28. September 2021
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Sternbild Lyra

© VitoTech
Lesedauer ca. 8 Minuten

Jede Nacht überspannt uns ein Zelt, aus dunklem Samt gewoben und von trilliarden Lichtern durchwirkt. Seit Urzeiten regt dieses kühle Funkeln unser Suchen und Fragen an. Wie in einem gigantischen Bilderbuch finden wir dort oben die Abbilder der Protagonisten aus Erzählungen, deren Autoren selbst längst zu Staub zerfallen sind. Ein jedes Sternbild hat seine Geschichte, ist konservierte Erzählkunst. Hier soll dazu eingeladen werden, einige dieser himmlischen Piktogramme zu entstauben und sich von ihnen auf eine Zeitreise durch menschliches Träumen leiten zu lassen.

Einst gab es einen Musiker, dessen unvergleichlicher Gesang war von solchem Zauber, er vermochte damit selbst die Bäume zum Tanzen und die Steine zum Weinen zu bringen.
Man sagte sogar, dass die ältesten Platanen und Olivenbäume Griechenlands deshalb einen solch verdrehten Wuchs hätten, weil sie noch immer in ihrer Verzückung verharrten.

Orpheus – so lautete der Name des Wunderkindes.

Und schon zu seiner Geburt war er in aller Munde: Seine Mutter sei eine Muse gewesen – und zwar die älteste und weiseste ihrer acht Schwestern: Kalliope. Über Orpheus Vater aber wurde gemunkelt, es sei niemand geringeres als der große Gott Apollon höchstselbst.
Kaum war der Knabe entbunden, wurde vom Busen seiner Mutter gehoben und in die Wiege gebettet, da erschien der strahlende Apoll und legte, stille Zärtlichkeit ins Gesicht gemalt, eine Leier an der Schlafstatt des Kindes nieder.

Keine gewöhnliche Lyra sei dies gewesen, sondern ebenjenes Instrument, welches Apollon einst selbst von seinem Bruder Hermes geschenkt bekommen hatte.
Der wache Geist des trickreiche Hermes war es auch, dem die Lyra entsprang: Der Gott erfand sie und war somit der Erste, der zum lieblichen Klang ihrer Saiten sang.
Nun wurde Orpheus zum dritten – und letzten – Besitzer jener Lyra, die aus dem Panzer einer Schildkröte und den Hörnern eines Rindes gezimmert worden war.

Apollon lehrte den heranwachsenden Orpheus alsbald persönlich auf ihr zu spielen – und nicht lange, da war der Schüler seinem Meister beinahe ebenbürtig: Kein Sterblicher nach ihm sollte ein Musikinstrument je wieder so zu beherrschen wissen, wie Orpheus es tat.
In Wahrheit aber war es stets sein unvergleichlicher Gesang gewesen, der den Heroen zu seinen wunderlichsten Taten befähigte: So lockten bereits die erhabenen Klänge seiner jugendlichen Kehle die wilden Tiere des Waldes, die sich plötzlich bar aller Scheu zu Füßen des Singenden legten und friedlich lauschten.
Und als Orpheus später in die Reihen der Argonauten eintrat, bewahrte er die hochkarätige Crew allein durch die Kraft seiner Stimme vor dem sicheren Tod.
Auf der langen Irrfahrt nach Kolchis durchsegelte die Argo auch die gefürchteten Gewässer der Sirenen. Diese mystischen Töchter des Meeres – die Sache ist wohlbekannt – wussten unvorsichtige Schiffer mit ihrem zauberhaften Gesang über Bord zu locken, hinein in den Bauch der See, wo sie von den Sängerinnen in Stücke gerissen und anschließend verschlungen wurden.
Als die Argonauten nun ihre Insel passierten, erklang schon bald der unwiderstehliche Singsang der Sirenen – Ein süßes Versprechen der Heilung aller Wunden und Sehnsüchte!

Selbst der große Herakles war im Nu ergriffen und stand mit einem Fuß schon sprungbereit an der Schiffskante, als Orpheus zu seiner Lyra griff und ebenfalls die Stimme erhob. Ganz alleine und mit unerhörter Mühelosigkeit übertönte er den zauberhaften Lügenchor der Männerfresserinnen, brach ihre Magie und löste die Fesseln der verzückten Blindheit von den Seelen seiner Kameraden.


