27. Oktober 2020

Im Gespräch mit Simon Eichinger

Lesedauer ca. 13 Minuten

Für meinen letzten etwas melancholisch-sentimentalen Artikel durfte er sozusagen nur als Stichwortgeber fungieren. Dabei hat sich der Inzinger Ausnahmegitarrist Simon Eichinger, der vor einiger Zeit einen internationalen Gitarrenpreis gewonnen hat, mehr Aufmerksamkeit verdient. Grund genug ein längeres Interview mit ihm zu führen. Als ich an einem der letzten warmen Tage des Jahres zu ihm komme und in sein Kellerrefugium geführt werde, treffe ich einen sympathischen jungen Mann, der gerade an einer seiner (vielen) Gitarren die Tonabnehmer montiert. Im Gespräch entpuppt er sich als enorm zielgerichtet und fleißig mit einer ordentlichen Portion an Selbstreflexion, aber auch genug Selbstbewusstsein. Man möge sich beim Lesen des leicht gekürzten und redigierten Interviews viel Lachen (auch über sich selbst) vorstellen!

M: Wie und wann hat deine Liebe zur Gitarre begonnen?

S: Ende 2015. Ich war früher ein sehr großer Green Day-Fan, als ich 8 oder 9 war. Und hab dann irgendwie meine Liebe wiedergefunden für diese Band und hab mir dann einfach eines Tages gedacht, weil ja z.b. diese Gitarre daheim gestanden ist, ich probier das jetzt einfach aus und das war’s eigentlich. Dann bin ich voll reingerutscht, es hat mich in den Bann gezogen. Ich wollte einfach die Songs nachspielen.

M: Wie war deine Berührung mit Musik davor?

S: Ich hab Klavier für fast ein Jahrzehnt gespielt, aber das eigentlich gar nicht ernst genommen. Bin nicht sehr gern in die Musikschule gegangen und hab in der Woche vielleicht 30 Minuten geübt. Das war nicht sehr zukunftsträchtig.

M: Aber du hast es trotzdem 10 Jahre lang gemacht.

S: Weil die Eltern immer wollten, dass ich was mit Musik mache. Also ich bin anfangs nicht dazu gezwungen worden. Das war voll aus eigener Überzeugung, es hat mir immer Spaß gemacht, ein bisschen herum zu klimpern, als ich 4 oder 5 war. Am Ende hat es mir gar keinen Spaß mehr gemacht und ich bin in ein großes Motivationsloch gefallen. Deswegen wundert es mich eh, dass ich auf einmal jetzt so da sitze.

M: Ich weiß von deinem Vater Albert, dass er eine große Leidenschaft für Musik hat. Hat sich das in der Familie und in deiner Kindheit/Jugend und deinen Bezug zu Musik ausgewirkt?

S: Unterbewusst vielleicht, aber ich würde jetzt sogar mit Nein antworten. Er wollte mir früher oft, als ich noch gar nicht gespielt habe, irgendwas zeigen, was ganz Simples auf der Gitarre, das ich nachspielen kann, irgendwelche Lieblingssongs von ihm. Vielleicht war das auch nur das Rebellische, alles was meine Eltern cool finden, finde ich nicht cool. Aber früher hab ich da gar nicht rein gefunden. Jetzt im Nachhinein finde ich das schade. Ich hab ja dann doch noch reingefunden, selber, und das war wahrscheinlich sehr wichtig, dass ich das selbst geschafft habe.

M: Vor 5 Jahren hast du also angefangen Lieder von Green Day nachzuspielen. Das reicht ja allein nicht, um so ein Gitarrenheld zu werden, wie du jetzt geworden bist.

S: Ich würde mich jetzt nicht als Gitarrenheld bezeichnen, nein, definitiv nicht. Das ist immer weitergegangen, Green Day, Led Zeppelin, Ozzy Osbourne, und ab da, als ich dann Randy Rhoads und Quiet Riot und solche Typen mal gehört habe, dann ist es losgegangen mit den technisch richtig freakigen Sachen. Es ist dann eher in die modernere Metal oder Progressive-Schiene gegangen. Dann auch Dream Theater und so ein Zeug. Mit 17, 18 ist es dann richtig ernst geworden und ich hab gewusst, dass ich das machen will und 2019/20 war es dann wirklich felsenfest: Ich mach mir jetzt ein Social-Media-Profil, ich zieh das jetzt wirklich durch und ich möchte dann irgendwann einmal, wenn auch nicht hauptberuflich, aber gutes Geld verdienen. Ich denke mir immer, die Arbeit ist so ein Riesen Teil deines Lebens, und wenn dir der Teil deines Lebens keinen Spaß macht, dann macht halt dein Leben nur zu einem kleinen Teil Spaß. Deswegen möchte ich auf jeden Fall, solange ich mich irgendwie über Wasser halten kann, damit Geld verdienen, was ja mittlerweile nicht mehr so leicht ist.

