8. Dezember 2021
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Interview mit Sepp Gstrein – dem Experten für Schönschrift

Lesedauer ca. 5 Minuten

DZ: Lieber Sepp, du bist in Inzing eine bekannte Persönlichkeit, v.a. durch deine jahrzehntelange Tätigkeit als Lehrer an der HS/(N)MS Inzing. Einen besonderen Namen hast du dir aber auch als “Schreibkünstler” gemacht, der verschiedene Stile (Frakturschrift, Unzialschrift …) in Perfektion zur Anwendung bringt.

Wie kam es zu diesem sehr speziellen Hobby?

SG: Das war eine sehr langsame Entwicklung. Im Bundesgymnasium und 1. Bundesrealgymnasium in Innsbruck [heute AGI, Anm. Red.] hatten wir in der zweiten Klasse einen Zeichenlehrer, bei dem wir in einer der Stunden die Frakturschrift kennenlernten. Das hat mich damals sehr fasziniert, obwohl es anschließend wieder in Vergessenheit geraten ist. Und zwar für eine sehr lange Zeit – bis zu meiner Hochzeit. Die Einladungen dazu habe ich in Frakturschrift geschrieben, was enorm aufwändig war. Es waren allerdings verschiedene Elemente in der Schrift, was ein katastrophales Bild ergab! Damals empfand ich das “Produkt” jedoch als sehr gelungen, heute würde ich es als sehr mies bezeichnen. Die Leute waren jedenfalls begeistert. Ca. 70 bis 80 Exemplare habe ich verfasst.
Nach dieser Hochzeitsaktion war wieder einige Zeit Pause, bis ich begonnen habe, ziemlich laienhaft die ersten Urkunden zu schreiben. Wenn ich diese mit den heutigen vergleiche, sprechen wir schon von zwei Paar Schuhen.
Der nächste Impuls ergab sich, als ich später meiner Frau Elisabeth eine Weihnachtskarte geschrieben habe – einfach aus Lust am Schreiben. Daraus hat sich eine “Nachfrage” entwickelt, die ich so niemals erwartet hätte. Inzwischen schreibe ich zu Weihnachten jedes Jahr ungefähr 160 Karten in der gotischen, gebrochenen Fraktur, die ich in einer der vielen Ausprägungsmöglichkeiten anwende.

DZ:  Wie hat sich aus deiner Sicht das Bemühen um schönes Schreiben über die Jahre verändert?

SG: In GZ hat man in den Schulen die Normschrift geübt, die auch sehr schön ist, wenn sie entsprechend angewendet wird. Als ich in der Schule manchmal als Gastlehrer für andere Kollegen eingesprungen bin, habe ich die Stunden als Schriftstunden gestaltet, in denen wir die Fraktur, die Blockschrift und die Unziale geübt haben. Da dies damals etwas ganz Anderes war, hat sich bei der Schülerschaft schon eine gewisse Begeisterung für die Schönschrift entwickelt.
Heute sehe ich die Situation zweigeteilt: Die Älteren haben schon etwas am Hut mit der Schrift. Da haben viele auch sehr schön geschrieben, z.T. in der deutschen Schrift – wenn ich z.B. an meine Mama denke. So wie sie haben auch viele andere das schöne Schreiben gepflegt.
Bei den Jungen hat Schönschreiben weniger Bedeutung. Früher hat es das Fach “Schönschreiben” in der Schule gegeben – das haben wir sogar noch gehabt. Das ist dann als eigenes Fach Ende der Fünfzigerjahre verschwunden, wurde aber in den Zeichenunterricht eingebaut. Heute wird auch in den Schulen wenig Wert auf schönes Schreiben gelegt. Früher hat man fast in jedem Fach darauf Bezug genommen, woraus eine eigene Note für die “Äußere Form” resultierte.

DZ: Welchen Anteil haben Computer bzw. Smartphone an der von dir vorher skizzierten Situation?

SG: Nicht nur das Schönschreiben, sondern auch die Ausdrucksweise, die ganze Sprache hat sich brutal verändert. Wenn ich heute eine Mitteilung von Jüngeren in deren Jargon lesen muss, dann komme ich zeitweise gar nicht mit, was gemeint ist. Sie verwenden ihre eigenen Vokabeln, Abkürzungen etc. Das ist eine Katastrophe. Wenn man bedenkt, dass es Kinder und Jugendliche gibt, die 200 oder mehr SMS pro Tag verschicken.

