27. Oktober 2020

Offener Brief an die römisch-katholische Kirche

Foto: privat
Lesedauer ca. 5 Minuten

Sehr geehrte Würdenträger, Priester und hauptamtlich Verantwortliche,

Meinen offenen Brief, möchte ich mit der Frage einleiten: Kirche – ist da wer?

Wie ich auf die Idee komme, diese Frage zu stellen und gar als Laie einen offenen Brief an meine Kirche zu schreiben? Ganz einfach, ich betrachte mich noch immer als Teil dieser Gemeinschaft; obwohl ich mir in den letzten Jahren immer wieder ernsthaft überlegt habe, ihr den Rücken zu kehren. Aber bestärkender, dass mein Platz in dieser Kirche ist, wirkten meine Herkunft, die wahrhaftig beeindruckenden Ausnahmepriester und die Gemeinschaft mit jenen, vor denen ich mich wegen meines Glaubens nicht verstecken muß.

Und jetzt… verstehen Viele, ob gläubig oder nicht, die Welt nicht mehr, so Vieles passiert auf einmal: die Veränderungen, die ebenso belasten, wie auch freier machen, die Demut, mit der manche ihren Alltag und ihr Leben inzwischen begreifen können, mit einem unsichtbaren Gegner, der eine Zumutung ist. All dies lässt sich nicht einfach einordnen und ablegen, es schafft den Wunsch nach einem gemäßigten „Carpe diem“ und nach Hoffnung, dass dieser Frühling nicht der letzte sein wird, der uns zu neuem Leben führt, ein Frühling, der uns unweigerlich verändert.

Hoffnung, ein Wort, das bisher einen Wunsch bezeichnete, der allzu leichtfertig im normalen Leben verankert war. Die Qualität dieses Wortes erhielt für mein Empfinden in all den vergangen Wochen eine größere Komponente: sie verband sich mit einer tiefen Sehnsucht, das alles gut werden wird. Um dieser Hoffnung Raum zu geben, braucht es, wie ich am Ostermontag in einer wunderbaren Predigt hören durfte, einen Funken, der sie zum Brennen bringt. Etwas, an dem Geist und Herz sich gleichermaßen entzünden. Und diesen Funken zu entfachen, dafür sind Kreativität, Offenheit, Neuerungen, Herzblut und Verantwortungsbewusstsein notwendig.

Deshalb sind all diese gerade jetzt gefragt: die Unbequemen, die, die nicht locker lassen, jene, die ihren Beruf als Berufung betrachten. Es ist eine brandende Basis, zu der die gesamte Gemeinschaft gehört, notwendig, eine Basis, die die Textzeile „Maria, breit den Mantel aus, mach Schirm und Schild für uns daraus“ wahrhaftig ernst nimmt und sich nicht darunter versteckt.

Doch derzeit sehe ich vielerorts eine Kirche, der ihre Außenwirkung befremdlicherweise völlig egal zu sein scheint: nach wie vor allen voran, die Seelenverwalter, die Bequemen, die in Schockstarre verfallenen Hilflosen, jene, die die Menschen auf sich selber zurück werfen und die, die in ihrer Intellektualität aufgehen und sich weit entfernt von der Basis versteigen…

Das alles ist bis auf die sehr, sehr beeindruckenden wenigen Ausnahmen bussiness as usual, etwas, das ich bereits kenne. Gerade jetzt scheint dies jedoch noch inakzeptabler. Was ich aber wahrhaftig noch erschreckender empfinde, ist die Kombination mit einem gesellschaftlichen Auswuchs, dessen Existenz ich bisher noch nie als derart bedrohlich empfand. Was solche Zeiten bereits zu Pest und zu Cholera unweigerlich hervorbrachten, sind Flagellanten und religiös verblendete Verschwörungstheoretiker. Sie beanspruchen erfolgreich die Lücke, die die Kirche scheinbar nicht in der Lage ist zu füllen; im Gegenteil wird diesen das Feld nicht nur Kampf- sondern Widerspruchslos überlassen… Und dieses Überlassen getrost unter dem Mäntelchen des „Wir dürfen ja nicht“ versteckt…

Sagt endlich was, macht euch laut!

Was sollen wir Gläubigen, was sollen eure Ehrenamtlichen, denken, fühlen, glauben, wenn ihr euch de facto selbst abmeldet und damit die Kirche für mehr oder weniger bedeutungslos erklärt?

Seid ihr euch eigentlich im Klaren darüber, was ihr, angefangen bei den Würdenträgern für eine Verantwortung habt? Warum begreift ihr nicht, dass ihr Teil der Gemeinschaft und der Gesellschaft seid und keine Theaterkulisse mit schöner Musik, zu der ihr euch marginalisiert? Ihr säkularisiert euch eben mal selber. Wo bleibt die Hilfe zur Selbsthilfe?

Die Gestaltung der Welt obliegt wohl jedem in dieser Gemeinschaft, oder? Wenn auch ihr Gemeinschaft seid, dann begreift euch als Teil der Basis, gestaltet sie mit, geht mit bestem Beispiel voran, unabhängig von kirchlicher Standeszugehörigkeit!

