8. Dezember 2021
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Interview mit Christl Scharmer / Rumänienhilfe

Spielzeugbazar 2021 (© Rumänienhilfe Inzing)
Lesedauer ca. 6 Minuten

In dieser neuen DZ-Serie sollen in Inzing lebende Menschen zu Wort kommen, die aufgrund ihrer Persönlichkeit bzw. Aktivitäten (subjektiv) besonders interessant sind. Dazu zählen nicht primär regionale oder gar (inter)nationale Berühmtheiten, sondern Menschen, die nach außen hin ein ganz unauffälliges Leben führen.

Im ersten Interview stellt CHRISTL SCHARMER (CS) ihr Projekt “Rumänienhilfe” vor.

(Das Interview wurde im Dialekt geführt. Bei der Transkription ins Hochdeutsche geht natürlich einiges an Authentizität verloren. Daher werden viele Passagen sinngemäß wiedergegeben.)  

DZ: Wie ist das Rumänien-Projekt in Inzing entstanden?

CS: 1988 gab es einen Zeitungsaufruf einer Bekannten in Leutasch, für bedürftige Menschen in Polen warme Sachen zu spenden. Das Ganze wiederholte sich im darauf folgenden Jahr. Dann haben die Transporte nach Polen nicht mehr funktioniert, was zur Folge hatte, dass ich auf sehr vielen Sachen sitzengeblieben bin, da ich in meinem persönlichen Umfeld sehr viel gesammelt hatte.

Ich habe mich dann an die Caritas gewandt, um nachzufragen, ob man die gesammelten Gegenstände brauchen könne. Für die Verantwortlichen dort kam mein Angebot gerade zur rechten Zeit, da sie soeben ein neues Projekt in Satu Mare in Rumänien gestartet hatten. Das ist ein Landkreis mit der gleichnamigen Hauptstadt ganz im NW Rumäniens.

Inzing – Satu Mare, 1091 km (© Google Maps)
RUMÄNIEN: 238.391 km² / ca. 20 Mio EW; Landkreis SATU MARE: 4418 km² / ca. 344.360 EW (© Wikipedia)

Die Caritas hatte einen Sammelcontainer beim Integrationshaus in der Gumpstraße in Innsbruck aufgestellt. Da sich die Organisation dort als beschwerlich erwies und es Pläne gab, das Integrationshaus irgendwann einmal abzureißen, wäre die ganze Aktion damit “gestorben”. Weil die Rumänienhilfe aber prinzipiell gut funktionierte und immer mehr Spenden zusammenkamen, habe ich um 2000 herum den Vorschlag gemacht, die Sammelaktion nach Inzing zu verlegen, wo sie bis heute geblieben ist.

DZ: Wie läuft das Projekt in der Praxis ab?

CS: Früher hatten wir zweimal im Jahr große Sammelaktionen. Da wir gesehen haben, dass die Beteiligung der Menschen von Inzing und weit darüber hinaus sehr gut war, findet die Aktion nun jeden ersten Samstag im Monat (außer Jänner und Februar) von 08:30-11:30 Uhr statt.

Früher hat eine Frau in Ötztal-Bahnhof auch Sammlungen durchgeführt, im Zillertal gab es ebenso ein Projekt. Inzwischen mussten diese Standorte aber aus verschiedenen Gründen aufgegeben werden.

Die Menschen bringen mittlerweile großteils die Sachen sortiert, verpackt und beschriftet zur Sammelstelle beim Jugendheim in Inzing, Salzstraße 20. Selten kommt es vor, dass verschmutzte Dinge gebracht werden. Ich finde, dass dies eine Zumutung bzw. Erniedrigung für die EmpfängerInnen der Waren in Rumänien darstellt. Das hat sich aber im Vergleich zu früher sehr stark gebessert.

Wenn Bedarf an besonderen Sachen besteht, versuchen wir gezielt, solche zu bekommen. Ich bin mit der Caritas von Satu Mare ständig in Verbindung. Der Vertreter spricht gut Deutsch und kommt ein-, zweimal jedes Jahr nach Inzing.