Es war ungeheuerlich – noch nie war ein solches geschehen! Noch nie wurden die Sirenen ihrer sicheren Beute beraubt, nie zuvor gab es eine Stimme die noch schöner war als die ihre!Und die Geschöpfe ertrugen es nicht: Wie es auch die Sphinx tat, als Ödipus sie ihrer Macht beraubte, stürzten sich die Wasserhexen voller Zorn oder blankem Entsetzen von ihren Felsen in den Tod.
Allerdings müssen immer noch mindestens zwei von ihnen am Leben gewesen sein, als Odysseus viele Jahre später dieselben Gewässer durchschiffte. Aber auch dem listenreichen König von Ithaka gelang es, seine Mannschaft vor den Verführungskünsten der Sirenen zu bewahren – wenn auch nicht mit derselben Eleganz wie Orpheus es tat: Er hieß seiner Crew, sich die Ohren mit Wachs zu verstopfen.

Zu seinen Lebzeiten war Orpheus als jener grandiose Musiker und später auch Lehrer und Religionsstifter bekannt, doch uns, die wir so fern seiner Gesänge geboren wurden, ist er vor allem für eines bekannt: Seiner unermesslichen Liebe zur Nymphe Eurydike.
Orpheus traf sie, nachdem er die Argonauten verließ und musizierend und feiernd durch die Lande zog. Sofort verliebten sich die beiden und führten eine stürmische Beziehung voll leidenschaftlicher Begierde. Es war die Zeit, da die Musik des Orpheus vor Lebensfreude und Tanzlust schier überquoll. Ewig schien seine Heiterkeit zu währen, unermüdlich teilte er sie mit der Welt und ließ die Strahlen seines musischen Talents selbst durch die Gewitterwolken der schwersten Gemüter brechen.

