsleben und vieles mehr.
Zunehmende Probleme wie Personalnot, reduzierte öffentliche Mittel, eine wenig vorausschauende, ganzheitlich angelegte Vision und die fehlende landesweit koordinierte Planung und Steuerung waren der Tod kreativen und weiträumigen Denkens. So verlief auch das Ergebnis eines ersten Architektenwettbewerbs im Sand (im Nachhinein betrachtet ein Segen). Das darf schon mal passieren. Auch in der Wirtschaft gibt es immer wieder Sackgassen und die Notwendigkeit, die Strategie neu aufzusetzen. Aufgelaufene Planungskosten sind dabei bitteres Lehrgeld, aber keine Katastrophe – wenn man daraus lernt und neue Wege einschlägt.

Eine explosive Mixtur
Die Probleme, mit der die damalige Gemeindeführung zu kämpfen hatte, waren kein Einzelfall. Der absehbare Notstand war landesweit massiv angekommen. Weitläufige Schließung von Pflegeeinheiten aufgrund der Personalnot, elendslange Wartelisten, überforderte pflegende Angehörige, verwahrloste Alleinstehende, das kollabierte Entlassmanagement in den Krankenhäusern, eine falsche Migrations- und Integrationspolitik und die Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts waren eine explosive Mixtur, aus der man mit vorhandenen Systemen, Verantwortlichkeiten und Finanzierungsströmen keinen Ausweg fand.

Mutige Politik
Die Wende brachte eine 2025 gestartete und 2027 in Gang gesetzte Reformpartnerschaft des Bundes und der Länder. Die Bereiche Bildung, Gesundheit und Pflege wurden neu zugeteilt. Das Hin- und Herschieben von Steuergeldern, verbunden mit Reibungsverlusten und hohen Verwaltungskosten wurde weitgehend eingedämmt. Finanzierung und Steuerung aus einer Hand wurde zur unverrückbaren Devise. Das Zusammenwirken von Krankenhäusern, niedergelassenen Ärzten und Pflegeeinheiten wurde optimiert.
Gemeinden fortan nicht mehr Träger der Pflegeheime
Übergangs-, Kurzzeit-, Langzeit-Pflegeheime und mobile, aufsuchende Dienste wurden unter einer neuen überregionalen Betriebsgesellschaft geführt. Im Aufsichtsrat dieser waren das neugeschaffene Staatssekretariat Pflege, die Landesregierung, der Gemeindeverband, die ÖGK und die Universität vertreten. Gemeinden waren in Folge nicht mehr Träger der Pflegeheime. Private Pflegeanbieter:innen und gemeindenahe „Betreute Wohneinheiten“ mussten sich verbindlichen Qualitätsmaßstäben und der Kooperation verpflichten.

Gemeinden – Drehscheibe der Lebensqualität und Begegnung
Das brachte eine enorme personelle und finanzielle Entlastung der Gemeinden. Nicht entlassen wurden diese aus der Verantwortung, die Lebensqualität, insbesondere ihrer älteren Mitbürgerinnen und deren Angehöriger und die Integration zu fördern. Die Freiwilligenarbeit, das kulturelle Zusammenwirken mit den Pflegeheimen und die Schaffung von Begegnungsräumen sollte diesem dienen – unterstützt von einem besonderen Förderprogramm des Bundes, Landes und der EU, die sich nach dem Putin- und Trump-Schock und der Entzauberung der rechtsnationalen, korrupten und inhaltsarmen Bewegungen neu gegründet hatte.

Ein Ruck geht durch das Land
Qualifizierte Zuwanderung, vor allem aus Ländern, in denen der alte Mensch besonders geschätzt wird, neue Arbeitszeitmodelle für Pflegekräfte, die Einführung eines Zivil- und Gemeinwesendienstes für alle und die Gewinnung der Vereine für dieses Anliegen brachte einen enormen Schub zur Weiterentwicklung des Gesundheits- und Sozialwesens in unserem Land. Vor allem setzte sich das Bewusstsein durch, dass alle Verantwortung für ein würdevolles und erfüllendes Altern, und für die Gemeinschaft tragen.
Vorletzte Heimat
So genieße ich nun schon zum zweiten Mal die Kurzzeitpflege im Herbst 2030 eröffneten Sozial- und Begegnungszentrum unseres Dorfes. Derzeit im Rahmen einer Übergangs- und Rehapflege nach einem Aufenthalt im Krankenhaus Hochzirl, welches Kooperationspartner unseres Heimes ist, inklusive eines gemeinsamen Personalpools. Die medizinisch-, therapeutische und pflegerische Begleitung ist hervorragend. Nach einem Monat werde ich wohl wieder in die vertraute, barrierefreie Wohnung übersiedeln. Über kurz oder lang dann doch in die Langzeitbetreuung und Pflege des Heimes, das mir schon seit Jahren zu einem vertrauten und liebgewonnenen Ort geworden ist.

Der Mittelpunkt am Rande des Dorfes.
Das offene Cafe, das von Ehrenamtlichen und Mitarbeiterinnen der Lebenshilfe betrieben wird, die von Anfang an auch ein „offenes Atelier“ betrieben haben, ist ein beliebter Begegnungsort.
Die vielen Musizierenden unseres Ortes laden regelmäßig zum Konzert, Mitsingen und Mitmusizieren ein. Die vielen Künstlerinnen unseres Dorfes bieten in Zusammenarbeit mit der Erwachsenenschule Atelierworkshops an – immer unter Einbeziehung der Bewohnerinnen des Pflegeheimes und der täglich organisierten Tagesbetreuung. Die neu angesiedelte örtliche Bibliothek wird von Jung und Alt begeistert angenommen. Vor Jahren habe ich mit dieser das Format „living books“ gestartet. Regelmäßig erzählen dabei Menschen aus ihrem Leben, Urlaubsreisende von ihren Zielen und Unternehmungen, junge Menschen von ihren Vorhaben.
Das ehemalige Vinzenzheim ist zum Studentenheim geworden, ideal durch den Superanschluss der Öffentlichen Verkehrsmittel. Eine Freiwilligenkoordinatorin bündelt alle Menschen guten Willens und bereitwilliger Tat. So wurde das soziale Zentrum zu einem Entfaltungs- und Wohlfühlort – für Mitarbeitende, Gestaltende, Nutzer:innen. Ein Ort der Vollendung des Lebens, trotz aller Beschwernisse, sorgenvoller Tage und Ängste. Ein Stück Heimat mit einem gehörigen Echo dessen, was wir im Leben mitgestaltet, an Gemeinschaft, Friedfertigkeit, Zufriedenheit und Dankbarkeit vorgelebt haben. Für mich ein Übergangsort mit persönlich guter Hoffnung, dass mich nach meinem „Heimgang“ aus dieser Welt Neues erwartet. Aber das ist eine andere Geschichte.

„Meine Visionen legten sich nie die Fesseln der aktuellen Wirklichkeit an. So konnte mich diese selten enttäuschen.“
(Georg Schärmer)
Fotos: Titelbild (G. Schärmer privat), alle anderen aus dem Album „Lichtquellen“ (von G. Schärmer und M. Osl) nach Motiven von Hans Salcher

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