M: Was ich jetzt von dir gesehen habe, ist, dass du dich v.a. für Leadgitarre interessierst. War das immer schon so, dass dein Interesse war, die Melodien nachzuspielen?

S: Ja, auf jeden Fall. Ich bin zwar schon ein Riff-Fan, aber es macht mir bei weitem nicht so viel Spaß, wie dann wirklich Lead zu spielen. Am Anfang bei Green Day zum Beispiel, die Powerchords, das Rumschrubben, das hat schon Spaß gemacht, aber ich hab dann schon nach 2, 3 Wochen versucht, einfache Solos nachzuspielen.

M: Hast du eine Band?

S: Ich bin in zwei so kleinen Bands, eine davon ist eine Cover-Band, das ist nur Spaß. Ich versuche mich eigentlich zu hundert Prozent auf eine Solokarriere zu fokussieren. Weil ich so hab ich viel mehr Zeit reingesteckt und es hat auch der Selbstdisziplin geholfen, dass ich für mich selber weiß, ich möchte das und das lernen, das und das machen und da wirklich eher unabhängig zu bleiben. 

M: Wie ist das dann  Leadgitarre zu üben, zu spielen, wenn man keine Backing-Band hat?

S: Ganz leicht eigentlich. Es gibt ja im Internet zahlreiche Backing-Tracks, Jam-Tracks und so ein Zeug. Also das ist gar kein Problem, überhaupt nicht.

M: Ist das nicht fad ohne andere Menschen?

S: Nein, überhaupt nicht. Ich weiß nicht, ob das nur mir so geht, aber ich spiele allein fast lieber, muss ich ehrlich sagen. Keine Ahnung wieso, die Intimität mit dem Instrument, vielleicht ist es das.

M: Wie groß war dann die Unterstützung und wie sehr hast du sie gebraucht, falls sie gekommen ist, wie du dich dann ernsthaft mit dem Instrument beschäftigt hast?

S: Die war riesig. Ich glaube, das hat meinen Papa unheimlich gefreut, als ich dann doch noch dazu gefunden habe. Das würde jetzt nicht alles da stehen, wenn die Unterstützung nicht gekommen wäre. Also die war riesig und ich bin super dankbar, das ist alles andere als selbstverständlich.

M: Ich sehe da jetzt 7 Verstärker und 8, 9 Gitarren und du hast im Vorgespräch gesagt, das ist noch nicht alles. Wozu braucht man so viel?

S: Das ist wahrscheinlich die gleiche Frage, wie bei irgendeinem Typ, der einen Autofetisch hat und acht Autos daheim stehen hat. Brauchen tut man es nicht, das ist klar. Aber es ist wahrscheinlich so eine nicht erklärbare Leidenschaft, ich weiß es selbst nicht. Ich spiele jetzt von dem, was da steht aktiv zwei von den Gitarren. Ich weiß es selbst nicht, ich kann es mir nicht erklären.

M: Es stehen auch akustische Instrument da, eine klassische Gitarre und eine Westerngitarre. Spielst du auf denen auch?

S: Selten und wenn dann auf der Westerngitarre. Ich bin die letzten zwei Jahre der Schulzeit, da hab ich noch gewechselt und bin dann noch den musischen Zweig gegangen. Ich glaube, das hat mir dann jede Freude an akustischer Gitarre raus gezogen. Ja, ich lass das jetzt so einmal stehen.

M: Also weder der Lehrer oder die Lehrerin hat sich auf dich eingestellt offensichtlich ….

S: Ja, genau so ist es.

M: und es gab auch keine Stücke, die dich herausgefordert hätten oder dir Spaß gemacht hätten?

