23. Juni 2021
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Klimaneutral leben – geht das?

Foto: catazul / Pixabay
Lesedauer ca. 5 Minuten

Bevor ich zum Thema Klimaneutralität komme, muss ich ein wenig ausholen.

Der Klimawandel ist in vollem Gange. Die Vereinbarungen der Klimakonferenz von Paris hatten zwar Hoffnung gemacht, waren wohl aber viel zu unverbindlich. Viele Staaten hinken den Zielen zur Eindämmung der menschengemachten, globalen Erderwärmung deutlich hinterher. Österreich ist zudem in der EU eines der Schlusslichter. Nur in sechs EU-Ländern haben die Treibhausgasemissionen seit 1990 zugenommen – Österreich ist bei diesen sechs Ländern dabei. Im Durchschnitt kam es in der EU zu Reduktionen in der Höhe von fast 25%. Die verfehlten Klimaziele werden Österreich in wenigen Jahren einige Milliarden Euro kosten.

https://www.sn.at/wirtschaft/oesterreich/verfehlte-klimaziele-koennten-oesterreich-milliarden-kosten-102516244

Bei der Klimakonferenz von Paris wurde 2015 eigentlich vereinbart, dass die unterzeichnenden 195 Staaten die Erderwärmung mit 2°C (im Verhältnis zur Vorindustriellen Zeit) begrenzen werden. Später wurde das Ziel auf wissenschaftliches Anraten noch auf 1,5°C geändert. Es war damals schon klar, dass dies nur möglich ist, wenn man sofort beginnt die Treibhausgasemissionen deutlich zu reduzieren. Man weiß, welche Mengen an CO2 (und anderen THG) die Atmosphäre noch verträgt, damit die Erderwärmung im ausverhandelten Bereich bleibt.

In Österreich gibt es jetzt zwei sehr ambitionierte, aber dringend notwendige Ziele. Bis 2030 sollen die Treibhausgase halbiert werden, bis 2040 will Österreich klimaneutral sein. Auch die EU hat ähnliche Ziele verfasst.

https://www.derstandard.at/story/2000126127747/plan-fuer-neues-gesetz-werden-die-klimaziele-verfehlt-muessen-bund

Hier sieht man, wie sich die CO2-Emissionen in den nächsten 20 Jahren entwickeln müssen, wenn man das Klimaziel in Österreich erreichen will. Das Diagramm stammt vom Klimavolksbegehren. Quelle: https://klimavolksbegehren.at/forderungen/

Aber was ist Klimaneutralität überhaupt? Es bedeutet, dass ein System nur so viele Treibhausgase emittiert, wie die Umwelt wieder neutralisieren kann. Auch eine Kompensation der überschüssigen Treibhausgase ist für die Klimaneutralität möglich. Letztlich spricht man von der Netto-Null. Die Atmosphäre wird nicht durch zusätzliche Klimagase belastet.

Photo by Mika Baumeister on Unsplash

In den Medien wird Klimaneutralität momentan sehr stark diskutiert. Gerade für Unternehmen scheint es erstrebenswert zu sein, als klimaneutral aufzutreten. Etliche große Unternehmen haben inzwischen eine Bestätigung, klimaneutral zu sein. Dass dies nur durch die Kompensation von Treibhausgasen funktioniert, ist klar. Ist dies nun reine Kosmetik, oder bringt es für das Klima tatsächlich etwas? Um ein Unternehmen klimaneutral zu bringen, braucht es zuerst genaue und aufwändige Analysen, um die Menge an CO2-Emissionen zu bestimmen, die durch die Unternehmenstätigkeiten entstehen. Schon alleine dieser Prozess scheint mir sehr wichtig zu sein. Im Prinzip ist dieser Vorgang mit einer Buchhaltung zu vergleichen. Erst wenn man weiß, wo man steht, kann man auch zielgerichtet optimieren.

Geht das auch für Privatpersonen?
Ja natürlich. Der Ablauf ist ähnlich, aber mit viel weniger Aufwand verbunden. Für Herrn und Frau Österreicher gibt es zur Bestandserhebung der Emissionen den CO2-Rechner:

https://www.CO2-rechner.at/#/start

Dieser Rechner ermittelt näherungsweise (und vor allem mit sehr wenig Eingabeaufwand) die persönlichen, jährlichen Treibhausgasemissionen. Der Durchschnitt eines jeden Österreichers liegt bei 12,8 Tonnen CO2. Der Rechner gibt für die Bereiche Wohnen, Konsum und Mobilität Zwischenergebnisse und Tipps für die eigene Reduktion an. Wer Klimaneutral sein will, kann an dieser Stelle überlegen, welche Optimierungspotentiale umsetzbar sind und dann ein Projekt suchen, um den Überschuss an Emissionen zu kompensieren.

