27. Februar 2024
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Romedius Pilgerweg – 180 km von Thaur nach San Romedio / Teil 3

Lesedauer ca. 10 Minuten

Text: Johann Jenewein, Fotos: Irene und Johann Jenewein

Mit der verregneten und kalten achten Etappe über das Spronser Joch hatten wir den hochalpinen Teil des Romedius Pilgerweges hinter uns gelassen. Der weitere Weg durch den Meraner Talkessel, über den Gampenpass und hinein ins Trentino war konditionell nicht mehr so herausfordernd. Schließlich erreichten wir am zwölften Pilgertag unser ersehntes Ziel …

9. Etappe:

Mit einem einfachen, aber schmackhaften Frühstück auf der Bockerhütte begann der neue Tag. Es war Sonntag. Ideal für den Besuch der Sonntagsmesse in Meran.

Für den vorangegangenen Tag mit Nebel, Regen und Kälte wurden wir vollauf entschädigt. Der Morgennebel und die glitzernden Regentropfen an den Grashalmen wurden von der Sonne getrocknet. Sie verwöhnte uns den ganzen Tag.

Beim Schloss Auer, das im 13. Jahrhundert erbaut wurde, traten wir unvermittelt in einen neuen Abschnitt des Romedius Pilgerweges ein. Die rauen Tage im Hochgebirge lagen hinter uns. Stattdessen waren wir vom mediterranen Klima des Meraner Talkessels umfangen.

Auf dem Apfelweg kamen wir nach Dorf Tirol. Reihe an Reihe standen zu tausenden die früchtetragenden Bäume.

Nach dem Besuch der Sonntagsmesse in der Stadtpfarrkirche Meran schlenderten wir zum Kurpark. Dort ließen wir uns ein großes Stück Torte und einen guten Espresso schmecken.

Quer durch Straßen und Gassen stiegen wir nach Marling auf. Der letzte Blick auf Meran zeigte uns die Trabrennbahn, an der wir auf dem Weg durch die Stadt entlang gezogen waren.

Auf dem Marlinger Waalweg schritten wir, begleitet vom leisen Plätschern des Bächleins, wacker voran.

Nach einem kurzen Abstieg nach Lana ging es wieder aufwärts über einen steingepflasterten Hohlweg nach Völlan. Als wir bei der Pension Kofler eintrafen lag ein langer Tagesmarsch, der uns vom wunderbaren Wetter versüßt wurde, hinter uns. Wir ließen den Sonntag bei Kerzenschein und einem ausgezeichneten Abendessen stimmungsvoll ausklingen.

10. Etappe:

Der Weg von Völlan zur Ortschaft Unsere Liebe Frau im Walde begann ohne große Herausforderung. Er führte zu Beginn leicht ansteigend dahin. Als die Geländestufe immer steiler wurde, merkten wir wieder was es heißt 11 Kilogramm auf dem Rücken zu tragen. Die mühevollen 60 Minuten fuhren ordentlich in die Beine.

Nach dem steilen Aufstieg gelangten wir zum ersten Bergbauernhof im Weiler Platzers, einem Ortsteil der Gemeinde Tisens. Dort fragte uns der Bauer, wo wir mit den großen Rucksäcken herkommen. Auf unsere Antwort zu Fuß aus Nordtirol, meinte er spöttisch, ob wir nichts Besseres zu tun hätten. Als wir ihm erzählten, wir pilgern nach San Romedio, zollte er uns plötzlich größten Respekt.

Gampenpass eine Stunde? Das schaut gut aus. Da werden wir gerade rechtzeitig zur Mittagsrast hinkommen.

Die letzten 1 ½ km mussten wir der Gampenpassstraße folgen. Die Autos und Motorräder brausten ungebremst an uns vorbei. Dieses Tempo waren wir nach so vielen Tagen ohne Fahrzeug nicht mehr gewohnt. Exakt zur Mittagszeit kamen wir am Gampenpass an.

Das letzte Stück bis zum Wallfahrtsort Unsere Liebe Frau im Walde gingen wir auf dem Schöpfungsweg. Um 13:30 Uhr war unser Tagesziel erreicht. Wir waren überrascht, wie schnell wir diese Etappe, trotz teilweise mühevollem Aufstieg, hinter uns gebracht hatten.