S: Das soll jetzt nicht überheblich klingen, aber eigentlich stimmt das genau so. Mir hat einfach jeglicher Anreiz zum Üben gefehlt, ich wollte mich auf mein eigenes Ding konzentrieren, hab alles andere abgelehnt, zu engstirnig vielleicht, aber ich wollte unbedingt mein Ding auf der E-Gitarre weitermachen und es kann sich mir niemand in den Weg stellen und ich mach das. Ja, das hat dann ein wenig für Feindseligkeit gesorgt auch in der Schule. Aber ich bin jetzt froh, so wie ich jetzt da bin, dass ich da wirklich immer meinen Standpunkt und meine Einstellung gewahrt habe. Also im Nachhinein hab ich nichts falsch gemacht, für mich selbst. Also Akustikgitarre, irgendwann in 10 Jahren vielleicht? Also im Moment macht es mir einfach keinen Spaß, weil ich mich auf der E-Gitarre so viel besser ausdrücken kann. Das ist so ein sensibles Instrument, das reagiert so viel genauer, da kann man so feine Nuancen rauskitzeln, was mit einer Akustikgitarre nicht geht. Und dann auch das Ziehen und Vibrato, das kann man so viel besser kontrollieren und ich kann das einfach näher an eine menschliche Stimme angleichen, als auf einer Akustikgitarre.

M: Ist das das Ziel?

S: Nicht zwangsläufig, aber ich kann das, was ich spüre in mir selbst, einfach besser übertragen und besser ausdrücken mittels der E-Gitarre.

M: Wie spürst du dann deine Soli und Soloparts?

S: Oh, das ist eine schwierige Frage.

M: Also, wenn du sagst, du kannst das besser ausdrücken auf der E-Gitarre, kannst du den Prozess oder das, was während des Spielens in dir vorgeht, irgendwie beschreiben? Weißt du welcher Ton nach einem andern kommt, wenn du improvisierst?

S: Meistens schon, manchmal probiere ich etwas aus, aber meistens weiß ich schon, wo das dann hinführen soll. Und ich schätze an der E-Gitarre gerade das Stufenlose, also beim Singen z.b., wenn man so stufenlos singt, und das geht da genauso mit dem Ziehen, dass man einen Spielraum von zwei bis zweieinhalb Ganztönen hat, indem man sich dann wirklich stufenlos bewegen kann, mit den Bendings, das geht auf der Akustikgitarre fast gar nicht. Und das macht man ja oft mit der Stimme, wenn man singt, auch improvisiert mit der Stimme, so die bluesig angehauchten Sachen, dass man da dann wirklich einen Ton hat, zu dem man hin will und dann geht man ganz langsam und bleibt dann vielleicht kurz noch drunter und geht dann da rauf. So dieses Stufenlose, das baut einfach Spannung auf und genau das spüre ich dann in mir selbst, so würde ich es wahrscheinlich auch singen und das versuche ich dadurch irgendwie auszudrücken und zu imitieren.

M: Musiktheorie?

S: Also ich bin auf jeden Fall nicht schlecht in Musiktheorie, v.a. die letzten Monate hab ich noch einmal wirklich alles ausgegraben und vertieft. Ich bin jetzt nicht einer, der, wenn er schreibt oder improvisiert immer an Theorie denkt und jetzt kommt der Akkordwechsel, jetzt kann ich die und die Töne drüber spielen. Klar ist das unterbewusst drin und ich bin mir schon bewusst, was ich spiele.  Es ist auf jeden Fall super hilfreich und ermöglicht einfach sehr viel, aber wenn ich improvisiere oder schreibe, dann mach ich schon das, was ich wirklich in meinem Kopf höre, was aus mir rauskommt, das wird aber gestützt von Musiktheorie. Also ich würde nie auf Grundlage von Musiktheorie etwas schreiben und spielen generell, sondern das ist einfach ein hilfreiches Netz, das immer unter dir ist und Sicherheit gibt. So geh ich da ganz gern ran.

M: Du sagst, wenn du schreibst … Dann schreibst du was?

S: Ich schreibe leider sehr wenig. Also, wenn ich was schreibe, dann ist es meist so ein bisschen ein Progressive Zeug, das Richtung Dream Theater geht, also alles andere als massentauglich und eher nur so Instrumentalzeug. Also das ist dann wirklich Musik für Gitarristen.

M: Und das ist dann aber mehr als die Melodie oder das Solo oder schreibst du ein ganzes Stück?

S: Also, wenn ich mal reinfinde und irgendeine Idee habe, dann versuche ich schon das so schnell wie möglich in ein ganzes Lied zu packen. Leider übe ich dann immer lieber, als dass ich schreibe. Also dass ich an irgendeiner Technik feile. Wobei das Schreiben sicher auch einmal gut tun würde zur Abwechslung.

