11. April 2021
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Jenische

Der Schweizer Jenische Musiker Counousse beim 2. Jenischen Kulturtag in Innsbruck Foto: Alena Klinger
Lesedauer ca. 4 Minuten

Seit vielen Jahren arbeitet die Initiative Minderheiten, und damit seit geraumer Zeit auch ich, in verschiedenen Projekten mit Jenischen zusammen und tritt für eine Aufarbeitung dieser diskriminierenden und oft unsichtbaren Geschichte als Teil der Tiroler Geschichte ein. Und diese Arbeit hat in einem aktuellen Projekt auch Bezüge zu Inzing. Wo, sollen die folgenden Zeilen zeigen.

Zunächst eine Begriffsklärung: noch heute wissen nur Wenige, was „Jenische“ bedeutet. Unter den diskriminierenden Bezeichnungen „Karrner“, „Dörcher“ oder „Laninger“ werden schon mehr Assoziationen wach. Menschen, die zumeist während der warmen Monate auf Wanderschaft waren und ihre Dienste (Pfannen- und Schirmflicken, Messerschleifen, …) oder verschiedene Waren (selbstgeflochtene Körbe und Besen, Kurzwaren, etc.) angeboten haben. „Jenisch“ bedeutet nach der Sprachwissenschaftlerin Heidi Schleich so etwas wie „wissend“ oder „eingeweiht“ und bezeichnet auch deren Sprache. Im wissenschaftlichen Diskurs hat sich diese Bezeichnung v.a. auch deshalb durchgesetzt, weil viele Jenische einerseits sich selbst so bezeichnen und andererseits die vorgenannten Bezeichnungen, die heute noch oft als Schimpfwörter benützt werden, als diskriminierend empfinden.

Darf man die Frage stellen, woher die Jenischen kommen? Laut der jenischen Schriftstellerin Simone Schönett fragt man auch die Mehrheitsbevölkerung nicht woher sie kommt. Insofern ist eine letztgültige Erklärung (die es ohnehin nicht gibt) nicht relevant. Trotzdem möchte ich kurz die für mich plausibelste Begründung darlegen. Die Geschichte des Tiroler Oberlands und des Vinschgaus ist eine von allgemeiner Armut geprägte. Dies war u.a. eine Folge der sogenannten Realverteilung, laut der der Besitz zu gleichen Teilen unter den Erben aufgeteilt wurde. Man kann sich leicht vorstellen, dass in kürzester Zeit zu viele Familien zu wenig Land zum Bestellen hatten und Hunger ein weitverbreitetes Phänomen war. Mir gefällt die Annahme, dass die Jenischen diejenigen waren, die sich nicht dieser Tatsache blind hingaben sondern Auswege suchten, kreativ wurden, sich auf Wanderschaft begaben. In einer langen Zeit der zumindest teilweise fahrenden Lebensweise entwickelten sie eine eigene Sprache und eigene kulturelle Spezifika (Vgl. Schleich 2020).

Gerade ist erstmals ein Prozess in Gang gekommen, der eine Anerkennung als Volksgruppe anstrebt. Diese würde zwar auch rein formell einige Vorteile bieten, aber „als Tätigkeitswort ist ‚anerkennen‘ die Verdeutlichung von ‚erkennen‘. Und darum geht es. Die Jenischen sind ein Teil Österreichs und seiner Geschichte. Die Anerkennung dieser Volksgruppe nach dem Gesetz heißt, das sichtbar zu machen.“ (Schleich und Schönett 2020, S. 84) Die österreichische Bundesregierung hat in ihrem Arbeitsübereinkommen erstmals die „Prüfung der Anerkennung der Jenischen als Volksgruppe“ stehen. Immerhin!

Dass nicht nur eine kleine Gruppe, die sich dann selbst als Jenische bezeichneten, mobil wurden, zeigen Artikel in einer Publikation, die die Initiative Minderheiten gemeinsam mit den Ötztaler Museen derzeit vorbereiten. Unter dem Titel „Fahrend? um die Ötztaler Alpen. Aspekte Jenischer Geschichte in Tirol“ (Hessenberger und Haupt 2021) geben neun Autor*innen unterschiedliche Perspektiven auf Geschichte und Gegenwart der Jenischen im Tiroler Oberland und im Vinschgau. Dabei wurde eine Vielzahl an Quellen eingearbeitet, Archive durchforstet, Literatur gewälzt und Interviews geführt. Die Ergebnisse reichen von einem allgemeinen Überblick über Sesshaftigkeit und Mobilität in der Tiroler Bevölkerung in der frühen Neuzeit, über die Verfolgung der Jenischen in der NS-Zeit hin zu einer Gegenüberstellung von Fremd- und Selbstbildern in räumlicher Nähe zum Ötztal. Andere Beiträge beschäftigen sich mit dem Zammer Dichter, Sammler und Pionier für eine Sichtbarmachung der Jenischen, Romed Mungenast oder einer exemplarischen Untersuchung der Gemeinde Haiming.

Wo sind nun aber die Bezüge zu Inzing? Die finden sich etwa im Beitrag von Michael Span und dem Taufbuch Inzing (1767-1818), wo wie auch in anderen Gemeinden eine eigene Rubrik angelegt wurde, in der Taufen von Kindern von Vagabundierenden verzeichnet wurden.

