21. Oktober 2021
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Afghanistan und Flucht – eine andere Perspektive

Afghanisches Flüchtlingslager in Pakistan (© tagesschau.de)
Lesedauer ca. 5 Minuten

Anlässlich der unverständlichen politischen Reaktionen der österreichischen Regierung in Bezug auf die akute Flüchtlingshilfe für Menschen in Not in Afghanistan möchte ich den LeserInnen einen Bericht einer Insiderin präsentieren: Afghanische Flüchtlinge in Pakistan von Claudia Villani

Es mutet schon zynisch an, wenn verantwortliche österreichische Politiker als Soforthilfe finanzielle Unterstützungen, deren Treffsicherheit nicht gewährleistet werden kann, und Verhandlungen mit den Nachbarstaaten (Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Iran oder Pakistan) bezüglich der Aufnahme von Flüchtlingen anbieten und dabei bewusst ignorieren, dass in diesen Ländern autoritäre Systeme am Werk und die Lebensbedingungen für die heimische Bevölkerung z.T. mehr als prekär sind.

In Ergänzung zu diesem Artikel zwei aktuelle Literaturempfehlungen, um die oft einseitigen Darstellungen in der westlichen Presse zurechtzurücken und auch auf die vielen unschuldigen zivilen Opfer des sogenannten “War on Terror / Global War on Terrorism” durch die Politik der USA und ihrer europäischen Verbündeten im Nahen bzw. Mittleren Osten hinzuweisen:

(1) Michael Lüders: Wer Wind sät, 2020 (mit einem ausführlichen Afghanistan-Teil)

(2) Emran Feroz: Der längste Krieg, 2021

PS: Emran Feroz ist ein junger Tiroler Journalist und Autor, geboren und aufgewachsen als Sohn afghanischer Eltern in Innsbruck. Seit Jahren beschäftigt er sich mit den Strukturen und Lebensbedingungen der Menschen im Heimatland seiner Eltern. Er hat die Region oft besucht und mit vielen Leuten dort sowohl in den urbanen als auch in den ländlichen Regionen (in der Muttersprache der Einheimischen) gesprochen. Er ist daher imstande, einen anderen Blick auf die amerikanisch-europäischen “Interventionen” mit der Vorgabe, internationalen Terrorismus zu bekämpfen, zu eröffnen. Im Rahmen der Berichterstattung über den übereilten Rückzug der USA und ihrer Verbündeten aus Afghanistan wurde Herr Feroz von vielen Medien auf nationaler wie internationaler Ebene (u.a. ORF, ZDF, CNN …) als Experte angefragt. Am 28. Juni 2021 wurde ihm der Concordia-Preis in der Kategorie “Menschenrechte” verliehen:
https://www.youtube.com/watch?v=NSQbXRRdv2c (von Min. 31:17 bis 56:30)

Luis Strasser

Afghanische Flüchtlinge in Pakistan

Von Claudia Villani

Da im Moment vermehrt die politische Meinung geäußert wird, Pakistan könne sich jetzt des Afghanischen Flüchtlingsproblems annehmen, fühle ich mich verpflichtet über ein bereits bestehendes Flüchtlingslager in Pakistan zu berichten, um die tatsächlichen Gegebenheiten zu beschreiben.

Ich habe von 2009 bis Jänner 2019 – im Rahmen meines Einsatzes für die Lepraorganisation von Dr. Pfau – in einem Flüchtlingslager nordwestlich von Karachi gearbeitet. Wir schätzen, dass zirka 120.000 Menschen im Camp leben. Insgesamt sollen sich im Moment 3 bis 4 Millionen Flüchtlinge in Pakistan aufhalten.

Es ist brütend heiß. Als wir im Camp ankommen, stehen bzw. sitzen gezählte 423 Menschen vor der Tür unserer improvisierten Ambulanz. Vor allem sind es Frauen unter ihrer – meistens blauen – Burka (die blauen sind die billigsten und aus Kunststoff).

Ich bin für das feeding program zuständig. Viele Mütter sind selbst so unterernährt und am Ende ihrer Kraft, dass sie es nicht mehr schaffen, das Kind ausreichend zu stillen. Unser Versuch Mütter mit Vitaminen zu versorgen, hat zu Morddrohungen geführt, und wir konnten wochenlang nicht mehr ins Camp fahren. Es wurde uns von religiösen Führern unter

stellt, dass wir Frauen mit dieser Medizin Verhütungsmittel verabreichen.

Das feeding program für Kinder konnten wir aber umsetzen. Das heißt, wir wiegen die Kinder, schauen ob sich ihr Gewicht im roten, orangen, gelben oder grünen Bereich befindet. Die meisten von ihnen sind im roten d.h. in lebensbedrohlicher Verfassung.

Je nach Körpergewicht des Kindes bekommen die Mütter Nahrungspakete zugewiesen. Das klingt einfach. Ist es aber nicht. In der Umsetzung schaut es so aus:
Eine Mutter reicht mir ihr 3 Monate altes Kind unter der Burka hervor. Es atmet nur mehr ganz flach. Das kleine Mädchen hat keine Kraft mehr – nicht einmal um zu wimmern.

Verhungern ist ganz ganz leise.

Ich lege das Kind nicht mehr auf die Waage. Als ich es der Mutter unter die Burka zurückgebe, ist es bereits tot.

Sie kommen meistens viel zu spät zu uns. Das Camp ist so groß geworden, dass es viele Stunden dauern kann, zu Fuß zu uns zu kommen. Und wenn das Kind ins feeding program aufgenommen wird, bedeutet es, dass es jede Woche gewogen werden muss um eine neue Portion Maisgrieß für die nächste Woche zu bekommen. Nur so können wir sicher sein, dass der Grieß auch wirklich an dieses Kind gefüttert wird. Auch das klingt gut durchdacht.