M: Stichwort Üben, wieviel?

S: Zwischen mindestens zwei und maximal sechs Stunden am Tag. Anders geht das einfach nicht, wenn man so technisch anspruchsvolles Zeug spielen will. Das ist alles Muskelgedächtnis, das ist wie Reden, Gehen, Atmen. Ich könnte jetzt eine Gitarre nehmen und eine Stunde lang irgendwas spielen, während ich mit dir rede, weil das einfach so ein Muskelgedächtnis ist. Ich muss da nicht mehr überlegen und das ist eigentlich das Ziel dahinter, dass du das jeden Tag machst, dass du das so verinnerlichst, das mit drei Promille noch machen kannst, dass es wirklich so bombensicher in dir drin ist. Und das geht halt nur, wenn du jeden Tag konsequent übst. Es bringt mehr, wenn du eine halbe Stunde am Tag übst, als jeden dritten Tag drei Stunden. Also ich bin da sehr, sehr konsequent.

M: Und was übst du dann?

S: Mittlerweile habe ich etwas erkannt, was sehr wichtig ist und wahrscheinlich leider viele nicht erkennen und das mir auch lang so gegangen ist. Wenn du weiter kommen willst, musst du dich deinen Schwächen stellen und wirklich ehrlich zu dir selbst sein. Deswegen schaue ich immer, wenn ich z.b. in einer bestimmten Technik schlechter bin als in anderen, dass ich mich auf die konzentriere. Die anderen nicht vernachlässige, aber wirklich aktiv an der arbeite oder wenn ich irgendein cooles Solo gehört habe oder irgendeinen coolen Lick, der in einem Solo drin war, bei dem ich mir denke, was hat der jetzt gemacht, das will ich auch probieren. Also meistens läuft es so ab. Ganze Lieder nachspielen tu ich sehr selten. Ich hab auch nicht einen strikten Übeplan oder dergleichen. Ich setz mich einfach hin und denke mir, jetzt hab ich irgendwie das und das, an dem sollte ich ein bisschen arbeiten, dann mach ich das, aber das ist alles eigentlich improvisiert. Auch wenn ich spiele, ich spiele eigentlich nie irgendetwas nach, sondern improvisier eigentlich andauernd. Also ich hab da jetzt nicht einen roten Faden, der mich da durch führt.

M: Was sind z.b. solche Schwächen?

S: Soll ich jetzt im Fachjargon reden oder nicht? Also im Moment sind es manche Sweep-Picking-Formen, also ich würde jetzt nicht sagen, dass ich es schlecht kann, aber im Vergleich zu anderen Techniken ist es einfach ein bisschen defizitär und dann versuche ich daran aktiv zu arbeiten. Oder vielleicht über bestimmte Akkordabfolgen, die ein bisschen freaky sind, so modale Sachen, dass ich da einfach freier und besser drüber improvisieren kann. Und dann zieh ich das einfach durch, also ich stell mich meinen Schwächen wirklich.

M: Kommen wir zurück zum Geldverdienen mit Gitarrespielen. Wie soll das funktionieren?

S: Mittlerweile ganz anders als vor ein, zwei Jahrzehnten, ganz, ganz anders. Es gibt ja jetzt eigentlich wirklich keine lokale Szene mehr oder fast nicht mehr, deswegen versuche ich das auf jeden Fall alles international auszulegen. Anders würde das auch gar nicht funktionieren. Ich könnte jetzt schon irgendwas inserieren, dass ich Unterricht gebe und so und so viel pro Stunde und was auch immer und dann würde ich vielleicht maximal fünf Menschen finden in einem sinnvollen Umkreis. Das bringt recht wenig und auch mit Livemusik, das ist alles nicht mehr so lukrativ, muss man mal ganz ehrlich sagen. Weil das halt leider alles durch DJs ersetzt wird. Ich will jetzt nicht wie ein Purist oder ein DJ-Gegner rüberkommen, aber ich irgendwie finde ich das schon und das ist sehr schade. Es ist egal wohin man geht, immer das Gleiche, es legt irgendwer was auf, „legt was auf“, also steckt einen USB-Stick rein und spielt ein paar Dateien ab und alle 17-Jährigen finden, das ist das Krasseste was es gibt und das ist Musik. Das finde ich auch ein bisschen schade, dass die gar nicht mehr wirklich viel Verschiedenes hören und ihnen auch die Möglichkeit gar nicht mehr geboten wird mit Live-Musik. Und wie gesagt, das ist auch nicht mehr lukrativ, um noch einmal darauf zurückzukommen. Deswegen lege ich das alles international aus, dass ich über Skype oder derartigen Plattformen Unterricht gebe, international. Ich muss mich nicht bewegen, ich mach das alles von da aus, ich hab keine Fahrt, ich verliere keine Zeit, hab nicht irgendwelche zusätzlichen Kosten, also das ist superfein. Jetzt hab ich dann vor so Lesson-Packs, einfach fertige, aufzunehmen und hochzuladen, die dann anzubieten, also jemand zahlt das und dann bekommt er es als Download, so vorgefertigte Geschichten oder so eins zu eins, von Angesicht zu Angesicht, übers Internet. Also das ist so gerade, das was ich mache und das funktioniert ganz gut.

