29. November 2020
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The Sound Of Childhood

Foto: privat
Lesedauer ca. 3 Minuten

„Ich habe sie die Achtung vor dem Leben
Vor jeder Kreatur als höchsten Wert –
Ich habe sie Erbarmen und Vergeben
Und wo immer es ging, lieben gelehrt!
Nun werdet ihr sie nicht mit Hass verderben
Keine Ziele und keine Ehre, keine Pflicht
Sind’s wert, dafür zu töten und zu sterben –
Nein, meine Söhne geb’ ich nicht!“

Text: „Nein, meine Söhne geb’ ich nicht“ – Reinhard Mey – 1986
Foto: Marienkäfer, Angela Pargger

Reinhard Mey auf youtube:
https://www.youtube.com/watch?v=e0qPsYTBCtQ

Wenn dieser Text früher vielleicht als linksliberale Spinnerei galt, klopft er nun laut und immer lauter an mein Herz. Gleichzeitig stelle ich mir die Frage, welche Ängste ich in meinen Krisen schon ausgehalten habe, wieviel Kraft mein Leben mich bisher gekostet hat. Ich habe aufgehört zu zählen und zu wiegen. Und diesmal, denk ich mir, bin ich nicht allein. Die ganze Welt leidet und findet sich nicht wieder. Wie bei Käfern auf dem Rücken scheint jeder Strohhalm gut genug, um sich aufzurichten, selbst wenn dieser Halm brennt.

…lassen sich die glimmend schwelenden Halme und bereits entfachten Brände noch löschen? Wer löscht sie: die Begierde nach Aufstand, nach Macht, nach Verführung, nach Unruhe und Unbarmherzigkeit? Wollen wir all das noch aufhalten, bleibt uns nicht mehr viel Zeit. Auf dem Pausenhof spielen sie schon dritter Weltkrieg und Kinder erzählen, sie würden Trump wählen, wären sie wahlberechtigte Amerikaner, weil er dafür sorgen würde, dass jeder eine Waffe hätte. Wie wahrnehmbar Spaltung, Gewalt, Krieg, die Eindeutigkeit von Freund und Feind unsere Realität durchdringt, zeigt sich deutlich: Das kindliche Spiel als Spiegel der Gesellschaft, das Ausleben belastender und beeinflussender Umweltelemente.

Und während wir Erwachsenen kaum begreifen, was vor sich geht, müssen wir trotzdem den Balanceakt schaffen, unseren Kindern hilfreich zu sein, ihnen Möglichkeiten bieten, einordnen und verarbeiten zu können. Wir sind gefordert im Versuch, ihre Fragen zu beantworten, ihnen die Welt zu erklären, die sichtbar, spürbar aus den Fugen gerät.

Unsere Kinder spüren, wie steinig und laut unser Weg derzeit ist, wie verwirrt wir uns fühlen, wie mutlos wir selber manchmal sind. Nichts trifft uns dann so unmittelbar wie die fragende Unsicherheit und der Schmerz unserer Kinder. Wenn uns die Sprache fehlt, bleibt uns – gegen all unsere Befürchtungen, unsere Belastungen, gegen unsere Sorgen, unsere Pflichten und gegen unser Mehr-Sein-Müssen – es bleibt uns am Ende der Worte nur noch, eine kleine heile Welt zu schaffen; eine kleine Welt mit Tellerrand, weil uns die Große draußen sonst überrollt und um den Verstand bringt. Eine Welt, die wir mit Liebe und Freude füllen, in der wir auffangen und gestalten, was verloren zu gehen droht: die kindliche Unbeschwertheit. Manchmal gehen wir fast unter, aber mit Kreativität, Glaube und einem kleinen Stück Magie, wird unsere Welt und werden wir irgendwie, immer wieder, wenigstens ein bisschen, wieder heil.

Unsere Kinder benötigen von dieser derzeit schwer zugänglichen Unbeschwertheit mehr denn je. Immerhin wissen wir nicht, wieviel Vorrat sie noch brauchen werden, wieviel Kraft diese kleine Generation Mensch noch wird schöpfen müssen. Sie spüren schneller als wir, dass mehr und mehr unsere Welt in ihre bricht, fangen wir endlich an zu begreifen, dass das, was wir jetzt heraufbeschwören, ihre Gegenwart und ihre Zukunft ist:

An meine Kinder

In Eure kleinen Kinderseelen
Passt doch nicht so viel Schmerz
Gebt ab und gießt nun
Kannenvoll
Die Trauer in mein Herz

Fürchtet Euch nicht, ihr kleinen Menschen
Gebt mir den tränenschweren Stein
Der auf Euch liegt, wie
Tonnen schwer
Der hilflos macht und klein

Die große Welt sie brach in Eure
Und kaperte das Herz
Weitab von jeder Kindlichkeit
Fühlt Ihr Verlust und Schmerz.

Ich kann die Welt nicht ändern
Nur halten kann ich Dich und Dich
Auch eure Not ein Stückchen tragen
Gebt sie nur ab an mich

Die Hoffnung, dass ihr nicht zerbrecht
Soll Euch stets begleiten
Durch dieses fremdgewordne Leben
Und diese wirren Zeiten

Das sind nun meine Wünsche
Die wünsch ich Euch ins Herz
Dort solln sie wachsen und gedeihn
Weitab von jedem Schmerz

Einen goldenen Tellerrand, den wünsch ich Dir und Dir, mein Kind
Ein Rückzugsort tief in Euch drin, den nichts und niemand nimmt
Ein großes Stück von Unbeschwertheit, in der verrückten Welt
Menschen, Euch wohl zugetan, ein Glaube, der Euch hält

Behaltet Eure goldenen Herzen, die barmherzig sind und offen,
Bleibt Ritter oder Zwergenkönig
Und hört nie auf zu hoffen.

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Angela Pargger

Angela Pargger

Angela erachtet Worte als das wichtigste Instrument menschlicher Kommunikation. Worte verbinden oder können hart trennen. Gefühle und Beobachtetes in Worte zu fassen, die zueinander passen und miteinander harmonieren, begeistert Angela seit Jahren. Schreiben ist eine wunderbare Möglichkeit, Erlebtes mit anderen Menschen zu teilen, Erfahrungen zu verarbeiten, sich zu positionieren, zu wehren und Dinge auf den Punkt zu bringen.

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2 Gedanken zu “The Sound Of Childhood

  1. Danke für diesen berührenden Beitrag. Wenn wir alle den Lockdown dazu nützen, für unsere Kinder und Enkel da zu sein, ihnen zuhören, sie trösten, ihnen erklären und auch mit ihnen lachen, können wir und uns lernen, mit Krisen umzugehen.

  2. Danke Angela für den schönen, berührenden Text. Irgendwie sprichst du mir aus der Seele, aber auch irgendwie denk ich mir, dass die Kinder das alles viel mehr packen als wir selbst. Und ganz egal welche Zeiten gerade sind, als Elternteil oder auch als Erwachsener, der mit Kindern zu tun hat, kann man auch ein wenig darauf vertrauen, dass all die Liebe und Hingabe, die man den Kindern gibt, diese zu selbstbewussten Erwachsenen macht, die uns dann endgültig die Welt retten werden.

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