19. September 2020

Episoden vom Zwergenkönig / II

© Claudia Lampert
Lesedauer ca. 4 Minuten

Wohin soll ich mich wenden….

© Angela Pargger

Einkaufen mit dem Zwergenkönig.
Freitag, lange Schlange an der Kasse. Der Zwergenkönig beäugt neugierig die ältere Dame hinter uns. Mitteilsam sagt er zu ihr: “Ich habe ein Zumpferle. Du hast keins, oder?”
Ich: “Herr Zwergenkönig, ich glaub nicht, dass das jetzt das richtige Thema ist. Was magst Du denn zum Mittagessen?”
Unbeeindruckt geht das Verhör weiter: “Du hast ein Loch, weil Du bist eine Frau, oder?”
Ich ermahne: “Zwergenkönig!… Wie war es denn heute im Kindergarten, erzähl mal…”
Er: “Es war schön…”
Die Warteschlange rückt vorwärts. Die nächste bin ich. Der Herr vor mir ist furchtbar umständlich. Der Zwergenkönig befördert gelangweilt einen Popel aus seiner Nase um ihn mir absolut erfreut wild fuchtelnd zu zeigen, um sogleich die unumstößliche Forderung nach einem Taschentuch zu stellen. Ich wühle in meiner Handtasche.
Die Dame hinter mir, die das Verhör des kleinen Menschen noch nicht ganz verkraftet zu haben scheint, weil sie mich unbeirrt anstarrt, gerät erneut ins Visier: “Meine Mama hat auch ein Loch. Du hast doch sicher auch eines?” Während ich die Waren in den Einkaufskorb räume und hastig zahle, entschuldige ich mich murmelnd bei der Dame, die immer noch größere Augen kriegt und zische wütend in Richtung Sohn:
“LASS ES! – Es ist genug jetzt! Keiner will jetzt darüber reden! Lass es sein!!!!”
Er, laut schreiend, damit es ja alle mitbekommen: “Aber Mama, ich muss sie doch noch fragen, ob ihr Loch auch manchmal einen Bart hat!!!”

Das Parfum…

© onlinestore-john

In der Annahme, der Herr Zwergenkönig spielt mit andauernder Begeisterung “Zug fahren” im Spielzimmer, genehmige ich mir heimlich still und leise im Wohnzimmer eine kleine Auszeit mit einer Tasse Kaffee und einem kleinen, sorgsam gehüteten Schokoladenschatz…
Bis, ja, bis mir ein recht intensiver Geruch in die Nase gerät, noch nicht zuordenbar, nur sonderbar blumig. So treibt es mich in detektivischem Spürsinn die Treppe nach oben, meine Nase führt mich direttissima ins Bad…
Dort sitzt hochkonzentriert und seelig lächelnd der Zwergenkönig mit einem weiteren von mir sorgsam gehüteten Schatz. Mit heller Begeisterung ruft er “Ich mach mich schön!” und wedelt, noch immer den Sprühmechanismus des kostbaren Fläschchens betätigend mit meinem teuersten Parfum, einer puren Essenz, von der ein Tropfen ausreicht um gut zu riechen…
So macht es nun den Eindruck, der Herr Zwergenkönig ging völlig im Rollenspiel auf und macht mit seinem Duft heut noch alle Mädels platt, die Schranktür sollte scheinbar ihrem tristen Alltag entfliehen, sie würde selbst im Schweinestall als Duftlampe noch eine gute Figur machen… und Papas Jogginghose, hat wohl heute auch noch was vor…
Ein Geschenk aus Israel… Sorgsam gehütet, jetzt fast entleert und die Moral von der Geschichte: wie immer is weniger mehr und bei uns riechts jetzt wie im Puff…

Die Schaumschäfchen

© frankenpost

Der Zwergenkönig muss Baden…oder duschen… auf jeden Fall Wasser und Seife auf Haut…
Unangenehme Geschichte, weil der Zwergenkönig momentan auf keines der beiden Lust hat…eines muss aber sein… zähe Verhandlungen…
Die Vorteile des Duschens werden aufgezählt, die des Badens erwogen, eine leichte Tendenz zum Baden zeigt sich, als ich ihm ein Tütchen mit einem Träumschön-Bad kredenze, vorn drauf ist ein Schäfchen, das liegt schlummernd im Bett mit gelber Nachtmütze, ja, das überzeugt den Herrn Zwergenkönig von der Notwendigkeit des Saubermachens mittels Wasser und Seife, aber er will damit Duschen… längere Erklärungen sind notwendig, bis klar ist, man bevorzugt heute die kleine Wanne und will mit dem Schäfchen Baden gehen.
Die Vorbereitungen laufen ab, während der Ausziehprozedur betont der Herr Zwergenkönig nochmals lautstark, dass er das Schäfchenbad ins Wasser gibt…ja, eh klar, aber jetzt weiß ich’s sicher… ein wenig aus dem Tütchen fülle ich in ein Badeförmchen ab und mit Begeisterung und Schwung schmeißt der Zwergenkönig die Badekostbarkeit ins angerichtete Wasser, das sich augenblicklich dunkellila verfärbt…
höchste Begeisterung und zwei kleine knackige stramme Beinchen hüpfen aufgeregt durcheinander und schütteln den ganzen kleinen Menschen vor Freude durch…im Wasser haben sich inzwischen kleine Schaumkronen gebildet, der Zwergenkönig hält inne und ruft in purem Erstaunen:
“Schäfchen, guck mal, guck mal, Schäfchen!!!” Es braucht kurz, bis ich begreife: das Bild auf dem Tütchen mit dem Badesalz – also was drauf is, is drin, demnach sind die kleinen Schaumgebilde logischerweise Schäfchen…die Freude und Ungeduld wird noch größer, als ich begreife und zustimme.
Mit einem Bein schon auf dem Badewannenrand entledigt sich der Zwergenkönig jeglicher königlicher Anmut und lässt sich voller Erwartung quieckend ins Wasser helfen… dort werden die Schäfchen gestreichelt, das Ohr wird rangehalten, damit sie ihm etwas erzählen und liebevoll wird versucht zu Kuscheln… immer wieder müssen wir neue Schäfchen mit ein wenig Seife und Geplätscher zaubern, bis der Zwergenkönig beschließt: “Schäfchen heia, heia – ich Hunger!”
Dieser Unmissverständlichkeit folgend wird der Herr Zwergenkönig in ein Handtuch gehüllt, ein liebevoller Abschiedsgruß Richtung Schäfchen wird gehaucht…die legen sich dann auch nieder, während der Herr Zwergenkönig frisch angezogen und geföhnt der nächsten Freude begeistert entgegenblickt: Würstel!

Diesen Artikel teilen:
Angela Pargger

Angela Pargger

Angela erachtet Worte als das wichtigste Instrument menschlicher Kommunikation. Worte verbinden oder können hart trennen. Gefühle und Beobachtetes in Worte zu fassen, die zueinander passen und miteinander harmonieren, begeistert Angela seit Jahren. Schreiben ist eine wunderbare Möglichkeit, Erlebtes mit anderen Menschen zu teilen, Erfahrungen zu verarbeiten, sich zu positionieren, zu wehren und Dinge auf den Punkt zu bringen.

Alle Beiträge ansehen von Angela Pargger →

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code