15. August 2022
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Interview mit Volker Coreth – Musiker und Pädagoge aus Leidenschaft

Foto: V. C. - privat
Lesedauer ca. 7 Minuten

Lieber Volker, vielen Dank für die Bereitschaft zu einem Interview mit der DZ, von dem wir uns erhoffen, neben den bekannten Fakten auch neue, interessante Aspekte deiner Persönlichkeit kennenzulernen!

DZ: Du bist in Inzing sehr bekannt, v.a. im Zusammenhang mit den Bereichen Schule/Bildung und Musik. Welche Highlights als sehr engagierter Lehrer und Musiker in Inzing sind dir besonders in Erinnerung geblieben?

VC: Das größte Highlight war, dass ich sowohl im schulischen als auch im musischen Bereich mit vielen jungen Menschen zusammenarbeiten durfte und für sie während eines wichtigen Lebensabschnittes auch Bezugs-, Vertrauensperson und Ansprechpartner war. Als Lehrer an der damaligen Hauptschule, als Direktor an der Volksschule und als Leiter von Schulchören sowie dem Jugendchor war ich immer um einen respektvollen Umgang mit Kindern und Jugendlichen bemüht. Aber auch das richtige Maß an Förderung, notwendiger Herausforderung (nicht Überforderung), Ernsthaftigkeit sowie Verständnis und Humor lagen mir stets am Herzen. Es war für mich sehr bereichernd, dass ich mein Engagement und mein Bemühen von den jungen Menschen vielfach belohnt zurückbekommen habe.
Als Lehrer, Direktor und Chorleiter war für mich Weiterbildung sehr wichtig. Einige der Chorleiterkurse und Fortbildungen waren auch mit Abschlussprüfungen verbunden. So konnte ich zum Beispiel einen 2-jährigen Direktorenlehrgang (2003 – 2005) und auch eine 2-jährige Kirchenmusikausbildung (2009 – 2011) erfolgreich abschließen. War es mir dann auch noch möglich, die neu gewonnenen Erkenntnisse in meine Tätigkeiten erfolgreich einfließen zu lassen, hat mich das mit Zufriedenheit erfüllt.
Ein großes Ziel bei meiner Chorleitertätigkeit war es immer, die Chöre zur Teilnahme an Wertungssingen mit der Beurteilung durch eine Fachjury zu motivieren. Mit unterschiedlichen Schulchören, mit dem damaligen Jugendchor und mit dem Männerchor Friedrichslinde konnten wir die sehr erfreuliche Bewertung „mit ausgezeichnetem Erfolg“ erarbeiten und „ersingen“.
Bei meiner Arbeit als Kirchenchorleiter ist es immer sehr bereichernd, wenn es gelingt, mit neu erarbeiteten Messen und Liedern einen wichtigen Bestandteil zu festlichen und erbauenden Gottesdiensten beizutragen.

Mit den 1968 gegründeten Flowers haben wir während der 51 Jahre unseres Bestehens viele Highlights erlebt. Wir waren eine beliebte Band bei Jugendveranstaltungen in ganz Tirol, wir haben für die Kath. Jugendschar „Jazzmessen“ gestaltet und in vielen Tanzlokalen in und auch außerhalb Tirols für Tanzmusik gesorgt. 1972 führten wir mit unserer Single sogar die Hitliste der Tiroler Tanzmusik auf Bestellung, einer beliebten Radiosendung zur damaligen Zeit, an. 2012 wurden die Flowers durch die Sängerin Petra Beiler verstärkt. Neben Oldies spielten wir nun auch Traditional Countrymusic.
Leider sind 2019 Helmut und auch mein Bruder Rüdiger zu Gott heimgekehrt. Es ist uns Gott sei Dank gelungen, kurze Zeit vor diesen tragischen Ereignissen die CD „45 Joahr“ aufzunehmen. Diese CD ist das größte Highlight, da sie es mir ermöglicht, die Flowers jederzeit wieder lebendig werden zu lassen.

Musikalische Erinnerungen an die Flowers

DZ: Du warst als Lehrer an unterschiedlichen Schultypen tätig. Was hat sich im Laufe deiner Karriere in Bezug auf diesen Bildungssektor am stärksten verändert (möglicherweise gibt es ja auch Inzinger Spezifika)?

