15. August 2022
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Vertrauen

Vater und Sohn blicken vertrauensvoll von der Brücke in ihr Spiegelbild. Alle Fotos: Robert Pisch
Lesedauer ca. 6 Minuten

Vertrauen bezeichnet die subjektive Überzeugung von der (oder auch das Gefühl für oder Glaube an die) Richtigkeit, Wahrheit von Handlungen, Einsichten und Aussagen bzw. der Redlichkeit von Personen. Vertrauen kann sich auf einen anderen oder das eigene Ich beziehen (Selbstvertrauen). Zum Vertrauen gehört auch die Überzeugung der Möglichkeit von Handlungen und der Fähigkeit zu Handlungen. Man spricht dann eher von Zutrauen. Als das Gegenteil des Vertrauens gilt das Misstrauen.

Charakteristik

Vertrauen ist ein Phänomen, das in unsicheren Situationen oder bei risikohaftem Ausgang einer Handlung auftritt: Wer sich einer Sache sicher sein kann, muss nicht vertrauen. Vertrauen ist aber auch mehr als nur Glaube oder Hoffnung, es benötigt immer eine Grundlage, die sog. „Vertrauensgrundlage“. Dies können gemachte Erfahrungen sein, aber auch das Vertrauen einer Person, der man selbst vertraut, oder institutionelle Mechanismen. Vertrauen ist teilweise übertragbar. Jemandem sein ganzes Vertrauen zu schenken, kann sehr aufregend sein, beispielsweise das Vertrauen, das ein Kind dem Vater schenkt, wenn es von oben herab in die ausgebreiteten Arme springt. Dies gilt sowohl für den Vater als auch für das Kind. Die Geschichte wird oft im übertragenen Sinn erzählt – als Gottvertrauen.

Vertrauensdimensionen

„Vertrauen ist der Wille, sich verletzlich zu zeigen.“ Dieser einfache Satz umfasst mehrere Vertrauensdimensionen:

1. Vertrauen entsteht in Situationen, in denen der Vertrauende (der Vertrauensgeber) mehr verlieren als gewinnen kann – er riskiert einen Schaden bzw. eine Verletzung.

2. Vertrauen manifestiert sich in Handlungen, die die eigene Verletzlichkeit erhöhen. Man liefert sich dem Vertrauensnehmer aus und setzt zum Vertrauenssprung an.

3. Der Grund, warum man sich ausliefert, ist die positive Erwartung, dass der Vertrauensnehmer die Situation nicht zum Schaden des Vertrauensgebers verwendet.

Vertrauen in der Politik

In der Politikwissenschaft ist vor allem das als Institutionenvertrauen bezeichnete Vertrauen der Bevölkerung in die Fähigkeit von Institutionen, Kontrolle über Ressourcen, Handlungen und Ereignisse im Sinne der Bevölkerung auszuüben, wichtig. Eine Tyrannis – so Aristoteles – hat nur unter Wahrung des Misstrauens zwischen den Einwohnern Bestand. Für Fichte (deutscher Erzieher und Philosoph, um 1800) ist der Staat auf allgemeines Misstrauen aufgebaut.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrauen

Bei den Aussagen von Aristoteles und Fichte muss man bedenken, dass der eine über die Tyrannei (Diktaturen und einige Monarchien bzw. Oligarchien) und der andere in einem von Monarchien geprägten Europa gelebt und geschrieben hat. Echte Demokratien waren damals noch eher Utopien (auch die USA entsprachen zu jener Zeit noch nicht den heutigen Vorstellungen von einer Demokratie).

Die Demokratie hingegen, kann meines Erachtens nur durch das Vertrauen der Bevölkerungsmehrheit bestehen, die Regierung und alle Volksvertreter werden schließlich in freien und geheimen Wahlen vom Volk bestimmt. Sind die Wahlen nicht frei und geheim, so kann sich die Regierung vielleicht demokratisch nennen, sie ist es aber nach meiner Meinung nicht (siehe Russland, Belarus, Kasachstan, etc.)

Wem vertrauen wir also?

Viele, besonders Politiker und Verkäufer, handeln so als würden wir jenen am meisten vertrauen, die immer genau das sagen, was wir gerne hören – die unsere eigene Meinung verstärken. Wo der Verkäufer aber leicht zu jeder Kundschaft etwas anderes sagen kann, tut sich der Politiker schwer, er entscheidet für das ganze Volk, und somit kommen dann häufig die in einem anderen Blogbeitrag zu recht kritisierten „politischen Nicht-Antworten“.

