11. April 2021
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Die Würde des Menschen – Ein gesellschaftliches Drama

Lesedauer ca. 6 Minuten

Wie ein schreiendes Kind habe ich mich benommen, als ich da am letzten Freitag auf dem Landhausplatz stand und einen mir wildfremden Menschen angebrüllt habe, weil er in meinen Augen das mit Füßen trat, worum wir seit Monaten kämpfen. Es entlud sich ein nicht sehr würdevolles Zorngewitter in aller Öffentlichkeit, dem ich mich übermächtig ausgeliefert sah.

Ich hadere schon seit Wochen, innerlich tobe und schreie ich, wehre mich, begehre auf, bockig und wild, trotzig und übermächtig wütend. Und dann schreibt eine Freundin einfach, das Verbindende sei vor das Trennende zu stellen… Da war es plötzlich still, an dieser Stelle meines lauten, aufbegehrenden Herzens.

Dann habe ich das Video des Rudi Fußi gesehen und ich beschloss, dass ich meine Schreibschulden bei einem Freund endlich einlösen würde. Er fragte mich schon vor Längerem, wie ich das mit der Würde in diesen Zeiten sehe.

Ich habe mich in der letzten Zeit ob meiner Wut, meinem Zorn, meiner Hilflosigkeit, dem Gefühl des Ungeschütztseins meiner Würde beraubter denn je gefühlt. Leben in Ohnmacht ist Leben zumindest am Rand der Würde, wir empfinden vielleicht alle ein wenig so. Wir müssen aber gleichzeitig erkennen – und das hat eine Bekannte mit ihrem letzten Post angestoßen -, dass wir durch jahrzehntelanges Wegsehen Menschen beim Leben in Würdelosigkeit zugesehen haben und es uns selbst so hart machten, dass uns weder unsere eigene Würde, noch die anderer Menschen tatsächlich kratzt.

Wo beginnt aber Würde? Ich bin der Meinung, da wo Leben beginnt, beginnt auch die Würde. Ein Kind, ist ein Kind – ist ein Kind, muss Kind sein. Wie viele Generationen lang haben wir schon gelebt, als wäre Kindsein nicht schützenswert? Keine Frage, Kinder sind schützenswert in ihren zutiefst menschlichen Bedürfnissen. Doch wo endet die tatsächliche Bedürftigkeit? Sie endet da, wo die Bedürftigkeit anderer Menschen beginnt. Kindsein ist nicht nur schützenswert durch das Stillen zutiefst menschlicher Bedürfnisse. Kindsein ist schützenswert auch in der Abgrenzung, in der Abwägung, wann ein Bedürfnis zutiefst menschlich ist, zutiefst benötigt wird und somit nicht verwehrt werden darf und wann ein Bedürfnis kein solches des psychischen, physischen, geistigen Überlebens und Lernens ist.

Wenn aus dem Bedürfnis ein stagnierend beharrliches Wollen wird, ist diese Grenze erreicht. Dieses stagnierend beharrliche Wollen fordert Grenzen. Nicht etwa, weil Eltern und Erzieher an ihre Grenzen jedweder Art geraten, sondern und vor allem, weil das an die Grenze-Begleiten und Um-Begrenzung-Kämpfen unsere Aufgabe ist, dieser Kampf ist ebenfalls ein zutiefst menschliches Bedürfnis, das die Würde des Menschen und seiner Umwelt an sich anerkennt. Es ist DAS Überraschungsei der Kindheit: Es gibt außer mir und abgesehen von meiner persönlichen Bedürftigkeit noch andere Menschen, Faktoren, Bedürfnisse, die es zu beachten, zu stillen und wertzuschätzen gilt. Mein Handeln hat Konsequenzen.

So beginnt es im Kleinen: Wenn das Kind verlangt und der Erwachsene zulässt, dass das kindliche Wollen keinen Grenzen unterliegt, konsumiert es, in allen Bereichen. Es konsumiert auch Menschen, mögen sie ihm noch so nahestehen. Es wird eine Vorauswahl getroffen: Ist einer bedürftiger als man selber, auch in zutiefst menschlichen Bedürfnissen, braucht es einen nicht zu kümmern, weil man sich hinwenden müsste, anstatt zu konsumieren, und das wurde nie erlernt.

