22. Mai 2022
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Mobilität heute und morgen

Lesedauer ca. 8 Minuten

Wohin wird sich die Mobilität in naher oder mittelfristiger Zukunft entwickeln? Wird es zu drastischen Veränderungen kommen müssen oder wird man versuchen, den Status Quo mit vor allem privaten Autos beizubehalten? Hier ein Versuch, ein mögliches Szenario zu zeichnen und zu zeigen, was heute schon Realität ist.

Wie bereits im Blog berichtet, hat die Gemeinde Inzing eine Klimabilanz durch das Klimabündnis Österreich erstellen lassen. Klar ist, dass vor allem in den beiden Bereichen Verkehr und Heizen die Verbrennung von fossilen Treibstoffen immer noch dominant ist. Um die Klimaziele nur annähernd zu erreichen, ist ein Umstieg auf erneuerbare Energieformen unerlässlich.

Der aktuelle IPCC Bericht über die von der Wissenschaft geforderten Maßnahmen ist im Folgenden von derstandard fein in einem Video zusammengefasst. Auch hier ist die Quintessenz, dass wir die Verbrennung von fossilen Treibstoffen drastisch und so schnell wie möglich reduzieren müssen. Der CO2-Gehalt in der Atmosphäre beträgt inzwischen bereits 420 ppm. Laut IPCC ist lediglich ein Gehalt von 430 ppm noch zulässig, um das Klimaziel von 1,5°C einzuhalten. Bei unverändert hohen Emissionen wird dieser Wert bereits in den nächsten 10 Jahren erreicht sein. Die kommenden Jahre werden also entscheiden, wohin die Menschheit den Planeten Erde steuert.

https://www.derstandard.at/story/2000134651594/ipcc-bericht-so-kann-die-erderhitzung-eingedaemmt-werden

Leider führt uns der schreckliche Krieg und die damit verbundene Energieteuerung zusätzlich vor Augen, dass unsere Regierungen die letzten beiden Jahrzehnte völlig verschlafen haben. Wie schön wäre es, wenn wir schon heute von Öl und Gas weitgehend unabhängig wären.

Da wir nicht von heute auf morgen alle privaten Autos auf Elektroantrieb, Wasserstoff oder sonstige CO2-neutrale Formen umstellen können, werden wir sukzessive vorgehen und vor allem auf mehreren Schienen parallel agieren müssen. Mir ist auch klar, dass nicht jede Autofahrt ersetzt werden kann und muss, aber alternativlos ist die Autonutzung bei weitem nicht.

Fünf Verkehrsmöglichkeiten mit nachhaltigem Antrieb möchte ich hier kurz anreißen.

Öffentlicher Verkehr

Durch die wunderbare Anbindung in Inzing an die S-Bahn nach Innsbruck oder Telfs können sicherlich sehr viele Wege mit der Bahn erledigt werden. Dass dies tatsächlich schon jetzt so ist, lässt sich bestätigen, da ca. 900 Inzinger:innen bereits ein VVT-Jahresticket besitzen. Die aktuellen Energiepreise lassen vielleicht sogar diesen Anteil noch ansteigen.

“…ich komme mit Leuten ins Gespräch…”

Alexander Jäger

Alexander Jäger und Johann Jenewein pendeln täglich mit dem Zug nach Innsbruck. Sie berichten beide in gleichem Ton über das Zugpendeln. Alexander Jäger: „Meine Fahrt mit dem Zug nach Innsbruck ist oft zeitlich kürzer, als wenn ich mit dem Auto fahren würde und die Parkplatzsuche bleibt mir erspart. Ich fahre gerne mit dem Zug, weil ich da entspannt am Zielort ankomme und oft mit Leuten ins Gespräch kommen kann. In letzter Zeit fahren so viele Personen mit dem Zug, dass allerdings die Sitzplätze oft knapp werden.“

“…bedeutet für mich eine entspannte Fahrt…”

Johann Jenewein

Und Johann Jenewein: „Pendeln mit der Bahn bedeutet für mich eine entspannte Fahrt nach Innsbruck, die mit einem kurzen Fußweg zum Bahnhof in Inzing beginnt und mit einem Fußmarsch von 18 Minuten ins Büro in Innsbruck endet. Es gibt keine Parkplatzprobleme und ist insgesamt kostengünstiger als mit dem Privatauto. Den Stoßzeiten mit sehr vollen Zügen versuche ich eher zu entkommen, was durch meine flexible Arbeitszeit leicht möglich ist.“

Fahrrad, Lastenräder und Transportanhänger

Vor allem Fahrten innerhalb des Dorfes können mit dem Fahrrad (oder natürlich auch zu Fuß) zurückgelegt werden. Wenn man etwas transportieren muss, helfen Lastenräder oder Räder mit Transportanhängern. Ich durfte für ein paar Tage ein hochwertiges elektrisch betriebenes Lastenrad testen. Ich war begeistert von den Möglichkeiten des Laderaumes. Durch die Elektrounterstützung ist es auch sehr leicht möglich, die Kohlstatt oder den Mühlweg mit viel Gepäck auf dem Fahrrad zu bezwingen. Das macht sogar riesig Spaß. Die Turbounterstützung treibt einem ein Lächeln ins Gesicht, selbst bei größeren Steigungen.