Wie steht es eigentlich im kleinen Kreis des täglichen Lebens? Wem vertrauen wir da bei wichtigen Entscheidungen eher, dem der uns immer nur recht gibt, oder etwa doch der, die eine eigene Meinung vertritt und begründet, auch wenn diese manchmal von meiner Meinung abweicht? Hoffentlich wohl eher der ehrlicheren und mutigeren Person, die mir das ihrer Meinung nach Beste empfiehlt und sich die Zeit nimmt mir den Grund dafür auch zu erklären.

Schwieriger wird es dann aber, wenn die Entscheidungen für die ganze Familie getroffen werden müssen, wo doch jede Person, wenigstens zum Teil, andere Bedürfnisse und Wünsche hat. Und wie ist es erst für die ganze Nachbarschaft, eine Gemeinde, ein Bundesland, eine Nation oder gar eine internationale Vereinigung zu entscheiden? Es ist unmöglich das Bestmögliche für jede einzelne Person zu erreichen, sehr wohl aber ist es möglich den besten Kompromiss für möglichst viele zu suchen. Und genau das ist die Aufgabe der Politik.

Die junge Familie schreitet voll Vertrauen in die Zukunft obwohl sich ihre persönlichen Bedürfnisse und Wünsche sicher in vielen Punkten unterscheiden. Sie müssen eben das gemeinsame Beste zu erreichen versuchen.

Woher also das große Misstrauen gegenüber den Politikern und der Politik an sich?

Ein Teil des tief sitzenden Misstrauens Politikern gegenüber liegt wohl in der gehäuften Aufdeckung korrupter Machenschaften einzelner. Dabei wird aber übersehen, dass genau diese Tatsache eine deutliche Besserung der Zustände bedeutet. Wurde bisher alles unter den Tisch gekehrt und niemand wagte es grobe Verfehlungen ranghoher Persönlichkeiten ans Tageslicht zu bringen und öffentlich zu machen, so ist das jetzt in weit höherem Grad möglich. Es ist nun mal so, dass in allen Gesellschaftsschichten ein gewisser Prozentsatz an Egozentrikern und Geld- oder Machtgierigen existiert, die nur durch entsprechende Kontrollmöglichkeiten eingebremst werden können. Die Frage ist folglich nicht ob es in einer Gruppierung (oder politischen Partei) schwarze Schafe gibt, sondern wie die restlichen Mitglieder damit umgehen. Werden diese mit allen zur Verfügung stehenden, lauteren wie auch unlauteren Mitteln geschützt und verteidigt? Versucht man alles zu vertuschen oder maximalen Druck auf die Ermittler auszuüben? Oder wird eine rasche und vollständige Aufklärung unterstützt?

In Zeiten einer Übermacht einzelner solcher Vereinigungen (Parteien, Kirchen, …) die, aus welchen Gründen auch immer, die Verfehlungen einzelner decken und verheimlichen, wird es vielen ermöglicht ihre Gier fast grenzenlos auszuüben und alle ihre Entscheidungen nur auf Eigennutzen und „Freunderlwirtschaft“ auszurichten. Lange Zeit und vielerorts war das in unterschiedlichem Ausmaß deutlich zu bemerken. Zum Glück sind wir am Weg einer Besserung und genau das sollte eigentlich ein höheres Vertrauen fördern.

Oft liegt mangelndes Vertrauen aber auch nur an fehlender Nachvollziehbarkeit einzelner, für mich unangenehmer, Entscheidungen. Also an mangelnder Kommunikation, daran, dass nur lehrmeisterlich bestimmt wird und nicht erklärt, an fehlender Einbindung der Betroffenen. Viele Missverständnisse und vermeintliche persönliche Angriffe könnten oft sehr leicht durch bessere Einbindung und simples miteinander Reden auf Augenhöhe geklärt werden.

Ein besonderes Problem sind schwerwiegende und weitreichende Ereignisse bei denen noch vieles unbekannt ist, die aber schnelle Reaktionen verlangen. Eben so etwas wie die Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren, die in der Folge zum Zweiten Weltkrieg führte, oder etwa jetzt gerade COVID-19, eine Pandemie die uns seit etwa zwei Jahren aus gewohnten Rhythmen wirft. Es ist klar, dass auch hier die Bedürfnisse und Ängste einzelner Personen sich nicht decken. Ebenso ist klar, dass schnelle Entscheidungen getroffen werden müssen, deren Auswirkungen man nur vermuten kann und deren Nebenwirkungen oft erst nachträglich erkannt werden. Man wird niemals bei allen Bevölkerungsteilen Verständnis und Einsicht für alle getroffenen Maßnahmen finden können, aber bei maximaler Offenheit und Ehrlichkeit könnte es vermutlich bei den meisten gelingen. Würde die Bevölkerung sehen und hören, wie unterschiedlich die Vorschläge und Begründungen der einzelnen Berater im Gremium sind auf deren Basis die Regierung ihre Entscheidungen treffen muss und würde diese Entscheidung auch entsprechend begründet so gäbe es weit weniger Zweifel an deren Vernunft. Die Notwendigkeiten von Medizin, Wirtschaft, Soziologie und so weiter liegen oft weit auseinander und doch muss ein bestmögliches Mittelmaß gefunden werden – besonders in der Anfangszeit fast ohne genaues Wissen. Nicht leicht! Aber doch verständlich, wenn man auch nur indirekt eingebunden ist. Ja sogar Fehlentscheidungen können so problemlos zugegeben und erklärt werden.