© Cyn Yoder auf Pixabay


Die Schrift als Kommunikationselement hat deutlich an Bedeutung verloren. Man braucht sich nur einfach anzuschauen, was die Post heute liefert. Im Prinzip sind das alles gedruckte Sachen – Rechnungen, Werbung u.v.m. Aber handgeschriebene Sachen sind kaum noch dabei. Es scheint, als hätten die Leute heute Angst davor, etwas mit der Hand zu schreiben.

DZ: Beeinflusst die Art zu schreiben auch die Qualität der Sprache?

SG: Eine schwierig zu beantwortende Frage! Aber ich glaube, dass bei handschriftlich verfassten Texten die Notwendigkeit, sich die Formulierungen zu überlegen, stärker gegeben ist. Heute bei den SMS spielt das überhaupt keine Rolle mehr – ganz abgesehen von Groß- oder Kleinschreibung oder Interpunktionen. Für mich ist es immer ein fast trauriger Anblick, wenn z.B. im Zug bei einer Gruppe von sechs Leuten fünf etwas in ihr Handy tippen. Sprache lebt ja auch vom Zu- bzw. Hinhören. Wenn man großteils nur ins Smartphone tippt, geht etwas Wesentliches verloren.

DZ: Ich weiß, dass du von verschiedenen Seiten angefragt wurdest, “Objekte” mit deiner schönen Schrift zu versehen. Welche waren/sind dies?

SG: Dazu zählen, wie schon erwähnt, Weihnachtskarten, aber auch Glückwünsche zu verschiedenen Anlässen, Anteilnahme bei Todesfällen etc.
Von 1993 bis 2016 habe ich die Begräbnistafeln beschriftet, die vor der Grabsteinerrichtung auf den Gräbern platziert wurden.

Im kirchlichen Kontext ist auch die Abschrift der vier Evangelien in unterschiedlichen Schreibstilen hervorzuheben.

vvv

Weiters habe ich viele Urkunden für diverse Ehrungen gestaltet. Eine besondere Ehre war die Anfrage des Landes Tirol, die dort vergebene höchste Auszeichnung, den „Ring des Landes Tirol“, zu gestalten. Die besondere Herausforderung dabei war, dass der Text auf echtes, sehr teures Pergamentpapier geschrieben werden musste und man sich daher keine Fehler erlauben konnte.

Foto links: Land Tirol, Berger


Erwähnen möchte ich noch, dass ich anlässlich des goldenen Priesterjubiläums von Pfarrer Eugen Knabl in Inzing die Kirchentüren gestaltet habe. Das war auch eine nette Aufgabe.
Aufgrund meiner verschiedenen Projekte habe ich dann auch Anfragen aus anderen Gemeinden bekommen.
Bei all diesen Aktionen hat der materielle Aspekt überhaupt keine Rolle gespielt, im Gegenteil. Mein Motto war immer: Wenn die Adressaten damit eine Freude haben, habe ich auch eine.  

DZ: Quintessenz: Warum lohnt es sich, auf schönes Schreiben zu achten?

SG: Die Schrift ist etwas ganz Besonderes. Wenn man sich die historische Entwicklung ansieht, kann man erfassen, welche kulturelle Leistung die Entwicklung der Schrift war. Die chinesische Variante umfasst ja mehrere tausend verschiedene Zeichen, die alle eine bestimmte Bedeutung haben. Die Schrift zu vernachlässigen heißt eben, ein bedeutendes Kulturgut verschwinden zu lassen.

DZ: Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Portrait von Sepp Gstrein

Fotos (wenn nicht anders angegeben): S. Gstrein – privat

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Luis Strasser

Luis Strasser

Als begeisterter Leser der Printausgabe der DZ hat sich Luis – zusammen mit einem kleinen Team – nach der drohenden Einstellung der Druckversion 2019 dafür eingesetzt, die DZ in irgendeiner Form zu erhalten. Das Resultat ist der nun vorliegende Weblog, an dem als Redaktionsmitglied und Autor mitzuarbeiten, ihm viel Freude bereitet. Seine Schwerpunktthemen: Politik, Bildung, gesellschaftlicher Wandel, Zeitgeschichte…

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