Die BOKU Wien bietet beispielsweise gute Projekte für die CO2-Kompensation an. Hier werden Klimaschutzprojekte meist im globalen Süden unterstützt. Dadurch spendet man zusätzlich zur Kompensation noch in sozial gut durchdachte Initiativen in Ländern, die ohnehin vom Klimawandel stark betroffen sind.

https://klimaneutralität.boku.ac.at/CO2-kompensation/

Ein weiteres Beispiel für eine solche Kompensation bietet der deutsche Verein 3 Fürs Klima:

https://www.3fuersklima.de/

Der Name 3 Fürs Klima bezieht sich auf die 3 Schritte, die man laut der Idee des Vereins für eine Klimaneutralität angehen sollte:

1 – Fußabdruck reduzieren
2 – Rest Kompensieren
3 – Handabdruck vergrößern

Was 1 und 2 bedeuten, ist klar, mit Handabdruck vergrößern ist gemeint, dass man zusätzlich andere Leute für ein solches Vorhaben begeistert und diese auf dem Weg zur Klimaneutralität „mitnimmt“.

Eine solche Kompensation kostet etwa € 15,- bis € 25,- je Tonne, abhängig vom zu fördernden Projekt. Wer schon sehr klimaschonend lebt, der kommt in Österreich auf etwa 5 bis 6 Tonnen CO2. Das macht also jährlich etwa € 75,- bis € 150,- aus. Das Geld ist gut investiert, da ja sowohl sozial, als auch klimatechnisch gute Projekte angeboten werden – z.B. Aufforstungen in Nepal oder Äthiopien. Außerdem sind die Spenden teilweise auch noch von der Steuer absetzbar. Dass die Projekte außerhalb von Österreich liegen, finde ich persönlich völlig unproblematisch, ist doch auch der Klimawandel ein globales Thema. Unsere Emissionen wirken sich doch sowieso vor allem im globalen Süden aus.

Michael Bilharz, Gründer und Vorstandmitglied von 3 Fürs Klima schreibt in der Zeitschrift Futurzwei zu diesem Thema: „Wenn mir Klimaschutz wirklich wichtig ist und ich heute mit einer infrastrukturellen Überarbeitung des Alltags und einer kleinen Spende meine kompletten CO2-Emissionen vermeiden kann, welchen Grund solle es geben, das nicht zu machen?“

https://www.derstandard.at/story/2000126238607/klimaneutral-werden-ohne-greenwashing-so-koennte-es-gehen

Noch ein Wort zur persönlichen Reduktion von Treibhausgasemissionen. Ideal scheint es nicht zu sein, alle „1000 Ökotipps“ abzuarbeiten, sondern auf wenige große, aber wirksame Strukturänderungen zu setzen. Aus meiner Sicht sind dies beispielsweise: Wärmedämmung (wenn möglich), Bezug von zertifiziertem Ökostrom, Nutzung öffentlichen Verkehrs oder Carsharing. Im CO2-Rechner kann man die Auswirkungen von solchen Maßnahmen wunderbar simulieren. Der Vorteil dieser Strategie ist, dass nach deren Umsetzung Klimaschutz in erheblichem Ausmaß und im täglichen Leben von alleine passiert.

In einem Vortrag habe ich vor kurzem eine interessante Aussage des Potsdam Institut für Klimafolgenforschung gehört: 20% der notwendigen Reduktion von Treibhausgasen können durch individuelle Verhaltensänderungen geschafft werden. Der Einfluss eines jeden Einzelnen ist also doch recht groß.

Mir ist klar, dass der/die Einzelne nicht alleine das Klima retten kann. Ich bin aber überzeugt, dass alle ihren Beitrag im Rahmen der Möglichkeiten und im eigenen Verantwortungsbereich leisten können. Damit meine ich nicht nur Privatpersonen, sondern genauso Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik. Auf politischer Ebene ist der Hebel natürlich am größten. Die Rahmenbedingungen für die Reduktion der Treibhausgase müssen ganz „oben“ gesetzt werden. Der Gemeinderat der Gemeinde Inzing hat in seiner Sitzung am 12.5. beschlossen, eine Klimabilanz für das gesamte Dorf erstellen zu lassen. Ziel soll es sein, die Kategorien mit den größten CO2-Emittenten zu finden. Daraus sollen Maßnahmen abgeleitet werden, um den CO2-Ausstoß sukzessive zu reduzieren. Es bleibt sehr spannend, in welchen Bereichen (Mobilität, Wohnen, Betriebe, Landwirtschaft) es gelingt, sinnvolle Maßnahmen zu setzen. Vielleicht kann Inzing Vorreiter werden und schon frühzeitig den Weg in Richtung Klimaneutralität einschlagen.

Ein Buchtipp noch an dieser Stelle:

Frank Schätzung – Was, wenn wir einfach die Welt retten? Handeln in der Klimakrise.

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Peter Oberhofer

Peter Oberhofer

Peter ist seit Ende 2012 Redaktionsleiter der DZ. In Inzing ist er bei der Klimabündnisgruppe und bei der Gemeinderatsfraktion juf engagiert. Umwelt- und Klimaschutz, Energiesparen, öffentlicher Verkehr sind ihm ein wichtiges Anliegen.

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