Im dichten Nebel ist es oft schwer, den besten Weg zu finden. Da braucht es Vertrauen und den Mut eine Entscheidung zu treffen, auch wenn sie sich nachträglich als überzogen oder sogar falsch herausstellen sollte.

Wie könnte wieder mehr Vertrauen erreicht werden?

Mut zur Offenheit und Ehrlichkeit ist vermutlich die einzige Zutat die nötig wäre auf mittlere Sicht das Vertrauen wieder zu stärken.

Es ist nicht peinlich nicht alles zu wissen und zu kennen. Peinlich ist, wenn man sich dann keine Fachleute holt und ihre Argumentationen berücksichtigt.

Auch Ehrlichkeit kann manchmal Anfangs verstörend wirken, ja sogar recht unangenehm sein, aber nur damit ist es möglich sich auf eine Realität vernünftig einzustellen. Wem ist es nicht schon so ergangen, dass er oder sie eine Zusage für etwas bekommen hat obwohl der anderen Seite von vorne an klar war, dass diese nicht einzuhalten ist. Der Händler sagt zu in zwei Tagen zu liefern, in zwei Wochen wird man immer noch vertröstet, Lieferengpässe. Wäre es da nicht doch angenehmer von Beginn an zu wissen wie es aussieht, nach anderen Möglichkeiten suchen zu können, oder sich mit der Tatsache abzufinden und eine vorübergehende Lösung zu finden.

Zur Offenheit gehört auch weit weniger Geheimniskrämerei. Natürlich ist es wichtig, dass persönliche Daten einzelner nicht öffentlich werden. Aber wofür würde wohl der Krisenstab „Gecko“ persönliche Daten Einzelner brauchen? Warum also sind diese Beratungen geheim?

Ein weiterer Punkt ist auch noch wichtig. Nicht dass er sich direkt auf das Vertrauen auswirken würde, aber auf Dauer beeinflusst er es doch. Gewisse Berufsgruppen, die stärker in der Öffentlichkeit stehen und eine gewisse Autorität besitzen sollten sich auch im privaten Leben vorbildlicher benehmen, und dazu zählen nicht etwa nur Lehrer, Priester, Sozialarbeiter oder Rettungskräfte sondern ganz besonders auch Politiker. Man muss dabei nicht überempfindlich werden und auf jeder Kleinigkeit herumreiten, aber der Maßstab muss ganz klar enger angelegt werden als bei irgendeiner Durchschnittsperson ohne erweiterter Entscheidungsmöglichkeiten und ohne moralischer Vorbildwirkung.

Wir können und müssen vertrauen – nicht jedem und nicht allem – aber mit Hilfe von ein wenig Vorsicht kann man vieles recht gut einschätzen – und wird man doch einmal enttäuscht, dann lernt man daraus. Nur bitte nicht die Unehrlichkeit von wenigen sofort auf alle projizieren.

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Robert Pisch

Robert ist grafischer Facharbeiter in der Druckvorstufe und seit kurzem in Pension. Er hat zuletzt seit mehreren Jahren die grafischen Vorarbeiten für die Druckversion der DZ-Inzing erledigt. Als Mitglied von JUF, seit der Gründung dieser Fraktion, sitzt er die letzten Gemeinderatsperioden auch im Landwirtschaftsausschuss. Sein größtes Interessensgebiet ist die Natur und der Umgang mit ihr. Zusätzlich liebt er es, rein hobbymäßig, zu fotografieren und ist passionierter Fußgänger. In den letzten Jahren ist er auch auf den Geschmack und den Reiz von “Weitwanderungen” gekommen. In den sporadischen Beiträgen möchte er diese Interessensgebiete und daraus gewonnene Erfahrungen näher bringen und hofft dabei auch, die eine oder andere Diskussion “anzuzetteln”.

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