…das e-Lastenrad wird mit rund € 1.000,- gefördert…

Sebastian Falkner

Sebastian Falkner besitzt seit letztem Jahr ein Lastenrad. „Seit wir das Lastenrad haben, müssen wir keine Wege mehr im Dorf mit dem Auto zurücklegen“, sagt er begeistert und weiter: „das tolle ist auch, dass der Ankauf eines e-Lastenrades mit rund € 1.000,- sehr gut gefördert ist.“

Mit diesem Lastenrad ist Sebastian Falkner und seine Familie unterwegs,
Zwei weitere Lastenradmodelle. Links ohne Motor, rechts inklusive Unterstützung.

Aus meiner Sicht macht ein Lastenrad für mehrere Familien gemeinsam sehr viel Sinn. Ein Lastenrad braucht man nicht jeden Tag und bei guter Planung lassen sich Wocheneinkäufe sicher gut terminlich aufteilen. Auch der Stellplatz ist wahrscheinlich bei Nutzung durch mehrere Familien leichter zu bewerkstelligen.

Auch Kinder lassen sich wunderbar mit einem Lastenrad von A nach B bringen. Das macht allen Spaß. Evelyn Gruber mit Sohn und Nichte.

Aber nicht nur Lastenräder, auch Fahrradanhänger sind eine großartige Möglichkeit, Dinge auf kurzen Strecken zu transportieren. Auch die Kombination mit einem e-Bike macht hier noch mehr Spaß. Ich selber mache meine Wege z.B. zum Recyclinghof oder zum Einkauf seit einigen Jahren mit dem Transportanhänger. Vor allem für Strauchschnitt, Bauschutt oder sonstige dreckige Güter ist das ideal. Nach dem Transport muss ich nicht das Auto sauber machen. Ich mag es, mit dem Rad Dinge zu transportieren, es hält mich fit und es ist gut für die Umwelt.

Transportradausstellung bei der Radserviceaktion der Klimabündnisgruppe am 2. April.

Nähere Infos zur Förderung auf der folgenden Seite:

Foerderungsaktion E-Mobilitaet fuer Private 2022: Umweltförderung Kommunalkredit Public Consulting (umweltfoerderung.at)

Es gibt in Inzing eine ganze Menge Leute, die mit dem Fahrrad in die Arbeit pendeln – auch nach Innsbruck oder Telfs, teilweise auch ganzjährig. Das ist klarerweise nicht für jede:n die passende Art zu pendeln, aber für manche die perfekte Möglichkeit in den Tag zu starten.

… ohne irgendeinen Stress zu Hause ankommen …

Simon Pfandler

Simon Pfandler fährt tatsächlich das ganze Jahr mit dem Rad nach Innsbruck und sieht es aus einem interessanten Blickwinkel: „Ich fahre mit dem Fahrrad in die Arbeit, da die Schneeräumung auf den Radwegen inzwischen gut funktioniert fast täglich, auch bei Wind, Regen und Schneefall. Für die Strecke benötige ich zweimal 45 Minuten. Diese Zeit hilft mir, mich geistig von der Arbeit zu lösen und ohne irgendeinen Stress zu Hause anzukommen. Zusätzlich bleibt noch genügend Zeit, meine Gedanken schweifen zu lassen und ich kann anstehende Probleme schon am Weg zur Arbeit im Kopf aufarbeiten. Mit Öffis würde ich pro Strecke 10 Minuten schneller sein, mit dem Auto bräuchte ich vermutlich sogar nur die halbe Zeit. Könnte ich mit dem Auto also eine Dreiviertelstunde Zeit einsparen? Nein im Gegenteil, es würde mir täglich eineinhalb Stunden Zeit stehlen. Zeit nur für mich und meine Gedanken!“

Carsharing mit Elektroautos

Ideal ist Carsharing nur dann, wenn man unkompliziert und flexibel Zugang zu einem Carsharing-Auto hat. Wenn dies gegeben ist, dann ermöglicht Carsharing große Freiheiten. Für mich wäre der große Vorteil, dass man kein Auto mehr selbst besitzen muss. Die Kosten für den reinen Besitz, ohne das Fahrzeug zu bewegen, würde man damit deutlich reduzieren. Natürlich braucht es ein wenig an Vorausplanung, wenn man gänzlich auf das eigene Auto verzichten will.