Inzwischen gibt es ein fixes Team von ca. 15 Leuten, die regelmäßig beim Abpacken bzw. Beladen der Container helfen. Wenn jemand nicht kann, ruft sie/er mich rechtzeitig an, sodass ich für Ersatz sorgen kann. Es sind auch Freiwillige von anderen Gemeinden dabei. 

Bei jeder Abgabe bitten wir um eine Geldspende für den Transport, der € 2000 kostet und sonst von der Caritas in Rumänien bezahlt werden müsste. So bleibt denen das Geld für die Projekte vor Ort. Darüber hinaus veranstalten wir mehrmals im Jahr Bazare, bei denen in Heimarbeit hergestellte Produkte wie Strickwaren, Deko-Elemente, Kränze, Kerzen, Marmeladen, Liköre, Spielsachen etc. zum Verkauf angeboten werden. In Ergänzung zu den Spenden können wir so immer wieder die Kasse für den Transport füllen. Die Spendenbereitschaft der Bevölkerung ist sehr beeindruckend.

Die Caritas besorgt die zahlreichen Papiere für den Transport. Da ist ja ein unglaublicher Papierkram notwendig (Ladelisten, Schenkungsurkunden, Desinfektionsnachweise etc. etc.)!
Der Transport selbst wird auch von der Caritas in Satu Mare abgewickelt. Zu dem Zweck hat man einen eigenen Sattelschlepper angeschafft und schickt immer die gleichen Fahrer, die ausreichend gut Deutsch können.

Sighetu Marmatiei – Stadtleben – Maramures – Rumänien (Nachbarkreis von Satu Mare) / Foto: Sabé Forstinger und Rudy De Moor

DZ: Wie kommt das Projekt bei der Inzinger Bevölkerung an?

CS: Großteils kommt das Projekt sehr gut an – in Inzing und auch außerhalb. Viele Menschen sind froh, dass sie ihre gut erhaltenen Sachen bei uns im Bewusstsein abgeben können, dass die Dinge noch gebraucht werden.

Negative Rückmeldungen gibt es praktische keine. Einen Anruf wie den, den ich neulich bekam und bei dem mich eine Frau fürchterlich aufgeregt gefragt hat, warum ich diese Leute unterstützen würde, die doch nur zu uns kämen, um sich durch Diebstähle zu bereichern und den Menschen hier nach Leib und Leben zu trachten, kann ich nicht ernst nehmen. Das beeinträchtigt mich in keiner Weise bei meiner Projektarbeit.

DZ: Kannst du bitte ein paar Eindrücke von deinen Besuchen in Rumänien schildern?

CS: Ich war das letzte Mal vor zehn Jahren dort. Besonders beindruckt war ich von der Herzlichkeit, Offenheit und Freigebigkeit der Bevölkerung. Alles wollten sie uns zeigen und uns beschenken, obwohl die Armut überall sichtbar war – besonders bei einem Besuch eines Roma-Dorfes. Die tristen Verhältnisse begegneten uns nicht nur in den ländlichen Gebieten von Satu Mare. Auch in der Hauptstadt der Region leben die Menschen in erbärmlichen Verhältnissen, zum Teil zusammengepfercht in großen Plattenbauten der Ceaușescu-Ära und unter schlechten hygienischen Bedingungen. Damals wurden Roma zwangsweise in diese urbanen Bereiche umgesiedelt.

Besuch bei einer Roma-Familie (Foto: Rudy De Moor)

Neben der sichtbaren großen Armut ist auch Luxus pur präsent. Aber dieser ist halt nur wenigen vorbehalten. Und die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander.

Da stellt sich schon die Frage, wo die EU-Gelder hinfließen. Die Antwort ist nicht schwer zu erraten.
Zudem hat die Caritas in Rumänien wegen Corona weniger Geld bekommen und musste daher Projekte stoppen.

DZ: Was waren die größten Highlights im Rahmen des Projekts?

CS: Beeindruckend ist/sind vor allem …

– die generelle Hilfsbereitschaft von den Leuten – oft auch sehr spontan.