Und dennoch: Durch dieses Nicht-Gelernt-Haben klafft eine tiefe Wunde, denn darin steckt eine tiefe persönliche Kränkung: Der eigene persönliche Wert bleibt unentdeckt, denn man hat nicht zu unterscheiden gelernt, welche Würde man selbst und andere Menschen besitzen. Und so ist der Mensch in seiner persönlichen Würde zutiefst gekränkt und weiß gar nicht, welche Wunde ihm da sein Herz vollblutet. Mein Achten auf meine Eigenbedürftigkeit, die sich in nichts mehr von meinen zutiefst menschlichen Bedürfnissen zu unterscheiden scheint, führt dazu, dass man nie erlernt, tatsächlich auf sich selber zu achten, Grenzen zu ziehen zum Wohl des Menschen selbst und zum Wohl der Mitmenschen und der gesamten Umwelt.

War der Mensch jemals menschlich? Ist das alles nur ein Problem unserer Zeit, haben wir einfach nur einen schlechten Zeitpunkt erwischt, heute und jetzt zu leben? Nein, das ist ein historisches Drama, das sich immer aufschwingender in sämtlichen Perioden der Menschheitsgeschichte wiederholt. Jedes angedachte und verübte würdelos Böse ist nicht einfach vorbei, es findet seinen Weg, staut sich auf und tritt immer noch härter und konsequenter zutage.

Aber wir haben eine Chance, unser Wissen, unsere Erkenntnis und unser Bewusstsein sind auch gewachsen. Es gibt einen Wandel, es gibt Menschen, die sehen und fühlen. Bisher konnten wir sehr gut, ohne die Konsequenzen unmittelbar vor Augen zu haben, leben und wollen, stillen, nehmen und uns nach Belieben verhalten. Unsere Chance sind die Sichtbarkeit, das Näherrücken des Leids, die jetzigen Grenzen durch die eigene Hilflosigkeit, an die wir geraten: Wir spüren und erkennen diese Grenzen, es müsste uns nur gelingen, aus dieser Erkenntnis eine Handlungsfähigkeit zu machen. Dazu muss man nicht zaubern, dazu brauchen wir Haltung, eine Haltung des Verzichts, des In-Sich-Gehens, des Empfindens und der Trauer. Nur so erkämpfen wir uns diese Haltung der Würde, die uns handlungsfähig macht als Gesellschaft, als Einzelne, als Weltbürger, die Verantwortung sehen und leben.

Wir brauchen eine neue Kultur, die die Regeln des Menschseins achtet, die Regeln des Lebens nicht außen vor lässt, eine Kultur, die der Würde des Menschen, dem Leben, dessen Endlichkeit entspricht. Diese Schöpfung, diese Wertschöpfung wird uns mehr Kraft, mehr Tränen, mehr und mehr und mehr abverlangen als die Zeit dieser Pandemie. Nur wenn wir es nicht tun, werden wir uns zugrunde richten, als Gesellschaft, als Humanisten, als Gestalter, dann sind wir nicht die Krone der Schöpfung, sondern einfach nur ein Zacken dieser Krone, der rausfällt aus dem Weltgeschehen.

Diese neue Kultur müssen wir wollen. Wir müssen sie uns erkämpfen. Das beginnt damit, dass wir uns als Einzelne darum bemühen: Sei es der Ausstieg aus ständigem Konsum, eine Unterschrift für die Menschlichkeit, weniger Auto, ein aktives sich Hinwenden zum normbefreiten, schwierigen Mitmenschen, eine Besinnung auf das eigene Privilegiert-Sein und die zur Verfügung stehenden teilbaren Ressourcen wie Bildung, Zeit, Essen,…..

