Text: Johann Jenewein, Fotos: Irene & Johann Jenewein
Kurz bevor wir Honningsvåg erreicht hatten, durchquerten wir den 6.870 Meter langen Nordkaptunnel. Der Unterwassertunnel liegt an der tiefsten Stelle 212 Meter unter dem Meeresspiegel und verbindet das Festland mit der Insel Magerøya auf der Honningsvåg und das Nordkap liegen. Durch die Eröffnung des Tunnels im Jahr 1999 wurde die Insel – und damit das Nordkap – mit einer Straßenverbindung an das Festland angeschlossen.
Nach unserem ersten Fotospaziergang durch Honningsvåg in der „blauen Stunde“ machten wir später, als es bereits finster war, bei etwa minus 15 Grad Celsius eine weitere Runde durch den Hafen. Diese wurde uns nach einer halben Stunde durch einfallenden Nebel und einen dichten Schneesturm in Minutenschnelle vergällt.


Die nördlichste Stadt Norwegens
Der nächtliche Schneesturm entpuppte sich nur als kurzes Ereignis. Er hatte jedoch ausgereicht, uns ins Hotel zu treiben und das 2.300 Einwohner zählende Städtchen Honningsvåg in eine frisch verschneite Märchenlandschaft zu verwandeln. Honningsvåg rühmt sich als nördlichste Stadt Norwegens. Sie ist vor allem als Fischereihafen, als Ausgangspunkt für Nordkap-Reisende und als Anlegestelle für das norwegische Postschiff Hurtigruten von Bedeutung.




Um 10:00 Uhr waren wir zurück beim Hotel und stiegen voll fiebriger Erwartung in den Bus, der uns an das nördliche Ende Europas, zum Nordkap, brachte.

Im Konvoi zum Nordkap
Anfänglich ging die Fahrt den Fjord entlang und wechselte bald in das Innere der Insel. Nach ca. 30 Minuten tauchte das Straßenschild Nordkap und Skarsvåg vor uns auf. Wir nahmen zuerst die Straße nach Skarsvåg, doch spätestens um 11:00 Uhr mussten wir an dieser Weggabelung zurück sein.

Das Dorf Skarsvåg liegt in einer Bucht und verfügt über einen eigenen Hafen. Der Ort mit seinen 60 Einwohnern wird als das nördlichste Fischerdorf der Welt bezeichnet. Ab den 1890er-Jahren profitierten die Einwohner vom beginnenden Tourismus zum Nordkap. Die Frauen betrieben ein Café und einen Souvenirladen und so mancher Fischer verdiente mit Führungen zum Nordkap mehr als mit seiner angestammten Arbeit.


Pünktlich erreichten wir wieder die Straßenkreuzung. Der LKW mit Schneepflug hatte einsatzbereit die Führungsposition eingenommen. Die letzten 13 Kilometer zum Nordkap können im Winter nur jeweils um 11:00 und um 12:00 Uhr im Konvoi hinter dem Räumfahrzeug befahren werden. Die Gefahr von Schneeverwehungen bei nicht begleiteten Fahrten ist zu groß. Die Spannung hing knisternd in der Luft.


Dann fuhren wir los. Der Schneepflug zerstäubte vor uns mit unglaublichem Tempo den Neuschnee der vergangenen Nacht. Vorhin wurde vom Fahrer des LKWs erzählt, dass er für diese Strecke einmal 10 Stunden gebraucht hatte. Er war den Gewalten des einsetzenden Schneesturms hilflos ausgeliefert. Diese Gefahr war für uns nicht gegeben, obwohl die Licht- und Wolkenstimmungen im Minutentakt wechselten.



Dem Nordpol näher als dem Heimatort
Nun standen wir am Nordkap! 71° 10‘ 21“ nördliche Breite. Entfernung zum Nordpol 2.100 Kilometer, zu unserem Heimatort 2.900 Kilometer. Jährliche Besucherzahl: 200.000.
Das Nordkap ist der nördlichste Punkt Europas, der auf dem Straßenweg vom Festland aus erreichbar ist. Wir durften uns diesen bedeutenden Platz mit nur einer Handvoll Menschen teilen. Fasziniert standen wir beim Globus, dem Wahrzeichen des Nordkaps, und blickten auf die in das Europäische Nordmeer ragenden Klippen.


Die Nordkaphalle wurde in den 1950er-Jahren erbaut. Nach mehreren Erweiterungen besteht sie aus vier Etagen, die aus Rücksicht auf das Landschaftsbild zum Teil unter der Erdoberfläche liegen. In einem unterirdischen Tunnel wird die Vogelwelt dieser rauen Region gezeigt. Seitlich eingelassene Nischen bergen historische Szenen mit Nordkapbezug.



