28. Juli 2021
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Frau sein in Inzing – von Angela Walch

Angela Walch
Lesedauer ca. 5 Minuten

Die persönliche Wahrnehmung einer 25-jährigen Inzingerin

Frauen in Inzing. Oder besser: Frau sein in Inzing. Ich denke, dass viele Inzinger*innen, wenn sie hier die ersten Zeilen lesen, es am liebsten gleich wieder bleiben lassen wollen. „Weil’s übertrieben ist“, werden viele sagen. „Frauen und Männer sind doch schon längst gleichgestellt!“ Oder: „Noch so eine Emanze“. Genau daran wäre bereits zu erkennen, dass im Dorf Geschlechter-Ungleichheiten eben Alltag sind und Tradition/Emanzipation noch immer ein unüberwindbarer Zwiespalt zu sein scheint.

© picture alliance dpa Ralf Hirschberger (httpswww.deutschlandfunk.de)

Ich möchte mit diesem Beitrag aufzeigen, wie ich mein geliebtes Inzing – ein traditionsreiches Tiroler Dorf – in Sachen Frauen und Gleichstellung wahrnehme und auch ein klein wenig erzählen, wie ich selbst zur Feministin geworden bin.

Für die, die „Frauen und Männer sind doch schon längst gleichgestellt“ sagen:

Es stimmt wohl, dass sich in Österreich und somit auch im kleinen Dörflein Inzing im letzten Jahrhundert einiges getan hat. Denn wie meine Oma mir erzählt hat, blieben damals, vor ca. 80 Jahren, die Mädchen bereits nach der Volksschule zuhause. Für mich eine unglaubliche Vorstellung! Ich bin froh darüber, dass ich weiter zur Schule gehen konnte, studiert habe und nun einen Full-Time-Job ausübe. Ein weiterer Fakt ist, dass Frauen in Österreich erst seit 1918 wählen dürfen. Für uns junge Menschen sind diese, noch gar nicht weit zurückliegende Vergangenheiten, unverständlich! Schön, dass diese Gegebenheiten nunmehr eine Selbstverständlichkeit sind.

Aber trotzdem sind wir noch lange nicht in einer geschlechtergerechten Gesellschaft angekommen. Bestes Beispiel hierfür ist die Aufgabenverteilung von Mann und Frau bei Lohn- und Care-Arbeit. Spätestens, wenn’s um die Familienplanung geht, fallen ganz viele wieder in die traditionellen Geschlechterstereotype zurück. Und warum? Weil sie sonst eine Rabenmutter ist und er ja die Rolle des Ernährers einnehmen soll. Weil Männer nach wie vor mehr verdienen als Frauen und es daher viel gescheiter ist, wenn sie die Kinder umsorgt.  Außerdem können sich Frauen viel besser um Kinder kümmern. Und noch duzende weitere „Gründe“.

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Für die, die sagen, dass es übertrieben ist:

Nein, ist es nicht. Geschlechterungleichheit ist Realität. Denn Reproduktionsarbeit, sprich Sorge- und Haushaltsarbeit wird weder wertgeschätzt noch bezahlt. Plötzlich sind Frau und Kind abhängig vom Mann. Und am Ende sind Frauen mit der Altersarmut konfrontiert.

Um bei Frau sein in Inzing zu bleiben, möchte ich zwei emanzipatorische Meilensteine für dieses Dorf aufgreifen: Bemerkenswerterweise spielt der Name „Christine“ in der Frauengeschichte in Inzing eine wesentliche Rolle. Weil Christine Scheiber 1986 die erste Frau im Gemeinderat war und Christine Wagner 1998 die erste Frau in der Inzinger Musikkapelle (etwa zeitgleich mit Stefanie Witsch).

Christine Wagner (Foto: privat)


Erneut gilt: Für mich als junges Mädchen bereits eine Selbstverständlichkeit – nur wenige Jahre zuvor noch unvorstellbar! Und weil es so spannend ist, wird sogleich ein weiterer Vorname vorgestellt: Vor zwei Jahren gab es in Österreich, aber auch Tirol, noch mehr Bürgermeister mit dem Namen Josef als es Bürgermeisterinnen gab.
Übertrieben ist, wenn ich behaupte, dass es in Inzing bisher zu wenig Bürgermeisterinnen gab, denn eigentlich gab es bis dato überhaupt noch keine! Da sehe ich allenfalls noch Nachholbedarf.

Wie ich also Frauen und Gleichstellung in Inzing wahrnehme?