Foto: pixabay

… alle Standorte in ganz Tirol nutzen …

Evelyn Gruber

Evelyn Gruber nutzt das Carsharing in Zirl und Telfs und ist grundsätzlich sehr davon angetan: „Wir als Familie nutzen das Flomobil seit Jahren immer wieder, meistens – aufgrund der Nähe – die Standorte in Zirl oder in Telfs. Besonders praktisch finden wir, dass sich die Kombination Öffi-flomobil so gut nutzen lässt, da man als Mitglied alle Standorte in ganz Tirol nutzen kann. Die Anmeldung (sowie die spontane Verlängerung oder ein Storno) funktioniert problemlos, die Ausleihe ebenso. Wir finden, dies ist ein wegweisender Dienst der Gemeinde im Rahmen des Klimaschutzes an ihre Bürger:innen.“ 

Der direkte Zugang eines Mietautos direkt in Inzing würde meiner Meinung nach das Ausleihen noch um einiges erleichtern.

Auch der VVT bietet nun eine übergeordnete Carsharing-Plattform für viele Verleihstationen in ganz Tirol an. Details hier:

Carsharing mit dem VVT • Verkehrsverbund Tirol

Der Autoverleih mit dem VVT kostet für Jahreskartenbesitzer nur € 4,- pro Stunde, ohne weitere kilometerabhängige Zusatzkosten. Das finde ich preislich äußerst interessant.

Mitfahrgelegenheiten

Dort, wo Autofahrten unerlässlich sind, wäre es von immensem Vorteil für das Klima, wenn nicht jedes Auto nur mit einer Person die gleiche Strecke zur gleichen Zeit zurücklegt. Durch Bündelung mit Mitfahrgelegenheiten spart man ganz leicht zumindest die halben (oder mehr) Kosten und Emissionen. Ein Anreizsystem für Mitfahrsysteme ist ummadum. Dies funktioniert so, dass beispielsweise die Gemeinde oder ein Betrieb sogenannte Mobilitätspunkte kauft. Diese bekommen die Teilnehmer von Mitfahrgemeinschaften als Belohnung für das „Zusammenfahren“ gutgeschrieben. Die Punkte können dann im lokalen Handel für Einkäufe genutzt werden.

Mehr Infos:
💚 ummadum • dein Weg lohnt sicht • der Beginn einer Bewegung, die nicht aufzuhalten ist.

Elektromopeds

Hierzu weiß ich wenig. Nur so viel, dass dies vermutlich für jene, die weder mit den Öffis, noch mit dem Fahrrad fahren wollen, eine sehr feine, umweltfreundliche Alternative darstellen kann. Elektromotoren sind äußerst wartungsarm, leise und sauber.

… mit frischem Wind unterm Visier …

Christian Wieser

Christian Wieser fährt seit einiger Zeit mit dem e-Roller in die Klinik. Er berichtet, wie es ihm damit ergeht: „Seit vier Jahren fahre ich, sofern die äußeren Bedingungen passen (mindestens 7° C, halbwegs trocken und nicht bei Dunkelheit), mit meinem Elektro-Roller (Führerscheinklasse L3e, analog 125ccm) zur Arbeit. Also ca. von Ende April bis Anfang Oktober. Die 20 Minuten bis zur Klinik sind eine wunderbare Gelegenheit, stressfrei und mit frischem Wind unterm Visier über die vor mir liegenden Aufgaben des Tages noch einmal nachzudenken. Denn auf meiner Route Unterperfuß – Kematen – Völs ist zu meiner Startzeit (ca. 6 Uhr 30) fast nichts los. Und im Sommer gehen sich immer ein paar Tage mit kurzer Hose und Schlappern aus. Das Feeling, bei 30° und Nachmittagssonne heimzucruisen, ist schon ziemlich geil. Ca. alle 100 km – entspricht 3x Innsbruck und retour – lade ich mein Baby über Nacht auf, was nach aktuellem Strompreis ca. 1 € kostet.
Fazit: billig im Betrieb, nahezu lautlos und ohne einen Tropfen Öl/Benzin/Diesel. Ob sich der relativ hohe Neupreis (im Vergleich zu einem „Verbrenner“) dann irgendwie amortisiert, kann ich nicht abschätzen. Mir ging es einfach um eine ökologisch saubere Variante, mit der ich doch individuell und flexibel unterwegs bin.“

Auch der Ankauf von e-Mopeds wird vom Bund gefördert. Infos siehe Link weiter oben.

