11. April 2021
Newsletter   

Eine persönliche Auswahl an wichtigen Jazzalben

Jazzfestival Perugia 2003, Herbie Hancock, Scott Colley, Terri Lyne Carrington und Bobby Hutcherson - Foto: Peter Oberhofer
Lesedauer ca. 6 Minuten

Anfang November letzten Jahres habe ich im Blog einen Bezug von Jazzmusikern zu Inzing hergestellt. Diesmal versuche ich, einen Blick in die Welt zu wagen. Konkret stelle ich eine Auswahl an ganz wesentlichen Jazzalben vor. Ausgehend von der Liste der 100 wichtigsten Alben, die das Magazin Rolling Stone gekürt hat, habe ich eine persönliche Selektion erstellt. Als zweite Vorlage diente mir die Prämierung der besten 50 Jazzalben des deutschen Musikmagazins Musikexpress. Interessant ist, dass in beiden Listen zum überwiegenden Teil US-Amerikanische Künstler vorkommen. Für meine Tipps habe ich mich auf Alben konzentriert, die mir entweder geläufig sind, oder von denen ich Musiker bereits live gesehen und gehört habe.

Beide Listen zum Nachlesen:
Rolling Stone
Musikexpress

Vorab möchte ich aber noch einen Blick zurück werfen und erzählen, wie ich überhaupt zur Jazzmusik gefunden habe. Es ist bereits fast 40 Jahre her, als ich die ersten Blues- und Jazzalben gehört habe – anfangs eigentlich fast schon „hören musste“. Ich lernte in den späten 80er Jahren das Kartenspiel Tarock von meinem Vater und meinem Onkel. Vor allem mein Onkel hatte immer die legendärsten, wie er immer sagte, Platten und spielte diese den ganzen Abend während des Kartenspielens. Bei weitem nicht alles war Musik für meine Ohren. Mir ist noch gut in Erinnerung, welchen Stolz er mit seinem Bang & Olufsen Plattenspieler hatte, mit dem es möglich war, mehrere Platten stapelweise vorzubereiten und diese nacheinander abzuspielen. Bei der kurzen Länge einer LP-Seite war das natürlich ideal. Je öfter ich Jazz hörte, umso besser hat mir die Musik gefallen. Aber erst nachdem ich etliche Musiker Live erleben durfte, konnte ich behaupten, dass dies jene Musik ist, die mich bewegt. Meine CD-Sammlung ist im Laufe der Jahre angewachsen. Vor ca. 10 Jahren habe ich meine komplette Sammlung digitalisiert und höre inzwischen fast ausschließlich von der Festplatte und aus dem Internet. Das Streamen von Musik bietet völlig neue Möglichkeiten. Hier bin ich aber auch ein wenig im Gewissenskonflikt, da ich mir nicht sicher bin, ob die Musiker tatsächlich adäquates Geld für das Abspielen ihrer Stücke bekommen. Andererseits ist die Vielfalt bei Napster, Spotify, Deezer und den vielen anderen Plattformen auch im Jazzbereich enorm. Um Neues und Altes kennenzulernen ist dies eigentlich perfekt. Eine zusätzliche gute Möglichkeit ist Bandcamp, eine Plattform, um digitale Musik zu kaufen. Bandcamp versichert, dass die Künstler fair zu ihrem Geld kommen.

Nun zurück zur angepriesenen Auswahl an großen Jazzplatten. Ich habe versucht, auch hier eine Vielfalt zusammen zu stellen, sowohl, was die Stile, als auch die Instrumente betrifft. Der Schwerpunkt liegt aber dennoch deutlich in den USA, der Wiege des Jazz. In einem späteren Artikel werde ich mich mehr auf Europa konzentrieren. Frauen sind leider im Jazz deutlich zu wenig vertreten. Auch die Listen der Magazine Rolling Stone und Musikexpress haben kaum Alben von Frauen in ihrer Auswahl, was eigentlich sehr schade ist.

