30. November 2020
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Gedanken rund um Corona

Lesedauer ca. 3 Minuten

Eigentlich wollte ich ja nicht über die Corona-Krise schreiben – schließlich hört und sieht man ja sonst eh schon fast nichts mehr. Ich konnte aber dann doch nicht widerstehen, weil sie Ausgangspunkt für einige Gedanken und Fragen ist, die mich über die Gefahr selbst hinaus bewegen.

  • Mich erstaunt positiv, wie klar, rational und entschlossen die Politik in Österreich (und in vielen anderen Ländern) auf diese konkrete Gefahr reagiert – und die Bevölkerung geht großteils mit. Sie geht wohl deshalb mit, weil die politischen EntscheidungsträgerInnen – zumindest überwiegend – eine ungewohnte Sachlichkeit an den Tag legen: Sie holen Rat von ExpertInnen ein, sie überzeugen, und sie verfolgen glaubhaft ein wichtiges Ziel. Etwas das wir schon gar nicht mehr gewohnt sind, ging es doch zuletzt fast ausschließlich um eine positive Selbstdarstellung und darum, den politischen Gegner schlecht ausschauen zu lassen. Ein lockerer Sager als Seitenhieb gegen die politische Konkurrenz war wichtiger als gute Arbeit.
  • Ich habe kürzlich eine Dokumentation zum Klimawandel auf 3Sat gesehen – es ist eigentlich nicht neu, aber dennoch immer wieder erschreckend, wie massiv die Folgen schon derzeit sind. Vom Schmelzen des Permafrostbodens in Sibirien über häufige massive Überschwemmungen in Indonesien bis zur extremen Trockenheit in Zentralafrika (um nur einige wenige Beispiele zu nennen). Aber obwohl auch bei uns die Folgen des Klimawandels schon klar zu sehen und zu spüren sind, vermissen wir schmerzlich ein ähnlich entschlossenes Vorgehen der Politik wie bei der Corona-Krise. Dabei sind die Gefahren des Klimawandels zwar nicht so unmittelbar sichtbar wie die des Corona-Virus, dafür aber um vieles größer und dauerhafter – und auch nicht so rasch in den Griff zu bekommen wie das voraussichtlich bei Corona der Fall ist. Aber beim Thema Erderwärmung werden ExpertInnen ignoriert und links liegen gelassen. Dabei bin ich überzeugt, dass bei einem ähnlich sachlichen und entschlossenen Vorgehen seitens der Politik die Bevölkerung zu vielem bereit wäre. Sicher wären bei der Bekämpfung des Klimawandels nicht nur vorübergehende Veränderungen in der Lebensführung nötig. Dafür wären sie aber deutlich weniger radikal.
  • Die Corona-Krise entlarvt gnadenlos die Populisten dieser Welt – Trump in den USA und Boris Johnson in Großbritannien beispielsweise zeigen, dass ihre großtuerische Politik bei einer echten Krise ins Leere geht und gefährlich ist. Und auch bei uns ist von der FPÖ derzeit wenig zu hören. Wenn man nur auf ein Thema – die Angst vor Geflüchteten und AusländerInnen ganz allgemein – setzt, kann man nicht punkten, wenn eine ganz reale Gefahr die Menschen bewegt. In Zeiten der Krise lernen auch Ängstliche und Wütende es zu schätzen, wenn in der Politik Sachlichkeit und Verstand herrschen. Hoffentlich hält diese Haltung länger an als die Corona-Krise dauert.

Und noch einige Anmerkungen zum Umgang mit der Corona-Krise seitens der Regierenden in Österreich: So willkommen und notwendig die rasche und entschiedene Reaktion auf die neue Gefahr am Beginn auch war. Zunehmend nervt der Ton des autoritären Vaters, der die naiven Kinder ermahnt, jetzt schön brav zu sein bzw. zu bleiben und das Richtige zu tun. Ja, wir verstehen die Problematik und sind bereit, unseren Beitrag zur Bewältigung der Krise zu leisten. Aber wir sind auch mündige BürgerInnen und erwarten uns in einer Demokratie, dass offen diskutiert und informiert wird.