VC: Schule ist natürlich immer einem gewissen Wandel unterworfen. Neue gesellschaftliche Herausforderungen, neue Bildungsinhalte, neue Erkenntnisse im Bereich der Pädagogik und Didaktik verlangen auch gewisse Reformen. Es würde Seiten füllen, um auf die vielen Neuerungen während meiner Zeit im Schuldienst einzugehen. Ich möchte daher nur einige markante Änderungen anführen.
Die digitale Welt ist zentraler Teil unseres Alltags und die „Digitale Schule“ ist keine Zukunftsmusik mehr. Daher war es notwendig, eine digitale Infrastruktur in den Schulen aufzubauen. Der richtige Umgang mit diesem neuen Medium verlangt gut ausgebildete Lehrkräfte und Änderungen auf dem Gebiet der Pädagogik.
Während meiner Unterrichts- und Direktorentätigkeit entwickelte sich die Möglichkeit, dass Kinder mit körperlichen und kognitiven Defiziten integrativ unterrichtet werden. IntegrationslehrerInnen und Schulassistentinnen und Schulassistenten sind dabei unterstützend in Klassen tätig.
Veränderungen fanden auch bei der wichtigen Zusammenarbeit SCHULE-SCHÜLERINNEN und ELTERNHAUS statt. So haben zum Beispiel Eltern ein Mitspracherecht bei schulrelevanten Themen erhalten.

DZ: Beneidest du die heutige Jugend um ihre Möglichkeit, mittels neuer Technologien eine völlig andere sozial-kommunikative Situation vorzufinden, als deine Generation sie erlebt hat. Oder würdest du sagen, dass die Nachteile die Vorteile überwiegen?

VC: Ich glaube, meine Kindheit und Jugend waren unbeschwerter. Wir waren nicht ständig erreichbar und wurden nicht mit Nachrichten, Informationen und Werbung ununterbrochen überschüttet. Wir wurden bei Treffen und Gesprächen mit Freunden nicht ständig gezwungen, einen prüfenden Blick auf das Display zu werfen. Sogenannte Influencer haben unsere Meinungsbildung nicht beeinflussen können und wir haben uns beim Sammeln von Informationen noch in Büchern und Lexika vertieft und nicht sofort Herrn Google befragt. Diese Aufzählung klingt jetzt so, als wäre meine Einstellung gegenüber den neuen Technologien sehr negativ. Ich finde, dass das Internet in verschiedensten Bereichen sehr hilfreich genutzt werden kann. Es ist nur wichtig, dass wir unsere Kinder und Jugendliche nicht unvorbereitet diesem neuen Medium aussetzen und dass sie über Gefahren und Missbrauch aufgeklärt werden.

DZ: Kannst du uns bitte kurz deinen Weg als Musiker vom sehr jungen Schlagzeuger der Flowers bis zum Leiter wichtiger musikalischer Ensembles beschreiben?

VC: Schon als Kind hat mich Musik fasziniert. Der Plattenspieler bei uns zu Hause wurde von mir ständig in Beschlag genommen und es war mein großer Wunsch, auch einmal Musiker zu werden. Ein von meinem Bruder selbst gebautes Schlagzeug war mein erstes Instrument und ich verbrachte viel Zeit damit, durch Experimentieren und Nachahmung erste Grooves autark zu erlernen. Im musisch-pädagogischen Realgymnasium Telfs erlernte ich im Rahmen des Musikunterrichts das Notenlesen, das Klavierspielen, war begeisterter Sänger im Schulchor und ich gewann erste Einblicke in die Harmonielehre. Bei meiner Ausbildung zum Volksschullehrer war der Musikunterricht ein wichtiger Fachbereich. Als Volksschullehrer hat es mir immer große Freude bereitet, mit den Kindern zu singen und auf dem Orff-Instrumentarium zu musizieren. Als ich mich dann entschloss, die Hauptschullehrerausbildung zu absolvieren, habe ich mich für das Fach Musikerziehung entschieden und in diesem Fach die Hauptschulprüfung abgelegt. Ich wechselte als Lehrer an die Hauptschule Inzing, die damals auch die zusätzlichen Unterrichtsfächer Spielmusik und Chorgesang anbot. Viele Jahre hindurch leitete ich Schulchöre und Spielmusikgruppen. Wie schon bei der Beantwortung der ersten Frage erwähnt, habe ich gerne an verschiedenen Chorleiterkursen teilgenommen, um für die Arbeit mit den unterschiedlichsten Chören gut vorbereitet zu sein.