Unsere Liebe Frau im Walde, wir waren von diesem Ortsnamen begeistert, ist vermutlich die älteste Siedlung in Deutschnonsberg, wie dieses Gebiet genannt wird. Bereits 1194 betreute ein Kloster ein Hospiz für Reisende über den Gampenpass.

Die gotische Kirche aus dem 15. Jahrhundert beherbergt geschnitzte Barockaltäre. Im Zentrum des Hochaltars zieht der verglaste Rokokoschrein mit dem Gnadenbild „Maria mit dem Kinde“ den Blick des Besuchers auf sich.

Am Abend machten wir eine weitere kleine Runde durch den Ort. Anschließend legten wir uns im liebevoll eingerichteten Zimmer des Gasthofs zum Hirschen zur Nachtruhe.

Die Legende Heiligen Romedius mit dem Bären und mit der Glocke:

I: Johann, i sag dir, i hab jede Nacht total guat gschlafen.

J: Das wundert mi nit, bei dem was wir die ganze Zeit gangen sein.

I: Da hat’s ja der Heilige Romedius ja leicht g’habt. Der hat sich laut der Legende einen Bären gezähmt und ist auf ihm gritten.

J: Aber erst nachdem der ihm sei Pferd zerfleischt hat.

I: Das mag ja so sein. Auf jeden Fall sieht man den Romedius meistens mit dem Bären dargstellt.

J: Und in San Romedio wird in einem Gehege ein Bär gehalten. Der jetzige soll ein alter Zirkusbär sein, hab i in der Broschüre gelesen. Der hat da sei Ausgedinge gfunden.

I: Die Legende erzählt ja auch noch, dass die Glocke in dem schlanken Turm vom Dom in Trient, nachdem der Heilige gstorben ist, dreimal von selber geläutet hat.

J: Genau, am 15. Jänner soll das gewesen sein. Seither hoaßt er „Turm vom Heiligen Romedius“.

I: Und als Erinnerung wird einmal im Jahr, genau an dem Tag, die Glocke zu Ehren des Heiligen geläutet.

11. Etappe:

Nach einem wunderbaren Frühstück und einem kurzen Plausch mit zwei Südtirolern nahmen wir die vorletzte Etappe in Angriff.

Die Landschaft war nebelverhangen. Gute Voraussetzungen zum Gehen, sollten wir vom Regen verschont bleiben. Wir kamen zur Kirche von St. Christoph. Auf den Grabsteinen entdeckten wir einige Male den Vornamen Romedius.

Ganz ohne feuchten Gruß von oben ging es auch an diesem Tag nicht. Doch blieb es bei einem kurzen Nieselregen.

Wir erahnten schon das Ende unserer Pilgerwanderung. Noch eine Nacht und wir werden das Heiligtum erreichen. Die schwierigen Bergetappen hatten wir sehr gut bewältigt. Von Unsere Lieben Frau im Walde führte der Weg nur mehr leicht bergab und zuletzt über viele Kilometer eben dahin.

Der Ort St. Felix gehört mit Unsere Liebe Frau im Walde und St. Christoph zu Deutschnonsberg, das nördliche Gebiet des Nonstales, einem Teil von Südtirol.

Kurz nach St. Felix traten wir in das italienischsprachige Trentino ein. Aus dem „Nonstal“ wurde das „Val di Non“. Die Ortschaft Tret versprühte bereits italienischen Flair.

Wir machten einen Abstecher zum Tret-Wasserfall. Der steile Abstieg und der anschließend ebenso steile Aufstieg hatten sich vollends gelohnt. Über eine Felsstufe von 75 m stürzt das Wasser in die tief eingeschnittene Novellaschlucht des Val di Non.

Hoch über der Novellaschlucht marschierten wir zügig weiter. An einer Steilstufe lag unter uns das Hotel Lago Smeraldo. Dort kehrten wir zu Mittag ein.

Eine kurze Schluchtstrecke, der Canyon di Fondo, lag vor uns. Am Ausgang der Schlucht liegt die Ortschaft Fondo. Mit Tret und Romeno gehört sie zu den wichtigsten Orten der Hochebene des Oberen Val di Non. Ab hier ging es den restlichen Tag mit knapp 7 Kilometer auf einem Rad- und Fußweg nur mehr flach weiter.