Im Jahr 1989 wurde auf dem Nordkapplateau das Denkmal der „Kinder der Welt“ geschaffen. Die Vorlagen für die Reliefs wurden von sieben Kindern unterschiedlicher Nationen angefertigt, die hier für eine Woche zusammenkamen. Das Denkmal soll Freundschaft, Zusammenarbeit, Hoffnung und Freude über alle Grenzen hinweg ausdrücken.

Auf der Rückfahrt nach Honningsvåg besuchten wir das Fischerdorf Kamøyvær. In diesem kleinen Ort, der sogar über eine Galerie verfügt, leben 70 Menschen. Die ersten Bewohner siedelten sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Kamøyvær an. Neben dem Fischfang ist in den Sommermonaten der Tourismus mit Hochseeangeltouren wirtschaftlich von Bedeutung.


Mit dem Postschiff Hurtigruten nahe zur russischen Grenze
Die Kong Harald der norwegischen Postschifflinie Hurtigruten lag in Honningsvåg vor Anker. Um 14:30 Uhr gingen wir an Bord und fuhren die letzten 480 Kilometer der Postschiff-Route nach Kirkenes nahe der russischen Grenze. Diese Fahrt durch die Barentsee wurde zu einem kalten, aber unvergesslichen Erlebnis.






Der erste Stopp erfolgte im Hafen von Kjøllefjord. Bei der Einfahrt in den Hafen von Kjøllefjord passierten wir eine Klippe mit dem Aussehen einer Kirche. Diese besondere Felsformation trägt den passenden Namen „Finnkirka“.

Plötzlich brauste mit ungeheurem Tempo ein kleines Motorboot heran. Nach wenigen Minuten stieg ein Fischer an Bord, eine Ladung Königskrabben im Gepäck. Das wegen ihrer Größe auch Monsterkrabbe genannte Meerestier war ursprünglich nur im nördlichen Pazifik beheimatet. Russische Forscher setzten sie in der Barentsee nahe Murmansk aus, von wo sie sich als invasive Art entlang der norwegischen Küste bis zu den Lofoten ausbreitete. Auf norwegischen Fischmärkten werden Krabbenbeine mit rd. 100 Euro je Kilogramm als Delikatesse gehandelt.


In den Abendstunden legten wir in Kjøllefjord an. Dieser abgeschiedene Ort zählt etwa 1.000 Einwohner und diente bereits im 18. Jahrhundert als Lagerplatz für die Produkte der Samen. Handelsleute aus Bergen in Südnorwegen holten die Waren hier ab. Nachdem wir das Schiff nicht verlassen konnten, beobachteten wir den Ort und den Hafen aus der Ferne.


Nach dem Auslaufen stand das Abendessen mit einem üppigen Buffet bereit. Wir fuhren auf hoher See in die nordische Nacht.


Durch den Varangerfjord nach Kirkenes
Die Stimmung in den Morgenstunden lässt sich nicht in Worte fassen. Wir waren, mit Ausnahme einer jungen Frau, allein an Deck der im ersten Sonnenlicht dahingleitenden Kong Harald. Trotz warmer Kleidung mit Funktionswäsche kroch die eisige Kälte in alle Knochen. Dies hielt uns nicht davon ab, das Herannahen des Hafens von Vadsø vom Deck aus zu erleben.



Während des Aufenthaltes von einer halben Stunde verließen wir das Schiff für eine kleine Fotorunde im Hafen. Die Ladetätigkeit war gerade in vollem Gange.



Im letzten Moment gingen wir wieder an Bord und stärkten uns am wunderbar angerichteten Frühstücksbuffet. Voller Spannung erwarteten wir die Einfahrt in den mächtigen Varangerfjord mit dem Zielhafen Kirkenes. Deshalb standen wir nach kurzer Zeit wieder an Deck des Postschiffes, der Blick gebannt von der Größe der Schöpfung.





Fortsetzung folgt …
Tolle Fotos, Chapeau!
Den plötzlich einsetzenden Nebel kenne ich aus Schottland, vor allem an der Ostküste. Dort nennt man ihn “haar”, wahrscheinlich ein ursprünglich norwegisches Wort.
Hallo Johann!
Die Beiträge sind ein Hammer. Immer wieder kommen Orte vor die einem bekannt vorkommen. Wir waren in Juni 2001 entlang der Lofoten am Weg. Am Nordkap war dichter Nebel. Gratuliere zum Beitrag.
Danke an euch beide. Am 13. März gibt es um 19.30 Uhr beim Kamera-Club die Möglichkeit, noch viel mehr Bilder mit unserer Erzählung in einer aufwändig gestalteten Reiseschau zu erleben. Den Soundtrack haben wir bei Vangelis und Mari Boine (Samische Musikerin/Sängerin) gefunden. Mit dieser Mischung werden wir die BesucherInnen auf unsere Reise mitnehmen. Weitere Infos gibt es unter dem Link http://www.kameraclub.eu/events/reiseschau-winterreise-zum-nordkap-von-irene-und-johann-jenewein
Wir freuen auf viele BesucherInnen!