Im Jahr 2006 erhielt Esther Strauß den Tiroler Jugendliteraturpreis, der vom Kulturverein Inzing ausgeschrieben worden war. Heute ist sie Performance- und Sprachkünstlerin und beschäftigt sich mit verschiedenen Formen von Erinnerungsarbeit, unter anderem in Bezug auf den Nationalsozialismus. Michael Haupt hat mit der Künstlerin eine Art Fernschach-Interview per E-Mail geführt.
Wenn du so zurückdenkst an deine Jugendjahre, gibt’s einen Knackpunkt oder ein Schlüsselerlebnis, wo du dir gesagt hast, du wirst Künstlerin?
Ich bin nicht deshalb Künstlerin geworden, weil ich mich in der Poesie beheimaten wollte, sondern weil sich die Poesie in mir beheimatet hat. Ob das geschieht oder nicht, kann man sich nicht aussuchen. Aber ja, es gab ein Schlüsselerlebnis: Ich bin Künstlerin geworden, als Bas Jan Ader den Blick vom Ufer abgewandt hat.
Das interessiert mich jetzt aber genauer. Kannst du das noch ein bisschen ausführen?
Bas Jan Ader war ein niederländischer Performancekünstler. Am 9. Juli 1975 brach er unter dem Titel in search of the miraculous in Cape Cod auf, um auf einem vier Meter langen Segelboot alleine den Atlantik zu durchqueren. Ader wurde nie wieder gesehen.
Jetzt könnte man kleinlich sein und sagen: Du bist erst rund 10 Jahre später geboren …
Zum Glück sind wir das nicht.
Am Anfang deines (zumindest öffentlichen) künstlerischen Schaffens steht der Text. Du hast 2006 den vom Kulturverein Inzing ausgeschriebenen Jugendliteraturwettbewerb und 2005 den 1. Preis beim Redewettbewerb “Mauthausen – und heute?” gewonnen. Wie hat sich dein Werk über die Jahre in seiner Ausdrucksform verändert?
Als Jugendliche habe ich gemalt und geschrieben, im Studium habe ich mich dann – zunächst ohne es selbst zu merken – in eine Performancekünstlerin verwandelt. In einer frühen Arbeit habe ich über eine Zeitungsannonce einen 15-minütigen Hand-in-Hand-Spaziergang entlang der Donau in Linz verschenkt. Dass ich damals beschlossen habe, für mich zu behalten, was an diesem Tag an der Donau geschehen ist und in der Galerie von der Performance nur durch die gerahmte Zeitungsseite zu erzählen, war rückblickend fast eine Prophezeiung. Heute arbeite ich oft mit Lücken und Geheimnissen. Das, was meine Arbeiten verbergen, ist ebenso wichtig wie das, was sie preisgeben.
Inhaltlich sind deine letzten großen Arbeiten sehr persönlich. Du hast mit der Graberde deines Großvaters gearbeitet oder hast als performatives Denkmal ein Jahr lang den Namen von Marie Blum getragen, einem Mädchen, das, nur 3 Tage alt, in Auschwitz ermordet wurde. Wie bedingen sich dein Werk und deine persönliche (Familien-)geschichte?
Kunst zu machen ist unweigerlich persönlich und das Private unweigerlich politisch. Diese Verschränkung interessiert mich. Welche Beziehung eine Performance zu mir oder zu der Geschichte meiner Familie entwickelt kann sich über die Jahre verändern und ist von Werk zu Werk sehr verschieden. Aber selbst wenn ich als Performancekünstlerin unmittelbar mit der Geschichte meiner Familie arbeite, geht es nie nur um mich, sondern immer darum, eine Form zu finden, die andere Menschen mit ihrer Geschichte involviert. Das zentrale Moment im performativen Denkmal für Marie Blum besteht in der archivarischen und künstlerischen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit meiner Groß- und Urgroßeltern. Wir alle haben Groß- und Urgroßeltern. Haben sie während der NS-Zeit in Österreich gelebt, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich unter ihnen Täterinnen und Täter befinden.
Die Frage ist: Wie gehen wir mit dieser Tatsache um?
Am Exemplarischen soll also das Nachdenken über das Allgemeine angeregt werden. Reicht es Fragen aufzuwerfen oder muss frau manchmal auch Antwortmöglichkeiten zur Verfügung stellen?
Gute Kunst ist mehr als die Erfüllungsgehilfin einer Absicht. Im Idealfall ist sie so lebendig, dass sie ihre Künstler*innen hinter sich lassen kann. Im Übrigen halte ich nichts davon, Antworten gegen Fragen auszuspielen.
Touché. Du beschäftigst dich in deinen Arbeiten vorab intensiv mit einem Thema, bevor dann die zündende Idee kommt. Als wir euch vor etwa 10 Jahren in Wien besuchten, lagen Bücher über den Tod am Schreibtisch. Daraus entstand dann später das Werk „Opa“, wo du dich mit der Graberde deines Großvaters gewaschen hast. Diese intensive Auseinandersetzung in Verbindung mit der Familiengeschichte, das muss doch auch wahnsinnig anstrengend sein? Das gibt man nicht um 17 Uhr beim Zeit ausstechen ab, oder?
