27. Oktober 2020

Ein ganz normaler Freitagnachmittag

Lesedauer ca. 6 Minuten

Vorwort:
Als ich diesen Beitrag vor etwa einem Monat vorbereitet und recherchiert habe, war in Tirol bezüglich Coronavirus noch alles in Ordnung. Nun hat sich vieles verändert. Es ist ruhig geworden im Dorf und die Situation ist jetzt gänzlich anders, als ich es im folgenden Text beschreibe. Nichts desto trotz gilt der Artikel natürlich für die Zeit vor und nach der aktuellen Krise. Ich wünsche Euch, liebe Leserinnen und Leser, dass ihr möglichst problemlos durch die nächsten Wochen kommt. Bleibt gesund!

Ein ganz normaler Freitagnachmittag in Inzing. Ich starte meine Erledigungstour mit dem Fahrrad durchs Dorf. Will ich die Hauptstraße auf Höhe Hube queren, dann heißt es erst mal warten, manchmal gefühlt mehrere Minuten, bis zwischen den Autokolonnen aus beiden Seiten eine Lücke entsteht. Wenn ich in Richtung Dorfzentrum fahre, werden die Autofahrer ungeduldig. An Überholen ist für sie aufgrund des Gegenverkehrs natürlich nicht zu denken. Die Straße ist schon für zwei Autos schmal genug. Wenn ein LKW kommt wird’s richtig eng. Ich als „langsamer“ Radfahrer reduziere für die Autos die Geschwindigkeit und eigentlich ist mir das ganz egal. Wenn ich gut aufgelegt bin, muss ich sogar ein bisschen schmunzeln. Ich muss mich auch nicht bemühen, ganz am Fahrbahnrand zu fahren. Würde ich das tun, wäre trotzdem kein Platz zum Überholen. Wenn ich zum Bäcker reinfahre, höre ich manchmal schon die Motoren hinter mir hochdrehen. Vom Bäcker raus, geht die gleiche Geschichte wieder los. So oder so ähnlich geht es vermutlich nicht nur mir. Auch für Fußgänger_innen ist die Situation ähnlich drastisch. Die engen Gehsteige und die Engstellen werden nicht nur am Freitagnachmittag zur Gefahr, ganz speziell, wenn Fahrzeuge auf den Gehsteig ausweichen „müssen“.

Unnötige Autofahrten vermeiden

Der Autoverkehr hat in den letzten Jahren nicht nur subjektiv zugenommen, sondern ist tatsächlich deutlich gestiegen. Alle Zahlen, die ich zu diesem Thema erhoben habe, zeigen deutlich, dass der motorisierte Verkehr mehr wird. Details dazu findet man weiter unten. Damit die Lärm- und Abgasbelastung nicht ins Unerträgliche abdriftet, sollte dringend gegengesteuert werden. Das Auto ist nicht per se schlecht, aber Fahrten, die man besser zu Fuß oder mit dem Rad unternimmt, könnten dafür sorgen, dass es sicherer und ruhiger im Dorf wird. Auch unser Bürgermeister Sepp Walch hat in den letzten Artikeln in der TT oder in Blickpunkt und Rundschau immer wieder daran appelliert, Wege im Dorf zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückzulegen. Die Entfernungen für die allermeisten Wege im Dorf sind geringer als zwei km, eine ideale Distanz für das Fahrrad. Im Übrigen ist Fahrradfahren gesund. Wer regelmäßig mit dem Rad fährt, erkrankt nachweislich seltener an Herz-Kreislauferkrankungen.

Schon gewusst? Etwa 40% aller Autofahrten sind kürzer als 5km. Genau hier kann man gut ansetzen. Laut einer VCÖ-Umfrage ist die fehlende Fahrradinfrastruktur der Hauptgrund für die Nutzung des Autos auch bei kurzen Entfernungen.

https://www.vcoe.at/presse/presseaussendungen/detail/klimastrategie-radfahren

Konkrete Maßnahmen

Die Gemeinde Inzing hat in den letzten Jahren bereits einiges unternommen, um die Geschwindigkeit der Autos zu reduzieren. Im Ausschuss für Verkehr, Umwelt und Energie unter der Leitung von Renata Wieser wurden in Zusammenarbeit mit einem Verkehrsplaner einige Verbesserungen ausgearbeitet. Erst kam die Rechtsregel, dann die 30km/h-Beschränkung auf allen Gemeindestraßen und jetzt auch der 30-er auf der Landesstraße.

