11. Juli 2020

Rosen wollen und Unkraut reden

Lesedauer ca. 5 Minuten

Rosen wollen und Unkraut reden

Bald beginnt die Gartensaison und damit die Möglichkeit, sich kritische Gedanken zu unserer (Garten)kultur und zum Unkraut zu machen. Unkraut weckt so mancherlei Assoziationen in mir. Damit alle wissen, wovon ich rede, hier eine Definition von Wikipedia:

„Als Unkraut bezeichnet man Pflanzen der spontanen Begleitvegetation in Kulturpflanzbeständen…, die dort nicht gezielt angebaut werden…. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist das Hauptkriterium, um eine Pflanze als Unkraut zu bezeichnen, dass sie unerwünscht ist.“

Im Pflanzenreich gibt es also Störendes, das beseitigt wird und dessen Kommen auf jeden Fall verhindert werden sollte. Und bei uns Menschen?

Unweigerlich drängt sich mir das Bild von Männern, Frauen und Kindern auf der Flucht auf.

Sprachmissbraucher haben uns diese Menschen so lange als Naturkatastrophe dargestellt, bis wir sie nur mehr als „Flutwellen“ sahen und die menschlichen Tragödien dahinter ausblenden konnten.

Meiner Meinung nach werden sowohl Asylsuchende als auch anerkannte Schutzberechtigte von vielen Politiker*innen und Printmedien und vor allem in unzähligen Internetforen systematisch schlecht geredet. Das Ergebnis dieses Zerrbildes erkennt man daran, dass Menschen mit Migrationshintergrund zunehmend als Bedrohung, da „kriminell“, „potentiell negativ“ und „sicherheitsgefährdend“ wahrgenommen werden.

Wenn ich versuche, in der Geschichte Parallelen zu finden und „das Störende“ auf die Personengruppe der MigrantInnen übertrage, komme ich unweigerlich vom „Ungeziefer“, das früher für „die Juden“ verwendet wurde, zum „Unkraut“, für alle Zuwanderer, die sich bei uns „einnisten wollen“.

Und wie wir alle wissen, muss deshalb „gejätet“ oder besser noch, vorbeugend Schädlingsbekämpfungsmittel ausgestreut werden, damit sie erst gar nicht aufkommen können.

Die öffentliche Wortwahl wird zunehmend giftiger. Vor allem denjenigen gegenüber, die aufgrund ihrer Herkunft pauschal verurteilt werden, obwohl wir die betroffenen Männer, Frauen und Kinder überhaupt nicht kennen.

Die Macht der Sprache kann töten. Nicht nur das Böse, vor dem wir verständlicherweise Angst haben, sondern auch das Gute. Das Gift der diffamierenden Worte, wirkt ähnlich wie Glyphosat, vernichtet also nicht nur das vermeintliche Unkraut, sondern auch Schmetterlinge, Bienen und andere Insekten.

Viele der „Jeder-Fremde-ist-schlecht-Redner*innen“ und wirksamen „Gutmenschen-Diffamierer*innen“ treten als Verteidiger*innen der abendländischen Kultur auf. Keine Ahnung, was sie dabei eigentlich verteidigen wollen. Werte wie Solidarität, Nächstenliebe, Freiheit, Gleichheit oder Geschwisterlichkeit jedenfalls nicht. Es sei denn, sie laufen mit einem so großen Brett vor dem Kopf herum, dass ihnen die Sicht auf die „wahren Werte des Christentums“ bisher verwehrt wurden.

Aber warum funktioniert ihr Schlechtgerede so gut? Warum werfen so viele ihre Menschlichkeit über Bord und werden zu „Alles-andere-als-Gutmenschen“, zu ….?

Die Ausdrücke für solche Menschen kann ich der „linken Tagespresse“ oder dem Internetverkehr der „sogenannten Gutmenschen“ entnehmen, zum Beispiel „Nazis, braune Scheißhaufen, Betonköpfe, dumme Ignoranten, Flüchtlingshasser, Mörder, Pseudochristen, FPÖler, Kurzianer“ und so weiter (hier sind übrigens einige Ausdrücke darunter, die Herr Knigge zu Recht bekritteln würde, weil sie das Gesprächsklima derart verpesten, dass kein Dialog mit den jeweils „Andersdenkenden“ mehr möglich ist).

Ich könnte jetzt natürlich nach passenderen Ausdrücken suchen für jene, die Menschen auf der Flucht entmenschlichen, indem sie sie als Flutwelle, Flüchtlingsstrom oder Supergau an der Grenze betiteln. Aber darum geht es mir nicht. Das, was ich wissen möchte, ist etwas ganz anderes: Wie kann es sein, dass uns die vielen verzweifelten Menschen, die wegen Krieg, Folter, Vergewaltigung, Ausbeutung und sonstiger schlimmster Zustände ihr Land verlassen mussten und nun in der „Mittelmeerroute feststecken“ egal sind?

Auch wenn es vielen gelingt, sich durch Scheuklappentaktik problemfrei zu machen; Schuldenfreiheit sieht wohl anders aus.

