21. Mai 2022
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Ich schweige, also bin ich

Foto: Roland Pargger
Lesedauer ca. 6 Minuten

Eigentlich hatte ich meinen Artikel schon fertig….es sollte ein ausgelassener, lustiger Artikel werden…es fehlen nur noch die Bilder, die müsste ich noch machen…Bilder der Ausgelassenheit, witzig, ein bisschen Comedy…aber irgendwie krieg ich das gerade gar nicht gebacken…mir ist zur Zeit nicht nach Klamauk.

Jetzt sitz ich hier und überlege, ob diese ganze Ernsthaftigkeit, die ich in mir trage, nach Außen geschrieben werden sollte. „Bin ich unzumutbar?“, denk ich mir… „Nein, das bist Du nicht!“, sagt mein Herz, das schwerer ist als Blei, ängstlich und wortlos.

Unzumutbar ist, was um uns herum, mit uns passiert. Die Zukunft ist so ungewiss und die Gegenwart besteht gefühlt nur aus Verantwortung und Schutzbedürfnis. Ja, die Gegenwart…wenn ich mit Freundinnen spreche, sie alle spüren dasselbe. Abgesehen von der Tatsache, dass wir soweit, sogut, alles haben: das warme Dach über dem Kopf, Essen im Kühlschrank, Geld für Vergnügung und Geschenke.

Da wäre nun einerseits all dieses Materielle, dessen Möglichkeiten, in naher Zukunft seine klaren Grenzen zu haben scheint. Es werden außerdem dahingehend bei dem Ein oder Anderen, früher oder später bei uns allen, harte Einschnitte zu erwarten sein. Andererseits befinden wir uns in Verantwortung, die so unglaublich ist, dass die innere Unruhe und Planlosigkeit schon aufgrund dieser Tatsache einfach zu erklären wäre. Allein die Entscheidungen, die wir weitab von Klopapierpreisen, Gemüseeinkäufen, Energieeinsparung, Haushalt und Kleidung treffen, sie sind so unglaublich unzumutbar, dass man sie am liebsten wegignorieren möchte.

Verfügbarkeit und wovon ich nichts verstehe

Foto: Angela Pargger

Tagtäglich entscheiden wir unabhängig von Beruf, Herkunft und Bildungsstand, Dinge für, vielleicht unter vagen Umständen im Sinne, unserer Kinder und das unter dem Label ständiger Informiertheit und Bereitschaft. Allein die ständige Verfügbarkeit für Schoolfox, neueste Verkündigungen der Regierung, WhatsApp des Kindergartens, eine ständige Abholbereitschaft aus Schule, Kindergarten oder sonstigen Betreuungen, weil es „einen Fall“ gibt… wäre allein für sich schon ausreichend. Das ist die tägliche Tagesordnung, die unplanbar und uneindeutig bleibt. Fast schon scheint es eine „liebe Gewohnheit“, die man mal mehr, mal weniger humorvoll nehmen kann. Mit einem einfachen Lachen ist dies allerdings nicht mehr weg zu wischen, weil man sich ständig nicht mehr ganz gehört.

Das Schlimmste aber sind Entscheidungen, die immer wieder anstehen, die einem fast tagtäglich das Hirn durchbohren und emotional nicht mehr greifbar sind. Auch beim Verstand hapert es, denn wir entscheiden Dinge, von denen wir nichts verstehen, von denen wir qua mangelnder Ausbildung zum Fachmann keine Ahnung haben. „Das kann doch nicht sein!“ murrt mein Hirn in regelmäßigen Abständen „Du mutest mir tatsächlich zu: auf der Grundlage völliger Unwissenheit die Sachlage beurteilen zu können? Dir ein reines Gewissen bei deinen Entscheidungen zu verschaffen?!“, und dann ist sie da, die Emotionalität, das Gefühl, blind darüber zu entscheiden, was gerade gut ist: Das Kind in Betreuung, in die Schule zu schicken oder nicht? Soziale Aktivitäten auf ein Minimum bis gar nicht gelebt zu reduzieren oder nicht? Und die weitreichendste aller Entscheidung: Impfen oder nicht?

Eine neue Tabuerfahrung

Foto: Angela Pargger

Bei all diesen einschneidenden Entscheidungen tragen wir eine Gesellschaftsform mit, in der Regeln so gut wie gar nicht mehr gelten, weil sie mit demokratischen Mitteln einfach umgangen werden können. Eine Gesellschaft, in der Themen wie die Kinderimpfung zu einem Tabu verkommen sind; zumindest für jene, die sich für die Impfung entschieden haben. Warum? Weil dies ausgehend von politisch motivierten Kreisen mit versuchtem Mord gleichgesetzt wird: Die harmloseste Variante der Tabugestaltung ist noch „Das muss jeder selber wissen!“, mit anschließendem beharrlichem Schweigen. Andere wiederum stehen mit dem Morgenstern bewaffnet an der nächsten Ecke und wünschen sich, jeder, der seine Kinder impfe, solle nie wieder ruhig schlafen. Ein breiter Austausch wie früher ist nicht mehr möglich. Du tust es versteckt und verpasst Deinem Kind einen Maulkorb, bloß darüber zu schweigen.