Eines Morgens lag Eurydike nach einer durchtanzten Nacht im hohen Gras am Saume eines Waldes und ruhte im Schatten der nahen Bäume. Eine duftende Brise trug die kühle Luft vom Meer herbei, vertrieb die aufkeimende Mittagshitze und gewährte der Schönen süßen Schlummer.
Eine Weile mag die Nymphe dort gelegen haben, als ein junger Hirtenknabe sie entdeckte.
Noch war er fern und vermochte sie nicht genau zu erkennen, doch von einer Ahnung ihrer Schönheit getrieben, näherte er sich der Schlafenden neugierig. Je näher er ihr kam, desto tiefer wurde er vom Anblick der Nymphe überwältigt.
Haltlos, ja beinahe irr geworden, polterte er die letzten Schritte auf sie zu, die Hände schon von fleischlicher Gier gestrafft suchend nach vorne eifernd.
Eurydike aber erwachte, fuhr hoch und, vom Lodern in den Augen des Burschen entsetzt, versuchte sie erschrocken zu fliehen.
Über die Felder, durch raschelndes Gras bahnte sie sich in Windeseile ihre Bahn, die flehenden Bittrufe des Hirtenjungen im Nacken.
Ach, doch war es jene Hast, die das wahre Unheil vor aller Augen unter bunten Wildblumen und zwischen warmen Feldsteinen verbarg!
Barfuß wie sie war, fand Eurydikes Fuß den Leib einer Schlange, die, vom plötzlichen Schmerz erzürnt, hochfuhr und ihre giftigen Fänge in den weißen Knöchel der Unglücklichen trieb.
Die überraschte Eurydike mochte sofort geahnt haben, dass es um sie geschehen war. Der Pulsschlag, vom Spurt so schrecklich beflügelt, trieb das brennende Toxin schnell tief in alle Winkel ihres Körpers. Ein spitzer Schrei des Entsetzens war alles, was der schönen Nymphe noch blieb in diesem Leben.
Schon stürzte sie, schon entraffte der Hades ihr die Seele.
Der Hirtenknabe, schlagartig von seinem Trieb erlöst, suchte voller Furcht das Weite.
Es waren Eurydikes Freundinnen, die Dryaden, die ihren erkalteten Leib zwischen nickenden Mohnblumen entgeistert vorfanden.
Laut erhob sich nun das Klagen jener Nymphen und ergriff tief die Gemüter all derer, die es zu hören bekamen. Und, vom Klagechor gelockt, eilte endlich auch Orpheus herbei.
Doch den Anblick der Verstorbenen – er ertrug ihn nicht.
Armer Orpheus! Selbst die entsetzlichen Schreie seines berstenden Herzens, die bis an die höchsten Zinnen des Olymps empordrangen, waren trotz allem Schmerz der sie trug, noch immer unverkennbar die Kinder der schönsten aller Stimmen.
Orpheus akzeptierte es nicht.
Seine Wehklagen singend wanderte er Eurydike hinterher. Nahm dieselben Pfade, die auch sie nun begehen musste. Bis an die südlichste Spitze der Peloponnes, dem Tainaron, trieb ihn seine glücklose Reise.
Dort fand der Klagende sie – die Pforten ins dunkle Reich des Hades und stieg hinab in dessen Schatten, nur seiner Stimme und seiner Lyra vertrauend.
Als er an den Ufern des grässlichen Styx an Charon, den Fährmann, herantrat, war dieser vom vorauseilenden Lied des Orpheus bereits derart gerührt, dass er ihn nicht nur übersetzte, sondern seine düstere Schaluppe erstmals seit Äonen verließ und dem Singenden hinterherging, um weiterhin zu lauschen.
Es füllte nun der Gesang des Trauernden die Hallen des Todes. Kerberos, der Höllenhund, hörte auf zu bellen, Sisyphos setzte sich zu tiefst gerührt auf seinen Stein, Tantalos vergaß allen Hunger und Durst und die Erinnyen ihren Zorn. All die Toten und ihre Richter – sie lauschten.
Sie lauschten und weinten.
Da stand er nun, Orpheus, der kein großer Krieger war, bloß ein Sänger, ein Lebender unter tausenden Toten, vor den Herrschern des Totenreichs.
Dort stand er und sang sich die Seele aus dem Leib. Warf all seine Kunst, all seinen Schmerz, all sein Flehen dem Hades und seiner Gattin Persephone zu Füßen.
Und Orpheus gelang, was keinem vor ihm gelang: Er erweichte die Herzen der Herrscher einer Welt, die jenseits des Lebens lag. Es war Persephone, die mit tränenbenetzten Händen nach Eurydike winken ließ, während Hades, den Blick zur Seite gerichtet, stumm weinte.
Eurydike kam. Und ja: Orpheus dürfe zurück an die Oberfläche kehren, die Geliebte dicht hinter ihm. Doch es gab eine Bedingung, die auf jeden Fall eingehalten werden musste: Unter keinen Umständen dürfe Orpheus seinen Blick auf Eurydikes Seele richten – nicht, bevor sie die Unterwelt wieder verlassen hätten. Erst dann stünde es ihm frei, unter Lebenden den Blick auf Lebendes zu richten.
Denn letztendlich ist es die Betrachtung der Lebenden, die dem Tod jene grausame Macht gibt uns unsere Geliebten zu entziehen. Erst durch unseren Blick auf den Schleier, durch die Konfrontation mit der Sterblichkeit und seiner letztlichen Konsequenz wird eben jene Trennung zwischen Sein und Nicht-mehr-Sein in die Existenz gerufen – mit unbarmherziger Endgültigkeit.
Nicht einmal die Götter vermögen daran etwas zu ändern.

Welche üblen Geister also mussten es gewesen sein, die Orpheus dazu trieben, sich kurz vor dem Ende doch noch nach Eurydike umzusehen? Irrwitz? Sorge? Oder schlicht das menschliche Unvermögen, den Tod zu überwinden?
Nur noch wenige Schritte wären es gewesen, die ihn und Eurydike von der Oberwelt trennten. Schon hatte sich das warme Sonnenlicht auf die Schulter des Sängers gelegt, als er doch noch den Kopf über die Schulter wandte um ins geliebte Antlitz seiner Eurydike zu blicken – die seinem Blick mit stummem Entsetzen entgegnete.
Sogleich war Hermes zur Stelle, der Führer der Seelen, legte Eurydike die Hand an den Arm um streng, doch mit grenzenlosem Mitgefühl im Gesicht, ihren Geist zurück in die Schatten zu führen. Nur noch ein Hauch hatte sie vom Leben getrennt, eine unüberwindbare Unendlichkeit. Dieses Mal gab es kein Zurück für Orpheus. Tausendfach um Vergebung und Nachsicht flehend stürzte er Hermes hinterher, zurück in den Schlund der Unterwelt.

Doch am Ufer des Styx fand seine Müh‘ ein jähes Ende: Nicht alles Betteln und Flehen, noch alle verzweifelte Musik konnten den Fährmann Charon ein zweites Mal erweichen. Er würde Orpheus erst dann wieder übersetzten, wenn er ihm dereinst selbst als Toter gegenüberstehen würde.

Der schluchzende und zeternde Musiker wurde zurück an die Oberwelt geschickt.
Und Eurydike war verloren.