Denn über Hintergründe für deren Leid und globale Verflechtungen wird kaum nachgedacht und schon gar nicht geredet. „Wir“ sind ja viel zu weit weg und nicht dafür verantwortlich, wenn „die da unten sich gegenseitig niederschießen und dann glauben, in Europa wäre alles besser für sie“. Für alles kann man sich eben nicht verantwortlich zeigen und aufnehmen kann man sie natürlich auch nicht alle. Und deshalb nehmen wir in Zukunft am besten überhaupt keine/n mehr auf, oder?.

Sind wir wirklich ohne Schuld, wenn uns der Leidensweg dieser Menschen kaum mehr berührt, oder, schlimmer noch, nie interessiert hat? Im Sinne der Humanität und der Menschenrechte wohl nicht.

Könnte es sein, dass das qualvolle Ertrinken im Mittelmeer nicht nur in Kauf genommen, sondern vielleicht sogar gutgeheißen wird?

Denn wenn „die, die nachkommen“ sehen, dass „wir“ mit aller Härte durchgreifen, werden „die“ sicher bleiben, wo sie sind.

In ihren versteppten, überschwemmten oder vom Krieg zerstörten Ländereien wird es sicher zig andere Lösungswege geben, als nach Europa zu fliehen, oder?

Warum werden „die Fremden“ immer nur als „die, die etwas wollen/ die uns etwas wegnehmen“ dargestellt, nie aber Kolonialisierung, Landausbeutung und Rendite durch Waffenverkäufe zum Thema gemacht? Weil es weh tun könnte, sich einzugestehen, dass es mit unserer viel gerühmten „abendländischen Kultur“ vielleicht gar nicht so weit her ist? Könnte es sein, dass die Auswirkungen von Ramschpreisen in der Lebensmittel- und Textilindustrie deshalb nicht thematisiert werden, weil „wir“ von der Ausbeutung armer Länder enorm profitieren?

Warum werden Mitglieder von NGOs als Lebensretter*innen nicht nur verhindert, sondern gezielt als Schlepper*innen vor Gericht gebracht?

Wieso können „die neuen Politiker*innen“ unserer Zeit und ihre „ausführenden Organe“ ungestraft Menschenrechtsverletzungen begehen, ohne dafür je zur Rechenschaft gezogen zu werden? Nur weil wir „Binnenländler“ Angst vor Flutwellen haben?

Und wohin versickert das, was uns angeblich zu besseren Menschen macht?

Was, wenn das „sprachliche Unkraut“ schon so hoch ist, dass keine Rosen mehr wachsen, geschweige denn blühen können?

Wir sollten endlich anfangen, selber zu denken, anstatt die Worthülsen anderer nachzuplappern. Wer sagt uns, dass alle „Migrant*innen“ Schlechtes bringen? Leider viele. Aber stimmt das wirklich? Wenn wir uns die Menschen wirklich anschauen – gibt es bei uns nicht viele, die wir als nette und hilfsbereite Nachbarn kennen und die uns in so vielem bereichern?

Gerade in Inzing gibt es viele Menschen mit Migrationshintergrund, die ich keinesfalls missen möchte. Einige davon sind nichtdeutscher Muttersprache und waren sehr bemüht, unsere Sprache so schnell als möglich zu lernen. Ich durfte köstliche Speisen probieren, Feste mitfeiern, Hilfsbereitschaft erfahren und auch als „Gärtnerin“ viel neues lernen.

Vielleicht liegt der Schlüssel des „friedlichen Miteinanders“ auch in der Bereitschaft, sich gegenseitig kennenzulernen und voneinander zu lernen.

Missinterpretieren wir Fremdes nicht immer gleich als „Unkraut“! Schauen wir uns die, die hier zu wurzeln versuchen, lieber genauer an. Wer weiß, welche Blüten sie entwickeln, wenn sie dazu Gelegenheit bekommen. Wenn nicht jedes Unkraut gezupft wird, entwickeln sich oft blühende Wiesen.

Ich mag blühende Wiesen. Sie/ihr auch?

Alle Bilder sind von Pixabay entnommen.

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Petra Hillebrand

Petra Hillebrand

Petra ist Autorin, Sozialarbeiterin bei der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft und Mitglied beim Kameraclub Inzing.

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4 Gedanken zu “Rosen wollen und Unkraut reden

  1. Sehr gut und sehr richtig geschrieben. Ich war immer schon der Meinung, dass man sich erst dann ein Urteil über jemanden bilden kann, wenn man sie/ihn kennengelernt hat. Es gibt nämlich überall, bei uns, bei unseren Nachbarn und natürlich auch bei Zuwanderern viele anständige und nette Personen die eine echte Bereicherung sind aber eben auch einige (meistens wenige) auf die man gut und gerne auch verzichten kann.
    Wohlwollendes aufeinander zugehen von beiden Seiten könnte alles vereinfachen und ein angenehmes Zusammenleben bringen.
    Danke für Deine Gedanken!
    Robert

  2. Die Verrohung des Verstandes geht vom Herzen aus, denn da, wo sich nur Rasenkante im Himmel bricht, kann sich keine Schönheit entfalten, die in ihrer Vielfalt Freude schenkt, der Achtung gebührt.

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