Nein. Aber liegt das nicht im Wesen des Existenziellen? Der Tod macht auch nicht um 17 Uhr Feierabend.
Vorher hast du gesagt, das Private ist unweigerlich politisch. Damit rekurrierst du auf einen 50 Jahre alten Slogan und Grundsatz der Frauenbewegung, die damit kurzgefasst meinte, dass durch das Sprechen über und das Benennen von etwa Sexualität, Beziehungen, Kindererziehung oder Gewalt diese Bereiche politisiert würden. Inwiefern ist deine Kunst feministisch?
Politisiert hat die Frauenbewegung das Sprechen über diese Bereiche für mich dadurch, dass sie das Patriarchat und seinen systematischen Machtmissbrauch in ihnen benannt hat. Darum geht es heute immer noch, wenn auch im Rahmen neuer Allianzen. Der Satz Das Private ist politisch. hat mich aber in den letzten Jahren auch in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus beschäftigt. Das, was in Familien über die NS-Zeit erzählt wird und das, was historisch zu ihr belegt ist, wird von den Nachkommen oft voneinander abgekoppelt. Ein Beispiel dafür sind die Verbrechen der Deutschen Wehrmacht. Im rassistisch motivierten Angriffskrieg der Deutschen Wehrmacht auf Osteuropa wurden alleine in der Sowjetunion geschätzte 14 Millionen Zivilist:innen ermordet. (1) Viele Angehörige der Deutschen Wehrmacht waren an diesen Verbrechen beteiligt – das wissen wir spätestens seit den 1990er Jahren, als die Wehrmachtsausstellungen durch Deutschland und Österreich tourten und unter anderem auch in Innsbruck zu sehen waren. Die Kriegerdenkmäler, die die Namen unserer Großväter und Urgroßväter tragen, sind aber bis heute nur in den seltensten Fällen kritisch kontextualisiert. Im Gegenteil, man legt Kränze vor ihnen nieder.
Das bringt uns zu einem deiner neueren Projekte. Vor gut einem Jahr hast du im Rahmen der Ausstellung „Denkmal weiter!“ in Kooperation mit den Tiroler Landesmuseen einen Sammlungsaufruf für Objekte aus der Zeit des Nationalsozialismus gestartet. Kannst du mehr darüber erzählen? Was war die Intention dahinter?
Katharina Walter und Gabriele Ultsch, die Kuratorinnen der Ausstellung Denkmal weiter!, haben mich eingeladen eine künstlerische Intervention für das Tirol Panorama am Bergisel zu entwickeln. Ich habe mich dann mit der Dauerausstellung Schauplatz Tirol beschäftigt, die anhand verschiedener Objekte unter anderem die politische Geschichte Tirols erzählt. Ich habe festgestellt, dass die NS-Zeit dort nur durch Objekte repräsentiert war, die von Widerstandskämpferinnen oder Opfern stammen – die Täter und Täterinnen waren (wie so oft) ausgespart. Ich habe dann die Bestände der Historischen Sammlung durchforstet und sieben bisher noch nie gezeigte Objekte ausgewählt, die auf Tiroler Täterinnen und Täter verweisen, unter anderem eine Fotopostkarte, die die Nordkette bei Nacht zeigt – auf einem ihrer Hänge hatten Tiroler Nationalsozialisten und Nationalsozialistinnen ein Bergfeuer in Form eines Hakenkreuzes entzündet. Die sieben Objekte habe ich in das Display derDauerausstellung integriert, um zumindest temporär darauf aufmerksam zu machen, dass der Nationalsozialismus in Tirol schon lange vor dem „Anschluss“ viele Befürworter und Befürworterinnen fand. Im Zuge der Recherchen zu diesem Projekt ist mir aufgefallen, dass es in Tirol noch nie einen bundeslandweiten Sammlungsaufruf für NS-Objekte gegeben hat. Das hat mich erstaunt, weil sich die Historische Sammlung wie viele andere Sammlungen auch dazu entschieden hat, keine NS-Objekte anzukaufen, um den illegalen Handel, den es in Österreich mit diesen Objekten gibt, nicht zu fördern. Ich unterstütze diese Entscheidung,
aber es gilt zu bedenken, dass Schenkungen in der Folge die einzige Möglichkeit sind, NS- Objekte in die Historische Sammlung aufzunehmen. Dadurch entsteht eine besondere Situation: Wie die Geschichte des Nationalsozialismus in Tirol dokumentiert, erforscht und aufgearbeitet werden kann, hängt in hohem Maß von der Bereitschaft der Bevölkerung ab, Objekte aus ihrem Privatbesitz zur Verfügung zu stellen. In den letzten zehn Jahren wurden sehr viele NS-Objekte, die in Kellern oder Dachböden gefunden wurden, einfach weggeworfen. Dadurch verlieren wir die Möglichkeit, die NS-Geschichte über Objekte aus Tirol lokal zu machen und anzuerkennen, dass sich der Nationalsozialismus nicht nur am Wiener Heldenplatz oder im Konzentrationslager Mauthausen zugetragen hat, sondern in jedem Dorf und in fast jeder Familie. Deshalb habe ich in Kooperation mit den Tiroler Landesmuseen meinen Sammlungsaufruf initiiert. Über 500 Objekte wurden abgegeben.