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Orpheus wurde seines Lebens nicht mehr froh. Nur noch Klagelieder flossen über seine Lippen, er grollte den Göttern, mied die Frauen und scharte nur noch Jünglinge um sich.

Diese weihte er in die Geheimnisse der Unterwelt und ihrer Götter ein, berichtete von seinem Gang in den Tod und gründete eine neue religiöse Strömung. Seine Anhänger verzichteten unter anderem auf den Verzehr von Fleisch – eine gezielte Provokation gegen die Götter des Olymps, denn es war Teil der kultischen Riten das Fleisch eines Opfertiers ihnen zu Ehren zu verzehren.
Manche behaupteten daher, es war Zeus, der Orpheus schließlich aus diesem Grund mit einem Blitz erschlug.

Doch die ältesten Geschichten vom Ende des Musikers wissen um eine andere Version:
Es waren die Frauen Thrakiens, Anhängerinnen des Dionysos, die das ewige Gejammere des Orpheus nicht mehr ertragen mochten. Außerdem sollen sie erzürnt gewesen sein, dass der schöne Sänger nunmehr Männer den Frauen vorzog.
In einer Art Raserei attackierten sie den wehrlosen Orpheus, rissen ihn in Stücke und warfen die Leichenteile ins Meer. Seinen Kopf aber nagelten sie an dessen treue Leier, bevor sie ihn von den Klippen schleuderten.
Und noch immer hörte das Haupt des Orpheus nicht auf, von Eurydike zu singen. Das Meer trieb ihn schließlich, unermüdlich singend, nach Delos, der Geburtsinsel seines Vaters Apollon, wo dieser ihn entgegennahm.
Ergriffen vom Leidensweg seines Sohnes und überzeugt davon, dass es nie wieder einen würdigeren Spieler für dessen Lyra geben würde, versetzte er sie als Sternbild an den Sommerhimmel. Den Kopf aber, der in den Armen seines Vaters endlich Ruhe fand, ließ man bestatten. Es heißt, der Gesang jener Nachtigallen die an seinem Grab nisten, sei von unvergleichlicher Kraft und Schönheit.
Und von Wanderern und Hirten, die sich nahe Orpheus‘ Ruhestätte zu einer Rast niederließen, hieß es, sie konnten in ihren Träumen des Musikers Lieder hören, die noch immer aus der Unterwelt nach oben streben.

INFOBOX:
Der Hauptstern des Sternbildes Lyra trägt den Namen Vega und gilt als einer der hellsten Sterne des Nordhimmels. Im Sommer ist das kleine Sternbild besonders gut sichtbar.
Tatsächlich gab es im antiken Griechenland eine religiöse Strömung der sogenannten „Orphiker“, die von sich behaupteten, im Besitz der geheimen Lehren des Orpheus zu sein. In diesen wurde unter anderem offenbart, wie die eigene Seele nach dem Tod die Erinnerungen an das vergangene Leben bewahren konnte.
Um dem Vergessen zu entgehen, musste man sich an gewisse rituelle Anweisungen und Handlungen halten, um dann nach dem Tod aus dem Fluss Mnemosyne („Gedächtnis“) trinken zu können, der durch den Hades floss – ehe man per Losentscheid einer neuen Existenz zugeteilt und wiedergeboren wurde.
Den „uneingeweihten“ Toten wurde stattdessen das Wasser des Nachbarflusses Lethe („das Vergessen“) zugeführt.
Mnemosyne war übrigens, wie alle mythischen Flüsse der Griechen, gleichzeitig auch eine Gottheit und gemeinsam mit Zeus die Mutter der Musen.
Für alle, die sich nun selbst gerne auf die Suche nach den Sternbildern machen möchten, empfehle ich die App “Star Walk 2” für Smartphones und Tablets, oder eine klassische, drehbare Sternenkarte aus Karton. Ansonsten kann man auch über folgenden Link völlig kostenfrei über den Himmel navigieren!

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Pascal Takes

Pascal Takes

Pascal trat dem Team im November 2019 bei. In Inzing ist er außerdem Mitglied des Kulturvereins und Mitarbeiter in den Kinder- und Jugendbetreuungseinrichtungen. Besonders interessiert er sich für Sprachen, Evolutions- und Kulturgeschichte. Eine Welt ohne Halbwissen wäre Pascal's Überzeugung nach einer Welt ohne Hass. Im Dienste dieser Überzeugung versucht er wirksam sein.

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