An der Kreuzung Hube, Hauptstraße wird schon auf den 30-er hingewiesen. Foto Peter Oberhofer

Die langsamere Geschwindigkeit hilft, die Sicherheit im Straßenverkehr, vor allem für Fußgänger_innen und Radfahrer_innen, deutlich zu erhöhen. Vor allem für Kinder auf dem Schulweg darf der Verkehr keine Gefahr darstellen. Durch den 30er reduzieren sich die Anhaltewege im Vergleich zu 50 km/h von 27m auf die Hälfte (13,5m). Auf der Landesstraße waren laut Gutachten von Dipl.Ing. Dr. Hamerle mehrere Engstellen, die geringe Straßenbreite und die schmalen und abgeflachten Gehsteige ausschlaggebend für die Genehmigung der 30-er Zone auf der Landesstraße L11 von der Einmündung Hube bis zum Dr.-Gustav-Markt-Weg. Durch die geringere Geschwindigkeit ist es nun möglich, rechtzeitig auf den Gegenverkehr zu reagieren. Ein Ausweichen auf den Gehsteig darf es nun eigentlich nicht mehr geben. Ich habe das Gefühl, dass sich sehr viele Autofahrer_innen schon jetzt an die 30-er Beschränkung halten. Das geringe Tempo wirkt (zumindest für mich) sehr angenehm.

Dass die Fahrbahnbreite auf der Hauptstraße eng bemessen ist, sieht man hier mehr als deutlich. Foto: Peter Oberhofer

Verbesserungen für Radfahrer_innen

Außerdem wird in Inzing der Radverkehr laufend verbessert. Letztes Frühjahr startete in Inzing der vom Klimabündnis Tirol unterstützte Prozess ProByke – mit dem Ziel, den Alltagsradverkehr zu attraktivieren. Die Klimabündnisgruppe Inzing konnte etliche motivierte Leute aus der Bevölkerung für das Projekt gewinnen. Gemeinsam wurde ein Maßnahmenkatalog erarbeitet, der vom Ausschuss für Verkehr, Umwelt und Energie nun sukzessive umgesetzt werden soll. Als erste Ergebnisse werden heuer beim Gemeindeamt, am Kirchplatz und bei der Schule hochwertige Radständer aufgestellt. Weitere Plätze für Radabstellanlagen sollen in den nächsten Jahren folgen. Außerdem sollten zur Erhöhung der Sicherheit für Radfahrer Bodenmarkierungen angebracht und Gefahrenstellen beseitigt werden. Weitere Maßnahmen, wie etwas Schulprojekte, Reparaturkurse oder die Teilnahme an der Mobilitätswoche sollen den Stellenwert des Radfahrens erhöhen. Auch Förderungen für Radfahrer_innen wurden diskutiert und stehen auf der Maßnahmenliste. Das langfristige Ziel ist es natürlich, dass möglichst viele innerdörfliche Autofahrten durch Fahrten mit dem Fahrrad (oder auch zu Fuß) ersetzt werden. Das Fahrrad ist in vielen Fällen ohnehin schneller und natürlich umweltfreundlicher als das Auto.

Das Radteam des ProByke-Projektes in Inzing. Foto: Klimabündnis Tirol

Der folgende Film zeigt einen Ausschnitt jener Radtour, die am Start des Probyke-Projektes durchgeführt wurde, um die Situation für Radfahrer_innen in Inzing zu analysieren. Video: Klimabündnis Tirol


Konkrete Verkehrszahlen aus Tirol

Während meiner Recherchen zu diesem Artikel bin ich auf die unterschiedlichsten Datenquellen gestoßen, die sowohl den KFZ-Bestand, als auch das Verkehrsaufkommen darstellen. Eines hatten sie alle gemeinsam, nämlich einen deutlichen Zuwachs des Verkehrs.