Roman Spiss und Elisabeth Grosinger-Spiss haben für ihren Beitrag über Jenische im Oberland u.a. auf ein Interview mit dem Zirler Theatermacher Karl Schatz zurückgegriffen, der in den 1970er Jahren mit einer Theatergruppe „Die Karrnerleut“ von Karl Schönherr aufführte und dafür im Sommer immer wieder Jenische besuchte, die am Inn zwischen Zirl und Inzing ihr Lager aufgeschlagen hatten.

Beides kann dann ab 24. Juni (an dem Tag wird das Buch im Ötztal präsentiert) in der Publikation „Fahrend? Um die Ötztaler Alpen“ genauer nachgelesen werden. Nachdem ich die letzten Wochen v.a. mit dem Lektorat beschäftigt war, kann ich sagen, dass sich eine Lektüre lohnen wird.

Wenn man mit älteren Leuten über Jenische spricht, dann erinnern sich die meisten an die eine oder andere Anekdote, über Besuche im Dorf, über Begegnungen in einem Lager in der Gaisau oder ähnliches. Ich möchte diesen Artikel auch für einen Aufruf nutzen, um diese Anekdoten zu sammeln und damit das Bild der Tiroler Geschichte zu ergänzen. Also wenn jemand diesbezügliche Erinnerungen teilen möchte, ich komme gern mit einem Aufnahmegerät und lass mir erzählen. Ganz besonders möchte ich aber Jenische selbst ansprechen und sie bitten aus ihrer (Familien-) Geschichte zu erzählen. Letztlich kann die Geschichte nur von den Beteiligten geschrieben werden.

Ein paar Literaturhinweise:

Grosinger, Elisabeth Maria (2003): Roma und Jenische im Spiegel ihrer Zeit. Eine vergleichende Studie. Dissertation, Innsbruck.

Hessenberger, Edith; Haupt, Michael (Hg.) (2021): Fahrend? um die Ötztaler Alpen. Aspekte Jenischer Geschichte in Tirol. Innsbruck.

Linguistik: Expertin: Jenisch ist eigene Sprache (2021). In: ORF.at, 23.02.2021. Online verfügbar unter https://science.orf.at/stories/3204918/, zuletzt geprüft am 28.03.2021.

Mungenast, Romedius (Hg.) (2001): Jenische Reminiszenzen. Geschichte(n), Gedichte. Unter Mitarbeit von Gerald Kurdoglu Nitsche. Landeck.

Rösch, Paul (1988): Gegenwartsüberlieferung der Karrner im Oberen Vinschgau. Dissertation, Innsbruck.

Rösch, Paul (1995): Das Armenhaus Tirols. In: Luis Zagler (Hg.): Die Korrner. Grenzgänger zwischen Freiheit und Elend. Bozen.

Schleich, Heidi (2020): Anerkennung der Jenischen. Initiative Minderheiten Tirol. Innsbruck. Online verfügbar unter https://minorities.at/jenische/, zuletzt geprüft am 28.03.2021.

Schleich, Heidi; Schönett, Simone (2020): Die Anerkennung der Jenischen in Österreich – eine dringlichste Angelegenheit. In: Elisabeth Hussl, Martin Haselwanter und Horst Schreiber (Hg.): Ohne Maske. Gaismair-Jahrbuch 2021. Innsbruck, Wien, S. 84–88.

Schreiber, Horst (2008): “Angesichts des erheblichen Schwachsinns und der (…) psychopathischen Minderwertigkeit ist Sterilisation zu fordern”. In: Monika Jarosch, Lisa Gensluckner, Horst Schreiber und Alexandra Weiss (Hg.): Überwältigungen. Gaismair-Jahrbuch 2009. Innsbruck, Wien, Bozen, S. 99–106.

Schreiber, Horst (2015a): Jenische Stimmen. In: Horst Schreiber, Monika Jarosch, Lisa Gensluckner, Martin Haselwanter und Elisabeth Hussl (Hg.): Zwischentöne. Gaismair-Jahrbuch 2016. Innsbruck, Wien, Bozen, S. 109–112.

Schreiber, Horst (2015b): “obwohl sie der Rasse nach keine Karnerin ist.”. Die Verfolgung der Jenischen in Tirol. In: Horst Schreiber, Monika Jarosch, Lisa Gensluckner, Martin Haselwanter und Elisabeth Hussl (Hg.): Zwischentöne. Gaismair-Jahrbuch 2016. Innsbruck, Wien, Bozen, S. 99–108.

Seifert, Oliver (2005): Roma und Sinti im Gau Tirol-Vorarlberg. Die “Zigeunerpolitik” von 1938 bis 1945. Innsbruck, Wien, Bozen.

Spiss, Roman; Grosinger, Elisabeth Maria (2001): Die Jenischen in Tirol. In: Lisa Gensluckner, Horst Schreiber, Ingrid Tschugg und Alexandra Weiss (Hg.): Menschenbilder – Lebenswelten. Gaismair-Jahrbuch 2002. Innsbruck, Wien, München, S. 53–63.

Thurner, Erika; Eder-Jordan, Beate; Hussl, Elisabeth (Hg.) (2015): Roma und Travellers. Identitäten im Wandel. Mit einem Vorwort von Karl-Markus Gauß. Innsbruck.

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Michael Haupt

Michael Haupt

Michael nennt sich selbst gern Kulturarbeiter und macht das in verschiedenen Feldern, sowohl beruflich, als auch in seiner Freizeit. Letztlich geht es ihm dabei immer um die politische Dimension von Kultur. Um ihr Potenzial, die Gesellschaft vorwärts zu bringen, in dem sie Themen und Fragestellungen auf andere Art aufwirft. Das wird sich auch in seinen Artikeln für den Blog zeigen.

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