M: Und wie ist da die Nachfrage?

S: Es variiert, lustigerweise, aber für den privaten Unterricht, also schon online, relativ hoch. Ich hab ja jetzt auf Instagram fast 10.000 Follower und da sind dann immer wieder ein paar dabei, auch Neue, die halt ein bestimmtes Video gesehen haben und sich denken, oh, das ist cool, das würde ich gern lernen und der spielt das anscheinend ganz gut. Also ich will mich jetzt nicht selber loben, also bitte. Es sind auch gar keine Anfänger dabei, die können schon alle was. Also die, die ich online unterrichte, die sind alle schon ganz gut, wollen dann an einer ganz bestimmten Technik noch ganz genau arbeiten oder eben an irgendeinem Solo. Also das ist echt lässig, die Zeit …, ich kann es gar nicht beschreiben, da fühlen sich zwei Stunden nach zwanzig Minuten an. Es bereitet mir unheimlich viel Freude, wenn ich anderen weiterhelfen kann, wenn ich jemanden finde mit der gleichen Leidenschaft. Ich bin sehr glücklich, dass ich das machen kann. Also wenn ich da irgendwann etwas Größeres draus machen kann, wenn ich damit zur Selbstständigkeit komme, dann ist mein Leben wirklich erfüllt.

M: Wie schaut es bei dir selbst aus. Hast du manchmal Unterricht genommen?

S: Nein.

M: Gar nichts? Ein kompletter Autodidakt?

S: Ja. Also klar über Youtube findet man so ein paar Sachen, so Anleitungen für irgendwelche Solos, also Lessons, Tutorials, aber … Ich weiß nicht, wie akribisch man da sein kann, ob das dann wirklich nur autodidaktisch ist, wenn man sich dann so etwas anschaut, aber einen Lehrer hab ich nie gehabt. Sagen wir es einfach mal so.

M: Bist du in anderen Dingen auch so …., wie soll ich das jetzt freundlich ausdrücken?

S: Krankhaft?

M: Fanatisch?

S: Im Moment tatsächlich nicht, aber es war bei mir immer so, wenn ich eine Leidenschaft gefunden habe, dann hat es nur mehr das gegeben. Das ist wirklich schon krankhaft. Also wenn ich irgendetwas für mich finde, dann gibt es nur mehr das.

M: Das heißt, theoretisch könntest du in einem Jahr irgendetwas anderes finden und dann wandern die Gitarren in die Ecke?

S: Ich hoffe nicht, also ich bin mir auch sehr sicher, dass das nie aufhört. Also vielleicht einmal weniger wird und ich ein paar Wochen nicht mehr so Lust drauf habe. Aber dass das ganz verschwindet, das bezweifle ich sehr, sehr stark. Gerade, da ich im Social-Media-Bereich einige habe, die hinter mir stehen und das ist dann neben der intrinsischen Motivation, die ich sowieso habe, dann noch einmal eine extrinsische. Deswegen glaube ich noch weniger, dass das irgendwann zu einem Stopp führt. Aber ich weiß es nicht, das passiert bei mir recht schnell, wenn ich einmal irgendetwas finde, dann nimmt das einen sehr, sehr großen Teil meines Lebens ein, neben Schlaf und Essen. Also genau aus diesem Grund könnte ich im Moment nie und nimmer eine Beziehung führen, auch die nächsten Jahre, weil ich mir einfach die Zeit nicht nehmen möchte, weil das ist mein Ding und das mache ich. Das ist vielleicht ein bisschen krankhaft, ja, aber ich brauche im Moment einfach nichts anderes und ich will nichts anderes machen. Also das ist mein Ding und das war’s.

M: Das heißt, du hast heute deine Lektionen schon erledigt?