DZ: Du warst und bist musikalisch in doch sehr unterschiedlichen Genres aktiv [Siehe “Kurzporträt” am Ende des Beitrags!]. Möglicherweise habe ich (dir) wichtige Betätigungsfelder vergessen. Bitte ergänze dein buntes Inzinger Engagement.

VC: Gemeinsames Musizieren und Singen bereitet mir große Freude und ich war immer neugierig, neue musikalische Betätigungsfelder zu erforschen. So hat mich 1990 mein Musikerkollege Peter Scharmer motiviert, eine Tuba in die Hand zu nehmen und wir haben gemeinsam die „Maschgerer-Musig“, später auch „Eaderboden-Musig“ gegründet.
Viel Jahre hindurch haben Peter Scharmer (Posaune, Gitarre), Karl Haider (Saxophon, Gitarre), Kurt Heel (Ziehharmonika) und ich mit Volksmusik und Evergreens Faschingskränzchen im Altersheim und bei den Inzinger Pensionisten, Weihnachts- und Geburtstagsfeiern sowie „5-Uhr-Tees“ in Seniorenheimen musikalisch gestaltet.

Eaderbodn-Musig (Foto: V. C. -privat)

Ein Schuljahr beinhaltet viele Veranstaltungen und Feiern der Schulgemeinschaft, die auch musikalisch umrahmt werden sollten. In der Mittelschule Inzing bin ich Tubaspieler im Lehrerquartett (Scharmer Peter, Kuen Hermann, Schöpf Dietmar). Wir gestalten unter anderem schulische Feste (Adventfeiern) und die Roraten der Volks- und Mittelschule. Leider musste das Lehrerquartett die letzten 2 Jahre coronabedingt pausieren.

DZ: Was macht dir in deinem Musikerleben mehr Spaß: das Bandfeeling oder klassische Varianten der Musik – “Beat oder Orff” sozusagen?

VC: Natürlich habe ich während meiner frühen Zeit als Schlagzeuger sehr gerne und mit viel Freude Musik von den Beatles, von CCR, von Santana und von vielen anderen beliebten Bands der damaligen Zeit gecovert. Dabei ist mir aber nie mein Interesse an der so vielfältigen Welt der Musik verloren gegangen. Ich sang im Männerchor mit Begeisterung Volks- und Kunstlieder, ich spielte als Schlagzeuger der MK verschiedene Formen der Blasmusik und ich erarbeitete als Chorleiter mit den Chören unterschiedlichste Chorliteratur. Die Kirchenmusik ist dabei ein unerschöpfliches Meer an unterschiedlicher Musik und es war für mich nicht immer einfach, in dieses Meer einzutauchen. Als Chorleiter habe ich Respekt vor den großen Meistern der Vergangenheit und Gegenwart und ich versuche mich immer gewissenhaft auf die Erarbeitung von unterschiedlicher Chorliteratur vorzubereiten. Dies ist zwar aufwendig, bereitet aber viel Freude und ist äußerst interessant. Abschließend möchte ich anführen, dass ich gerne unterschiedliche Konzerte (vom Rockkonzert bis zum Chor-, Kirchen- und Platzkonzert) oder Musical- und Opernaufführungen besuche.

DZ: Gibt es Facetten deines musikalischen Talents, die dir auch als pädagogisches Werkzeug zugutekamen?

VC: Als Musiker, Chorsänger und Chorleiter ist es wichtig, aufeinander zu hören und rücksichtsvoll und respektvoll miteinander umzugehen. Musik zu vermitteln bedeutet für mich, Kinder und Erwachsene für etwas zu begeistern, mit ihnen ohne Überforderung aber mit Freude und Humor ein musikalisches Ziel zu erreichen.

DZ: Aufgrund deiner verschiedenen Funktionen bist du im gesellschaftlichen Leben in Inzing sehr präsent. Wie beurteilst du das relevante Vereinsgeschehen und das damit zusammenhängende Angebot als Basis für so dringend notwendige (siehe Covid!) Kommunikationsmöglichkeiten der Menschen in unserem Dorf (abgesehen von den beiden letzten, doch außergewöhnlichen Jahren)?