In den folgenden Musikbeispielen gebe ich jeweils an, auf welchem Platz die Aufnahme in den beiden Bestenlisten zu finden ist, wann sie erschienen ist und einen kurzen Kommentar zu Interpreten oder den Stücken. Die Alben sind zeitlich chronologisch geordnet. Dies gibt vielleicht einen raschen Überblick über die Entwicklungen im Jazz.

Duke Ellington – Money Jungle

Platz 10/100 bei Rolling Stone bzw. 19/50 bei Musikexpress. Aufgenommen 1963.

Duke Ellington, sonst eher bekannt durch seine großen Bands und vor allem als Bandleader und Dirigent, stellt sich hier mit den jungen Musikern Charles Mingus (Bass) und Max Roach (Schlagzeug) auf die gleiche Ebene. Alle drei scheinen gleichberechtigt zu sein. Ein klassisches Jazz-Pianotrio mit einer Mischung aus traditionellem Jazz und der neu aufkeimenden Avantgarde von Mingus und Roach.

Das ganze Album auf Youtube:

Charles Mingus – Mingus Minugs Mingus Mingus Mingus

Platz 80/100 bzw. 6/50. Aufgenommen 1963.

Hier hört man keine neuen Nummern von Charles Mingus (Bass), aber dafür überragende Arrangements bekannter Stücke. Besonders empfehlenswert das erste Stück II. B.S. und der Duke Ellington Standard Mood Indigo mit grandiosem Bass-Solo von Charles Mingus.

Das ganze Album auf Youtube:

Eric Dolphy – Out to Lunch

Platz 4/100 bzw. 21/50. Aufgenommen 1964.

Eric Dolphy war maßgeblich für die Entwicklung des Jazz in den 60er Jahren mitverantwortlich. Leider bereits mit 36 Jahren verstorben. Hier mit Freddie Hubbard (Trompete), Bobby Hutcherson (Vibraphon), Richard Davis (Bass) und dem 18-jährigen Tony Williams am Schlagzeug. Eric Dolphy am Altsaxophon, Bassklarinette und Flöte. Das Album gilt weithin als Höhepunkt des Avantgarde Jazz der 60-er Jahre.

„Im Rückblick könnte man fast meinen, Eric Dolphy sei eine überirdische Erscheinung gewesen, kein Mensch aus Fleisch und Blut. Wie aus dem Nichts tauchte er 1959 auf der Jazzszene von New York auf, ein vollendeter Musiker mit […] explodierender Expressivität und klarer, mutiger Vision. […] Doch nach nur einem halben Jahrzehnt verschwand dieser Eric Dolphy wieder aus der Welt, getötet von einer mysteriösen Krankheit. Zurück blieb die Ahnung einer höheren, unverstandenen Wirklichkeit des Jazz.“ Hans-Jürgen Schaal, 2005 [aus wikipedia]

Das ganze Album auf Youtube:

John Coltrane – A love Supreme

In beiden Listen auf Platz 1!. Aufgenommen 1965.

Dass dieses Album in beiden Listen auf Rang eins geführt wird, sagt schon aus, dass es sich um ein Werk handelt, dass ohne Zweifel etwas Besonderes ist. Eine Mischung aus Innovation und traditionellen Formen des Jazz. Mit von der Partie Elvin Jones (drums), McCoy Tyner (Piano) und Jimmy Garison (Bass). Teils Stücke mit höchst spiritueller Ausrichtung. Für John Coltrane (Sax) war die Religion ein sehr wesentlicher Teil in seinem Leben.

“Was an John Coltranes Soli auch heute noch fasziniert, ist seine große melodische Gestaltungskraft, die Art und Weise, wie er sich souverän abwechselnd innerhalb und außerhalb der üblichen Akkord-Folge bewegt. Anders als andere Musiker seiner Zeit war ihm nicht daran gelegen, sich als jemand zu inszenieren, der etwas des reinen Spiels wegen dekonstruiert.“ – Harry Lachner [aus wikipedia]

Das ganze Album auf Youtube:

Cecil Taylor – Conquistador!