Frau sein in Inzing bedeutet nach wie vor, das typische Geschlechterbild zu erfüllen.
Ich denke, dass es gerade für junge Inzinger*innen schwierig ist, sich andere Möglichkeiten vorzustellen. Die traditionellen Rollenbilder sind nun mal genau das: Vorstellungen. Und wenn es noch keine Bürgermeisterin gegeben hat, dann kann ich mich in diese Rolle auch nicht hineinversetzen. Wie soll man sich Bilder und Vorstellungen ausmalen, die man noch nie gesehen hat. Frau sein in Inzing bedeutet leider auch, dass es kein emanzipatorisches Netzwerk gibt. Frauen, die sich vereinen, ihre Geschichten austauschen. Junge Frauen, die Vorbilder finden, die dem typischen Frauenklischee widersprechen. Dabei wäre es so bedeutsam, wenn eine Kultur des sich gegenseitigen Unterstützens und Bestärkens entsteht.

„Noch so eine Emanze!“ – Ich schulde euch noch meine Geschichte, wie ich zur Feministin geworden bin.

Ich bin von der Redaktion der DZ Inzing gefragt worden, ob ich über das Frau sein in Inzing schreiben möchte. Hätt‘ ich mich da früher drüber getraut? Nein – mit Sicherheit nicht. Aber jetzt mach‘ ich’s. Wie ist es dazu gekommen?

Aufgewachsen hier im schönen Inzing. Und wie ich es liebte. Die vielen Vereine. Ich war mittendrin im Dorfleben.  Und ich war ein Mädchen, eine Jugendliche, eine junge Frau, wie sie eben zu sein hat. Lieb, brav, immer ein Lächeln auf den Lippen. Sie wollte es jedem recht machen und die dörfliche Tradition bewahren.

Gemäß Duden steht Emanzipation für die Befreiung aus einem Zustand der Abhängigkeit, Selbständigkeit, Gleichstellung sowie für gesellschaftliche und rechtliche Gleichstellung der Frau mit dem Mann.

Meine Emanzipation, meine Befreiung aus der Abhängigkeit begann, als ich die Matura in den Händen hielt. Ich fasste den Entschluss, meinen Horizont zu erweitern. Damit einher ging aber auch ein gewisser Abstand zu meinem geliebten Dorf.

Ich bin viel gereist, habe studiert, viele Bücher gelesen, Vorträge angehört, bei einem Mentoring-Programm für Frauen teilgenommen und habe gemerkt, dass Frau sein auch anders geht. Ab diesem Zeitpunkt habe ich begonnen zu hinterfragen, warum die Dinge so sind, wie sie eben sind. Seitdem erkenne ich gewisse Ungleichheiten. Seitdem reflektiere ich gewisse Umstände, wie sie in Inzing eben vorzufinden sind.

Das erste Mal, wo mir sehr bewusst eine Ungerechtigkeit widerfahren ist, war, als ich ein kleines Dorffest veranstaltete. Ich allein. Mit 17 Jahren schon organisierte ich den Mehrzwecksaal, nahm Kontakt auf mit allen Mithelfenden, gestaltete das Plakat, ließ es von der Raika drucken und hängte es am Dorfplatz auf. Das Fest mit ca. 100 Besuchern war ein voller Erfolg. Ich war stolz. In der Dorfzeitung war sogar ein Artikel darüber veröffentlicht worden. Doch mein Name und mein Verein kamen darin nicht vor. Den Artikel hat ein Mann geschrieben und dieses Fest unter seinem Namen angepriesen.

© Feodora, AdobeStock

Und noch eine Geschichte fällt mir ein. Ich war Moderatorin einer Veranstaltung. Der vorzusprechende Text wurde von einem sehr wichtigen Mann verfasst. Zu gebrauchen war dieser leider nicht. Unmengen an Rechtschreibfehlern, nicht vollendete Sätze und die Sinnhaftigkeit mancher Passagen waren oft fraglich. Also machte ich mir die Mühe und schrieb den Text komplett neu um.

Was diese beiden Geschichten vereint. Beides Mal hielt ich den Mund. Beides Mal wurde meine Arbeit nicht gewürdigt. Bei dem Artikel hätte ich mich um eine Richtigstellung bemühen sollen und beim Moderationstext hätte ich eine Verbesserung des Autors verlangen können.
Junge Frauen sind aber dazu erzogen worden, anständig und lieb zu sein. Für diese Ungerechtigkeiten seine Stimme zu erheben, war für mich damals undenkbar. Als Kind, als Jugendliche bekommt man das noch nicht so mit. Dass einem schon gewisse Dinge verwehrt bleiben, nur weil man eine Frau ist. Wenn ich nun darüber nachdenke, würde ich mir in Inzing mehr emanzipatorische Arbeit in diese Richtung wünschen.

Damit junge Frauen sich mehr zutrauen, aber vor allem damit Männer und Frauen gleichgestellt sind, bin ich Feministin.