VC: Für eine starke und funktionierende Dorfgemeinschaft ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, dass die Dorfbevölkerung die Möglichkeit hat, in den unterschiedlichsten Vereinen Gemeinschaft zu erleben. Inzing zeichnet sich durch ein vielfältiges Angebot aus. Sportvereine, Vereine für Bildung und Kultur, Vereine für Soziales, Vereine für Landwirtschaft und Vereinigungen für die Senioren bieten die Möglichkeit, Interessen und Neigungen nachzugehen. Sie bilden natürlich auch eine wichtige Basis für Gespräche und einen Meinungsaustausch. Die Bürgermeister und Gemeinderäte in unserer Gemeinde haben das Vereinsleben immer großzügig unterstützt.

DZ: Wie hast du die Pandemie in Bezug auf die Dorfgemeinschaft erlebt (ohne ins Detail gehen zu können)?

VC: Bei Beginn der Pandemie 2019 bin ich nach 43 Jahren im Schuldienst in den Ruhestand übergetreten. Durch mein schulpflichtiges Enkelkind habe ich am Rande miterlebt, dass die Pandemie für Schülerinnen und Schüler, für Lehrerinnen und Lehrer und besonders für Eltern eine sehr schwierige und herausfordernde Zeit war.
Auch der Kirchenchor musste während der Pandemie eine Zwangspause einlegen. Wir haben versucht, in Kleingruppen weiterhin Gottesdienste und Beerdigungen musikalisch zu gestalten. Viele Rückmeldungen der Sängerinnen und Sänger haben aber gezeigt, dass das gemeinsame Singen und die wöchentliche Chorprobe, vor allem die dabei erlebte Gemeinschaft sehr gefehlt haben. Ich kann mir vorstellen, dass diese schwierige Zeit in den vielen wichtigen Gemeinschaften in unserem Dorf ähnlich erlebt wurde.

DZ: Vielen herzlichen Dank, lieber Volker, für die sehr interessanten Einblicke in dein buntes Leben! Das Redaktionsteam der DZ wünscht dir weiterhin viel Schaffensfreude und gute Gesundheit.

Kurzporträt / Volker Coreth

Geb. 1956, aufgewachsen in der oberen Kohlstatt in Inzing, Volksschule Inzing, HS Innsbruck/Müllerschule, Musisches-pädagogisches Realgymnasium in Telfs – Matura 1976, Ausbildung zum VS-Lehrer an den Pädagogischen Akademien in Zams und in Innsbruck, 1 Jahr VS-Lehrer in Aschau im Zillertal.
Da in bzw. in der Nähe von Inzing keine VS-Lehrerstelle frei war, habe ich an der HS Inzing zu unterrichten begonnen und parallel dazu die Lehramtsprüfung in Englisch und Musikerziehung für die HS nachgeholt – später auch noch das Lehramt in Bewegung und Sport/Leibeserziehung. Lange Zeit unterrichtete ich diese drei Fächer an der HS Inzing.
Mein Wunsch war es aber, irgendwann an die VS zurückzukehren. Als die Direktorenstelle 2003 an der VS Inzing ausgeschrieben wurde, habe ich mich um diesen Posten beworben und wurde 2004 zum Schulleiter bestellt. Mit der Pensionierung 2019 beendete ich meine pädagogische Tätigkeit in Inzing.
Seit 1979 verheiratet mit Claudia, 3 Kinder: Melanie, Dominik und Clemens

Überblick über meine musikalischen Engagements:
– 1968-2019: Schlagzeuger der Band The Flowers
– 1975-2005: Mitglied beim Männerchor Friedrichslinde, von 1995 -2005 auch Chorleiter
– 1989-1995: Chorleiter Jugendchor Inzing
– Seit 1991: Kirchenchorleiter
– Mehrere Jahre lang Schlagzeuger bei der Musikkapelle Inzing
– Diverse kleine Instrumentalensembles: Siehe Interview!

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Luis Strasser

Als begeisterter Leser der Printausgabe der DZ hat sich Luis – zusammen mit einem kleinen Team – nach der drohenden Einstellung der Druckversion 2019 dafür eingesetzt, die DZ in irgendeiner Form zu erhalten. Das Resultat ist der nun vorliegende Weblog, an dem als Redaktionsmitglied und Autor mitzuarbeiten ihm viel Freude bereitet. Seine Schwerpunktthemen: Politik, Bildung, gesellschaftlicher Wandel, Zeitgeschichte…

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