Platz 14 bei Musikexpress. Aufgenommen 1966.

Keine „leichte Kost“. Cecil Taylor spielt Klavier, wie andere Schlagzeug. Extreme Intensität, atemberaubende Geschwindigkeit, dann wieder lyrische Passagen. Hier mit Trompeter Bill Dixon, Altsaxofonist Jimmy Lyons, den beiden Bassisten Henry Grimes und Alan Silva, sowie Schlagzeuger Andrew Cyrille.

„Der Pianist und Pionier des modernen Jazz … reiht Lauf an Lauf, wechselt dann abrupt die Tempi, stürzt sich in wilde Cluster, türmt sie zu komplexen Klanggebilden auf und steigert sie schließlich in höchster Intensität, um sie alsbald wieder zu zerbröseln, zerplätschern zu lassen. Taylors Konzerte sind noch nach Jahrzehnten besondere Erlebnisse. Sie sind mit tiefem Sinn für Dramaturgie ausgestattet, was jegliche Kraftmeierei ausschließt, die Taylor immer wieder angedichtet wird.“ Reiner Kobe, Besprechung von Willisau Concert Jazz Podium 2002 [aus wikipedia]

„Musik als Anrufung des Höchsten, animalisch, getrieben, vergänglich, gegenwärtig. Free Jazz! Viele ertrugen das nicht. Dabei führte das Wort in die Irre. Denn was er da machte, hatte außer Hand und Fuß auch Verstand. Und wieder diese mäandernden Läufe, wieder und wieder und wieder, sie waren strukturiert bis in die letzte Nuance.“
[Ulrich Stock, Zeit Online]

Ein Stück auf Youtube:

Pharao Sanders – Karma

Platz 5/100 bzw. 13/50. Aufgenommen 1969.

Pharao Sanders (Saxophon) hier mit dem 32-minütigen Stück „The creator has a master plan“. Afrikanische und orientalische Einflüsse. Erstmals bekam die Bearbeitung der Aufnahmen einen hohen Stellenwert. Dies war auch wegbereitend für weitere Alben (etwa Bitches Brew von Miles Davis). Das Stück wechselt extrem an Intensität und Stimmungen. Also, wem es gefällt, am besten das ganze Stück anhören.

„The creator has a master plan
Peace and happiness for every man“

Miles Davis – Bitches Brew 12 bzw. 4

Platz 12/100 bzw. 4/50. Aufgenommen 1970.

Miles Davis (Trompete) hat im Laufe seiner Karriere etliche Richtungswechsel und Trends im Jazz eingeläutet. Mit Bitches Brew gelingt ihm ein Wunderwerk. Beeinflusst von Jimi Hendrix und dem Woodstock Festival macht er Jazz, der wie Rockmusik klingt. U.a. sind Größen, wie John McLaughlin, Ron Carter, Joe Zawinul, Dave Holland, und Wayne Shorter dabei. Auch Chick Corea, der erst kürzlich im Alter von 79 Jahren verstoren ist, hat hier mitgespielt. Noch lange wird mir ein Konzert mit ihm und Bobby McFerrin beim Jazzfest in Perugia im Jahre 2003 in Erinnerung bleiben.

„Verschiedene Etiketten sind seither geprägt worden für die Musik des Miles Davis der 1970er Jahre: Ob Rockjazz oder Jazzrock, ob Fusion Jazz oder Electric Jazz – mit Bitches Brew und den nachfolgenden, harmonisch noch weit freieren Alben wie „Live at Fillmore East“ und „Live-Evil“ ist es Miles Davis gelungen, den Jazz hellhörig zu machen für andere kreative Strömungen seiner Zeit. Und damit hat er den Grundstein gelegt für jene stilistische Offenheit und Vielfalt, die bis heute so wichtig ist für improvisierte Musik.“ Reinhard Kager [aus wikipedia]

Das ganze Album auf youtube.