Fazit

Mir ist klar, dass jede dieser Varianten sowohl Vor- als auch Nachteile bietet. Würden in Inzing alle fünf Varianten verfügbar sein (vor allem zusätzlich auch Carsharing und Mitfahrangebote) und würde man den jeweiligen Weg mit jener Variante zurücklegen, die auch für die Umwelt am idealsten erscheint, wären wir bei der Umstellung von fossilen Treibstoffen auf erneuerbare Energieformen schon einen bedeutenden Schritt weiter. Die Anzahl der individuellen Autofahrten ließe sich drastisch reduzieren. Ich glaube, der Mix macht es aus. Ich denke dran, dass ich bei gutem Wetter mit dem Lastenrad nach Zirl zum Spar oder Hofer fahren kann, um den Wocheneinkauf zu machen. Ich denke ebenfalls daran, dass ich den täglichen Weg in die Arbeit wunderbar mit dem Zug, dem Elektromoped oder dem Rad zurücklegen kann. Wenn ich am Wochenende zu einer Schitour oder Wanderung mit dem Auto anreisen möchte, dann nehme ich mir das Carsharing-Mobil, das im Dorf vorhanden ist.

Würden durch diese flexiblen Varianten tatsächlich Autofahren vor allem innerhalb des Dorfes eingespart werden, würde die Luft besser, der Lärm würde zurückgehen und es wäre um einiges sicherer auf den Wegen durch Inzing. Das klingt doch verlockend, oder?

Mit Corona, Krieg und dem Klimawandel durchleben wir gerade mehrere große Krisen. Schaffen wir es endlich, die richtigen Schlüsse draus zu ziehen?

Dass die Lage ernst ist, beschreibt dieser Artikel über drohende Kippeffekte auf orf.at:

https://orf.at/stories/3254984/

Die Regierung hat gegenüber der Energieteuerung schnell reagiert und unter anderem die Pendlerpauschale erhöht. Ob dies ein richtiges Zeichen ist, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Erstens profitieren Besserverdiener mehr von dieser Erhöhung als Leute, die weniger verdienen und zweitens werden auch Autopendler belohnt, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren könnten. Eine Interessante Diskussion zu diesem Thema:

https://www.derstandard.at/story/2000134397244/millionen-fuer-pendler-wichtige-hilfe-oder-bauchpinseln-fuer-autofahrer

Und abschließend noch ein Artikel, den ich recht spannend finde:

https://www.derstandard.at/story/2000134285282/warum-wir-nichts-gegen-die-klimakrise-tun-obwohl-wir-es?ref=article

Nachsatz: Es ist geplant, in Inzing in zwei Workshops Ziele und Maßnahmen für eine klimafitte Zukunft zu erarbeiten. Ich möchte hier nicht den geplanten Workshops vorgreifen, sondern lediglich ein paar Gedanken zu umweltfreundlicher Mobilität skizzieren.

Alle Fotos: Peter Oberhofer, falls nicht anders angegeben.

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Peter Oberhofer

Peter ist seit Ende 2012 Redaktionsleiter der DZ. In Inzing ist er außerdem bei der Klimabündnisgruppe engagiert. Umwelt- und Klimaschutz, Energiesparen, öffentlicher Verkehr sind ihm ein wichtiges Anliegen.

Alle Beiträge ansehen von Peter Oberhofer →

Ein Gedanke zu “Mobilität heute und morgen

  1. Danke, Peter, für diese übersichtliche und anregende Zusammenfassung!
    Für Leute wie mich, in Pension, die also eher mehr Zeit haben, kann ich das Einkaufen zu Fuß mit so einem Einkaufswagerl sehr empfehlen. Nach einem Fehlkauf eines sehr kleinrädrigen Wagerls hab ich jetzt eines mit etwas größeren Rädern, das problemlos auf jedem Untergrund und in jedem Wetter auch ziemlich schwere Sachen wie mehrere Flaschen Bier, Wein, plus normalen Einkaufsmix aus Milch, Brot, Gemüse, Obst “schluckt” und sicher heimtransportiert. Schleppen war gestern! Ich tu mich schwer damit, mich extra aus Gesundheitsgründen zu Bewegung aufzuraffen, aber mit dem Rollwagerl zum M-Preis, Bauernladen oder sogar zum ab-Hof Einkauf beim Draxl in der Weidach geht es locker. Vielleicht probier ich es demnächst zum Hofer in Zirl!

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