  • Ich verstehe die Opposition, die sich zunehmend weigert, die Entscheidungen der Regierung diskussionslos mitzutragen. Nationaler Schulterschluss heißt, dass alle einbezogen werden – auch in die Entscheidungen. Es heißt sicher nicht, dass wenige entscheiden und alle anderen widerspruchslos zu folgen haben.
  • Die Medienarbeit der Regierung in Zusammenhang mit der Coronakrise ist nahezu perfekt. Aber deshalb bekommen wir fast nur zu hören, was die Regierung will. Ich würde mir – unter anderem vom ORF – eine kritischere Berichterstattung wünschen, die auch andere Stimmen zu Wort kommen lässt. Die Demokratie ist ja wohl auch in dieser Krise nicht abgeschafft (Ungarn lässt grüßen). Auch andere Themen in Österreich und weltweit würden deutlich mehr Aufmerksamkeit verdienen – ich erwähne nur die Situation der Flüchtlinge an der türkisch-griechischen Grenze bzw. auf den griechischen Inseln. Leider ist auch in der Corona-Krise Krieg und Leid anderer Art nicht abgeschafft.
  • Irritiert hat mich auch, dass eine Ministerin der Regierung – Leonore Gewessler – Straßen vom Verkehr frei macht, damit die Menschen sich dort frei bewegen können (was ich für sehr gut halte). Eine andere Ministerin derselben Regierung – Elisabeth Köstinger – sperrt gleichzeitig die Bundesgärten für die Bevölkerung. Eine schlüssige Argumentation dafür bleibt sie schuldig. Ist es ein Zufall, dass eine türkis-schwarze Ministerin damit überwiegend das rote Wien trifft?
  • Was mir seitens der Regierung auch fehlt, sind Gedanken zu einer mittel- oder langfristigen Perspektive. Wenn aktuell weniger als 1% der österreichischen Bevölkerung infiziert ist, für die berühmte „Herdenimmunität“ aber ca. 60% angenommen werden: wie schaut der Weg dahin aus? Gibt’s dazu Überlegungen? Und dürfen wir BürgerInnen diese wissen?

Vor diesem Hintergrund müssen wir als mündige BürgerInnen nicht nur mit der Corona-Krise verantwortungsvoll umgehen, sondern auch mit unseren demokratischen Rechten. Also g´sund bleiben, Abstand halten und wachsam sein!

Fotos: Hannes Gstir

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Hannes Gstir

Hannes Gstir

Hannes war von 1994 bis 2019 Herausgeber der Dorfzeitung. Außerdem war er viele Jahre als Mitglied der Liste juf in der Gemeindepolitik aktiv, davon 6 Jahre (2004 – 2010) als Gemeinderat, Gemeindevorstandsmitglied und Obmann des Kulturausschusses. Sein Interesse gilt nach wie vor der Politik, vor allem aber auch gesellschaftspolitischen Fragen.

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5 Gedanken zu “Gedanken rund um Corona

  1. Lieber Hannes,
    du stellst eine gute Frage: warum schafft die Politik es nicht, gegen den Klimawandel so klar und entschieden vorzugehen, wie gegen das Corona-Virus?
    Diese Frage scheint recht komplex zu sein, da so viele Aspekte mitspielen. Leider wohl auch die großen Lobbygruppen, das Kalkül der Politiker, wieder gewählt zu werden und natürlich die Wirtschaftsinteressen.
    Dass es langfristig teurer werden wird, wenn wir jetzt nichts oder zu wenig gegen den Klimawandel unternehmen, darüber scheint sich die Wissenschaft einig zu sein. Daher ist zumindest die wirtschaftliche Frage eigentlich eine sehr kurzfristige.

    Ich habe einen recht interessanten Artikel zu dieser Frage gefunden:

    https://taz.de/Corona-und-Klimaschutz/!5672802/

    Danke für deinen Beitrag.
    Liebe Grüße
    peter

  2. Kann ich vollinhaltlich unterschreiben, nur hätte ich es nicht so präzise auf den Punkt bringen können.
    Dass die Klimakrise im Gegensatz zur aktuellen Pandemie nicht in absehbarer Zeit aufhört, kann nicht genug betont werden. Hier ist es wohl sehr wichtig, genau hinzuschauen, dass beim wirtschaftlichen Wiederaufbau nach Corona Aspekte des Klimaschutzes unbedingt mitberücksichtigt werden.

    1. Das glaub ich nicht…. Klimawandel ist kein populistisch ausschlachtbares Thema und somit unpopulär. Wäre das Klima an sich ein Wirtschaftsfaktor und brächte bei massvoller Investition genug Geld ein, gäbe es eine ausreichend ernstgenommene Lobby. Aber das ist wie mit den Kindern: kein Wirtschaftsfaktor, keine Lobby, aber auf Fotos schauens nett aus.

      1. @Angela: Der Klimawandel ist schon längst ein Wirtschaftsfaktor, aber noch rechnen sich viele aus, dass sie noch ein paar Jahre haben, in denen sie entweder viel mit alten, umweltschädlichen Techniken und Verfahren verdienen können oder sich noch mal schnell ein paar umweltschädliche Vergnügen gönnen können, bevor das alles eh nicht mehr geht. Diesen Einstellungen gilt es entgegenzuwirken, vor allem auch in der Berichterstattung über allerhand Phänomene, die schon jetzt teure Schäden verursachen (siehe Unwetter in NÖ in den letzten Tagen, unsicher gewordene Bergwege, u.v.m.).

        1. Weil die alten Verfahren noch billiger sind?
          Dann ist das alte dementsprechend lohnender? Ich dachte bisher tatsächlich, dass die neuen Verfahren noch zu teuer wären, um Breitenwirkung zu haben. Aber wie ich feststellen muss, bin ich da schlecht informiert. Freu mich über Aufklärung.

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