Das ist eine erstaunlich hohe Zahl an Objekten, offensichtlich bist du mit dem Sammlungsaufruf einerseits offene Türen eingerannt, andererseits ist es bemerkenswert, dass noch so viele Objekte überhaupt vorhanden sind. Kannst du vielleicht ein paar Beispiele nennen, was da so alles abgegeben wurde?
Die Objekte sind sehr unterschiedlich. Manche von ihnen sind mit den Angriffskriegen der Deutschen Wehrmacht verbunden, zum Beispiel Fotoalben von Soldaten oder Feldpostbriefe. Viele Objekte dienten explizit der nationalsozialistischen Propaganda, etwa ein Adventkalender, der von der NSDAP herausgegeben worden ist, oder ein Sticker-Album, das in großer Auflage zur Indoktrinierung von Jugendlichen in Umlauf gebracht wurde. Andere Objekte sind persönlicher und spiegeln die NS-Geschichte einzelner Familien wieder, wie zum Beispiel ein über mehrere Generationen ausgefüllter „Ahnenpass“ oder das Volksschulheft eines Kindes, das nationalsozialistische Propaganda-Losungen in Schönschrift kopiert und mit Zeichnungen verziert hat. Manche Objekte haben darüber hinaus auch einen starken Lokalbezug, zum Beispiel ein Stapel Zeitungen, der die Berichterstattung verschiedener Printmedien während der Tage des „Anschluss“ in Tirol dokumentiert. Es ist sehr wichtig, dass diese Objekte nicht vernichtet sondern kritisch kontextualisiert werden. Sie können uns helfen zu begreifen, wie menschenfeindlich und gefährlich es ist, wenn eine Partei Schüler*innen verbietet, in der Pause andere Sprachen als die deutsche zu sprechen.
Wenn ich das richtig gesehen habe, tragen nicht alle deiner Werke einen Titel, aber alle haben eine Nummer. Ist das eine fortlaufende Nummer für jedes Werk?
Ich setze jede meiner Performances nur ein einziges Mal um. Die Ziffernfolge, die ich meinen Texten voranstelle, gibt mein Alter in Tagen zum Zeitpunkt der jeweiligen Performance an.
Auch scheinbar kleine Alltäglichkeiten listest du in deinem Portfolio, wie etwa „ flowers, Ma’am “. Darin beschreibst du, wie du in Delhi mit einem Blumenverkäufer hart um den Preis feilschst, um ihm den Strauß (sic!) anschließend zurückzuschenken. War bei dieser Gelegenheit schon vorher der Gedanke da, dass das ein Kunstwerk werden wird oder war das eine spontane Idee, die dir später so gefallen hat, dass du sie dazu gemacht hast?
Macht das für das Werk einen Unterschied? Aus meiner Sicht nicht. Aber ich mag es sehr, dass beides möglich ist. Die Performancekunst darf sich nah an dem bewegen, was wir als alltäglich empfinden, und kann gleichzeitig nicht umhin, es zu überschreiten.
Blicken wir zum Schluss noch ein bisschen in die Zukunft. Was sind deine kommenden Projekte?
Im Moment bereite ich eine Performance für die Ausstellung gestures of archiving vor, die im Herbst im Kunstraum Schwaz zu sehen sein wird. Die Performance beschäftigt sich mit einem nationalsozialistischen Zwangsarbeiterlager, das nach 1945 vom französischen Militär in ein „Entnazifizierungs-Lager“ und später in eine „Armensiedlung“ umgewandelt wurde.
Andere Arbeiten werden etwa zeitgleich in einer Gruppenausstellung im Künstlerhaus Wien zu sehen sein – gerade baue ich ein Modell des Ausstellungsraums, um verschiedene Hängungen zu testen. Und natürlich beschäftigt mich auch der Sammlungsaufruf nach wie vor. Ich untersuche jedes einzelne der über 500 Objekte, mache Notizen und Fotografien, um Gespräche mit den Schenkenden vorzubereiten und ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich künstlerisch mit diesen Objekten arbeiten lässt. Ich glaube, es ist wichtig, ihnen zu antworten – nicht nur um der Vergangenheit willen, sondern auch im Hinblick auf eine Zukunft, in die uns eine Gegenwart wie die unsere führen kann, wenn wir nicht bereit sind von der Vergangenheit zu lernen.
Vielen Dank für das Gespräch.
1 Hufen, Uli (2021): Ostfront des Zweiten Weltkriegs – Brutalität gegen Zivilisten auf allen Seiten. Available at:
https://www.deutschlandfunk.de/ostfront-des-zweiten-weltkriegs-brutalitaet-gegen-100.html