Was zum Beispiel hält euch derzeit, unabhängig von Anlässen davon ab, Kinder und Familien miteinzubeziehen, ja sichtbar zu machen? Selbst unsere Bank ist während der Coronakrise durch eigene Initiative den Kindern derzeit näher, als die Kirche. Und diese Erkenntnis finde ich bitter enttäuschend! Braucht es da nicht dringend Initiativen von oben, einen Vorstoß, der den Laien Mut gibt, auf dem richtigen Weg zu sein?

Tuts euch weh, in der momentanen Situation einmal in der Woche einen richtigen Kindergottesdienst zu gestalten und zu übertragen? Sind die Kinder nur interessant, wenn sie kurz vor einem Sakrament stehen, um dann eben mal einen Gottesdienst für sie abzuhalten? Auch regelmäßige Kindergottesdienste lassen sich derart gestalten, dass sie ohne ewig künstlerische Gesänge und intellektuelle Predigteinheiten würdig und schön sind! Sprecht die Kinder direkt an, gebt ihnen ein Zeichen, dass ihr wisst, sie sind da und dass die Gemeinschaft für sie da ist, füllt ihre Herzen, verlangt ihnen das ab, was sie können: Kreativität, Freude Unbeschwertheit, Aktivität, nehmt ihre Sorgen ernst. Gebt ihnen den Funken der Hoffnung, der Sorge und Unbeschwertheit ins rechte Lot bringt. Brecht dabei mit alten Mustern, macht Euch locker, was kann und soll denn noch passieren? Verwaltet nicht einfach weiter in eingefahrenen, bequemen Vorstellungen. Und denkt Postcorona auch an sie, die mit euch, mit uns wachsen können!

Erklärt euch selbst und die Zeichen, die ihr setzen könnt, nicht einfach als marginal! Es braucht einen sofortigen Aufbruch an der Basis, zu der in Zeiten wie diesen auch Würdenträger gehören, einige gehen bereits mit gutem Beispiel voran. Was ist so schwierig daran? Anstatt von offenen Kirchentüren zu sprechen und sich gleichzeitig gut dahinter zu verschanzen, seid präsent – für alle!

Nehmt Euch heraus, aufzufallen, seid jetzt die furchtlosen Don Camillos, indem ihr Zeichen des Glaubens setzt, die im Gedächtnis bleiben und Eindruck machen. Ist eine Prozession trotz Corona mit wenigen Begleitern statthaft? Zumindest sehr eindrücklich und unübersehbar. Es zeugt von einer festen Haltung, den Glauben zu den Menschen bringen zu wollen. Wenn das nicht möglich ist, bewegt die Herzen und den Geist der Menschen mit Worten und gestalterischen Elementen und stellt nicht nur einfach einen Hausgottesdienst zum Nachfeiern ins Netz. Lasst euch nicht von einer Jogginghosenmentalität des Glaubens anstecken.

Macht Euch die Mühe, Glauben fassbar und sichtbar zu machen, bringt die Kirche zu den Menschen, sprecht Herz und Verstand an! Nehmt Euch als Würdenträger in die Pflicht, führt Eure Priester und Pastoralassistenten der Gemeinden, weckt ihre Kreativität auch mal abseits von moderner Technik! Zeigt Ihnen, was alles möglich ist! Gebt dadurch den Menschen ein anderes Verständnis von gesellschaftlicher Verantwortung und Eigenverantwortung. Wenn ihr Hoffnung gebt, gebt ihr Sinn, Sinn führt in Verantwortung hinein und diese wiederum belebt den Verstand und unsere gesellschaftliche Demokratie. Wenn wir als kirchliche Gemeinschaft etwas verändern wollen, müssen wir den Funken entfachen und weitertragen, dem Menschen die Möglichkeit geben, in sich selbst genug Mut und Sinn zu finden, den Stein, der seit Corona bei Manchen wie ein Pfropfen sitzt, vom Herzen weg zu rollen.

Erwartet nicht, die Menschen kämen auf Euch zu, geht ihr unerwartet auf sie zu… Denn so erschreckend es klingt, keiner erwartet mehr, ihr kämt auf den Menschen zu. Rückt alle Menschen in den Mittelpunkt, die, die Euch anvertraut sind, dort, wo ihr eingesetzt seid.

Traut euch doch endlich aus der Komfortzone! Das war noch nie so wichtig, wie jetzt, geht neue Wege, die Glauben sichtbar und erfahrbar machen. Und schminkt euch ab, es wäre ein kurzer Weg ohne Rückschläge und Widerstände. Das Komfortzonengeplänkel wird nicht aufgehen. Irgendwann heißts dann nämlich nicht mehr: Kirche – ist da wer? Sondern nur noch: Ist da wer?

Hochachtungsvoll und mit herzlichen Grüßen,
Angela Pargger

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Angela Pargger

Angela Pargger

Angela erachtet Worte als das wichtigste Instrument menschlicher Kommunikation. Worte verbinden oder können hart trennen. Gefühle und Beobachtetes in Worte zu fassen, die zueinander passen und miteinander harmonieren, begeistert Angela seit Jahren. Schreiben ist eine wunderbare Möglichkeit, Erlebtes mit anderen Menschen zu teilen, Erfahrungen zu verarbeiten, sich zu positionieren, zu wehren und Dinge auf den Punkt zu bringen.

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