Die Durchführung ist jedoch eine Herausforderung. Allein wenn mitkommende Geschwister mit hungrigen Augen unterernährt vor uns stehen und nichts bekommen.

Wo anfangen? Wo eine Grenze ziehen? Wir haben ja nicht einmal genug Ressourcen für die 0 bis Einjährigen …

Ich bin einmal in der kalten Jahreszeit mit 6.000 Decken ins Camp gefahren. Weil ich mir dachte, 6.000 sind besser als gar keine. Das war ein Fehler. Es ist zu Ausschreitungen gekommen. Es konnte nicht gut gehen mit nur 6.000 Decken für 120.000 Menschen ohne Auswahlkriterien ins Lager zu kommen. Welche Kriterien aber gibt es? Wer braucht in dieser Kälte keine Decke für seine Kinder?

Beim feeding program haben wir uns auf die 0 bis Einjährigen geeinigt. Erklären Sie das aber bitte einer Mutter, deren 2-Jähriges aus Gründen von Unterernährung keine Kraft mehr zum Stehen hat, die jedoch von uns für dieses Kind keine Nahrung mehr bekommt. Allein wenn ich es niederschreibe – und ich diese Situationen mit wehem Herzen wieder durchlebe, wünsche ich mir, dass ein europäischer Politiker EINEN einzigen Tag mit mir ins Afghan Camp kommt.

In einem klimatisierten Konferenzzimmer in Islamabad wird er/sie diese Realität sicher nicht vermittelt bekommen.

Wir (das Team um Dr. Pfau mit dem Motto überall dort hin zu gehen, wo sonst niemand mehr hin kommt) haben uns sehr bemüht andere Organisationen für die Mitarbeit im Camp zu gewinnen – chancenlos – überall die gleiche Antwort: „Solange auch Taliban im Camp leben (was zutrifft), können wir euch nicht unterstützen. Wir können uns die Schlagzeile z.B. UNICEF unterstützt Taliban in Pakistan nicht leisten“.

Das bedeutet aber, dass die Menschen in diesen Elendslagern völlig auf sich gestellt sind, und sich zurecht alleine gelassen fühlen. Was den Taliban wieder einen guten Nährboden für ihre Ideologie gibt.

Die einzige Einnahmensquelle im Lager ist das Sammeln von Mist in dem Moloch Karachi von 20 Millionen Einwohnern. Daher entstehen diese Lager aus Verschlägen und improvisierten Zelten auch vermehrt im Großraum von Karachi. Mit Glück kann der gesammelte und sortierte Mist zu Geld gemacht werden. Oder die Männer finden am Großmarkt einen illegalen Tagesjob beim Verladen von Gemüse. Davon hängt es ab, ob die Kinder am Abend etwas zu essen bekommen oder nicht. Es bleibt unsicher. Das heißt, wenn wir die Kinder fragen, ob sie heute schon etwas gegessen haben, bekommen wir fast immer die Antwort „Sie (d.h. Väter und Brüder) sind noch nicht nach Hause gekommen!“, und dann ist es nicht sicher, ob sie etwas zum Essen mitbringen.

Das allergrößte Problem ist jedoch das fehlende Wasser. Es muss gekauft werden. Das Grundwasser so nahe am Meer ist salzig. Unsere Idee, Brunnen zu organisieren, ist damit hinfällig. Es kommen Tankwagen, deren Besitzer mit der Not der Menschen noch Profit machen und das Wasser zu Wucherpreisen verkaufen. Im Durchschnitt kann sich eine Familie von 10 Mitgliedern einen 20 Liter Wasser Kanister am Tag leisten. Das muss für Trinken, Kochen, Wäsche waschen und Hygiene für alle reichen. Die Qualität des Wassers ist minderwertig und oft verschmutzt. Fast alle medizinischen Probleme, allen voran Infektionskrankheiten, aber auch Dehydration, lassen sich auf das Wasserproblem zurückführen.

Mit diesen konkreten Erfahrungen, wie sich das tatsächliche Leben für geflüchtete Menschen in einem Lager in Pakistan abspielt, und wie Pakistan selbst größte Probleme hat, die eigene Bevölkerung zu ernähren, erlebe ich europäische Vorschläge, Menschen in diesem Land unterbringen zu wollen als realitätsfern, ja als zynisch und menschenverachtend. Es ist eine Scheinmoral, das Problem einem Land zuschieben zu wollen, dessen Bevölkerung unter viel schlechteren Lebensbedingungen leben muss als wir in Europa.

Ich kann nur meine Einladung wiederholen, einen Tag mit mir im Afghan Camp zu verbringen. Vielleicht genügen aber auch schon zwei Stunden die Realität zu erfassen – wenn die Herzen dafür offen sind.

Portrait der Autorin
Claudia Villani ist eine österreichische Sozialarbeiterin, Theologin, Psychotherapeutin und ehrenamtliche Entwicklungs- und Flüchtlingshelferin. Sie ist verheiratet und Mutter von drei Kindern. Seit über 20 Jahren ist sie als freiwillige Helferin in Pakistan tätig – inspiriert von der deutschen Lepra-Ärztin Sr. Ruth Pfau, die seit 1960 bis zu ihrem Tod 2017 die größte Hilfsorganisation Pakistans aufgebaut hat (Lepra-und Tuberkulosestationen).
Frau Villani wirkte von 2009 bis 2019 in einem Lager für 120.000 afghanische Flüchtlinge nordwestlich von Karachi und leitete dort ein Ernährungsprogramm für Kinder.

© christeninnot.com

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