Zitat aus dem Pilgerheft:

Trentino – im Verbund der Europaregion Tirol – Südtirol – Trentino. Seit jeher bildet das Gebiet des historischen Tirol eine kulturelle Einheit. So ist der Wanderer auf dem Pilgerweg nach San Romedio inmitten der Völkerpilgerschaft, denn genau dieser Pilgerweg verbindet durch die Schritte und das Gebet des Wanderers das, was die Stiefel und Schreie der Soldaten getrennt haben.

Um 15:30 Uhr erreichten wir Romeno, unsere letzte Station vor San Romedio. Im Hotel Villanuova hatten wir unser Quartier.

Nachdem wir uns erfrischt und mit einem Espresso gestärkt hatten, erhielten wir von der Wirtin, die sehr gut deutsch sprach, den Schlüssel für das Tor der kleinen Kirche neben dem Hotel. Die Kirche zum Heiligen Antonius Abate wurde im 14. Jahrhundert erbaut. Im Gewölbe des Kirchenschiffes stehen die Symbole der vier Evangelisten. An den Wänden ist das Leben des Heiligen Antonius Abate dargestellt.

Der Freskenzyklus an der Fassade erzählt das Wunder des Heiligen Jakobus dem Älteren, der einem erhängten Jüngling durch seine Stütze das Leben gerettet hatte. Der Sohn, der mit seiner Eltern auf Pilgerschaft war, war durch eine Intrige unverschuldet zum Tode verurteilt worden.

12. Etappe:

Beim morgendlichen Blick aus dem Hotelfenster war die Freude riesengroß. Die Sonne strahlte vom nahezu wolkenlosen Himmel. Heiliger Romedius, du zeigtest uns dein Heiligtum im schönsten Licht.

12 Tage, 180 Kilometer, rd. 350.000 Schritte. Unser Ziel war zum Greifen nah. Leichte Wehmut und große Vorfreude. Wir haben es geschafft.

Das Schild an der Straße wies uns den Weg. Die letzten Meter führten durch den Wald in die Schlucht, in der der Heilige Romedius seinen Weg zu Christus gefunden hatte.

Wir waren früh angekommen und damit die ersten Besucher des Tages. Gleich beim Eingang begegneten wir dem jungen und sympathischen Ordensbruder Frater Massimiliano. Er war Student der Theologie in Padua. Wir erzählten ihm von unserer Pilgerwanderung und baten ihn, ein Foto von uns zu machen.

Die Kirchen und Kapellen dieser mystischen Wallfahrtstätte erheben sich auf einem 70 Meter hohen Kalkfelsen. Wir genossen das Privileg, sie zu zweit in Andacht auf uns wirken zu lassen. Stufe um Stufe, 131 an der Zahl, stiegen wir die Treppen empor. Sie verbinden die Bauwerke, die aus verschiedenen Epochen stammen.

In der Höhe thront die Kirche des Heiligen Romedius, auch große Kirche genannt.

Als wir in den Innenhof des Heiligtums zurückkamen, bot uns Frater Massimiliano an, die zu der Zeit nicht öffentlich zugänglichen Reliquien des Heiligen zu sehen. Er meinte, wir hätten es uns nach diesem langen Weg mehr als verdient.

Wir freuten uns sehr und verabschiedeten uns herzlich.Beseelt und glücklich verließen wir San Romedio.

Der weitere Weg führte uns nach Trient. Dort verbrachten noch einen Tag, um das Erlebte nachklingen zu lassen. Pilgern ist nie zu Ende …

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Johann Jenewein

Johann lebt seit 2001 in Inzing. Die Print-Ausgabe der DZ hat er immer zur Gänze gelesen und hat auch immer wieder Beiträge verfasst. In seinem Privatleben ist er seit 22 Jahren Redakteur einer österreichweit erscheindenden almwirtschaftlichen Fachzeitschrift. Sein größtes Hobby ist das Fotografieren. Seit 2007 ist er Obmann des Kamera-Club Inzing. Seine Leidenschaft ist auch das Erstellen von vertonten Reise- und Multivisionsschauen.

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