Ich für meinen Teil finde dies nicht mehr normal. Zum ersten Mal in meinem Leben mache ich die Erfahrung, nicht ich muss mich ändern, weil ich etwas Falsches tue. Sondern um mich herum geschehen unbeeinflussbare Dinge mit mir und meinen Kindern, die in Rückzug und Eremitage enden und der ständigen Frage: „Wem kann ich noch vertrauen? – der Impfung, der Politik, mir selbst, Andersdenkenden, Gleichgesinnten….wem?!“

Die Mär vom spaltenden Virus

Es gibt einen großen Fehler: Die Annahme, das Virus würde uns spalten. Nein! Wage ich zu widersprechen. Es sind politikgeschwängerte Vorstellungen, die in einer Art Minderheitendiktatur die Regeln des Umgangs, der Sprache und Tabus einfach neu festlegen. Damit schüren sie Angst. Angst, die anderen zugeschrieben wird, die vielleicht eine persönliche ist. Eine Angst, mithilfe derer viele Menschen auf manchmal niedrigste Art und Weise terrorisiert werden. Gleichzeitig verkommt unsere Gesellschaft mit der Mär „die Spalter sind die Anderen!“ zu einer Persiflage. Das Gemeinsame zu finden, wird somit unmöglich, denn eine Entscheidung, ein Gedanke, ein Geschehnis wird mit Verurteilung, Hass und Bedrohung gekontert, dass einem Hören und Sehen vergeht.

Der demokratische Aderlass und der demokratisch geschützte Mittelfinger

Foto: Angela Pargger

Früher zogen Menschen mit Fackeln und Mistgabeln vor die Häuser der in ihren Augen Schuldigen. Heute muss man sich nicht mal mehr die Schuhe anziehen, es reichen der Jogger, warme Socken, ein funktionierender PC, eine Flasche Bier, um eine anonyme (!) Welle des Hasses und der Niedertracht auszulösen. Dazu muss man auch nicht viel wissen, es reicht schon die Vermutung einer Vermutung der Vermutung aus, um sich „ein Bild“ zu machen.

Während sich Millionen von Eltern, hauptsächlich Mütter, in dieser Republik und dem Rest der Welt den Arsch aufreißen, vernünftig, achtsam, unaufgeregt und verantwortungsvoll, dieses inzwischen ausgeprägte Jammertal zu durchschreiten – Während sie versuchen, durchdachte Entscheidungen für oder gegen zu treffen, die einfach an ihnen hängen bleiben, weil Keiner so richtig die Verantwortung übernehmen will, tut eine politisch motivierte Minderheit nichts Anderes, als ihre Meinungsgepflogenheiten gehässig, niederträchtig für sich und ihre Ziele zu nutzen. Hier wird mit harten Bandagen gekämpft: komplette Verweigerung des Austausches, das nichteingehen Wollen auf den Anderen. Somit sprechen wir unweigerlich von Indoktrination, Missbrauch und der simpelsten Art demokratischen Aderlasses.

Nicht das Vaterländische, nicht lauter Patriotismus, nicht Verweigerung, nicht gewandter Wortwitz, Schmähung, Märtyrerstilisierung, Entmenschlichung, nicht irgendeine Wahrheit werden uns retten, wie schon Kriege vorher nicht. Kein noch so vaterländischer Politiker, so gütig er auch klingen mag, wird das, was er als heute Festgeschrieben verspricht, morgen halten. Es wird uns nicht die Umkehr zur Rechtsordnung eines solchen vaterländischen Bewahrers retten – Denn: „Liebt dich denn dieser Vater auch, wie wirst du ihn beerben, läßt er dich ohne Eifersucht wirklich erwachsen werden? (…) ein ganzes Land als Vater war schon immer eine Lüge“[1] oder sollten wir nicht viel früher damit beginnen, weniger kindlich, dafür verantwortungsvoll und Konsequenzen tragend zu handeln und zu denken: Zuhören, empfindsam sein, sich selber zurückstellen, nachfragen, anerkennen, Anteilnahme zeigen und ein Miteinander pflegen, das nicht auf gleicher Lebensweise beruht, umso mehr aber auf Respekt und nicht dem achselzuckenden Naturrecht.

Ich persönlich bin fertig mit Menschen, deren Angst ich verstehen soll, die sich aber einen Dreck um meine Ängste und Gründe scheren. Ich bin fertig mit Menschen, denen ein Gerücht lieber ist, als die einfachsten Benimmregeln einzuhalten. Ich bin fertig mit Menschen, die anderen Trauer, Mitgefühl und Anteilnahme verweigern, weil die Geschichte einfach viel zu gut ist, um mal einfach ganz gepflogen den Mund zu halten. Manchmal wäre es angebracht, Menschen als Menschen wahrzunehmen und nicht als grobe Klötze, auf die ein grober Keil gehört. Die einzige Antwort, die ich hierauf weiß sind die mir sehr lieb gewordenen Regeln des Abstandes und des Rückzugs. Seltener, dafür umso kostbarer sind Momente, die die gefühlte Kälte, die Last und das Schweigen durchbrechen, weil man ohne laut sein zu müssen auf Gleichgesinnte in stillem Austausch trifft: nebeneinanderstehen und sich gegenseitig im Schweigen zuhören – so berühren sich Himmel und Erde und Menschen einander. Das ist es, was wir brauchen, nicht der demokratisch geschützte gewaltvoll krakeelende Mittelfinger, der nach dem Selbsterhaltungsprinzip gar nicht verstehen will!

Foto: Claudia Lampert


[1] Aus: „Jeder Augenblick ist ewig. Die Gedichte“ Autor: Konstantin Wecker

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Angela Pargger

Angela erachtet Worte als das wichtigste Instrument menschlicher Kommunikation. Worte verbinden oder können hart trennen. Gefühle und Beobachtetes in Worte zu fassen, die zueinander passen und miteinander harmonieren, begeistert Angela seit Jahren. Schreiben ist eine wunderbare Möglichkeit, Erlebtes mit anderen Menschen zu teilen, Erfahrungen zu verarbeiten, sich zu positionieren, zu wehren und Dinge auf den Punkt zu bringen.

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