S: Nein! Ich bin um 12 Uhr aufgestanden, typischer Student. Ich werde wahrscheinlich heute auch nichts mehr anderes machen, außer ein bisschen lernen, weil ich dann jetzt wieder ein paar Klausuren habe, aber erst, wenn ich das erledigt habe. Also das ist wirklich immer die Prämisse.

M: Okay, du studierst wahrscheinlich etwas ganz was anderes, oder?

S: Ja, Germanistik.

M: Germanistik? Warum und warum nicht zb. Musikwissenschaften?

S: Okay, fangen wir mit Musik an. Ich hab Angst, dass dadurch irgendwann einfach die Motivation flöten geht, wenn ich auf irgendetwas angewiesen bin in dem Bereich. Weil dann halt doch in so einem ganz klassischen, konservativen Musikstudium sehr viel Musikgeschichte und derartiges dabei wäre. Es tut mir leid, aber das interessiert mich wirklich nicht so sehr und ich habe echt Angst, dass sich das dann auf meine jetzige Freude überträgt und die dann vielleicht zunichte macht. Wenn ich damit irgendwann was mache, dann sowieso erst nach Covid. Aber z.b. in Linz, vielleicht auch Wien, so ein Jazzstudium, das könnte ich mir dann vorstellen, v.a. Linz, weil es halt relativ kontemporär ist und das wäre mir dann sehr wichtig. Aber Germanistik: ich hab ein Faible für Sprache, für fancy Words und so ein Zeug. Im Moment lese ich nicht sehr viel, aber ich genieße es auf jeden Fall zu lesen. Oft nur um der Sprache willen, also der Inhalt ist da wirklich sekundär. Also ich bin schon so ein Word-Freak oder wenn es da irgendeinen Begriff dafür gibt. Also ich liebe die deutsche Sprache wirklich über alles. Ich hab da ein riesen Faible dafür, ich habe nicht vor, es zu meinem Beruf zu machen, absolut nicht, aber ich hab mir gedacht, wenn ich dann das Kindergeld bekomme und versichert bin, darf ich ja ganz ehrlich so sagen, dann mach ich das einmal und dann habe ich einmal irgendeinen Abschluss, das schadet nie, glaube ich. Dass ich da irgendein Standbein habe und mit der Musik noch mein Tanzbein. Und wenn das dann irgendwann mein Standbein wird, dann bin ich überglücklich oder halt eine Kombination aus beidem. Dass ich irgendwas mit Germanistik in Richtung Journalismus, PR, Lektorat, was auch immer, da gibt es ja doch entgegen der generellen Meinung ein paar Möglichkeiten, also man kann auch was anderes als Taxifahrer werden mit einem Germanistikstudium. Dass ich da vielleicht irgendeinen Teilzeitjob habe und den Rest eben mit Musik mache. Wie gesagt, dass ich nicht mein Plan A, aber ich mach es gern, es interessiert mich und deswegen hab ich mir gedacht, warum nicht?

M: Wir kommen zum Ende. Möchtest du abschließend noch etwas in die Welt hinaussenden?

S: Ja, das ist jetzt vielleicht eine Platitüde und abgedroschen und super klischeehaft, aber wenn es für jemanden irgendetwas gibt im Leben, das wirklich die eine Sache ist, die einem jeden Tag die Motivation gibt aufzustehen, das einfach Spaß und Freude ohne Ende bereitet, dann bitte, bitte, bitte soll derjenige was draus machen, bitte auch Geld verdienen damit. Wenn man etwas kann, soll man das umsetzen. Und auch wenn es vielleicht nicht zum Beruf wird, wenn es irgendetwas gibt, das Spaß macht und Freude ohne Ende bereitet, dann einfach jeden Tag einen kleinen Zeitraum dafür vorsehen und das einfach jeden Tag machen. Weil das, auch wenn dein Tag Scheiße war, es ist eine kleine Flucht aus der Realität. Also das ist mir schon sehr wichtig.           

Michael Haupt

Michael Haupt

Michael nennt sich selbst gern Kulturarbeiter und macht das in verschiedenen Feldern, sowohl beruflich, als auch in seiner Freizeit. Letztlich geht es ihm dabei immer um die politische Dimension von Kultur. Um ihr Potenzial, die Gesellschaft vorwärts zu bringen, in dem sie Themen und Fragestellungen auf andere Art aufwirft. Das wird sich auch in seinen Artikeln für den Blog zeigen.

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