Kurzportrait der Autorin Angela Walch
– 25 Jahre alt
– frisch gebackene Erziehungs- und Bildungswissenschaften-Masterabsolventin
– derzeit im Bildungsinstitut Dr. Rampitsch als Bereichsleiterin für die Studierendenkurse
– offen, ehrlich und möchte mehr gegen Ungleichheiten einstehen

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4 Gedanken zu “Frau sein in Inzing – von Angela Walch

  1. Ich hoffe doch du möchtest mehr GEGEN Ungleichheiten einstehen.
    Spaß beiseite. Gut geschrieben und es ist wichtig, dass weiterhin bestehende Ungleichheiten immer wieder benannt werden. Nur wenn genügend Betroffene oder Beobachter den Mut finden sich öffentlich zu positionieren kann und wird sich auch etwas ändern.

  2. Danke Robert für deinen Kommentar.
    Ich wollte unbedingt was zu diesem Thema schreiben. Tatsächlich habe ich dafür über meinen Schatten springen müssen.
    Hoffentlich gibt es noch mehr Inzinger Frauen, die dadurch die Initiative ergreifen und ihre Geschichte erzählen.

    Ps: Gegen Ungleichheit natürlich 😉

  3. Liebe Angela!

    Absolut wichtiger Beitrag, herzlichen Dank dafür.

    Du hast natürlich total recht, wenn du sagst, dass schon viel passiert ist. Keine Frage. Das ist auch unglaublich wichtig zu erwähnen und auch die Wertschätzung für die Frauen vor uns ist notwendig, die ja so viel erkämpft haben. Aber die Entwicklung in Richtung Gleichberechtigung muss weitergehen, das geschlechtsspezifische Lohngefälle ist nach wie vor enorm. Und die von dir erwähnte Altersarmut betrifft vorwiegend Frauen, gerade wenn sie den Großteil ihres Lebens in Teilzeitanstellungen arbeiten (siehe hier: https://www.trapez-frauen-pensionen.at/documents/TRAPEZ_Analyse_Bericht_2020.pdf). Und gerade die Aufteilung der Mental Load – also nicht nur die Arbeit in einer Partnerschaft oder in einer Familie, sondern auch die Verantwortung – ist so wichtig. Viele Menschen, vorwiegend Frauen strampeln sich ab zwischen all ihren Aufgaben mit Kindern, Haushalt und Beruf und bekommen dafür viel zu wenig Wertschätzung, im schlimmsten Fall gar keine. Nicht selten führt das in ein Burn-Out. Ich empfehle dazu, wenn man das hier darf, das Buch „Raus aus der Mental Load-Falle: Wie gerechte Arbeitsteilung in der Familie gelingt“ von Patricia Cammarata. Sie zeigt Wege auf, wie es möglich ist, die Arbeit UND Verantwortung in einer Familie gerechter zwischen den Partner:innen aufzuteilen.
    Auch vor dem Hintergrund der steigenden Zahlen an Femiziden- Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts – müssen die gesellschaftlichen Sichtweisen hinterfragt werden. Besonders Frauenfeindlichkeit, das Gefühl der Überlegenheit der Geschlechter und die Vorstellung von Frauen als Besitz führen zu diesen dramatischen und sinnlosen Gräueltaten, die Sichtweisen sind oft noch tief in den Köpfen der Menschen verankert. Das ist sehr gefährlich, wie an den steigenden Zahlen in Österreich sichtbar wird. Emanzipation und Feminismus sind ein Weg in Richtung einer gerechteren Gesellschaft, Ziel muss aber immer eine Gleichstellung der Personen sein, keine Erhöhung einer Person einer anderen gegenüber.
    Allerdings müssen wir, als weiße europäische Frauen immer im Blick behalten, dass wir privilegiert sind, dass wir Vorteile genießen, die anderen Mädchen und Frauen nie zu Teil werden. Und aus diesem Privileg heraus sind wir alle aufgerufen, uns für eine gerechter und gleichberechtige Welt einzusetzen. Und ja, jede / jeder kann etwas tun und jede Veränderung zählt. Gemeinsam können wir viel erreichen. Siehe mehr als 100 Jahre Wahlrecht für Frauen! Seit 1958 hat eine Frau das Recht, arbeiten zu gehen ohne Einwilligung ihres Ehemanns. – Wir krass klingt das bitte, dass das nicht selbstverständlich ist, oder (mehr Infos hier: https://www.humanresourcesmanager.de/news/frauenrechte-arbeit-letzte-100-jahre.html)?

    Liebe Grüße,
    Julia

    1. Liebe Julia!

      Ich kann deinen Beitrag nur zu 100% unterschreiben. Danke, dass du manche Themenbereiche mit wichtigen Aspekten ergänzst und diese Diskussion somit bereicherst.
      Da gäbe es noch sooo viel mehr zu besprechen…

      Hier noch drei Empfehlungen meinerseits zum Weiterreflektieren:
      – die Dokumentation “Yes she can” von Mascha Deikova und Andreas Ramelsberger
      – das Buch “Untenrum frei” von Margarete Stokowski
      – und der Podcast “Frauenfragen” von Marie Lang

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