Das Frauenteam beim Verpacken der Sachspenden (© Rumänienhilfe Inzing)

– besondere Einzelaktionen wie z. B. die Ausstellung von Spielsachen heuer im Jugendheim – geplant kurz vor Ostern, wegen Corona aber auf den 22. Mai verschoben.

– großzügige spontane Spenden

– das große Lob vonseiten der Empfänger (Caritas/Rumänien und die armen Leute von Satu Mare), wobei sowohl die hohe Qualität als auch die gut funktionierende Organisation der Inzinger Lieferungen immer besonders hervorgehoben werden.

DZ: Was waren die größten Enttäuschungen?

CS: Ich möchte nicht von Enttäuschungen sprechen, sondern von besonderen Herausforderungen, die sich manchmal ergeben, wenn z.B. …

– Sachen abgegeben werden, die offensichtlich beschädigt oder verschmutzt sind. Und man den Leuten dann sagen muss, dass das nicht erwünscht ist.

– eine größere Lieferung ansteht, die sofort abgewickelt werden muss. So hatten wir etwa Angebote von Hotels, die ihre Einrichtungen entsorgen wollten (einmal 50 Couch-Garnituren von toller Qualität). Oder neulich ein großes Projekt am Krankenhaus in Hall: Dort wurde ein ganzer Trakt ausgeräumt – mit hervorragenden Einrichtungsgegenständen (spezielle Möbel, elektrische Betten…). Dann muss der Abtransport zu einem kurzfristig angesetzten Termin erfolgen, ansonsten landen die Sachen auf dem Sperrmüll. Und in solchen Situationen ist es oft schwierig, genug Leute zu organisieren. Ich kann nicht immer nur mein Inzinger Team fragen, denn dann besteht die Gefahr, dass es den Leuten zu viel wird und sie die Motivation verlieren. Für Hall ist es gelungen, den Großteil der Helfer von anderen Dörfern zu bekommen.

DZ: Deine Wünsche für die Zukunft

CS: Ich wünsche mir, dass …

– ich noch lange gesund mit meinem Team die Rumänienhilfe begleiten kann.

– in mehreren Orten so ein Projekt entsteht (zumindest ein, zwei Sammlungen im Jahr).

– die Bezahlung der Transporte weiterhin möglich gemacht werden kann.

– die Sachen gereinigt, gut verpackt und beschriftet zu den Öffnungszeiten am ersten Samstagvormittag jedes Monats bei der Sammelstelle (Jugendheim) abgegeben werden.

– sich weitere Freiwillige melden (Kontakt: Rumänienhilfe, Tel.: 0650 8497274).


KURZPORTRAIT von Christl Scharmer

Christl stammt aus einer Inzinger Familie, hat hier zeit ihres Lebens gewohnt (eine “waschechte” Inzingerin), ist verheiratet und hat zwei Kinder und fünf Enkelkinder. Sie hat sich in ihrem bisherigen Leben schon für viele soziale Projekte im Rahmen der Freiwilligenarbeit engagiert (Jungscharführerin, Pfarrgemeinderat, Sternsingeraktion…). Beruflich war sie als Kindergartenpädagogin zehn Jahre lang im Inzinger Kindergarten aktiv. Christls Hobbys sind Basteln, Wandern und Musik (Kirchenchor, Viergesang …).
Ihre große Herzensangelegenheit ist jedoch die sogenannte Rumänienhilfe.


(Foto: Brigitte Popper)

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Luis Strasser

Luis Strasser

Als begeisterter Leser der Printausgabe der DZ hat sich Luis – zusammen mit einem kleinen Team – nach der drohenden Einstellung der Druckversion 2019 dafür eingesetzt, die DZ in irgendeiner Form zu erhalten. Das Resultat ist der nun vorliegende Weblog, an dem als Redaktionsmitglied und Autor mitzuarbeiten, ihm viel Freude bereitet. Seine Schwerpunktthemen: Politik, Bildung, gesellschaftlicher Wandel, Zeitgeschichte…

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