Konzert Mitschnitt:

Herbie Hancock – Head Hunters

Platz 37/100 bzw. 8/50. Aufgenommen 1973.

Ein sehr zwiespältiges Album. Die einen lobten und feierten es, die anderen übten massive Kritik. Erstmals kam ein Synthesizer zum Einsatz, wodurch ein grooviger, funkiger Sound entstand. Dadurch wurde die Musik auch für ein breiteres Publikum zugänglich.

Das ganze Album auf Youtube:

Nils Petter Molvaer – Khmer

Platz 92/100 bzw. 39/50. Aufgenommen 1998.

Das Erstlingswerk des Trompeters Nils Petter Molvaer entstand Ende der 90-er Jahre, in jener Zeit, als die norwegische Jazzszene im Aufstreben begriffen war. Die Musik ist eine Synthese aus „echten“ Instrumenten und elektronisch generierten Klängen. Die nordische Schreibart ist klar herauszuhören – melancholisch, lyrisch, dann aber auch wieder aufwühlend, schroff. Das Zusammenspiel mit dem Gitarristen Eivind Aarset wird hoch gelobt.

Das ganze Album auf Bandcamp:

https://ecmrecords.bandcamp.com/album/khmer

Interview mit NP Molvaer:

The Bad Plus – PROG

Platz 47/50. Aufgenommen 2007.

Sie gelten als das lauteste Pianotrio des Jazz und sie sind Meister im interpretieren von Coverversionen aus der Pop- und Rockwelt. Hier auf diesem Album ist beispielweise „Everybody Wants To Rule The World“ von Tears For Fears zu hören. Eine hochenergetische, oft völlig überraschende Musik mit großem Unterhaltungswert.

Das ganze Album auf Youtube:

So, meine Plattentipps sind zu Ende. In Summe sind in den Links ca. sieben Stunden Musik verpackt. Wer bis hier her gelesen und vielleicht auch das eine oder andere Stück gehört hat, der hat vermutlich ein gewisses Interesse an Musik im Allgemeinen und an Jazz im Speziellen.

Quincy Jones sagte über die “Großen” im Jazz: „Ich bin überzeugt, dass die Menschen in 100 Jahren ‚Bird‘ [Anm. Charlie Parker], ‚Miles‘ und ‚Dizzy‘ als die Musikgrößen wahrnehmen wie wir heute Mozart, Bach, Chopin und Tschaikowski.“

Ich hoffe sehr, dass es bald wieder möglich sein wird, Konzerte zu besuchen. Es wäre auch den Künstlern zu wünschen. Inzwischen bleibt nichts anderes übrig, als die eigene Sammlung wieder einmal zu genießen oder das Internet als Alternative für gute Musik zu nutzen.

Es würde mich freuen, wenn meine Auswahl ein wenig inspiriert hat.

Diesen Artikel teilen:
Peter Oberhofer

Peter Oberhofer

Peter ist seit Ende 2012 Redaktionsleiter der DZ. In Inzing ist er bei der Klimabündnisgruppe und bei der Gemeinderatsfraktion juf engagiert. Umwelt- und Klimaschutz, Energiesparen, öffentlicher Verkehr sind ihm ein wichtiges Anliegen.

Alle Beiträge ansehen von Peter Oberhofer →

Ein Gedanke zu “Eine persönliche Auswahl an wichtigen Jazzalben

  1. Sehr inspirierend, vielen Dank, Peter! Hier zeigen sich auch die Vorteile des Blog-Formats. Wie oft hätte ich mir bei Konzertberichten für die gedruckte Dorfzeitung gewünscht, Hörbeispiele einbauen zu können. Vielleicht muss ich mal etwas über österreichische Musik zwischen Jazz, Pop und Singer-Song-Writing zusammenstellen, dein Beitrag hat mir jedenfalls Lust dazu gemacht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code