Öffnet man das Private hin zur Gesellschaft an sich, wird es bereits schwieriger. Eine Gesellschaft zu verändern gelingt nicht im totalitaristischen Rundumschlag. Es beginnt mit einer Haltung, die offen gelebt und eingefordert wird. So muss die gemäßigte Mitte Stellung beziehen, ihre Haltung kund machen, der Dialektik Raum geben und gleichzeitig Fehltritte, Geschichtsrevisionismus, menschenfeindliche, ungerechte Taten benennen und begründen. Nicht in vorsichtiger Toleranz, die Intoleranz mahnen, sondern dafür einstehen und sich nicht schämen. Ist das ein Weg der offenen harten Auseinandersetzung? Ja, verdammt nochmal ja! Aber wenn wir das nicht ausfechten, haben wir bald ein noch viel größeres Problem, gegen das wir nicht ankommen werden mit feiner Zurückhaltung und dem achselzuckenden Hinweis auf freie Meinungsäußerung und Demokratie.

Wenn wir uns diese Demokratie erhalten wollen, dann dürfen wir uns nicht auch noch auf die Seite stellen, auf der das Schiff eh schon sinkt. Das ist kein Aufruf zum zivilen Ungehorsam, es ist ein Aufruf zum zivilen Gehorsam. Der Schwur der Menschlichkeit geht nicht, niemals an eine Regierung oder an das Aushalten-Müssen des vermeintlich Lauteren und Stärkeren, sondern an die Demokratie und den Glauben daran, die Würde des Menschen sei unantastbar.

Daran, an diese Demokratie und ihre vielfältigen Möglichkeiten müssen wir uns erinnern. Wir, uns als Gesellschaft und jeder Einzelne, an das, was uns verbindet, nicht an das, was uns trennt.

Ich vermisse Stärke, nicht nur innerhalb des Systems Gesellschaft, sondern von den führenden Köpfen unseres Landes Österreich. Eine Stärke, die in Zeiten wankender Demokratie ein demokratisches Zeichen setzt, nämlich auch unpopuläre Entscheidungen abseits von Machterhalt zu treffen. Ich vermisse sachliche Aufklärung, Transparenz und Bürgernähe in jedweder Hinsicht, sei es der Pandemieplan oder die Terrorabwehr oder der aufkeimende Alles-Ist-Erlaubt-Hass. Es ist nicht getan mit einem emotionalen Aufschrei „Treffen Sie niemanden!“ Das trifft nur ins Herz jener, die sich ohnehin schon an die Regeln halten, es verunsichert und brennt. Es ist nicht getan mit Schweigen und Aussitzen, mit martialischem Kriegsvokabular und vermummten Ordensempfängern.

Ich weiß, es geht vielen so: Ich fühle mich nicht geschützt. Ich fühle mich hilflos. Ich bin verunsichert. Ich weiß nicht, wie es weitergeht.

Doch was bleibt nun? Wut, Resignation, ein unaufschiebbares ausschließliches Memento Mori?

Das wäre fatal. Wir sind nicht einfach nur auf diese Welt gestellt, hilflos und klein. Wir sind nicht hoffnungslos hineingeworfen als Spielball. Wir haben unsere Würde, die wiederzuerlangen oder zum ersten Mal zu spüren sich lohnt. Beginnen wir im Kleinen, lassen wir daraus eine Bewegung werden, die unserer Wut, unserer Resignation eine Stimme gibt, die sich vor lauter Hilflosigkeit nicht überschlagen muss (wie ich es letzte Woche erlebt habe), weil wir wissen  – angelehnt an Leonardo da Vinci „Binde Deinen Karren an einen Stern.“: Die Würde ist ein Stern, an den wir unseren Lebenskarren anbinden können, ein Stern, der stark genug wäre, um auch anderen ihre Würde zu schenken. Würde ist teilbar, wenn wir sie uns zugestehen, wächst sie.

Fotos: Roland Pargger

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Angela Pargger

Angela Pargger

Angela erachtet Worte als das wichtigste Instrument menschlicher Kommunikation. Worte verbinden oder können hart trennen. Gefühle und Beobachtetes in Worte zu fassen, die zueinander passen und miteinander harmonieren, begeistert Angela seit Jahren. Schreiben ist eine wunderbare Möglichkeit, Erlebtes mit anderen Menschen zu teilen, Erfahrungen zu verarbeiten, sich zu positionieren, zu wehren und Dinge auf den Punkt zu bringen.

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