21. Oktober 2021
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Monika Helfer: Die Bagage

Lesedauer ca. 2 Minuten

Man sollte meinen, abgeschiedener geht es nicht. Doch das Weltgeschehen reicht selbst bis ins hinterste Tal. Maria und Josef sind Kleinhäusler und leben mit ihren Kindern etwas außerhalb eines Dorfes im hintersten Bregenzerwald. Die Menschen im Dorf verachten das ungewohnt eigensinnige Paar und misstrauen ihm, teils weil Josef sich mit Gelegenheitsarbeiten und ein bisschen Wildern durchschlägt, vor allem aber wegen der ungeheuren Schönheit von Maria, die so gar nicht zu den kargen Umständen passt. Josef wird 1914 zum Krieg eingezogen. Er bittet den Bürgermeister, sich um Maria zu kümmern und auf sie aufzupassen – sowohl im Sinne von beschützen als auch bewachen. Dabei begehrt dieser sie selber, gibt diesem Begehren lange nicht nach. Stattdessen versorgt er Maria und die Kinder mit kleinen Gaben an Lebensmitteln. 

Dann erscheint Georg, ein Deutscher, im Dorf auf der Suche nach der Familie eines getöteten Kriegskameraden. Er kommt auch zu Marias Haus und bleibt eine Weile in der Küche der Familie sitzen. Die Kinder und sogar der Hofhund mögen ihn auf Anhieb, Maria verliebt sich spontan, aber es kommt zu nicht mehr als einer flüchtigen Berührung – jedenfalls in der Version der Geschichte, die Monika Helfer aus den Erinnerungen ihrer Tanten und Onkel über ihre Großmutter Maria komponiert. Denn dieser Roman ist eigentlich ein Familienmemoir, unsentimental, aber mit viel Fantasie erzählt. Dabei kennzeichnet Helfer die imaginierten Teile als solche und fügt sie ein in knapp, aber präzise geschilderte Szenen.

Irgendwann ist Maria schwanger. Kann sein von Josef auf einem seiner kurzen Fronturlaube. Oder hat der Bürgermeister doch mehr erreicht? Oder stimmt das Gerede im Dorf über Georg und Maria? Josef jedenfalls erkennt dieses Kind nicht als sein Kind an. Es ist ein Mädchen, die Mutter von Monika Helfer, und Josef spricht sein Leben lang kein Wort mit ihr, auch wenn er mit Maria nach dem Krieg noch zwei weitere Kinder zeugen wird.

Monika Helfer umkreist die Geschichte ihrer Mutter und Großmutter auf dem Umweg über die Befragung vieler Familienmitglieder, über Spekulationen in der Familie, über eigene Imaginationen. Daraus entsteht ein Mosaik aus kurzen Biographien, starken Bildern, träumerischen Fantasien.

Allen Personen gemeinsam ist, dass ihre Erwartungen, Pläne und Möglichkeiten letztlich auch von Weltereignissen bestimmt werden, über die sie keine Kontrolle haben. So weist die Familiengeschichte über sich hinaus auf das Schicksal, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geboren zu sein. Das in seinen Auswirkungen selbst die Menschen in abgelegenen Bergdörfern ereilt.

Inzwischen ist der zweite Teil der als Trilogie angelegten Reihe an Familiengeschichten erschienen. „Vati“ befasst sich mit der Familie von Helfers Vater. Der dritte Teil soll sich Monika Helfers Bruder widmen, der sich mit nur 30 Jahren das Leben nahm, und nächstes Jahr erscheinen.

Monika Helfer wuchs in Vorarlberg auf. Sie hat Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht. Für ihre Arbeiten erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen (u.a. Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst).

Thema ihrer Bücher sind oft schwierige Familienbeziehungen, wobei sie einen besonderen Focus auf die Kinderperspektive legt.

Seit 1981 ist sie mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier verheiratet. Sie haben vier Kinder, die Tochter Paula Köhlmeier starb 2003 bei einem Unfall. Helfers Roman “Bevor ich schlafen kann” von 2010 ist ihrem Andenken gewidmet. Helfer und Köhlmeier leben in Hohenems.
(Quelle: Wikipedia)

Foto: BuchMarkt / Stefan Kresser

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Brigitte Scott

Brigitte Scott

Brigitte Scott lebt seit 20 Jahren in Inzing und ist hier im Chor Inigazingo, im Kulturausschuss als Vertreterin der Liste JuF und im Kulturverein aktiv. Bis zum Ende der gedruckten Dorfzeitung war sie viele Jahre deren (Mit)herausgeberin und vor allem an Kulturberichterstattung interessiert. Brigitte ist ursprünglich aus Salzburg und lebte 16 Jahre in England. Ihrem Beruf als Übersetzerin und Lektorin geht sie in reduziertem Umfang auch jetzt in der Pension noch nach. 2009 engagierte sie sich im Projekt Radio Enterbach und davor im Literaturprojekt Andern(w)orts, beide vom Kulturverein. Sie liebt Musik, als Chorsängerin und als rege Besucherin von Konzerten. Sie ist Mitglied des English Reading Circle, der sich jedes Monat trifft, um ein bestimmtes Buch zu besprechen, natrürlich auf Englisch. Sie gartelt mit Freude, aber hauptsächlich nach der Methode "Versuch und Irrtum". Trotzdem findet sie immer wieder genug zu ernten, um ihrer Kochleidenschaft zu frönen. Saisonale und indische Küche, die sie in England erlernt hat, liebt sie besonders - und ihre Gäste ebenfalls.

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