Ein paar Beispiele:

Die Anzahl der angemeldeten Autos steigt stärker als die Bevölkerung. Im Bezirk Innsbruck Land stieg die Zahl der Einwohner in den letzten 10 Jahren um 8,1%, die Anzahl der zugelassenen PKW’s ist im gleichen Zeitraum allerdings um 16,6% gestiegen.

Die Anzahl der Fahrten lassen sich am besten an den automatischen Verkehrszählstellen beobachten. Die nähesten dauerhaften Zählungen werden in Unterperfuss und in Flaurling durchgeführt. Beide weisen im Zeitraum 2010 – 2018 einen deutlichen Zuwachs an PKW-Fahrten auf – in Unterperfuss +15%, in Flaurling +9%. Noch deutlicher fällt die Steigerung bei den LKW-Fahrten aus, sowohl in Unterperfuss, als auch in Flaurling gab es im gleichen Zeitraum einen Zuwachs um etwa 70%.

Die Zählstellen in Tirol können über diesen Link abgefragt werden:
https://apps.tirol.gv.at/verkehrsinformation/web/html/vde.html

Laut Verkehrsbericht des Landes Tirol ist der Verkehr auf den Tiroler Landesstraßen von 2011 bis 2019 um knapp 12% gestiegen.

Verkehrsentwicklung Tirol – Quelle: Verkehrsbericht 2018 des Landes Tirol.
Vor allem in den letzten Jahren kam es wieder zu einerm deutlichen Anstieg des Verkehrsaufkommens.

Link zum Verkehrsbericht des Landes Tirol

Laut mehrerer Verkehrszählungen, die im Rahmen des Verkehrssicherheitskonzeptes durch DI Dr. Hamerle durchgeführt wurden, fahren in Inzing im Tagesschnitt etwa 6000 Fahrzeuge in 24 Stunden entlang der Hauptstraße. Der Stundenmaximalwert liegt hier bei 650 Fahrzeugen – das sind alle 5 Sekunden ein Fahrzeug. Der Schwerverkehrsanteil liegt bei etwa 6%.

Interessant ist vielleicht auch noch, dass wir in Inzing ca. 500 Autos weniger hätten, wenn wir die gleiche Autodichte, wie in Innsbruck aufweisen würden (unter der Annahme, dass in Inzing der gleiche Motorisierungsgrad, wie in Innsbruck Land gilt). Was die Gründe hierfür sind, kann ich nur vermuten – besserer öffentlicher Verkehr, Altersstruktur, Gewohnheit, Parkplatzsituation, gute Infrastruktur für Leihautos oder Carsharing….

Weiter geht‘s

So, der nächste Freitagnachmittag ist im Anmarsch. Ich werde mich wieder auf mein Dorfradl schwingen und meine Erledigungen machen. Ich hoffe sehr, dass es ruhiger wird im Dorf, dass mich die Abgase weniger belasten und dass ich noch sicherer meine Wege zurücklegen kann. Erste Schritte sind eingeleitet, um dies zu erreichen. Das ist schon mal gut so. Dass die Gemeinde Inzing aber weiterhin Maßnahmen gegen den steigenden motorisierten Individualverkehr setzen muss, ist für mich klar. Die steigende Belastung durch Lärm und Abgase will wohl niemand wirklich haben.

Zum Abschluss habe ich noch ein Foto von einem Sattelschlepper, der sich in die Gaisau verirrt hat. Dies hat zwar nicht direkt mit dem Artikel zu tun, ich finde es aber durchaus zeigenswert.

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Peter Oberhofer

Peter ist seit Ende 2012 Redaktionsleiter der DZ. In Inzing ist er bei der Klimabündnisgruppe und bei der Gemeinderatsfraktion juf engagiert. Umwelt- und Klimaschutz, Energiesparen, öffentlicher Verkehr sind ihm ein wichtiges Anliegen.

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